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26 Juni 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Medizin für das Klima

Gesunder Planet, gesunde Menschen

Heilt den Planeten: Eine nachhaltige Medizin kann nur grün, inklusiv und smart funktionieren.

Illustration: Larissa Hoff

Illustration: Larissa Hoff

Stürme, Hitzewellen, Überschwemmungen: Der Klimawandel gefährdet unser Wohlergehen. Ärzt*innen werden daher zunehmend zu Aktivist*innen und lenken unseren Blick auf den Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit.

Klimawandelbedingte Stürme, Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen bedrohen Menschen weltweit. Dreckige Luft, verschmutzte Gewässer und verpestete Böden gefährden unsere Lebensgrundlagen. Die Gesundheit von uns allen hängt an der Gesundheit unseres Planeten. Intakte Ökosysteme sind die Grundlage unserer Zivilisation und Gesundheit, die es gleichermaßen zu schützen gilt.

Genau dort setzt das transdisziplinäre Forschungsfeld Planetary Health an. Die Ideen existieren schon lange, im Jahr 2015 bekam das Konzept einen neuen Schub: Der wegweisende Bericht der Rockefeller Foundation – Lancet Commission on planetary health zum „Schutz der menschlichen Gesundheit im Anthropozän“ zeigte eindrücklich, wie eng verwoben menschliche Gesundheit und Umweltzerstörungen sind. Im selben Jahr entstand die Planetary Health Alliance, ein weltweiter Zusammenschluss von mittlerweile mehr als 200 Universitäten, Nichtregierungsorganisationen, Forschungsinstituten und Regierungsstellen.

Planetary Health: Schnittstelle zwischen Klimawandel und Gesundheit

Seit 2019 gibt es auch in Deutschland eine erste Universitätsprofessur zu der Schnittstelle zwischen Klimawandel und Gesundheit: Die Ärztin und Epidemiologin Sabine Gabrysch forscht dazu an der Berliner Charité. In einer Online-Vorlesung erklärte sie: „Wir müssen verstehen, dass unsere Gesellschaft, unsere Gesundheit und Wirtschaft letztlich von einer intakten Natur, einem stabilen Klima abhängt.“ Eine „uralte Weisheit“, die vor allem indigene Menschen seit Generationen bewahren. „Das hat auch eine ethische Dimension: Welchen Wert messen wir der Natur bei? Ist unsere Beziehung von Ausbeutung bestimmt oder von Ehrfurcht und Verbundenheit?“

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Auch Nicole de Paula forscht am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung IASS Potsdam zu Planetary Health, Geschlechtergerechtigkeit und dazu, wie politische Entscheidungsträger*innen vor allem im Globalen Süden das Konzept umsetzen können. Sie sagt: „Nur wenn wir die natürlichen Ökosysteme schützen, in die wir eingebettet sind, werden wir mit Blick auf unsere Gesundheit erfolgreich sein.“

Für de Paula ist es dabei wichtig, dass wir auch die Resilienz, also Widerstandskraft, und die Anpassungsfähigkeit der Bevölkerung stärken. Denn egal, ob Coronapandemie oder Klimawandel: Es werde immer mehr Krisen geben. „Es geht darum, Menschen, insbesondere Frauen, zu empowern, damit sie dem besser gewachsen sind.“ Dazu müssten jetzt Finanzhilfen besser verteilt werden, indem in nachhaltige Energien investiert werde und auch Sozial- und Gesundheitssysteme verbessert und gestärkt würden.

Coronakrise verschärft die Situation

In der Coronakrise werde nun der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Pandemien ersichtlich: „Sechs von zehn Infektionskrankheiten sind bereits heute zoonotische Krankheiten, also von Tieren auf Menschen übertragbare Krankheiten. Sie entstehen immer mehr, weil wir unsere Ökosysteme zerstören, näher an Wildtiere herankommen und illegalen Wildtierhandel nicht unterbinden.“ Zwar habe der Klimawandel die Pandemie nicht direkt ausgelöst, aber er verstärke den Druck auf den allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung. Das zeige sich etwa an Luftverschmutzung, die noch dazu im Verdacht stehe, das Infektionsrisiko für das Coronavirus zu erhöhen.

Covid-19 war auch der Anlass für einen globalen Appell aus der Medizin. Am 26. Mai unterschrieben 350 Gesundheitsorganisationen weltweit, im Namen ihrer 40 Millionen Mitglieder, sowie mehr als 4500 einzelne Gesundheitsfachkräfte aus 90 Ländern einen Offenen Brief an die Staatschefs der G20-Staaten, unterstützt auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der Brief zur #HealthyRecovery fordert unter anderem regenerative Energiesysteme statt fossiler Brennstoffe und Konjunkturpakete, die den Schutz der Gesundheit in den Mittelpunkt stellen sollen. Eine Forderung lautet: „Ein wirklich gesunder Weg aus der Krise lässt nicht zu, dass die Luft, die wir atmen, und das Wasser, das wir trinken, weiterhin verschmutzt werden. Ein solcher Weg darf die Klimakrise und Abholzung der Wälder nicht weiter voranschreiten lassen.“

Werden Ärzt*innen und medizinisches Personal im Zuge der Klimakrise also zu Aktivist*innen? Für Sabine Gabrysch ist Planetary Health sowohl Forschungsfeld als auch soziale Bewegung, die sich dafür einsetzen muss, die langfristige globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. „Wir als Gesundheitsakteure sind die Advokaten für die Schwachen. Wir können eine gesündere und nachhaltigere Welt aufzeigen. Wir müssen ins Handeln kommen.“

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Planetary Health: Eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

Planetary Health ist eng verbunden mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Denn manche Gruppen sind besonders stark vom Klimawandel betroffen: ärmere Menschen, der Großteil von ihnen weiblich, insbesondere in Ländern des Globalen Südens. Oft haben gerade sie schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung. Im Dezember 2019 hat Nicole de Paula das Netzwerk Women Leaders for Planetary Health gegründet. Das Ziel: Junge Akademiker*innen aus dem Globalen Süden mit erfahrenen Expert*innen vernetzen und erfolgreiche Frauen in dem Bereich stärker sichtbar machen. „Wir wollen nicht, dass Frauen immer nur als Opfer wahrgenommen werden.“ Gerade zeige die Coronapandemie: „Besonders Länder mit Frauen an der Spitze schlagen sich gut: Deutschland, Taiwan, Island, Finnland, Norwegen und Dänemark. Die Frage ist: Liegt das am Führungsstil? Oder daran, dass mehr Frauen an die Macht kommen?“ Studien zeigten: Je gleichberechtigter eine Gesellschaft ist, desto mehr Geld fließe in das Pflegesystem und präventive Gesundheitsangebote.

Sylvia Hartmann setzt sich dafür ein, solche Themen auch im Medizinstudium zu verankern. Die junge Ärztin ist stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), einem Netzwerk aus Einzelpersonen und Institutionen aus dem Gesundheitsbereich. Hartmann gründete KLUG während ihres Medizinstudiums im Oktober 2017 mit: „Damals gab es im deutschen Gesundheitssektor noch niemanden, der sich mit den Themen Klimawandel und Gesundheit beschäftigt hat. International waren Menschen in Ländern wie Kanada, Australien und Großbritannien schon sehr aktiv. Wir wollten auch hierzulande eine Allianz, die sich mit diesen Zusammenhängen beschäftigt und sie mehr in die öffentliche Diskussion bringt.“

Seit etwa einem Jahr gibt es außerdem mit Health for Future im Gesundheitssektor ein Pendant zu Fridays for Future, wo sich Menschen außerhalb der Vereinsstruktur von KLUG engagieren können. Hartmann ist überzeugt: „Wir müssen unsere ärztliche Stimme erheben, weil wir diese Glaubwürdigkeit haben. Außerdem treffen wir auf so viele Menschen unterschiedlicher Milieus und können dann das Thema Klimaschutz aufbringen.“

Sylvia Hartmann störte während ihres Studiums an der Berliner Charité besonders der Fokus auf Medikamente statt auf Prävention. „Was bringt es, wenn ich die Krankheit nur stumm schalte und den Patienten wieder in das Umfeld bringe, das ihn krank gemacht hat? Wenn wir wissen, dass knapp drei Viertel der Krankheiten, an denen Menschen leiden, auf den Lebensstil zurückzuführen sind, etwa zu viel Zucker und zu wenig Bewegung, warum beheben wir dann nicht die Ursachen? Es ist auch ökonomisch logischer, Prävention zu betreiben als später Medikamente zu verschreiben.“ Und solche Präventionsmaßnahmen seien gleichzeitig Klimaschutzmaßnahmen. „Das ist gut für die Menschen und für den Planeten.“ Ein Beispiel seien fahrradfreundliche Städte. „Das würde dem Klima guttun, aber auch uns Menschen, weil wir uns mehr bewegen könnten.“

Klima-Sprechstunde beim Hausarzt

Der Allgemeinmediziner Ralph Krolewski ist Mitglied bei KLUG und setzt in seiner Praxis in Gummersbach auf Prävention. Im Rahmen der Gesundheitsvorsorge erklärt er seinen Patient*innen routinemäßig, wie ein klimafreundlicher Lebensstil gleichzeitig gesund sein kann. In dieser sogenannten Klima-Sprechstunde rät Krolewski je nach der individuellen Lebenssituation etwa zum Fahrrad anstelle des Autos und zu einer klimafreundlichen Ernährung. Denn er ist überzeugt: „Wir haben so viele Daten für die Vorteile einer pflanzenbasierten Diät: Sie kann etwa Bluthochdruck verringern.“ Er selbst macht seine Hausbesuche nur noch mit dem E-Bike, kommunalpolitisch ist er bei den Grünen engagiert. Krolewski fordert: Wir müssen den gesamten Gesundheitssektor nachhaltiger gestalten.

Tatsächlich ist die Branche extrem schmutzig. Die Nichtregierungsorganisation Health Care Without Harm hat im September 2019 einen Bericht zum Klimafußabdruck der Branche erstellt. Demnach ist der gesamte Sektor (vom Krankenhaus bis zur Lieferkette für Medizinprodukte) weltweit jährlich für zwei Gigatonnen CO2-Äquivalente, sprich 4,4 Prozent der Emissionen, verantwortlich. Zu einer nachhaltigeren Gesundheitsversorgung beitragen könnten etwa erneuerbare Energien für die Stromversorgung von Krankenhäusern oder der reduzierte Einsatz von klimaschädlichen Anästhesiegasen wie Lachgas oder Fluranen. In Deutschland setzen sich etwa die Initiative Krankenhaus trifft Klimaschutz (KLIK) des BUND Berlin und das Projekt „Klimaretter Lebensretter“ der Stiftung viamedica dafür ein, Beschäftigte im Gesundheitswesen für den sorgsamen Umgang mit Energie und Ressourcen zu sensibilisieren.

Auch der Allgemeinmediziner Krolewski will seine Praxis so klimafreundlich wie möglich gestalten. Und vor allem seine Klima-Sprechstunde weiterverbreiten. Er rechnet vor: „Die Klima-Sprechstunde dauert ja nur 20 bis 30 Minuten pro Patient, wenn man das zehnmal pro Woche macht, hat man in drei Jahren rund 1000 Patienten erreicht. Wenn das alle Hausarztpraxen in Deutschland machen würden, könnten wir Millionen Bürger erreichen.“ So neu sei das alles eigentlich nicht, sagt Krolewski. Letztlich beruft er sich auf den Eid des Hippokrates und behandelt seine Patient*innen so, dass er ihnen keinen Schaden zufügt. „Das Wohl des Patienten ist das höchste Gut.“ Und dem Klima nützt es obendrein.

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Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „Heilt den Planeten“ in der aktuellen Ausgabe des enorm Magazins.