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1 Dezember 2020 / Lesezeit: 3 minuten

„Plantdemic“ auf den Philippinen

„Die Pflanzen treiben manche Leute in den Bankrott“

Ein Taschenladen in Makati City auf den Phillippinen hat seinen Verkauf während der Pandemie komplett auf Pflanzen umgestellt.

Bild: imago images / ZUMA Wire

Bild: imago images / ZUMA Wire

„Plantdemic“ heißt der neue Pflanzenboom auf den Philippinen. Gemeint ist die neu entdeckte Liebe zu Pflanzen während der Pandemie. Wo früher drei halb vertrocknete Topfpflanzen standen, blüht jetzt ein kleiner Dschungel. Aber der Boom hat einen Preis.

Vor der Corona-Pandemie standen in Delong De Leons Haus in einem südlichen Vorort der philippinischen Hauptstadt Manila nur drei Topfpflanzen. Jetzt ist er stolzer Besitzer von mehr als 70 Gewächsen, darunter ein 1,5 Meter großer Flammenbaum, den er aus einem Samen gezogen und draußen gepflanzt hat. Seit dem Lockdown Mitte März habe er viel Freizeit gehabt, so dass sich seine Sammlung an Blumen, Stauden und Co. vervielfacht habe, sagt der 44-jährige Vater von zwei Teenagern. „Die Pflanzen haben mir während der Einschränkungen sehr geholfen, ruhig und weniger ängstlich zu sein“, erzählt De Leon. „Ich war beschäftigt, aber in einem guten Sinne.“

Pflanzenboom auf den Philippinen: Segen oder Statussymbol?

De Leon ist einer von vielen Philippiner*innen, die während des langen Lockdowns in dem südostasiatischen Inselstaat ihren grünen Daumen entdeckt haben. Der Staat mit seinen 107 Millionen Einwohner*innen ist heute nach Indonesien das am stärksten betroffene Land in der Region. Seit Mitte März herrschen strenge Regeln, die erst im Juni leicht gelockert wurden. Drei Monate lang durften die Menschen kaum vor die Tür. Und noch immer sind Bars und Kinos geschlossen, Restaurants dürfen nur teilweise öffnen, und öffentliche Verkehrsmittel funktionieren weiter nur begrenzt.

Zur Entspannung in einer Zeit, in der sogar Spaziergänge im Grünen verboten waren, haben sich viele Menschen die Natur einfach nach Hause geholt. Da Post weiter zugestellt werden durfte, haben sie die Pflanzen und Samen kurzerhand online bestellt.

Auch auf enorn: So nachhaltig sind Zimmerpflanzen

De Leon hat sich zwar schon immer für das Gärtnern interessiert, aber hatte wegen seiner stressigen Arbeit nie die Zeit oder Energie, sich dem Hobby zu widmen. „Jetzt ist das hingegen meine Realität: Ich bin verbunden mit Mutter Erde, mit der Natur“, sagt er. „Vor dem Lockdown haben wir uns alle nur auf die Arbeit fokussiert, auf das Geldverdienen und darauf, immer ganz oben zu stehen. Für mich war das die eigentliche Pandemie.“

Die Pflanzen-Obsession ist so weit verbreitet, dass einige die Modeerscheinung schon als „plantdemic“ bezeichnen – eine Mischung aus Pflanzen und Pandemie. Menschen, die sich fürs Gärtnern in der eigenen Wohnung begeistern, haben auch schon einen Namen: Sie heißen jetzt „plantitos“ oder „plantitas“.

Pflanzenboom auf den Philippinen: Eine Monstera für 260 Euro

Die steigende Nachfrage hat aber auch einen negativen Effekt: Die Preise für die grüne Pracht sind stark gestiegen, mancherorts auf das Zehnfache. Es gab sogar Berichte, wonach seltene Pflanzenarten aus Schutzgebieten des Landes geplündert worden sein sollen.

„Die Nachfrage ist riesig“, sagt Bernice Fojas, eine 21-jährige Filmstudentin und freiberufliche Designerin, die während des Lockdowns damit begonnen hat, aus ihrer Wohnung nahe Manila Pflanzen zu verkaufen. „Ich bin froh, dass jetzt mehr Menschen Pflanzen wertschätzen und sich um sie kümmern. Aber ich bin auch traurig, dass der Markt dadurch so wettbewerbsorientiert geworden ist“, erzählt sie. „Für manche ist das schon fast zu einer Sucht geworden.“

Fojas hat Pflanzen schon immer geliebt, weil sie in der Nähe eines Waldes aufgewachsen ist. Ihre grünen Schätzchen kosten zwischen 100 Pesos (1,70 Euro) und 6000 Pesos (105 Euro). Das sind auf den Philippinen durchaus noch vernünftige Preise. Zum Vergleich: Die besonders beliebte Zimmerpflanze Monstera – auch Fensterblatt genannt – geht für bis zu 15 000 Pesos (260 Euro) über die Ladentheken. Das ist mehr, als Büroangestellte monatlich verdienen. Auch die Preise für Töpfe, Erde und Gartengeräte sind gestiegen.

„Die Pflanzen treiben manche Leute in den Bankrott“, sagt Fojas. „Einige geben ihr ganzes Geld dafür aus, weil sie immer seltenere und teurere Exemplare haben wollen.“ Ihr Rat für die plantitos/as: „Hört auf damit und genießt eure Sammlung.“ Denn sonst würde das Leben schnell wieder zu einem Wettrennen wie vor der Pandemie werden. „Kümmert euch um die Pflanzen, die ihr habt, und seid doch einfach zufrieden“, meint sie.

Gemüse statt Modepflanzen

Genau das tut Anna Ventura. Auf der Dachterrasse der 52-jährigen freiberuflichen Drehbuchautorin gedeiht mittlerweile ein ganzer Gemüsegarten. Dabei hatte sie sich nie für Gärtnerei interessiert, bis einer Freundin ihr einen eingetopften Okra-Keimling geschenkt hat. Okra, oder Gemüse-Eibisch, ist eine der ältesten Gemüsepflanzen. Das Gewächs weckte in ihr eine Passion. „Ich habe dann Beete für Chinakohl und Grüne Bohnen angelegt. Die Pflanzen habe ich im Supermarkt gekauft.“

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Mittlerweile kümmert sich Ventura um 30 verschiedene Pflanzen, Sträucher und Stauden. Bei den meisten handelt es sich um Gemüse, Kräuter oder Früchte – darunter Salat, Chilischoten, Kartoffeln, Karotten, Zitronen, Melonen und Tomaten. „Gartenarbeit bringt viele Werte hervor: Geduld, Liebe zum Detail, Ordnung, Verantwortung und Leidenschaft“, meint Ventura. „Das lehrt uns etwas über die Grundlagen des Lebens. Du pflanzt, du isst. Und so überlebst du.“