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18 Juni 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Kolumne Mein Erstes Mal

Ein ökologisches Tattoo

Die Motive von Tattoo-Artist Florian Hirnhack zeigen die zerstörte Symbiose zwischen Mensch und Natur.

Bild: Florian Hirnhack

Bild: Florian Hirnhack

Was genau macht eine umweltbewusste Tätowierung aus? Unsere Autorin hat sich ein veganes Tattoo stechen lassen.

Seit es Menschen gibt, haben sie einen starken Drang, Farbe unter ihre Haut zu bringen: So hat man auf der 5300 Jahre alten Mumie Ötzi ganze 61 Tätowierungen gefunden, die mit Kohlestaub in kleine, punktförmige Wunden gerieben wurden. Heute lassen sich weltweit jährlich Millionen von Menschen als Zeichen einer sozialen Zugehörigkeit, aus spirituellen oder rein ästhetischen Gründen ewige Bilder aus Tinte auf ihren Körper stechen. Auch ich möchte mich in die Nachfolger*innen von Ötzi einreihen. Aber ich frage mich: Sind moderne Tattoos überhaupt ökologisch vertretbar?

Eine schnelle Recherche zeigt, dass erstaunlich viele Menschen, die sich für ökologische Themen interessieren, scheinbar tätowiert sind. Mittlerweile existiert für die Veganer*innen unter Ihnen sogar ein weltweites Netzwerk. Nach Eingabe seines Wohnortes unter vegantattoostudios.com kann man ein veganes Tattoostudio in seiner Nähe finden. Aber was genau macht ein veganes und ökologisches Tattoo eigentlich aus? Eine Kollegin weist mich auf den Berliner Tattoo-Artist Florian Hirnhack hin. Er lebt selbst vegan und bietet in seinem Studio „TTTrip Tattoo“ nur Tattoos an, die mit tierfreier Tinte gestochen werden. Laut der Tierrechtsorganisation Peta enthalten nämlich weltweit sehr viele Tinten tierische Stoffe wie Schellack, Tierkohle oder Gelatine.

Die Tattoo-Branche macht einen Sinneswandel durch

„Das Schlimmste ist aber, dass Tattoos unglaublich viel Plastik verbrauchen“, erzählt der Künstler. Das fängt bei den Einwegrasierern an, mit denen man die Haut vor der Tätowierung von Haaren befreit, und geht bis zu den sterilen Folien, mit denen Arbeitstische und Liegen abgedeckt werden. Genau wie für Frischhaltefolien gebe es aber auch hier mittlerweile als Alternative biologisch abbaubare Produkte, erzählt Florian. „In der Szene gibt es zum Glück ein steigendes Bewusstsein für das Wohl von Tieren und der Umwelt, und die Hersteller bieten immer mehr Alternativen an. Trotzdem muss da immer noch viel getan werden.“ So seien zum Beispiel die Verpackungen der Tinte stets aus Plastik, und auch für Einweghandschuhe gebe es noch keine hygienische Alternative. Umweltfreundliche Materialien seien wiederum manchmal so teuer, dass nicht jeder Artist sie sich leisten könne. Florian hofft, dass sich das ändert, wenn der Bedarf nach nachhaltigen Produkten weiter steigt.

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Für den gebürtigen Saarländer hat ökologisches Tätowieren aber nicht nur etwas mit dem technischen Aspekt seiner Arbeit zu tun, sondern vor allem auch mit dem Inhalt seiner Motive. Sieht man sich seine Werke auf seiner Website oder seinen Social-Media-Kanälen an, so zeigen viele seiner Zeichnungen die aus dem Gleichgewicht geratene Beziehung zwischen Mensch und Natur: drei Vögel, die in einem Fangnetz zusammengestaucht sind, oder ein Ochsenkopf, dessen Spiegelung seinen Totenschädel zeigt. Aber auch hoffnungsvolle Motive wie einen Reiher, der eine Blume in seinem Schnabel hält, findet man in Florians Repertoire.

Ein ökologisches Tattoo: makaber und poetisch zugleich

Wildblumen wachsen aus einem halbierten Herz: Dieses Motiv hat sich unsere Autorin ausgesucht. Foto: Florian Hirnhack

„Meine Tattoos sollen die Schönheit der Natur und die Einheit zwischen Mensch und Tieren zeigen, aber sie sind auch ein Mahnmal, wie unsere Umwelt aussehen wird, wenn wir sie weiter so zerstören“, erklärt er. Sein Stil erinnert in seiner Präzision an die Illustrationen alter Botanikbücher, sie sind poetisch und makaber zugleich. Ich entscheide mich für ein Motiv, bei dem nach einem Akt der Brutalität neues Leben entsteht: ein halbes, menschliches Herz, aus dem ein paar schlichte Wildblumen und Gräser wachsen. Florian nimmt sich bei unserem zweiten Treffen viel Zeit für mich, als er mir seine fertige Skizze zeigt. Gefällt mir ein Detail nicht, zum Beispiel, wie eine der Blüten gezeichnet ist, ändert er es geduldig.

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Als das Motiv steht, geht alles ganz schnell: Der Artist legt eine sogenannte Stencil-Schablone der Zeichnung auf meine Haut, die beim Abziehen eine Art Stempel auf meinem Unterarm hinterlässt. Nun kann er mit seiner Tätowiernadel am Stempelbild entlangstechen. Da mein Motiv sehr filigran ist, tut es nicht wirklich weh: Nur an manchen Stellen, wo die Haut des Armes sehr dünn ist, brennt und sticht es kurz, wie Insektenbisse. Ich liege während der Session entspannt auf einer weichen Liege, lediglich meinen Arm hat Florian fixiert. Wir unterhalten uns dabei die ganze Zeit, machen nur einmal eine Pause, um etwas zu trinken. Schon nach 45 Minuten ist das Tattoo fertig. Mir ist etwas schwindelig, aber ich habe mir das Ganze viel schlimmer vorgestellt. Um mein frisches Tattoo vor Infektionen zu schützen, klebt Florian mir eine Folie darüber, die auch für Brandwunden verwendet wird. Verwundert betrachte ich meinen Arm: Ich finde ihn jetzt viel schöner.