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15 Juni 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Landpartie zu Gutshäusern

Endlich wieder rausfahren

Alte Pracht, neue Aufgabe: Seit acht Jahren renoviert Philipp Kaszay mit Leidenschaft das Gutshaus von Kobrow.

Bild: Helge Bendl

Bild: Helge Bendl

Die Coronalockerungen sind da. Viele alte Gutshäuser in Mecklenburg sperren wieder auf. Mitten in der Natur und so unterschiedlich wie ihre Besitzer. Eine Rundreise.

Zum Ende der blauen Stunde, wenn sich langsam der Vorhang der Nacht über das Dörfchen Lexow senkt, beginnt vor dem Gutshaus das Konzert. Gesungen wird unter freiem Himmel, bis irgendwann der Morgen dämmert. Erst macht der Solist mit leisen Tönen die Zunge locker. Dann testet er mit ein paar Strophen, ob ihm das Publikum aufmerksam zuhört. Schließlich schmettert er unvermittelt los, eindringlich und derart laut, dass man fast aus dem Bett fällt.

Es ist eine Nachtigall, die da im Gebüsch vor dem Fenster flötet. „Das macht sie Nacht für Nacht“, erzählen Bettina Buschow und Patrick Oldendorf, die Gastgeber im Gutshaus Lexow, am nächsten Morgen beim Frühstück. „Den ganzen, scheinbar endlosen Mecklenburger Sommer lang.“ Kein Autolärm, nah am Wasser, nicht zu teuer, und groß genug für Familie und Freunde: Das waren ihre Kriterien für ein Wochenendhaus.

Doch große Höfe gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nicht viele: Die meisten Siedlungen im Hinterland der Ostsee sind Dörfer, die um ein Gut entstanden sind. Auf die Reste eines Klosterhofes traf das Paar auch im Ort Lexow, wo eine Ruine darauf wartete, wachgeküsst zu werden wie Dornröschen vom Prinzen. So öffneten sie das Gutshaus für Besucher*innen, machten weiter mit einem Café, begannen abends für Gäste zu kochen, und erweiterten das Angebot um neue Appartements. Ferienwohnung-Nippes gibt es nicht, auch keine Bilder an den Wänden: „Der Blick aus dem Fenster ist schön zu jeder Jahreszeit.“

Auch auf enorm: „Ein Sabbatical kann eindrucksvoller sein als der ganze Reisestress“

In den 30 Jahren seit der Wende sind überall in Mecklenburg-Vorpommern die alten Gutshäuser renoviert worden. „1500 Gebäude haben Krieg und Sozialismus überlebt, knapp Tausend davon stehen unter Denkmalschutz“, erzählt Manfred Achtenhagen. Als 20-Jähriger hatte er genug von der DDR und floh im Segelboot über die Ostsee. Nun ist er zurück und hat das Gutshaus in Ludorf an der Müritz zu einem Hotel umgebaut, ein Konzept vieler Gutshausretter. „Es ist oft die einzige Möglichkeit, ein historisches Bauwerk vor dem Verfall zu bewahren und mit Leben zu füllen.“ Im Verein der Schlösser, Guts- und Herrenhäuser ziehen inzwischen 30 Unterkünfte an einem Strang. Und doch sind die Häuser so verschieden wie ihre Besitzer*innen.

Ein historisches Gebäude zu sanieren, kostet Millionen. Wenn man die nicht hat, kommt man auch mit Mut zum Ziel. Das beweist Philipp Kaszay: Der 42-Jährige kommt aus Neu-Ulm, werkelt aber seit acht Jahren in der Nähe von Rostock am Gutshaus von Kobrow. „In einer bewohnbaren Ruine zu leben, verändert einen: Man legt weniger Wert auf Konsum, genießt den Platz. Auch die Gedanken sind nicht mehr eingesperrt.“

Geschleckt ist bei ihm nichts: Die Appartements verströmen einen morbiden Charme, weil der neue Herr im Haus die Spuren der Vergangenheit nicht tilgen will. Antiquitäten, Relikte der DDR-Propaganda und die Graffiti der Nachwendezeit gehören zum Inventar, geheizt wird noch mit Holzofen. Was Philipp Kaszay durch Vermietung verdient, investiert er in den Ausbau – gerade baut er am Turmzimmer unterm Dach. „Aber niemand wird morgens um sechs von der Bohrmaschine geweckt.“

Gutshäuser in Mecklenburg: das Kavaliershaus

Auch bei der Berliner Architektenfamilie Nalbach gibt es keine falsche Nostalgie mit Kutschenromantik. Alleen mit Kastanien und Linden führen die Mecklenburgische Seenplatte entlang ins Örtchen Fincken, ihr zweites Zuhause. Das imposante Gutshaus sucht zwar noch nach einem Liebhaber, doch das Kavaliershaus nebenan ist schon wieder auferstanden von den Toten.

Einst lebte hier der Graf von Blücher, später nutzte es die Gemeinde als Schule und Jugendclub. Nun ist es ein Hotel für Leute, die keine Hotels mögen. Deswegen ist es eben kein kleinkarierter Bettenbunker, sondern ein charmantes Zuhause, in der sich die Zeit zu verlangsamen scheint. Und das nicht nur am See hinter der Wildblumenwiese, wo man am privaten Badestrand oder in der Liege auf dem Bootssteg den Tag verträumt.

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Jede der zwölf Suiten ist inspiriert von einer anderen Idee und stimmungsvoller Schlichtheit. „Ich sammle Erinnerungen, keine Accessoires“, sagt Johanne Nalbach. Die alten Turngeräte hat sie in den Wellnessbereich gestellt und historisches Lehrmaterial ins Restaurant „Klassenzimmer“. Dort kocht Gunnar Müller in bester Slow-Food-Manier. Man muss also gar nicht religiös sein, um in Mecklenburg sein kleines Paradies zu finden. Und sei es nur für ein paar Tage, für eine Auszeit vom Alltag.

Good to know

Kavaliershaus: Schloss Blücher Mit Feingefühl und Geschmack hat die Architektenfamilie Nalbach einer Ruine wieder Leben eingehaucht. Und die Badestelle liegt direkt hinterm Haus. kavaliershaus-finckenersee.de

Gutshaus Kobrow: Philipp Kaszay ist noch am Renovieren. Doch es gibt schon drei stilvoll eingerichtete Appartements im „postsozialistischen Gutshaus“. gutshaus-kobrow.de

Gutshaus Lexow: Einfach und schön: So mögen es Bettina Buschow und Patrick Oldendorf. Deshalb fühlen sich auch ihre Zimmer und Wohnungen gleich an wie ein zweites Zuhause. gutshaus-lexow.de