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17 Dezember 2019 / Lesezeit: 6 minuten

Selbstlosigkeit

Liebe ist eine Ressource

Der Zusammenhang von Liebe und Nachhaltigkeit wird immer mehr von der Wissenschaft erforscht.

BILD: UNSPLASH/CHAD MADDEN

BILD: UNSPLASH/CHAD MADDEN

Die Liebe ist eines der meistbeschriebenen Phänomene der Welt – wenn es ums Zwischenmenschliche geht. Was aber könnte sie in Wirtschaft, Gesellschaft oder Naturschutz bewegen?

Im Berufsleben des Unternehmensberaters Moritz von Campenhausen gibt es Vokabeln, die immer wieder auftauchen. „Liebe gehört vermutlich nicht dazu, Herr von Campenhausen, oder?“ – „Neee…“, sagt er gedehnt. „Im ökonomischen Zusammenhang ist Liebe ein sperriges Wort.“ Also wählt er andere Worte, wie Vertrauen, Empathie, Verletzlichkeitoder Großzügigkeit. Es sei wichtig, Dinge zu tun, ohne im selben Augenblick eine Gegenleistung zu erwarten – „einfach, weil es richtig, gut und langfristig auch profitabel ist“

„Bedingungslosigkeit“ nennt von Campenhausen diese Haltung, sie werde in immer mehr Firmen wichtig. Kommt man dem Prinzip Liebe damit nicht schon sehr nahe? „Ja, klar!“, sagt er. „Es so zu nennen ist schwierig, aber das Konzept ist genau das richtige.“

Liebe und Business

Auf die Minute pünktlich ertönt seine Stimme an diesem nebeligen Novembervormittag am Telefon. Die Frage, ob sich auch in der Businesswelt aus Liebe handeln lässt, scheint nicht nur für Moritz von Campenhausen, Theologe und Historiker, sondern auch für seinen Arbeitgeber, die Personalberatung Egon Zehnder, von Interesse zu sein. Ihr Kommunikationschef nimmt an dem Gespräch teil; am Tag zuvor haben sich die beiden Männer schon darüber abgestimmt, was Liebe mit der Unternehmensphilosophie von Zehnder zu tun hat. Welche Rolle sie spielt für den Auftrag der rund 450 Berater in 40 Ländern, Führungskräfte zu formen, die „eine bessere Zukunft gestalten“.

Was Moritz von Campenhausen erklärt, klingt nicht sehr typisch für seine Branche – in der „Headhunter“ Kandidaten für Spitzenpositionen für viel Geld hinund herschieben. Sein Unternehmen will sich bewusst anders platzieren. Möchte mehr über Werte als über Profit sprechen. „Die Sinnfrage bewegt viele unserer Klienten. Das Thema ist: Gibt es mir Lebenssinn, was ich da tue? Wofür stehe ich eigentlich? Welchen langfristigen Nutzen hat meine Arbeit? Da sind wir schnell bei den ganz grundlegenden Werten. Sie sind es, die eine steigende Anziehung auf die besten Talente und auf die Konsumenten ausüben – das erkennen immer mehr Unternehmen.“ Von Campenhausen hat aber auch schon die Frage zu hören bekommen, ob er als nächstes mit Räucherstäbchen komme? Er lacht.
„Aber die Mehrheit tickt inzwischen anders.“

Das Höchste der Gefühle

Es steht schon in der Bibel: „Die Liebe ist geduldig und freundlich. Sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht. Liebe ist weder verletzend noch auf sich selbst bedacht.“ So oder so ähnlich kann man das auch in all den Beziehungsratgebern nachlesen, die unsere Bücherregale überfluten. Über die ideale Liebe zwischen Menschen wissen wir Vieles, auch wenn wir es oft nicht umsetzen. Liebe, darin sind fast alle einig, ist das höchste der Gefühle. Scheitert sie, dann suchen wir weiter nach ihr. Ohne Liebe mag keiner leben, sie ist uns Sinn, Seele, Trost und Antrieb.

Welches Potenzial aber hätte sie außerhalb des Zwischenmenschlichen – wenn wir sie zum Motor für den Bau einer lebenswerten Zukunft machten? Welche Kräfte würden freigesetzt, wenn wir nicht aus Einsicht oder Vernunft handelten, aus Wut, Angst oder unserem schlechten Gewissen heraus – sondern aus Liebe? Der Zusammenhang zwischen Liebe und Nachhaltigkeit ist weitgehend unerforschtes Terrain; er wird nicht analysiert in der Wissenschaft, nicht diskutiert in der Öffentlichkeit. Aber es gibt doch Menschen, die sich sehr ernsthaft mit der Frage beschäftigen, was die scheinbar rationale Nachhaltigkeit und die herzensgesteuerte Liebe miteinander zu tun haben könnten. Welche Gefühle sie adressieren und was das für einen Wandel unserer Gesellschaft bedeutet.

Einer dieser Menschen ist Regine Herbrik, Soziologin vom Bodensee, die heute die Kreisvolkshoch-schule Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern leitet. Im Sommer 2017, Herbrik hatte damals eine Professur an der Leuphana-Universität in Lüneburg inne, veröffentlichte sie eine Studie zu einem ganz neuen Forschungsgebiet: „Liebe und Nachhaltigkeit“. Wie kam Herbrik, 44, zu diesem Thema? Man muss dazu wissen: Die Leuphana-Universität hat sich, als Ganzes und in all ihren Studiengängen, der„Verantwortung für das Gemeinwohl“ verschrieben.

Studierende, die sich dort einschreiben, sind wirklich motiviert, unser System zu verändern. Dennoch reagierten laut Herbrik viele von ihnen zunehmend emotional, beinahe aggressiv auf das Thema nachhaltiges Leben. „Ich habe sie gefragt, wo diese starke Emotion herkommt“, sagt Herbrik, „Und es kam heraus: Sie wollen unbedingt die Welt retten – aber sie sind zunehmend frustriert, weil sie ihren eigenen Zielen nicht gerecht werden.“

Angstszenarien der Apokalypse

Für die Professorin war das der Anlass, sich mit der Gefühlsebene von Nachhaltigkeit auseinander-zusetzen. Wer verstehen will, woher der ganze Frust kommt, muss sich die Punkte ansehen, an denen er entsteht. „Nur so lassen sich Emotionen wie Scham, Ohnmacht oder Resignation abfangen. Genau hier müssen wir ansetzen.“ Eine der Erklärungen für so viel negative Gefühle ist für Herbrik, dass es nur wenige positive Bilder einer schönen, neuen, nachhaltigen Welt gebe – sondern vor allem Angstszenarien einer untergehenden.

„Uns fehlen einfach 50 Jahre Hollywoodfilme zum Thema Nachhaltigkeit.“
Regine Herbrik, Soziologin

Von der Apokalypse, die auf uns zurollt, hätten wir eindrückliche Vorstellungen vor Augen – aber auf der anderen Seite eben keine ermutigenden Utopien einer von uns geretteten Welt. Keine Visionen, auf die es sich hinzuarbeiten lohnte. Wie lässt sich das ändern? Regine Herbrik sagt: „Uns fehlen einfach 50 Jahre Hollywoodfilme zum Thema Nachhaltigkeit.“ Dann sagt sie: „Kunst und Literatur zum Beispiel können positive Szenarien entwerfen. Aber ich würde mich auch über eine starke politische Utopie freuen.“

Im Sommer 2018 beherbergte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sechs Wochen lang den amerikanischen Fotografen Chris Jordan. Ein Künstler inmitten von Wissenschaftlern – das Institut holt sich regelmäßig Gäste aus aller Welt ins Haus, um neue, emotionale Zugänge zum Thema Klimawandel und Naturschutz zu schaffen. Jordan, 57, zeigte in Potsdam seinen Film „Albatross“ – eine knapp 100-minütige Dokumentation über wilde Albatrosse im Nordpazifik.

Sie lässt den Zuschauer über die majestätische Schönheit der Seevögel staunen, ja, die Einmaligkeit der Schöpfung – bis der Absturz kommt, bis zu den harmonischen Klängen der Filmmusik Bilder sterbender Albatrosse zu sehen sind. Sie sterben, weil sie die Mägen voll unverdaulichen Plastiks haben, das sie für Nahrung halten. Die Leiterin des Stipendiatenprogramms, die Jordan nach Potsdam holte, glaubt: „Fakten allein reichen nicht. Wir brauchen eine Fusion aus wissensbasierter Vernunft, Liebe und Empathie, um Energie für die notwendigen Veränderungen der Gesellschaft aufzubringen.“

Uns wird beigebracht, dass alles außer Menschen Dinge sind

Die Liebe zum Albatross. Zu all dem, was uns umgibt und dessen Teil wir sind. Der Philosoph und Biologe Andreas Weber untersucht seit vielen Jahren den emotionalen Bezug des Menschen zu anderen Lebewesen. „Da ist ein Hingezogensein, eine Sehnsucht und Freude“, sagt er. „Wie soll man das denn anders beschreiben als Liebe?“ Weber, der in Berlin und Italien lebt, findet schöne Worte für eine Verbindung, die wir zu spüren verlernt haben. „Wir leben in der Gesellschaft anderen Lebens. Wir atmen gemeinsam mit den anderen Lebewesen, und wir ernähren uns aus ihnen.“

Nur machen wir uns das nicht bewusst. Denn uns wird beigebracht, dass außer Menschen alles Dinge sind. Das ist unser Blick auf die Welt. Hier wir, da die Natur. Andreas Weber verwendet den Begriff „die Natur“ nicht gerne: „Sie ist keine Ressource. Sondern ein Teil von uns.“ Er hat ein Buch geschrieben, das einen Ausweg vorschlägt. Es heißt: „Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie“. Weber schreibt darin, dass wir in der Natur finden, was wirklich wichtig, was existenziell ist – und dass sie uns das auf eine nicht-begriffliche, sinnliche Art und Weise erklärt. Aber man muss es hören, sehen, verstehen wollen. Muss sich dem herrschenden Funktionsdenken entziehen, die Zerstörung von Natur als Sterben eines Teils von uns selbst betrauern – und nicht lediglich als den Verlust von Erholungsraum. Die Verheerung,
die wir hinterlassen, bepreisen wir in Euro oder Dollar: Summe X für das Artensterben, Summe Y für verseuchte Gewässer. „Unsere Bemühungen um den Naturschutz sind durch unsere grundlegende Lieblosigkeit zum Scheitern verurteilt“, glaubt Weber.

Er hat sich, wie die Soziologin Regine Herbrik, genau angesehen, wie wir Liebe heute verstehen. Wie wir sie leben. Eigentlich, sagt Weber, sei Liebe die radikale Hingabe an einen anderen, der tiefe Wunsch, etwas für den oder die Geliebte zu tun, etwas zurückzugeben. Liebe respektiere die totale Eigenheit
eines anderen Wesens, wolle sie schützen und ihr einen Raum geben. Bezogen auf unseren Umgang mit all den anderen Lebewesen da draußen ist davon wenig zu spüren. Weber hält unsere gern zitierte Liebe zur Natur für „genuin egozentrisch“: Du musst da sein, Natur, sonst geht es mir schlecht. Du sollst mir etwas geben, das ich mir selbst nicht geben kann. Aber eigentlich müsste es doch heißen: Ich will, dass du da bist. Weil die Welt besser ist, wenn du da bist – und nicht, weil ich dich brauche.

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„Die ganze Energie, die aus dieser Haltung entstehen würde“, sagt Weber, „können wir als Gesellschaft gar nicht mobilisieren.“ Eine total katastrophale, eine toxische Beziehung, nennt er unser Verhältnis zu dem, was uns an Leben umgibt. Wir sind Despoten, die unseren Partner unterjochen. Und ihm gleichzeitig versichern, wir meinten es doch wirklich gut, versuchten, ihm zu helfen. „Die Natur scheint unendlich duldsam“, schreibt Weber. „Aber sie wird den despotischen Partner dann doch irgendwann los. Wenn man sich in einen Konflikt zur Wirklichkeit begibt, verliert man. Wer das leugnet, ist nicht mehr lange Gast am Tisch.“