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16 Februar 2022 / Lesezeit: 2 minuten

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Wie sprechen wir über „Frauenkrankheiten“?

Für die Menstruation und andere Funktionsweisen weiblicher Körper werden häufig euphemistische Begriffe verwendet. Doch eine blumige Sprache ist kontraproduktiv. Es braucht offene Gespräche, Verständnis und Aufklärung.

Bild: IMAGO / Ikon Images

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Die Medizin vernachlässigte in der Vergangenheit – und auch heute noch vielfach – die Anatomie und Funktionsweise von Frauenkörpern. Die Folge ist, dass schwere Erkrankungen wie die Endometriose nicht ernst genommen werden, wenig erforscht sind und es an Aufklärung fehlt, um sie zu erkennen.

Hysterisch – diese noch heute geläufige Zuschreibung hat ihren Ursprung im altgriechischen Hystéra (Gebärmutter) und wurde im Mittelalter als psychische Störung durch teuflische Besessenheit gedeutet. Ein Irrglaube, der damals viele Frauen das Leben kostete. Umso erschreckender, dass sich das Adjektiv noch immer hartnäckig hält. Die heute am ehesten zutreffende Diagnose der dissoziativen Störung beschränkt sich keineswegs auf Frauen, auch wenn sie doppelt so häufig betroffen sind.

Während in der Vergangenheit absurde Zusammenhänge zwischen weiblicher Psyche und inneren Genitalien konstruiert wurden, vernachlässigt die Medizin die Anatomie und Funktionsweise von Frauenkörpern vielfach auch heute noch. Wie selbstverständlich nahm sie den männlichen Körper als Standard für die Behandlung aller Menschen. Der Weg zur Gleichberechtigung ist noch weit. In Deutschland gibt es nur ein Institut für Gendermedizin und das auch erst seit 2007, als eigenständiges Institut an der Charité in Berlin. Es heißt Gender-, nicht Frauenmedizin, denn letztlich geht es nicht um Krankheiten von Frauen, sondern um solche, bei denen das Geschlecht als Einflussfaktor eine Rolle spielt. Krankheiten verlaufen je nach Geschlecht oft unterschiedlich. Das liegt neben der Biologie auch an Faktoren wie Lebensstil oder Stress. Auch der medizinische Blick ist voreingenommen: Herzerkrankungen werden gerade bei jungen Frauen oft zu spät behandelt, gelten häufig noch als „Männerkrankheit“. Sogar Frauen selbst unterschätzen das Risiko, wie ein Studie am Charité-Lehrstuhl ergab.

Andere Krankheiten von Menschen mit Uterus – ob sie sich als Frauen identifizieren oder nicht – werden kleingeredet oder ignoriert. Ein Beispiel: Endometriose. Laut der Endometriose-Vereinigung Deutschland ist bei 40 bis 60 Prozent der Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben, Endometriose die Ursache. Die Krankheit verursacht zudem starke Schmerzen während der Menstruation, das beeinträchtigt Betroffene in ihrem Alltag. Weil die Aufklärung fehlt, wissen allerdings nur wenige genau Bescheid. Eine sichere Diagnose braucht eine Bauchspiegelung.

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Auch auf enorm: Endometriose: Wenn die Schmerzen nicht normal stark sind

Aber auch Frauen ohne Endometriose können unter Periodenschmerzen leiden. Es ist wichtig, endlich offen über all das zu sprechen und mehr Verständnis zu schaffen. Kontraproduktiv hingegen sind Euphemismen wie „Erdbeerwoche“ oder „auf der roten Welle surfen“. Mehr als 5.000 dieser Umschreibungen sammelte die Menstruationsapp Clue 2016 bei einer internationalen Umfrage. Das hilft nicht. Die Periode als Frauenleiden und implizit als Krankheit zu bezeichnen auch nicht. Das ist sie nämlich nicht, sondern vollkommen normal.