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9 October 2019 / Lesezeit: 5 minuten

Schlaf

Das einfachste Mittel zur Entschleunigung

Der Münchner Fotograf Simon Koy reiste zweimal zwischen 2010 und 2014 um die Welt, oft war er in Asien. Überall stieß Koy dort auf schlafende Menschen. In jeder erdenklichen Situation machten sie ein Nickerchen und niemand störte sich daran, auch wenn es in der Arbeitszeit war. Seine Fotos zeigen, wie selbstverständlich die Auszeit mittendrin in Asien längst im Alltag ist

Schlaf könnte das einfachste Mittel zur Entschleunigung sein. Könnte. Denn in vielen Kulturen wird er wenig geschätzt. Beginnt jetzt langsam der Wandel?

Als Ikea seinen Kunden 2015 verbot, in den Betten und auf den Sofas der chinesischen Filialen zu schlafen, änderte sich – nichts. Bis heute isst und trinkt man in China auf Ausstellungsstücken, sieht fern, schlüpft für ein kleines Nickerchen unter die Decken. Die Schweden mussten sich damit abfinden – China ist einer ihrer stärksten Wachstumsmärkte. Und im Reich der Mitte gibt es etwas, das in westlichen Ländern nur schwer vorstellbar scheint: ein verfassungsmäßiges Recht auf einen Mittagsschlaf. Die Chinesen nutzen es, wo sie können.

Schlaf ist oft die einfachste, in jedem Fall aber die natürlichste und preiswerteste Form der Entschleunigung. Im warmen Bett entspannt sich unser Körper; im Dunkeln lassen wir unser Tages-Ich und die Außenwelt hinter uns; versinken, je nach Schlafphase und -tiefe, in der gedanklichen Leere oder in unseren Träumen. Im Schlaf festigt sich unser Gedächtnis, unsere Zellen regenerieren sich, unser Immunsystem wird gestärkt – alles lebenswichtige Funktionen.

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Warum schlafen die Deutschen dann statistisch gesehen immer weniger, derzeit 6:50 Minuten täglich? Wissen wir zu wenig über die Wechselwirkungen zwischen Schlaf und Gesundheit, Arbeit, unserem geistigen und sozialen Leben sowie der Wirtschaftskraft unseres ganzen Landes?

Andere Kulturen, andere „Kuschelfreiheiten“

Wie, wann und wo wir schlafen und welchen Stellenwert Schlaf für uns hat, ist kulturell bedingt. In vielen asiatischen Ländern ist das Schläfchen in der Öffentlichkeit gesellschaftlich akzeptiert.

Japaner sind es von klein auf gewohnt, in engen, hellhörigen Wohnungen oder unterwegs zu schlafen. Sie nutzen Fahrten in Bus und Bahn, Arbeitspausen, ja sogar Unterricht, Meetings und Konferenzen für ihren „Inemuri“ genannten Wachschlaf. Die Kunst dabei besteht darin, nur so leicht zu schlafen, dass sie die richtige Haltestelle nicht verpassen oder wach werden, wenn es um ihr Thema geht. In Japan heißt es: „Wer tagsüber schläft, war nachts besonders fleißig.“ Und nicht wie bei uns: Zu faul? Zu lange gefeiert?

Japanerinnen sind darauf trainiert, beim „Inemuri“ auf keinen Fall mit dem Kopf in Richtung eines männlichen Sitznachbarn zu sinken. Für Indonesier dagegen ist das kein Problem.

Der englische Ethnologe Nigel Barley schrieb 1988 in einem Reisebericht über eine Busreise auf Sulawesi: „Wie bei einem Haufen Vettern oder einem Wurf Hundebabies verflochten sie die Beine und betteten ihren Kopf auf die Brust des Nachbarn. Leute, die einander offensichtlich fremd waren, räumten sich, um zu schlafen, Kuschelfreiheiten ein.“

Schlaf geriet irgendwann in Verruf

Fast nie sind wir so verletzlich wie im Schlaf. Um die Kontrolle abzugeben, müssen wir uns sicher fühlen. Wer weiß, ob wir wieder aufwachen? Wegen seiner Rätselhaftigkeit gehört der Schlaf zu den größten Kulturbildnern der Menschheit.

In der antiken Mythologie wurden Wachen und Schlafen, Tag und Nacht, Leben und Tod als gleichwertig betrachtet. Aristoteles vermutete im Schlaf den Sitz der Seele. Im Mittelalter vertraute man auch im Schlaf auf Gott.

Dann sorgten das protestantische Arbeitsethos und die Maximen der Aufklärung dafür, dass der Schlaf in Verruf geriet – und heute betrachten wir Menschen, die wenig schlafen, als besonders leistungsfähig.

Laut DAK-Gesundheitsreport leiden etwa 80 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland zumindest phasenweise an Schlafstörungen. 2009 waren es nur 40 Prozent.

Als gestört empfinden wir unseren Schlaf jedoch erst, wenn wir mehr als vier Mal pro Nacht länger als fünf Minuten wach sind; bis zu 23 Mal pro Nacht für ein paar Sekunden aufzuwachen, ist Schlafforschern zufolge normal.

Erkenntnisse über die gesundheitlichen und sozialen Folgen von Schlafmangel und die Vorzüge des Mittagsschlafs dringen langsam über Medienberichte, Ärzte, Schlafcoaches und Entspannungsgurus bis in unsere Privatwohnungen, ins deutsche Gesundheitssystem, bis in Unternehmen und die Politik vor. Noch allerdings treten Spitzenpolitiker nach nächtelangen Verhandlungsmarathons scheinbar frisch vor die Kameras – und prägen damit falsche Ideale.

Schlaf verbessern ist ganz einfach

Wir wissen, dass unser Schlafmangel zum Großteil selbstverschuldet ist – und schlafen doch in überheizten Räumen, auf zu harten oder zu weichen Matratzen, wir nehmen uns Arbeit mit nach Hause und schalten zu spät (oder gar nicht) Fernseher, Smartphone oder Tablet aus – deren Blaulichtanteil gehört zu den wichtigsten Schlafkillern.

Um Körper und Geist aufs Schlafen vorzubereiten, sollte man spätestens zwei Stunden vor dem Zubettgehen keinen Sport mehr treiben, ein paar angenehme Rituale einführen – etwa eine Tasse Tee trinken, ein paar Seiten lesen und ein bisschen Tagebuch schreiben – um Probleme aus dem Kopf zu bekommen. Verzeihen, dankbar sein, die Verantwortung abgeben hilft auch. Wer jetzt ans gute alte Beten denkt, liegt gar nicht so verkehrt.

Übermüdung kostet – auch die Wirtschaft

Übrigens schlafen einer Umfrage der US-amerikanischen National Sleep Foundation zufolge in den meisten großen Industrieländern nur 10 bis 12 Prozent der Bevölkerung nackt. In Großbritannien allerdings sind es etwa 30.

Ebenfalls in Großbritannien bietet das Fitnessunternehmen David Lloyd mit „Napercise“ einen Kurs an, in dem die Teilnehmer nichts anderes tun als 45 Minuten in Betten mitten in einem Fitnesscenter zu schlafen. Die Hauptzielgruppe: gestresste Eltern, die zu Hause keine Ruhe finden. Und die ihre Schlaflöcher mit hohem Kaffee- und Zuckerkonsum aufzufüllen versuchen.

Langfristig kann das ziemlich schiefgehen. Die Gefahren: Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Herzschäden, Magen-Darm-Probleme und Depressionen. Müde Menschen verursachen zudem häufiger Haushalts- und Verkehrsunfälle.

Übermüdung von Mitarbeitern kostet die deutsche Wirtschaft pro Jahr etwa 200.000 Arbeitstage – macht rund 57 Milliarden Euro. Das ergab eine Studie der Forschungsorganisation Rand Europe von 2016.

Umdenken wäre nötig, passiert aber nur langsam

Erwachsene brauchen in der Regel sechs bis acht Stunden, um ausgeruht zu sein. Der Schlafbedarf ist allerdings individuell und genetisch unterschiedlich. „Unsere Anlagen lassen sich nicht abtrainieren“, sagt der Psychologe Hans-Günter Weeß, Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). „Der Körper lässt sich auch nicht mit Koffein und anderen vermeintlichen Wachmachern austricksen.“

Teenager zum Beispiel lösen Matheaufgaben um 9 oder 10 Uhr morgens deutlich besser als um 8. Warum? Weil schon eine halbe Stunde mehr Schlaf viel bewirken kann.

In den meisten Bundesländern können die Schulen selbst über den Unterrichtsbeginn entscheiden. Der Widerstand seitens der deutschen Lehrerschaft, der Direktoren (die Umstellung hätte auch strukturelle Auswirkungen) und vieler Eltern ist jedoch groß. Denn auch ihre Arbeitszeiten müssten flexibler werden – in deutschen Unternehmen wird jedoch nur langsam umgedacht.

Nickerchen wie in China sind meist tabu, obwohl Studien belegen, dass schon ein paar Minuten Auszeit einen großen Erholungseffekt haben. Bei der Lufthansa gehört daher seit ein paar Jahren für die Piloten ein Schlafpäuschen zur Pflicht.

In echten „Nickerchen-Kulturen“ ist Nachtschlaf meist kürzer als in westlichen „Acht-Stunden-Kulturen“ – die Gesamtschlafdauer ähnelt sich jedoch weltweit.

Es gibt nicht den einen richtigen Rhythmus

Bevor die Elektrizität die Nacht zum Tag machte, schliefen unsere Vorfahren nachts in zwei Blöcken von etwa vier Stunden. In den ein, zwei Stunden dazwischen lasen sie, erzählten einander Geschichten, empfingen Nachbarn, zeugten Kinder oder beteten.

Experimente haben gezeigt, dass Menschen heute, wenn sie über mehrere Wochen täglich 14 Stunden in kompletter Dunkelheit verbringen, wieder diesen vorindustriellen Zwei-Phasen-Schlaf annehmen.

Möglicherweise liegt auch eine Art Winterschlaf in der Natur des Menschen. Bis der elektrische Strom in den 1960er-Jahren zur Volksgruppe der Inuit kam, schliefen sie im dunklen arktischen Winter 14 Stunden pro Nacht – im Sommer aber nur sechs.

Wer nur nachts schläft, hat tagsüber zwischen 13 und 15 Uhr ein Tief. Doof zum Beispiel für Profifußballer, die oft genau dann leistungsfähig sein müssen. Glaubt man Klatschblättern, schläft der Portugiese Cristiano Ronaldo daher auf Anraten seines Schlaf-Coachs statt acht Stunden am Stück über den Tag verteilt fünf Mal 90 Minuten.

Optimierung des Schlafs wird immer wichtiger

Die Optimierung des Schlafs wird in Zukunft wohl auch für normale Leute zum zentralen Pfeiler der Gesundheitsvorsorge. Mediziner, Soziologen und viele Ökonomen sind sich einig: Übermüdung wird das neue Übergewicht.

Die Kurstadt Bad Kissingen entwickelt sich präventiv zur weltweit ersten ChronoCity, unter anderem mit flexiblen Zeiten in Schulen und im Kurbetrieb.

Krankenkassen fördern immer neue Meditations- und Entspannungstechniken – der Markt ist riesig, auch für neue Gadgets und Apps. Armbänder, die den Schlaf vermessen, und Apps, die den Schlafenden in einer Leichtschlafphase wecken, sind bereits alte Hüte.

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Sachte schwappt der neueste Entspannungstrend aus den USA nach Deutschland: Beim ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) flüstern meist perfekt geschminkte junge Frauen hypnotisch in hochempfindliche Mikrofone, hauchen beruhigende Sätze oder knistern, kratzen, klackern und reiben mit ihren langen Fingernägeln auf den verschiedensten Materialien, manchmal auch auf Designerhandtaschen oder Tastaturen, für die sie werben.

Unser Grundproblem ist: Je mobiler wir werden, desto mehr des fehlenden Nachtschlafs müssten wir tagsüber nachholen – auch in der Öffentlichkeit. Zum Beispiel in Schlafkapseln, wie sie jetzt schon an großen Flughäfen stehen. Aber auch in Bussen, Büros und auf Parkbänken. Schlaf wäre dann kein Privatissimum mehr. Es muss ja trotzdem nicht gleich der Schoß des S-Bahn-Nachbars sein – oder das Musterbett von Ikea.