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17 December 2015 / Lesezeit: 4 minuten

Die dunkle Seite von Weihnachten

Die schmutzige Gabe

Wenn Geschenke mit Hintergedanken gemacht werden, spricht die Soziologie von schmutzigen Gaben

Titelbild: Hello I’m Nik / Unsplash

Titelbild: Hello I’m Nik / Unsplash

Schenken macht viele Menschen nicht nur zur Weihnachtszeit glücklich. Ohne diese symbolische Geste kann unsere Gesellschaft nicht existieren. Doch Geschenke haben auch ihre Schattenseiten. Ein Interview mit dem Sozialforscher Professor Frank Schulz-Nieswandt von der Universität Köln

Herr Professor Schulz-Nieswandt, warum nimmt das Schenken in unserer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert ein?

Das Schenken steckt tief in der Natur und in der Kultur des Menschen. Es ist als eine Gabe gemeinschaftsstiftend. Auf die Gabe folgt die Gegengabe. Man signalisiert Wertschätzung, Bedeutsamkeit und Zusammengehörigkeit. Der eigentliche symbolische Wert der Gabe liegt dabei im symbolischen Überschuss und gar nicht im Tausch- oder Gebrauchswert. Schenken bindet und ist gerade zu gesellschaftsstiftend.

Ohne Schenken ist gar keine Gesellschaft möglich?

An dieser Stelle muss man über die Begrifflichkeit reden. Schenken verstehen die meisten heute meist privat. Bei Feierlichkeiten – also beispielsweise ganz klassisch am Geburtstag. Aber es gibt auch die zweckgebundende Schenkung im öffentlichen Interesse, die gemeinwohlorientiert ist. Der Begriff Gabe, also gute oder milde Gabe, stammt aus der Religionsgeschichte. Man schenkt in diesem Zusammenhang unter anderem Zeit, wenn man sich wie aktuell im Asylwesen engagiert. Und Zeit, ist immer auch ein Verzicht auf Geldverdienen. Auch die gesamte Sozialpolitik bei uns in Deutschland basiert auf Umverteilung und das ist im Grunde ein kollektives Schenken. Wenn wir noch grundsätzlicher denken, muss man auch die Erziehung als Geschenk verstehen. Eltern schenken Zeit, Liebe und Geborgenheit. Der aufwachsende Mensch ist darauf angewiesen, dass geschenkt wird. Es ist also tatsächlich ein universales Phänomen und eine Gesellschaft ohne diese Austauschbereitschaft zwischen den Menschen gibt es nicht.

Wann hat das Schenken als symbolischer Akt begonnen?

Es lässt sich anthropologisch universal von Anfang an beobachten. Schon in den frühesten Kulturen findet man unter anderem Grabbeigaben, die eine Verbindung mit den Ahnen stiften sollten. Der ganz große Sprung kam mit den Hochkulturen und den damit verbundenen Religionen Islam, Judentum und Christentum. Denn hier finden sie die Idee des opferorientierten Tausches zwischen Menschen und Gott. Der Mensch opfert und Gott stiftet dann die gute Ernte.

Wie ging es weiter?

Das Ganze dieser vertikalen Beziehung kippte dann in die Horizontale zwischen Menschen und Menschen. Man tauscht sich aus, man gehört zusammen. Das ist der Ursprung der Mahlgemeinschaften, die man sehr schön in der urchristlichen Gemeinde beobachten kann. Das Opfern für Gott wurde gemeinschaftsstiftend – in allen seinen religiösen Variationen.

Das hört sich alles sehr positiv an.

Das ist auch erstmal sehr positiv. Der Mensch ist von Anfang an ein gabebereiter Mensch.

Schenken macht also den Menschen glücklich?

Nicht grundsätzlich. Denn ein Geschenk kann ja auch voll misslingen. Beispielsweise, wenn man dem Anlass entsprechend zu wenig schenkt. Oder im Gegenteil: man ist zu generös. Dann kann es dem Gegenüber unangenehm werden, da er sich jetzt sein Leben lang verpflichtet fühlt. Eine zu große Gabe kann auch protzig wirken. Das kann unter anderem in politischen Allianzen ein Problem werden. Nämlich genau dann, wenn einer den Partner mit dem symbolischen Staatsgeschenk vorführt. Dann entsteht die Psychologie des Gesichtsverlustes und der eigentliche Partner reagiert möglicherweise aggressiv.

Probleme, die an auch an Weihnachten unterm Christbaum zu beobachten sind.

Hier ein Beispiel, das fast jeder kennt: Die Oma strickt einen Pullover für den studierenden Enkel. Sie überreicht ihn mit den Worten: „Mit Herzblut geschenkt“. Was sie zum Ausdruck bringen will ist, da steckt ein Stück ihrer Liebe drin, ihrer Identität und vielleicht auch ein Stück Investition in der bald kommenden Erinnerungskultur. Der Junge soll an die Oma denken, auch wenn sie schon längst gestorben ist. Dieses Geschenk ist also voller symbolischen Gehalts. Es geht gar nicht um den Gebrauchswert oder dem Tauschwert. Ist der Pullover nun aber hässlich und er kratzt, bekommt der Enkel ein Problem. Er nimmt ihn an und freut sich auch, aber er wird ihn nicht tragen, höchstens wenn er weiß, dass die Oma kommt.

Schenken ist nicht einfach.

Nein und es kann unglücklich machen. Gerade in unserer materiell gesättigten Gesellschaft kommt es fast nur noch auf den symbolischen Überschuss an. Das Geschenk wird zu einer hoch individualisierten Gabe, mit der man zum Ausdruck bringen will: „Du bist mir wichtig, ich habe an Dich gedacht.“ Kommt das Geschenk nicht an, produziere ich Enttäuschung. Bei vielen Menschen kommt es dann als fehlende Fantasie und Unverständnis an. Deshalb bedeutet eine Gabe für den Schenkenden heute auch Stress. Vor allem wenn Geschenke ökonomisiert werden.

Sie meinen das ständige Aufrechnen und Übertrumpfen?

Genau, hierbei erhält die prinzipiell gemeinschaftsstiftende Gabe etwas destruktives. Dieses Phänomen gibt es weltweit. Ein Beispiel aus unserem Kulturkreis: In dörflich karnevalesken Strukturen haben Menschen den Traum, einmal Prinzenpaar zu werden. Doch als Prinzenpaar ist es üblich, das ganze Dorf auszuhalten. Nicht selten endet das in der Verschuldung oder sogar im Ruin und im Extremfall im Suizid.

Diese destruktiven Eigenschaften des Schenkens können ja auch bewusst verwendet werden.

Das sind dann die so genannten schmutzigen Gaben, wie sie in der Gabenforschung bezeichnet werden. Diese sind als Herrschaftstechnik dafür da, andere Menschen zu dominieren – sei es geschlechtlich, sei es aus Altersstrukturen oder Tauschbeziehungen. Geschenke schaffen Abhängigkeit. Der Schenkende erwartet dann im Gegenzug irgendwann eine Gegenleistung. In der griechischen und römischen Antike nannte man das Euergetismus. Ein Mensch stiftet für das öffentliche Wohl und schafft sich so eine politische Anhängerschaft. Das sind bewusste, intentionale und rationale Arten des Schenkens. Diese Gaben können wirklich bedenklich sein, da sie nicht aus einem Sorgemotiv oder einem liebenden Miteinander heraus geschenkt werden, sondern weil sie politische Ordnung schaffen.

Welche Formen der schmutzigen Gaben gibt es noch?

Der Akt der Korruption, mit dem man sich Zustimmung erkauft, ist eine aktuell in der Öffentlichkeit allgegenwärtige Form. Eine weitere: die Absicht, sich Liebe zu erkaufen. Dazu neigen Menschen immer wieder. Wenn die Liebe nicht erwidert wird, greifen Manche zu Geschenken, um den Anderen darüber zu gewinnen. Das geht natürlich immer nur in die Hose, wie man so schön sagt. Aber all dies sind Beispiele, wo Schenken nicht glücklich macht. Beide nicht, denn der Beschenkte fühlt sich ständig gedrängt. Im Extrem sind das die Stalker. Das hat natürlich schon etwas pathologisches, aber es macht immer wieder deutlich: So sehr wir Positives in der Gabe des Schenkens sehen, sie kann umkippen. Dann macht es allen gemeinsam Stress.

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Und wie kann man Geschenke-Stress an Weihnachten möglichst vermeiden?

Das richtige Geschenk zu finden, die richtige Atmosphäre zu schaffen, die richtige Gestik zu verwenden –  das ist eine Kunst, die man gelernt haben muss. Die Angst etwas falsch zu machen, ist Stress. Das kann man aber nicht eliminieren, da Beziehungen immer Stress sind. Allein schon, weil Beziehungen scheitern können. Und das ist mit Schenken genauso. Man kann den Stress aber nicht abschaffen, sondern muss Kompetenzen zur Bewältigung entwickeln. Und da gilt der Satz: mit den Aufgaben wächst man.