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27 März 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Psychische Gesundheit

Mit Angst und Stress besser umgehen

Sich gezielt informieren: Ein wichtiger Baustein während der Corona-Krise.

Tonik/Unsplash

Tonik/Unsplash

Die Corona-Krise kann die psychische Gesundheit belasten und stellt psychisch erkrankte Menschen vor besondere Herausforderungen. Doch es gibt Wege, um es gut durch diese Zeit zu schaffen. 

Alleine zuhause, jeden Tag, vielleicht voller Sorgen um Familie, Freund*innen oder den Job: Die meisten Menschen belastet die Corona-Krise. Viele haben ältere, mitunter geschwächte Menschen in ihrem Umfeld, gehören vielleicht selbst einer Risikogruppe an. Und wie sollen jetzt die kleinen Kinder betreut werden? Solche Fragen können Stress oder Angst auslösen – gar zu einer depressive Episode führen. Für psychisch erkrankte Menschen bedeutet diese Situation mitunter eine besondere Belastung. Doch es gibt Wege, um mit der Krise besser umzugehen.

Struktur schaffen

Monika Lederer, Fachärztin für psychotherapeutische Medizin in München, sagt: „Wir müssen uns klar machen, dass es eine Zeit danach geben wird und dass die Lebenslust dann dreifach zurückkommen wird. Aber sich das als Ufer, an das man sich retten muss, ständig vor die Nase zu halten, fände ich fatal, weil die Situation, wie sie jetzt ist, dann umso frustrierender wäre.” Man solle stattdessen versuchen, auch die aktuellen Tage mit so viel Freude wie möglich zu erleben. Auch Menschen ohne psychische Erkrankung sollten sich während der Zeit im Homeoffice also eine Struktur geben, rät Lederer, auch um Depressionen vorzubeugen. „Wenn sie sich nur treiben lassen, dann versanden sie immer mehr. Diese Isolation zuhause birgt das Risiko, dass Leute, die an sich immer klarkommen – vielleicht auch, weil sie sich viel ablenken –, depressiv werden könnten.” Den Tagesablauf zu strukturieren könnte etwa bedeuten Sport zu treiben beispielsweise mit Online-Fitnessangeboten, sagt die Psychotherapeutin.

Sich sozial einbringen und der Gemeinschaft helfen

Ein weiteres Standbein für psychische Gesundheit kann soziales Engagement sein: „Egal ob sie jetzt Masken nähen für sich und andere oder einen Zettel aushängen, dass sie für ältere Leute in der Gegend einkaufen: In dem Augenblick, wenn wir die Krise in etwas sinnvoll Aktives umwandeln, geht es einem in der Regel auch gut”, sagt die Psychotherapeutin Monika Lederer.

Neben Möglichkeiten der Nachbarschaftshilfe oder Solidarität mit der Kreativ- und Kulturbranche kann man auch Forschung unterstützten. So untersucht etwa eine Online-Studie der Ruhr-Universität Bochum allgemein das Leben während der Corona-Krise. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und die Ludwig-Maximilians-Universität München befragen online Menschen mit Zwangsstörungen, um zu untersuchen, wie sie die Lage der Corona-Krise einschätzen und welche Auswirkungen die Pandemie auf ihre aktuelle Symptomatik hat.

Zurück zu uns selbst und dem, was zählt

Psychotherapeutin Monika Lederer sieht auch eine riesige Chance darin, dass wir wieder mehr Zeit mit uns selbst verbringen: „Sie können ausmisten, die alten Fotoalben sortieren und Dinge machen, zu denen sie sonst nie kommen.“ Doch sie betont auch: „Da muss im Kopf ein Schalter umgelegt werden, dass das ein Luxus ist, dem man jetzt hat.”

Die Krise könnte auch unseren Blick auf die Gesellschaft im Allgemeinen ändern. „Dieses ganze immer höher, schöner, größer und weiter und dass man immer mehr unternehmen muss – das können wir jetzt ein Stück weit hinterfragen. Es kommt mehr auf die wahren Werte an. Worum geht es wirklich? Vielleicht brauche ich nicht ständig Action und Unterhaltung, sondern das was wirklich wichtig ist, etwa zwischenmenschliche Kontakte.”

Tatsächlich meint auch das Schlagwort der sozialen Distanzierung eigentlich physische Distanzierung. Auch bei 1,50 Meter Abstand zu einer anderen Person kann man gute Gespräche führen. Auch Videochat oder Telefon können Nähe erzeugen.

Die Einsamkeit vom Stigma befreien

Im Gegensatz zum Alleinsein, woran wir auch Freude empfinden könnten, je nachdem wie extrovertiert oder introvertiert jemand sei, berge Einsamkeit durchaus psychische Gefahren, erklärt Lederer: „Einsamkeit kann beißen wie Säure. Wenn man sich nach jemandem sehnt und da ist niemand, den man etwa anrufen kann.”

Doch die Krise könnte auch dazu führen, dass wir gesellschaftlich anders mit Einsamkeit umgehen. Außerdem gehe es einzelnen schwer depressiven Patient*innen in dieser Ausnahmesituation sogar besser, sie fühlen sich mit ihren Emotionen nicht mehr alleine, stellt Lederer fest. „Vorher sind sie sich vielleicht wie ein totaler Exot vorgekommen. Alle anderen um sie herum haben vor Gesundheit gestrotzt. Jetzt stellen sie fest: Auch andere merken, wie es ist zuhause zu sein, sich einsam zu fühlen und nicht zu wissen wie es weitergeht.” Dadurch könnten langfristig auch Emotionen wie Einsamkeit entstigmatisiert werden. Außerdem traue man sich möglicherweise mehr, darüber zu sprechen und sich anderen anzuvertrauen.

Informationen gegen die Unsicherheit

Das menschliche Gehirn erträgt Unsicherheit nur schwer. Panik in der Pandemie ist also eine Art natürlicher Reflex. Eine Studie des University College London stellte 2016 fest, dass es umso mehr Stress hervorruft, je unsicherer ein Ereignis ist. Und Stress wiederum führt dazu, dass Cortisol ausgestoßen wird, was wiederum das Immunsystem negativ beeinträchtigen kann. Um sich in der aktuellen Situation also individuell sicherer zu fühlen, könnte es also helfen, aktiv zu werden und sich an medizinische Empfehlungen während der Corona-Krise zu halten, etwa Hände zu waschen und Menschenmengen zu vermeiden.

Gut informiert zu sein, kann entsprechend helfen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt jedoch, sorgsam mit Nachrichten umzugehen. In einer Stellungnahme für psychische Gesundheit während der Corona-Krise rät die WHO, weniger Nachrichten zu Covid-19 zu konsumieren, „die verängstigen oder quälen”, außerdem nur seriöse Quellen zu nutzen und vor allem solche, die praktische Handlungsmöglichkeiten eröffnen. „Der plötzliche und scheinbar unablässige Informationsfluss über den Ausbruch führt bei uns allen zu Sorgen”, schreibt die WHO. So solle der Konsum von Nachrichten auf ein bis zwei Mal täglich reduziert werden.

Nur zweimal täglich veröffentlicht auch die Deutsche Angst-Hilfe auf angstfrei.news einen kurzen Nachrichtenüberblick, der insbesondere Menschen mit Angsterkrankungen informieren, aber nicht mit negativen Schlagzeilen überrollen soll. Auch praktische Tipps finden sich auf der Seite.

Hoffnung stiften soll auch der enorm Ticker mit positiven Nachrichten in der Corona-Krise.

Virtuelle Hilfe von Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen

Trotz Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverboten ist die psychotherapeutische Beratung und Behandlung grundsätzlich als medizinisch dringend notwendige Versorgung weiterhin vor Ort in den psychotherapeutischen Praxen möglich. Wegen der Corona-Krise haben die gesetzlichen Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung jedoch beschlossen, dass Psychotherapeut*innen vorerst bis Ende Juni alle Patient*innen auch mit Video-Sprechstunden behandeln dürfen. Auch Monika Lederer, Fachärztin für psychotherapeutische Medizin, nutzt diese Möglichkeit seit den Ausgangsbeschränkungen in Bayern – auch um sich und ihre Patient*innen vor einer Infizierung mit Covid-19 zu schützen. Über einen telemedizinischen Anbieter, der aktuell sein Angebot gratis zur Verfügung stellt, spricht sie mit ihren Patient*innen per Videositzung. Manche Termine finden jetzt um 22 Uhr oder am Wochenende statt. Denn gerade für Menschen mit Kindern sei die Situation ohne geregelte Betreuung schwierig, sagt Lederer.

Auch per Telefon können Psychotherapeut*innen nun in begrenztem Umfang Patient*innen behandeln. Nicht in allen Bundesländern gilt dies jedoch für Erstgespräche, dafür wird meist weiter eine Video-Sprechstunde vorausgesetzt. Das kritisiert etwa Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BptK): „Gerade ältere Patient*innen verfügen häufig nicht über die dafür notwendigen technischen Voraussetzungen.“ Sie würden von psychotherapeutischer Beratung und Behandlung abgeschnitten. Dies sei in einem sozialen Gesundheitssystem nicht zu verantworten. Er fordert: „In dieser Notsituation brauchen wir telefonische Versorgung für alle.“

Hilfe am Telefon

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP e.V.) hat mit Hilfe des ehrenamtlichen Einsatzes seiner Mitglieder eine BDP-Corona-Hotline eingerichtet. Man kann täglich von 8 Uhr bis 20 Uhr kostenlos und anonym unter 0800 777 22 44 anrufen. Kostenlose Coachings für Menschen, die von dem Virus infiziert wurden, bietet außerdem ein Team um den Münchner Psychotherapeut Rainer Pieritz auch telefonisch an.

Auch unabhängig von der Corona-Krise kann man bei folgenden telefonischen Hilfsangebote anrufen: Bei der Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 0800 116 123) oder beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (8000 116 016).

Online-Hilfe

Jenseits der klassischen Therapiesitzungen könnte die Corona-Krise auch eine Chance für neue Online-Angebote bieten. Denn auch unabhängig von der Pandemie ist es schwierig, einen Therapieplatz zu bekommen.

Selfapy: Das Online-Therapie Start-up Selfapy hat als Reaktion auf die Corona-Krise ein kostenfreies Online-Programm entwickelt. Wer durch Sorgen, Ängste oder Stress belastet ist, kann dort einfach von zuhause aus psychologische Unterstützung erhalten. Außerdem gibt es eine Facebook-Gruppe des Start-ups, bei der man sich austauschen kann.

Hellobetter: Auch das Online-Gesundheits-Start-up Hellobetter hat unter der Nummer 0800 00095 54 eine kostenlose Hotline für Hilfesuchende eingerichtet, die im Zusammenhang mit der Corona-Krise akute psychische Belastung erleben und dringend Unterstützung benötigen. Über frei zugängliche Video-Sprechstunden beraten Psycholog*innen via Facebook Live.

Aumio: Das Start-up Aumio entwickelt therapeutische Trainings speziell für Kinder. Für die Zeit der häuslichen Isolation gibt es einen kostenlosen Online-Kurs zu Achtsamkeit.

Ayouto: Das Team von Ayouto hat sich beim #WirVsVirus-Hackathon der Bundesregierung vergangene Woche gebildet. Es besteht aus Psycholog*innen, Coaches, Designer*innen, Berater*innen, Konzepter*innen, Texter*innen und Entwickler*innen. Auf der Vermittlungsplattform soll Menschen in Akutsituationen mittels Online-Sprechstunden mit Psychologen*innen und zertifizierten Coaches Hilfe angeboten werden. Menschen sollen so viel bezahlen, wie sie sich leisten können. Man bemühe sich derzeit um eine Übernahme durch die Krankenkassen, heißt es.

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iFightDepression: Die unabhängige gemeinnützige Stiftung Deutsche Depressionshilfe stellt ihr Online-Programm iFightDepression wegen der Corona-Krise für sechs Wochen uneingeschränkt zur Verfügung. Normalerweise ist es eine Voraussetzung für das Programm, dass man von einem Arzt oder psychologischem Psychotherapeuten begleitet wird. Das Selbstmanagement-Programm ist in zwölf Sprachen verfügbar und soll Menschen mit leichteren Depressions­formen bei einem eigenständigen Umgang mit ihren Symptomen helfen und praktische Hinweise für den Alltag geben.