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4 November 2020 / Lesezeit: 5 minuten

„Im Grunde gut“ von Rutger Bregman

Plädoyer für ein positives Menschenbild

Für Rutger Bregman sind Gewalt und Egoismus unter Menschen eher Ausnahmen.

Foto: Jehyun Sung/Unsplash

Foto: Jehyun Sung/Unsplash

Beim Lesen des Buches Im Grunde gut bekam unser Autor Lust, Gutes zu tun. Er wollte auf die Straße gehen, Leute anlächeln und für alte Menschen einkaufen, die derzeit nicht aus dem Haus können. Das bestätigt auch eine zentrale These des Autors Rutger Bregman: Das Gute, Kooperative, Freundliche, es ist ansteckend. Das Schlechte aber auch.

Ein negatives Menschenbild wirkt als selbsterfüllende Prophezeiung, meint Bregman. Wir bekommen, was wir erwarten. Verschiedene Studien belegen diesen Effekt: Auf schlechte Erfahrungen mit anderen eingestellt zu sein, macht egoistischer, weniger bereit zu helfen. Bregman hat sich vorgenommen, dieses Menschenbild zu widerlegen, eine „neue Geschichte der Menschheit“ zu schreiben. Fünf Jahre lang habe er recherchiert und so Unmengen von neueren Studien und Daten zusammengetragen, aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen von der Sozialpsychologie, über die Geschichtswissenschaft bis zur Evolutionsbiologie.

Sensibler für das Böse als für das Gute

Das schlechte Menschenbild entstamme mehreren Quellen. Eine davon sei der „Negativitätseffekt“: Wir sind sensibler für das Böse als für das Gute. Das hat evolutionäre Gründe. Lange ist es sinnvoll gewesen, sich vor einer Spinne oder Schlange zu fürchten. An zu viel Furcht sei man also eher nicht gestorben, dafür aber an zu wenig. Dazu kommt, dass wir gerade im digitalen Zeitalter überschwemmt werden von schlechten Nachrichten. Das führe dazu, dass Menschen von einem verzerrten Bild der anderen ausgingen.

So sind etwa an einer Groninger Universität Studierende befragt worden, welches Verhalten sie im Falle eines massiven Notfalls in einem Passagierflugzeug wohl erwarten würden. Auf Planet A helfen die Passagiere einander, auf Planet B entsteht Panik und brutaler Egoismus. Etwa 97 Prozent der Studenten glaubten, dass wir auf Planet B leben – und lagen damit völlig falsch, wie Bregman anhand einer Reihe von Studien und Berichten zeigt. Auf der sinkenden Titanic, im zusammenbrechenden World Trade Center, im bombardierten London und in New Orleans, als 2005 die Deiche brachen: Überall halfen sich die Menschen gegenseitig. Katastrophen brächten also das Beste im Menschen hervor. Nur einige wenige verhielten sich egoistisch und rücksichtslos.

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Kaum freigelassen, schon aggressiv und egoistisch?

Dass Menschen nur durch eine dünne Schicht der Zivilisation davon abgehalten werden, sich aggressiv und egoistisch zu verhalten, sei ein hartnäckiger Mythos. Dieser sei auch von verschiedenen Denkern wie Thomas Hobbes, Gustave Le Bon und Niccolò Machiavelli oder durch Bücher wie „Der Herr der Fliegen“ gefördert worden. Letzteres wird vielfach im Schulunterricht gelesen, sei aber ein reines Fantasieprodukt des Misanthropen William Golding. In dem Buch landet eine Gruppe von Jungen auf einer einsamen Insel, wo sie sich schon bald gegenseitig an die Gurgel gehen. Dem stellt Bregman die wahre Geschichte von sechs Jungen entgegen, die 15 Monate auf der Pazifikinsel Ata gestrandet waren. Sie hielten zusammen und regelten ihr Leben solidarisch und vernünftig.

Viel Raum gibt Bregman auch dem berühmten und einflussreichen psychologischen „Standford-Prison-Experiment“. Dieses stellte eine Gefängnissituation mit Wärtern und Häftlingen nach. Das Experiment eskalierte und musste nach sechs Tagen abgebrochen werden: Einige Wärter verhielten sich machttrunken und sadistisch, Häftlinge brachen psychisch zusammen. Ganz abgesehen davon, dass die fehlerhafte Methodik des Experiments bei Studenten der empirischen Sozialforschung nur ungläubiges Kopfschütteln hervorruft, konnte das Ganze inzwischen als schlichte Fälschung entlarvt werden. Die Teilnehmer wurden massiv dahingehend manipuliert, sich aggressiv zu verhalten. Als die BBC 2002 das Experiment wiederholte, ohne die Teilnehmer zu manipulieren, geschah gar nichts. Wärter und Häftlinge saßen friedlich zusammen und tranken Tee.

Nur durch Kooperation stark

Heute zeigten viele Studien: Die meisten Menschen seien im Grunde gut. Das habe auch evolutionäre Gründe, so Bregman. Menschen hätten sich auf der Erde nur durchsetzen können, weil sie kooperiert und nicht konkurriert hätten. Wer freundlich und vertrauenswürdig war, hatte bessere Chancen zu überleben und viele Kinder zu bekommen. So kam es nach und nach zu einem „Survival of the Friendliest“. Das sei sogar an den Gesichtszügen ablesbar: Unsere Gesichter sind weicher und femininer als die unserer Vorfahren. Bregman bezeichnet den heutigen Menschen als „Homo Puppy“, der eher einem Hundewelpen oder einem freundlichen Golden Retriever ähnelt als einem Wolf.

Denker wie Thomas Hobbes behaupteten, dass der Naturzustand der Menschen ein angstgetriebener Krieg eines jeden gegen jeden sei und das Leben „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“. Das stimme aber eben nicht, erklärt Bregman. Immer mehr zeige sich heute, dass herumziehende Sammler und Jäger nur selten gegeneinander kämpften. Das belege die Untersuchung von Skeletten aus dieser Zeit, an denen fast nie Kampfspuren zu finden sind, oder die Tatsache, dass keine einzige Höhlenmalerei einen Kampf zwischen Menschen zeigt.

Bregman betont ausdrücklich, dass die Menschen „keine Engel“ seien. Selbstverständlich gebe es Gewalt und Egoismus unter Menschen. Aber diese seien eher Ausnahmen. Selbst im ersten und zweiten Weltkrieg hätte ein Großteil der Soldaten nie einen Menschen getötet, wie Studien zeigen. Stattdessen haben 80 Prozent der Soldaten in die Luft oder gar nicht geschossen. Der Grund sei eine natürliche Gewalthemmung, die moderne Armeen ihren Soldaten mühsam abtrainierten.

Die Mächtigen sind schuld

Der Frage, warum „gute Menschen böse Dinge tun“ geht Bregman ausführlich nach. Zum einen stecke hinter dem Bösen oft ein guter Impuls. So würden die meisten Soldaten füreinander aus Loyalität und Freundschaft kämpfen und nicht aus Hass auf den Feind. Vor die Wahl gestellt, würden die meisten gar nicht kämpfen. Mächtige, die vielfach dazu neigen, egoistisch und wenig empathisch zu sein, hetzten die Menschen gegeneinander auf und verdrehten Gut und Böse. Auch sei das Bedürfnis, zu einer Gruppe zu gehören und eine andere dafür abzuwerten, ebenso in der menschlichen Natur angelegt wie der Altruismus. Das beste Mittel dagegen seien zwischenmenschliche Kontakte. So zeigen Studien immer wieder das Gleiche Bild: Rassismus ist dort stärker, wo sich ethnische Gruppen nicht begegnen.

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Was ist mit dem egoistischen Drittel?

Insgesamt muss festgestellt werden, dass Bregman übertreibt, wenn er behauptet, dass so ziemlich alle Wissenschaften derzeit genau zu dieser seiner Schlussfolgerung kommen würden. In der Soziologie oder in der Politikwissenschaft ist jedenfalls meiner Kenntnis nach keine Aufbruchsstimmung hin zu einem neuen Paradigma zu erkennen. Auch ist er recht selektiv beim Zitieren von Studien. Unerwähnt lässt er beispielsweise das vielfach wiederholte und belegte soziale Experiment des „Diktatorspiels“. Darin bekommt ein Teilnehmer eine bestimmte Menge Geld und die freie Wahl, wie viel er an den jeweiligen Mitspieler weitergibt. Es zeigt sich, dass etwa ein Drittel der Menschen egoistisch handelt und alles für sich behält, solange sie keine Sanktionen befürchten müssen.

Das passt nicht so gut zu Bregmans Argumentation, wenngleich umgekehrt ­­­zwei Drittel der Menschen bereit sind zu teilen. Auch lässt sich Bregman leicht so verstehen, dass alles Böse letztendlich von ein paar verschlagenen Mächtige stammt, während die gute Mehrheit nur verführt wird. Solche Erklärungen halten in der Regel keiner genaueren Prüfung stand. Vor allem aber schaffen wir uns damit einen Sündenbock und leugnen damit auch unsere eigene Handlungsmacht.

Ziemlich in Ordnung

Trotzdem ist Im Grunde gut ein Buch, von dem ich mir wünsche, dass viele Menschen es lesen. Denn es ist ein großes Übel, dass wir einander schlechter einschätzen als wir sind. Um die selbsterfüllende Prophezeiung „der Mensch ist schlecht“ infrage zu stellen, ist dieses Buch bestens geeignet.

Übrigens habe ich genau an dem Tag, an dem ich diesen Artikel abgeschlossen habe, auf dem Weg von einem Laden zum anderen meinen Geldbeutel verloren. Ich fuhr hektisch die Strecke zweimal ab und dann nach Hause um meine Girokarte sperren zu lassen. Das musste ich aber nicht, weil irgendjemand meinen Geldbeutel gefunden und ihn in meinen Briefkasten geschmissen hat. Die Person muss sofort damit zu mir nach Hause gelaufen sein. Die meisten Menschen sind nämlich ziemlich in Ordnung.

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Houssam Hamade ist Gastautor des transform Magazins und schreibt für verschiedene Zeitungen über Rassismus und Liebe, über kluge und weniger kluge Kapitalismuskritik.

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