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3 März 2022 / Lesezeit: 2 minuten

Wortwahl

Wie sprechen wir über Antiziganismus?

Die Flagge der Sinti:ze und Rom:nja bei einer Demonstration zum Gedenken an die Vernichtung von Sinti:ze und Rom:nja während des Nationalsozialismus: Nach dem Zweiten Weltkrieg endete zwar die Rassenverfolgung der Sinti:ze und Rom:nja, doch bis heute sind sie von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen. 

IMAGO / Pacific Press Agency

IMAGO / Pacific Press Agency

Angehörige der Gruppen der Sinti:ze und Rom:nja wurden in Europa lange verfolgt, diskriminiert und ausgegrenzt. Bis heute halten sich rassistische Fremdbezeichnungen und auch Stereotype, die ausgrenzen. Wie kann eine diskriminierungsfreie Wortwahl gelingen?

Sinti:ze* und Rom:nja* leben seit dem späten Mittelalter in Europa. Über Jahrhunderte wurden Angehörige der Gruppen auf dem Kontinent verfolgt, vertrieben, waren rechtlos. Im Nationalsozialismus wurden schätzungsweise eine halbe Million Sinti:ze und Rom:nja ermordet. Bis heute sind sie in Deutschland struktureller und institutionalisierter Diskriminierung ausgesetzt. Stereotype verallgemeinern die heterogene Gruppe. Die Vorurteile sind kriminalisierend, manchmal romantisierend. Immer grenzen sie aus.

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Fremdzuschreibungen und alternative Wortwahl

All das beinhaltet der Begriff Antiziganismus. Er soll analog zu Antisemitismus wirken, auch manche Organisationen der Rom:nja und Sinti:ze verwenden ihn. Andere aus der Community lehnen das Wort ab. Denn darin steckt zigan – und letztlich das Z-Wort, die rassistische Fremdbezeichnung, die auch hier abgekürzt wird. Der Begriff Antiziganismus reproduziert dieses verletzende Wort indirekt – auch der abgekürzte Platzhalter tut es, wir denken es mit. Vermeiden und ersetzen lässt sich das Z-Wort durch „die rassistische Fremdbezeichnung gegenüber Rom:nja und Sinti:ze“. Und auch durch den Begriff Rassismus gegen Sinti:ze und Rom:nja beziehungsweise Antirom:njaismus, seltener Antisinti:zeismus. Andererseits geht es nicht um Ethnien, sondern um rassistische Fremdzuschreibungen und ein gesellschaftliches Konstrukt, was das Z-Wort verdeutlicht.

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Eine Alternative, bisher jedoch weniger bekannt, ist: Gadje-Rassismus. Das Wort Gadje bezeichnet auf Romanes, der Sprache der Sinti:ze und Rom:nja, all jene, die nicht der Minderheit angehören. Der Begriff Gadje-Rassismus soll zeigen, von wem der Rassismus ausgeht, ihn benennen und adressieren. Wie viele Menschen das sind, zeigt die Leipziger Autoritarismus-Studie von 2020: Mehr als die Hälfte der Befragten glauben, Sinti:ze und Rom:nja würden zu Kriminalität neigen. Über 40 Prozent möchten nicht, dass sich Mitglieder dieser Gruppen „in ihrer Gegend aufhalten“. Darüber müssen wir sprechen – auch wenn uns für diesen Rassismus die Worte fehlen. 

*Weiblicher Plural: Sintize/Sinteze, Romnja, weiblicher Singular: Sintiza/Sinteza, Romni. Männlicher Plural: Sinti, Roma, männlicher Singular: Sinto, Rom. Außerhalb des deutschsprachigen Raums gilt Rom:nja als Sammelbegriff für die heterogene Minderheit.

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