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25 November 2019 / Lesezeit: 3 minuten

Angststörungen und Schmerzbehandlungen

Therapie-Erfolge dank virtueller Realität

Studien belegen: Virtuelle Realität bietet neue Chancen für die Therapie psychischer Erkrankungen.

TITELBILD: JAN VASEK/UNSPLASH

TITELBILD: JAN VASEK/UNSPLASH

Moderne Technik wird oft pauschal für Probleme psychischer Art verantwortlich gemacht. Eine Metastudie zeigt wie Virtual Reality Kranken helfen kann.

Man nehme sieben Menschen aus Deutschland. Dann hat – statistisch gesehen – eine dieser Personen eine Angststörung.  Das zeigen Zahlen des Robert-Koch-Instituts und des Statistischen Bundesamtes. Jeder hat andere Ängste – etwa vor Spinnen, vor großen Höhen oder engen Räumen. Die meisten Menschen haben ihre Ängste unter Kontrolle. Es gibt aber Fälle, in denen Phobien das Leben vollends bestimmen. Dann hilft meist nur, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Ein therapeutischer Ansatz bei Angststörungen ist das Konfrontationsverfahren. Aber kann man Patienten einfach zwischen Wolkenkratzern balancieren lassen, in eine Wanne voller Spinnen setzen oder sie – wie im Fall an PTSB-erkrankter Soldaten und Flüchtlinge – zurück in Kriegsgebiete schicken?

Dank moderner Technik ist dies möglich. Zentral ist dafür die Virtuelle Realität, kurz VR. Man taucht vollständig in eine computergenerierte Umwelt ein. Diese Technik kommt ursprünglich aus der Computerspielindustrie. Immer mehr Branchen nutzen sie: VR wird im Sport, Tourismus, Einzelhandel oder in der Bildung eingesetzt – und in der Medizin. Forschung mit verschiedenen Formen von VR existiert seit 25 Jahren. Aktuell fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das VR-Projekt EVElyn im Rahmenprogramm „Gesundheitsforschung“. Forschungsziel ist es, „hochmoderne Virtual Reality-Technologie in die ambulante Psychotherapie von Angststörungen“ einzubringen.

Daniel Freeman, Psychologe an der britischen Oxford-Universität, und seine Kollegen haben in einer Metaauswertung 2017 insgesamt 285 Studien betrachtet und daraufhin untersucht, bei welchen psychischen Erkrankungen und Problemen VR eine sinnvolle Therapiemethode sein kann.

Die folgende Liste fasst die Ergebnisse der Studie zusammen und ist ergänzt um andere, weitestgehend psychische Probleme, bei deren Behandlung VR in den kommenden Jahren eine tragende Rolle spielen könnte:

Angststörungen

Hierunter zählen allgemeine Angststörungen, aber auch Phobien oder Posttraumatische Belastungsstörung (PTSB). Die Forscher haben hier nicht nur die größte Zahl an Studien gefunden, sondern ebenso die größten Erfolge von VR in der Therapie ausgemacht. Das liegt zum Großteil daran, dass man die Patienten in einer kontrollierten Umgebung ihren Ängsten direkt aussetzen kann, ohne sie zu gefährden. Obwohl sich alles im virtuellen Raum abspielt, reagieren Körper und Geist, als ob es sich um eine reale Situation handelt. Dennoch besteht das Risiko, dass dem Patienten der Stress zu viel wird. Die Sitzungen werden somit therapeutisch begleitet, der unmittelbare, zum Stress führende Reiz kann durch das Abnehmen der VR-Brille beendet werden. Aus diesem Grund finden sich inzwischen zahlreiche Anwendungen, die sich gezielt an Menschen mit Höhen- oder Spinnenangst wenden.

Erlangen Patienten Sicherheit im Umgang mit der Methode, lässt sich diese auch privat zuhause einsetzen – wenn man eine VR-Brille besitzt. Ein anderer Schwerpunkt liegt auf der Behandlung von PTSB, insbesondere bei Veteranen. Auch hierfür gibt es dedizierte Anwendungen, beispielsweise von der University of Southern California.

Psychosen

Freeman und sein Forscherteam selbst haben eine Handvoll Untersuchungen mit Schizophrenie-Patienten und VR durchgeführt, konnten darüber hinaus aber noch weitere Untersuchungen in diesem Bereich identifizieren, die sich beispielsweise eher auf Paranoia fokussierten. Hier drehte sich die Forschung bisher allerdings weniger um die Therapie als vielmehr das grundständige Verstehen der Erkrankungen.

Allerdings, so die Metastudie, sind einige Ergebnisse durchaus vielversprechend: Beispielsweise konnten die Wissenschaftler das Selbstbewusstsein von Probanden erhöhen, indem sie deren Körpergröße in der virtuellen Realität erhöht haben – etwas, das im echten Leben gar nicht möglich wäre.

Drogenmissbrauch

Was den Entzug von Drogen, Alkohol oder Zigaretten anbelangt, eignet sich VR laut aussagekräftigen Studien bislang lediglich dazu, das Verlangen nach den Substanzen zu wecken und zu verstärken. Diesen Effekt könnten sich Psychologen in einer Behandlung aber durchaus zunutze machen, indem Patienten lernen, das erzeugte Verlangen zu bekämpfen und damit umzugehen. Vereinzelt gibt es auch Studien, die anscheinend einen erfolgreichen therapeutischen Ansatz demonstrieren, indem beispielsweise virtuelle Zigaretten zerstört werden.

Essstörungen

Ähnlich wie bei dem Körpergrößen-Experiment, um das Selbstbewusstsein der Probanden zu stärken, scheinen sich entsprechende Mechaniken zu eignen, um Essstörungen zu behandeln. Auch wenn es hierzu nur wenige verlässliche Untersuchungen gibt, konnten einzelne einen positiven Effekt zeigen – beispielsweise wenn man Patienten mit Anorexia nervosa in einen virtuellen Körper mit gesundem BMI schlüpfen lässt.

Schmerzbehandlungen

Das Harborview Burn Center an der University of Washington hat ein spezielles VR-Programm für Brandopfer entwickelt. Dabei geht es vor allem um die Schmerzbehandlung während der Wundpflege. Dort zeigten sonst erfolgreich eingesetzte Opioide kaum Wirkung – ganz im Gegensatz zum SnowWorld-Programm, das die Brandopfer während der Wundversorgung in eine Schneelandschaft versetzt.

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Ebenso gibt es immer mehr Mediziner, vor allem Zahnärzte, die ihren Patienten während einer Behandlung eine VR-Brille aufsetzen und so mitunter vollständig auf eine Anästhesie verzichten können. Der Effekt ist dabei ähnlich dem einer Hypnotherapie – die im Übrigen schon seit 2006 eine wissenschaftlich anerkannte Behandlungsmethode in der Psychotherapie ist.

Demenz

Zwei Projekte aus Australien zeigen, wie VR nicht nur (positive) Erinnerungen bei Demenzpatienten triggern kann – sondern auch, wie die Technik Nicht-Betroffenen hilft, die Krankheit besser zu verstehen. Bei anderen Projekten geht es darum, Menschen auf Palliativ-Stationen zu begleiten, oder schlicht Einsamkeit und dem Rückgang geistiger Fähigkeiten im Alter vorzubeugen.