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20 Oktober 2021 / Lesezeit: 3 minuten

Blut-Knappheit in der Coronakrise

Mein Blut kann Leben retten

Nadelangst und Schwindelgefühl: Blutspenden ist für viele Menschen eine Überwindung – wer es dennoch tut, kann Leben retten.

Bild: IMAGO / McPHOTO

Bild: IMAGO / McPHOTO

Seit Beginn der Pandemie sind Blutkonserven knapper denn je, Spender:innen werden händeringend gesucht. Unsere Autorin Theresa Lang hat sich überwunden.

Nadeln, Spritzen, Blut – alles, was unter die Haut geht, ist mir nicht geheuer. Aber mein Blut kann Leben retten, dafür lohnt sich doch ein kleiner Pieks in die Armbeuge, oder? Das habe ich gedacht, als ich vor einer Woche meinen Termin beim DRK-Blutspendedienst vereinbart habe. Heute, auf dem Weg zum Spendezentrum im Leipziger Osten, bin ich mir nicht mehr so sicher.

Schon am Empfang gibt es den ersten Pieks. Ein Blutstropfen aus meiner Fingerkuppe verrät der Mitarbeiterin meinen Hämoglobinwert. Liegt der zu niedrig, fällt es dem Körper schwerer, sich von dem Blutverlust zu erholen. Weiter geht es mit einem Fragebogen. Um die Empfänger:innen nicht zu gefährden, muss ich als potenzielle Spenderin einige Voraussetzungen erfüllen. Wer vor Kurzem tätowiert oder gepierct wurde oder bestimmte Medikamente einnimmt, kann vorübergehend kein Blut spenden. Aber auch ein „risikoreiches Sexualverhalten“ kann dazu führen, dass man von einer Spende ausgeschlossen wird. Das betrifft zum Beispiel Sexarbeiter:innen oder Menschen, die Sex mit häufig wechselnden Partner:innen haben. Denn dann steigt statistisch die Gefahr, dass HIV oder Krankheiten wie Hepatitis übertragen werden.

Lockerung im Transfusionsgesetz?

Auch Männer, die in den vergangenen zwölf Monaten Sex mit Männern hatten, dürfen ihr Blut nicht spenden. Gerade tobt eine heftige Debatte über diese pauschale Regel, die LGBTIQ-Verbände scharf kritisieren. „Wir haben hier leider keine Wahl. Das ist eine gesetzliche Vorgabe, die wir erfüllen müssen“, sagt Philipp Kluge vom DRK-Blutspendedienst Nord-Ost klar. Doch im September könnte das Transfusionsgesetz gelockert werden. Laut einem Vorschlag, den Vertreter:innen von Bundesgesundheitsministerium und Paul-Ehrlich-Institut erarbeitet haben, sollen künftig alle Menschen Blut spenden dürfen, die in den vergangenen vier Monaten „risikolosen Sexualverkehr“ – definiert als Sex mit nur einer Person – hatten,  unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung.

Blut ist kostbar und kann bisher nicht künstlich hergestellt werden. Laut dem DRK-Blutspendedienst spenden in Deutschland nur 3,5 Prozent der Menschen ihr Blut – gleichzeitig ist jede:r Dritte einmal in seinem Leben auf eine Blutspende angewiesen. Einige Präparate, die aus dem gespendeten Blut gewonnen werden, sind nur vier Tage haltbar. „Umso wichtiger ist es, dass Menschen regelmäßig spenden, damit der Nachschub nicht ausgeht“, sagt Kluge. Zurzeit werden die Spenden besonders dringend benötigt. Viele Operationen, die wegen Corona verschoben wurden, werden jetzt nachgeholt.

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„Sie sind aufgeregt“, sagt die Ärztin

Mit meinem ausgefüllten Fragebogen geht es weiter zu Ärztin Grit Wurlitzer. Ein Blick auf die Anzeige des Pulsmessers: „Sie sind aufgeregt.“ Das stimmt. Also noch mal von vorne: „Lehnen Sie sich zurück, atmen Sie tief durch und denken Sie an Ihren letzten Strandurlaub.“ Tatsächlich – mein Puls beruhigt sich. „Die meisten Erstspender:innen sind nervös“, erzählt mir Wurlitzer, „aber fast alle finden es dann gar nicht so schlimm.“ Am Wichtigsten sei, dass die Spender:innen vorher gut gegessen und getrunken haben.

Ein junger Mann holt mich ab und bringt mich in einen Raum mit vielen roten Liegestühlen. Er desinfiziert meine Armbeuge und zieht eine grüne Manschette an meinem Oberarm fest. Ein kurzer Schmerz und ich merke, wie das körperwarme Blut durch einen dünnen Schlauch über meinen Unterarm fließt. Sonst spüre ich nichts. Weder die Nadel noch mein Kreislauf macht sich bemerkbar, sogar meine Angst ist weg. Durch Drücken eines kleinen Balls in meiner Hand soll ich den Blutfluss in meinem Arm unterstützen. 500 Milliliter dunkelrote Flüssigkeit landen in dem Spezialbeutel. Zwei kleinere Proben werden später im Labor untersucht.

Gesehen habe ich das alles nicht. Ich bemühe mich so krampfhaft, nicht auf die Nadel in meiner Armbeuge zu schauen, dass der Pfleger die Einstichstelle mit einem Papiertuch abklebt. Das hilft, hinschauen kann ich trotzdem nicht. Er verwickelt mich in ein Gespräch, und nach zehn Minuten ist schon alles vorbei. Nach der Spende muss ich noch eine halbe Stunde bleiben. Im Warteraum bekomme ich einen Kaffee und einen Teller mit Schokolade und Obst. In acht Wochen darf ich wiederkommen. 

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