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1 Januar 2021 / Lesezeit: 4 minuten

„Künstlerisches ins Ökonomische tragen“

Wie das enorm Magazin zu seinem Namen kam

Kunst ist ein wunderbares Mittel, um der Wirtschaft Beine zu machen“, findet Judith Hehl,  Art Director des enorm Magazins (Symbolbild). 

Illustration: imago images / ikon images

Illustration: imago images / ikon images

Judith Hehl und Carsten Hermann-Hehl von der Agentur KontextKommunikation sind enorm Gestalter*innen der ersten Stunde. Von der Idee sind beide bis heute überzeugt. Hier erzählen sie, wie sie das Magazins 2010 mitgründeten und die Arbeit für enorm sie verändert hat.

Judith: Sollen wir erst mal erzählen, woher der Name enorm kommt?

Carsten: Unbedingt. Du hast ihn erdacht …

Judith: Stimmt. Oh ja, wir hatten im Gestalterteam zusammen mit Henrike Noetzold ewig gebrainstormt. Shift, Change, So. Das war’s noch nicht. Wie nur nennt man ein Magazin, das für eine andere Form des Wirtschaftens eintritt? Ich war mir sicher: Wir brauchen einen Namen, der sofort ins Auge sticht. Aber was sticht sofort ins Auge? Ich habe dann einfach Zeitungen und Magazine durchgeschaut, dutzendfach. An einem Wort bin ich immer wieder hängen geblieben: enorm. Ein Wort, das auch visuell schön ist mit dem großen O in der Mitte, um das sich alles dreht. Wir haben es dann in der Schrift Toledo gesetzt. Das O ist ein bisschen schief, wie anders gedacht …

Carsten: … so wie wir unser neues Heft angegangen sind. Wir wollten Wirtschaft endlich von den Menschen her denken. Eine Wirtschaft mit Sinn, die allen zugutekommt. Als ich den späteren Chefredakteur Thomas Friemel kennenlernte, hatten wir schon seit Jahren mit unserer Agentur KontextKommunikation in Heidelberg Nachhaltigkeitsberichte für Unternehmen erstellt, die es ernst meinen mit gesellschaftlicher Verantwortung. Irgendwann habe ich meinen Geschäftspartner bei KontextKommunikation, Markus Artur Fuchs, gefragt: Warum bringen wir das Thema nicht an den Kiosk? Raus aus der Fachwelt, rein in eine breite Öffentlichkeit. Es war eine Zeit, in der auf einmal ganz viel über Wirtschaft gesprochen wurde. Ein guter Zeitpunkt, um Geschichten zu erzählen, in denen sich der Erfolg an der Mitarbeiterzufriedenheit misst und nicht nur an Quartalszahlen.

Judith Hehl

Judith ist seit 2010 im Gestaltungsteam von enorm dabei und seit Mitte 2019 Art Director des Heftes sowie Creative Director bei KontextKommunikation. Bild: Francesco Futterer

Judith: Mich hat die Idee begeistert, Leser*innen eine menschliche Wirtschaft und die Social-Entrepreneurship-Szene mit spannender Gestaltung nahezubringen. Wirtschaftsmagazine waren damals langweilig, nüchtern, zahlenlastig, konservativ. Umso mehr wollten wir inspirieren, etwas auslösen. Auch Zahlen kann man cool darstellen. Für eine Infografik mit vielen Fakten rund um die Plastiküte haben wir deren Struktur abfotografiert und zu einer Landschaft collagiert.

Carsten: Wir haben wirklich mit vielen verschiedenen Illustratoren und Fotografen zusammengearbeitet …

Judith: … denn mit jeder Geschichte wollten wir die Leser*innen neu überraschen, sie begeistern. Und gerade Illustrationen sind so herrlich offen für Interpretation. Also haben wir eine Illustration auf dem Cover zum Markenzeichen von enorm gemacht. Weißt du noch, die Geschichte mit den Familienporträts?

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Carsten: Ja, das war toll. Thema des Heftes waren gesellschaftliche Werte. Wir haben uns gefragt: Wo werden Werte verhandelt und von Generation zu Generation weitergegeben? In der Familie. Sie ist so etwas wie die Gesellschaft in klein, ihr Nukleus. Also haben wir Familien auf ihrer Wohnzimmercouch fotografieren lassen. Porträts wie im 19. Jahrhundert oder wie man sie heute zu Weihnachten macht.

Judith: Ich habe mir mit der Arbeit an enorm einen Traum erfüllt, den wahrscheinlich die meisten Grafikdesigner*innen im Herzen tragen: ein Magazin mit einem relevanten Inhalt von Ausgabe 0 an zu gestalten. Vorher hatte ich viel für Museen, Theater und Künstler*innen gearbeitet.  Jetzt konnte ich endlich das Künstlerische in die Ökonomie tragen. Kunst ist ein wunderbares Mittel, um der Wirtschaft Beine zu machen …

Carsten Hermann-Hehl

Carsten ist Mitgründer von enorm, war Art Director bis 2014 und ist Geschäftsführer von KontextKommunikation.
Bild: Francesco Futterer

Carsten: Manchmal hätte die Gestaltung für mich auch noch krasser sein können, wagemutiger, mehr losgelöst vom Text. Weißt du noch, immer wieder gab es Diskussionen: Was wird vom Leser wie verstanden? Ich hätte an vielen Stellen dem Leser mehr Interpretationsvermögen zugetraut als der schreibende Teil der Redaktion. Mich hat damals auch die Klarheit von brand eins inspiriert, aber ich wollte visuell mehr wagen, ohne trendig oder geschmäcklerisch zu erscheinen. Im Grunde ist das ja Irrsinn: Im System der sozialen Marktwirtschaft ist schon vieles verankert, wofür wir jetzt scheinbar wieder mühsam kämpfen müssen. Auch das wollte ich mit der Gestaltung ausdrücken: Hey, wir haben es gerade nicht mit etwas Neuem zu tun. Wir können anknüpfen. Daher bei allem Experimentellen auch eine gewisse Unaufgeregtheit im Layout.

Judith: Die intensive Arbeit bei enorm hat uns selbst verändert. Jeden Tag flatterten Geschichten von fantastischen Gründer*innen auf unseren Schreibtisch. Menschen, die etwas gewagt, etwas bewegt haben. Wie der Regisseur Marcus Vetter, der im palästinensischen Dschenin ein Kino wieder aufbaute, um Jobs und Ablenkung in den Alltag zu bringen. Oder die drei Unternehmensberater, die ihre gut bezahlten Jobs kündigten und den Coffee Circle gründeten, um
fair gehandelten Kaffee zu vertreiben. Irgendwann habe ich mir gesagt: Warum wage ich nicht auch etwas? Auch wenn ich mich dafür auf ein völlig unbekanntes Terrain begeben muss. 2016 habe ich mit meiner Partnerin Franziska Diallo Good Travel gegründet – die Plattform für nachhaltiges Reisen.

Carsten: Ohne Risiko geht im Social Business eben nichts. So etwas wie enorm funktioniert nicht ohne Idealismus. Das Heft wäre nie entstanden, wenn wir nur in Excel-Tabellen gedacht hätten. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, ein Gegenmodell zu einer Presse zu schaffen, die zu viel über Katastrophen berichtet. „Zukunft fängt bei Dir an“ – der Claim bringt immer noch auf den Punkt, was uns wichtig war und ist: Den Leser in dem Mittelpunkt zu stellen. Und ihn zur Gestaltung eines besseren Lebens zu inspirieren.

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