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18 November 2019 / Lesezeit: 4 minuten

Instagram verbirgt Likes

Der Pseudo-Detox

Die Anzahl von Likes bewegt viele Menschen dazu, auf sozialen Netzwerken nur Bilder zu posten, die erfahrungsgemäß gut ankommen. Viele setzt der Vergleich mit anderen unter Druck. Ist das Verbergen von Likes eine Lösung?

TITELBILD: PRATEEK KATYAL/ UNSPLASH

TITELBILD: PRATEEK KATYAL/ UNSPLASH

Seit vergangenem Freitag können einzelne Instagram-Nutzer in Deutschland die Anzahl der Likes fremder Posts nicht mehr sehen. Auch das Profil unserer Autorin gehört dazu.

Aggressiv kämpfe ich mich aus dem wärmenden Kokon meiner Bettdecke, um den Handy-Wecker zum Schweigen zu bringen. So beginnt mein Tag. Ist der nervtötende Alarm verstummt, schließen sich meine Finger um mein Smartphone: Der Hunger nach einem Social-Media-Update ist geweckt.

Laut mehreren Studien checken die meisten Angehörigen der Generationen Y und Z ihre sozialen Netzwerke, bevor sie das Bett verlassen, frühstücken oder auch nur Kaffee kochen. Ich bin keine Ausnahme. Vergangenen Freitag durchbrach aber zumindest eine Überraschung meine übliche Routine des Wischens durch WhatsApp, Facebook und Co: Als ich meinen Instagram-Account aufrufe, kann ich nämlich nicht mehr sehen, wie viele Menschen meine Posts geliked haben.

Warum? Meine ebenfalls vor dem Aufstehen und vor dem ersten Kaffee stattfindende Google-Suche ergibt folgendes: Nachdem Instagram seit April 2019 bereits in Kanada, Japan, Australien und Neuseeland das Verbergen von Likes testet, ist seit dem 15. November auch der Rest der Welt dran. Also auch Deutschland und ich. Ziel der weltweiten Tests ist nach Aussage der Plattform „den Menschen zu helfen, sich auf die Fotos und Videos zu konzentrieren, die sie teilen, und nicht darauf, wie viele Likes sie dafür bekommen”. In Australien werden neben Insta-Likes auch versuchsweise Facebook-Likes ausgeblendet.

Eine reine Mogelpackung

Klingt auf den ersten Blick nach einer noblen Intention. Denn durch das permanente Vergleichen auf sozialen Netzwerken wird ein hoher sozialer Druck katalysiert, der im schlimmsten Fall Depressionen verursachen oder verstärken kann. Aber wie greift die Maßnahme konkret? Wenn ich mein Profil betrachte, steht unter einem Post nicht mehr „gefällt XX Menschen”, sondern: „Gefällt Person X und weiteren Personen” Bei einer näheren Untersuchung stelle ich jedoch fest, dass es sich bei dem angeblichen Like-Detox um die reinste Mogelpackung handelt. Klickt man nämlich auf „und weiteren Personen”, ploppt die Liste aller Menschen auf, die meinen Post geliked haben. Darüber erscheint neben dem klassischen Herz-Icon die Anzahl der Likes.

Solange ich selbst die Anzahl meiner Likes in irgendeiner Form sehen kann, bleibt der soziale Druck durch den Vergleich meiner Posts bestehen
Morgane Llanque

Instagram versichert, dass der Mehrwert der ganzen Aktion für mich darin besteht, dass andere Menschen diese Gesamtzahl nicht mehr sehen können. Dennoch haben sie weiterhin Einblick in die Liste aller Menschen, die meinen Post geliked haben. Um die genaue Zahl zu erfassen, müssten sie also alle Likes selbst zählen. Und ich müsste dasselbe tun, wenn ich wissen wollte, wie viele Likes jemand anderes für einen Post bekommen hat.

Nun bin ich selbst nicht die Sorte Insta-Junkie, für die dieser Aufwand in Frage käme. Aber ich kenne gerade in der Altersgruppe der 14-20-Jähren einige Menschen, denen ich das zutrauen würde. Viele von ihnen (und auch viele Angehörige anderer Altersgruppen) nutzen Instagram eben nicht primär, um „sich auf Fotos zu konzentrieren”. Für sie ist das hochgeladene Foto oder Video ein reines Instrument, um die Aufmerksamkeit und Bestätigung zu bekommen, nach der insbesondere Teenager lechzen. Für die ebenfalls stetig wachsende Gruppe der Influencer sind Likes außerdem eine Währung: Je mehr Likes und Follower sie haben, desto mehr steigen ihre Aussichten auf geldbringende Werbeverträge.

Likes sind nicht der einzige Faktor, der sozialen Druck verursacht

Ignoriert man die Bedürfnisse dieser zweiten Gruppe zunächst und konzentriert sich auf diejenigen, die Insta-Accounts nur privat nutzen, so stellt man schnell fest, dass Instagram eine Reihe wichtiger Faktoren außer Acht lässt, wenn das Ziel mehr Authentizität und weniger sozialer Druck sein soll:

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  • Solange ich selbst die Anzahl meiner Likes in irgendeiner Form sehen kann, bleibt der soziale Druck durch den Vergleich meiner Posts bestehen. User lassen sich weiterhin dahin beeinflussen, nur Dinge zu posten, die nach ihrer bisherigen Erfahrung gut bei ihren Followern ankommen.
  • Das „Herz” von Instagram sind schon lange nicht mehr die Posts, die permanent auf einem Account sichtbar sind, sondern die kurzlebigen „Stories”, die nur 24 Stunden lang auf der Plattform sichtbar sind. Ausnahme: Ich kann die Stories in einer permanent sichtbaren Highlight-Story archivieren. Wenn ich meine eigene Story aufrufe, kann ich weiterhin genau sehen, wer und wie viele von meinen Followern meine Story angesehen haben. Diese Aufrufe heißen zwar offiziell nicht Likes und sind für andere Personen nicht einsehbar, erzeugen aber ebenfalls – je nach Anzahl – entweder soziale Bestätigung oder Verunsicherung.
  • Wesentlich für das soziale „Ansehen” eines Instagram-Accounts sind nicht nur Likes und Aufrufe, sondern auch die Anzahl der Follower. Solange diese Anzahl für jeden Nutzer sichtbar ist, wird es das Wettbewerbs-Gefühl auf Instagram weiterhin geben.
  • Ein weiteres Problemfeld auf Instagram und Facebook sind die Kommentare. Hat man ein öffentliches Profil, kann man sich von den Horden von Trolls und Hetzern nicht retten. Was bringt es, den Druck durch Like-Vergleiche zu reduzieren, wenn einen jeder Idiot mit der Kommentarfunktion zuspammen kann?

Die Community muss selbst bestimmen, wie sie sich verändern möchte

Grundsätzlich ist es sehr begrüßenswert, dass die Branche etwas an ihrem oberflächlichen Selbtsinszenierungs-Image ändern will. Aber das macht nur Sinn, wenn man dabei konsequent vorgeht. Bei Facebook hat man zum Beispiel schon seit langem die Möglichkeit, sein eigenes Profilbild für Likes und Kommentare zu sperren, wenn man sich der Bewertung durch die Community nicht aussetzen möchte. Diese Wahlmöglichkeit müsste es für alle Funktionen, die mit Sichtbarkeit von Interaktionen zu tun haben, geben.

Das Dilemma dieser Debatte bleibt: Viele Nutzerinnen und Nutzer wollen den Vergleich und die Bewertung. Für sie ist es nicht nur eine Quelle der Bestätigung, sondern auch eine Möglichkeit der Kommunikation. Wenn man etwas liked, dann möchte man auch, dass diese Interaktion von allen gesehen wird. Nun befindet sich dieser Veränderungsprozess gerade in einer Testphase, in der der Konzern laut eigener Aussage „globales Feedback” einholen möchte. Wichtig wäre jetzt, den Dialog mit den Usern bei der weiteren Strategie wirklich ernst zu nehmen, und die Veränderung gemeinsam mit der Community zu gestalten, statt ihr von oben etwas zu diktieren.