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3 July 2019 / Lesezeit: 5 minuten

Mit Apps gegen die Einsamkeit

Ein Wisch zur Freundschaft

Immer mehr Apps wollen sein wie Tinder – nur für Freundschaften. Doch was können diese digitalen Helfer wirklich?

Titelbild: Jewgeni Roppel

Was Tinder für die Liebe ist, wollen zahlreiche Plattformen wie 25friends, Bumble oder Meetup jetzt für moderne Freundschaften werden. Doch was können diese Freundschafts-Apps wirklich – und was nicht?

Schon mit seinem ersten Foto sorgt Levin für ein Lächeln: Der 26-Jährige steht in der Küche, er hält einen Topf in der Hand und trägt dazu eine pinkfarbene Blümchenschürze. Ein Bild weiter posiert der Hochschulabsolvent mit seinem etwas wilden Bart und halblangen, dunkelblonden Haaren am Ufer eines Flusses. Es sieht so aus, als schreie er sich dort in der Natur die Seele aus dem Leib. Gesellig ist Levin aber auch, wie sein drittes Foto beweist: ein Selfie mit einer Gruppe Freunden auf einer Party.

Trotzdem sucht Levin neue Freunde. In der App Bumble bekommen andere Nutzer sein Profil vorgeschlagen und können sich entscheiden. Levins Bild nach links wischen heißt: wir werden keine Freunde. Ein Swipe – englisch für Wisch – nach rechts bedeutet, man will ihn kennenlernen. Was Tinder für die moderne Liebe schon ist – der wohl bekannteste digitale Marktplatz für Flirts und Dates – wollen zahlreiche Plattformen nun für moderne Freundschaften werden. Im Prinzip ist es die logische Weiterentwicklung eines Trends, den es schon länger gibt. Laut einer Studie des Pew Research Center aus 2015 haben sich in den USA bereits 57 Prozent der 13- bis 17-Jährigen Freunde über das Internet kennengelernt, mehr als jeder vierte Jugendliche hat digital sogar fünf oder mehr Bekanntschaften geschlossen. Und auch hierzulande sind virtuelle Welten längst ein wichtiger Ort, an dem Freundschaften gepflegt werden.

So kommt die Jacobs Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2014 zu dem Ergebnis, dass fast 90 Prozent der 14- bis 17-Jährigen in Deutschland das Internet nutzen, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. In der gesamten Bevölkerung sind es 55 Prozent. Doch braucht es überhaupt so etwas wie „Freundschafts-Apps“? Was machen die digitalen Möglichkeiten mit unseren Freundschaften?

App für Gruppentreffen

Fest steht: die Angebote finden immer größere Verbreitung. Die meisten von ihnen kommen aus den USA. Sie heißen Skout, Happn, Spontacts oder Patook und bedienen sich oft genug der simplen Swipe-Logik, die Tinder so berühmt gemacht hat. FriendsUp oder „Hey! VINA“ richten sich sogar ausschließlich an Frauen, die eine neue beste Freundin suchen. Apps wie Meetup wiederum organisieren die User in Gruppen und wollen so zu gemeinschaftlichen Aktivitäten animieren. Mit diesem Ansatz versuchen auch deutsche Plattformen wie 25friends, den Markt zu erobern.

25friends wurde von drei Freunden in Hamburg entwickelt und ist seit Sommer 2017 auf dem Markt. Die Nutzer können bei dort unterschiedlichen Gruppen beitreten oder selbst welche gründen. Die Namen sagen meist, worauf sich Mitglieder einstellen können: „Neu in Berlin“, „Kino & Filmliebhaber“ oder schlicht „Badminton“.

Ziel sei, fremde Menschen virtuell zusammenzubringen und trotzdem eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, sagt Florian Frese, einer der Gründer. Das wolle man etwa erreichen, indem der Zugang zu Gruppen detailliert geregelt werden kann, in einigen dürfen beispielsweise nur Frauen Mitglied werden. Außerdem ist es möglich, sich Gruppen zufällig zuordnen zu lassen. Frese vergleicht das mit einer Schulklasse: Man wird zusammengewürfelt mit unbekannten Menschen und findet trotzdem Freundschaften, die jahrelang halten. „Dieses Gefühl der Geborgenheit wollen wir mit der App geben.“

Start mit Whatsapp-Chats

Angefangen hat alles mit einer vernachlässigten Freundschaft: Ramin Ataei, Freund und Mitgründer Freses, war zusammen mit anderen Teilnehmern eines Fitnessprogramms in einer Facebook-Gruppe gelandet – und chattete über sein Handy permanent mit dieser. Frese saß oft nur daneben und war von seinem Freund genervt. Doch aus der Facebook-Gruppe ergaben sich schließlich echte Freundschaften und Frese überlegte: Das hätte ich gerne gehabt, als ich aus Süddeutschland nach Hamburg gezogen bin. So entstand die Idee zu 25friends.

Los ging es um das Jahr 2016 mit mehreren Gruppenchats über Whatsapp, die innerhalb weniger Wochen auf 3000 Mitglieder anwuchsen. Davon las auch Tanja Weber, eine der ersten Nutzerinnen, und meldete sich direkt an. Die gebürtige Badenerin war 2015 im Anschluss an ihren Masterabschluss nach Berlin gezogen. Zwar war sie nicht komplett ohne sozialen Kontakt – ihre Schwester war nur ein halbes Jahr vorher nach Berlin gekommen, eine alte Studienfreundin lebte ebenfalls schon in der Hauptstadt und dann war da noch der damalige Freund. Aber „jeder hat sein eigenes Leben, niemand hat immer Zeit. Da ist es gut, den eigenen Freundeskreis in der Wahlheimat zu erweitern“, sagt Weber.

So wie der 29-Jährigen geht es vielen Menschen in Deutschland: Sie suchen nach Umzügen neuen Anschluss. Laut statistischem Bundesamt haben allein 2016 neun Prozent der Bevölkerung ihr Zuhause gewechselt – für die Liebe, für die Ausbildung, für den Beruf. „Natürlich ist es ein Problem, wenn die Familie 800 Kilometer entfernt wohnt. Man möchte ja auch am eigenen Wohnort ein soziales Netz haben“, sagt Weber. „Für mich sind Freundschaften daher schon eine Art Ersatz für die Familie.“

Warum eine App für Freundschaften?

Warum aber setzen Menschen überhaupt auf eine App, wenn man doch auch analog neue Leute kennenlernen kann, im Chor oder im Sportverein? Die Gruppendynamik durch 25friends war schlicht die bequemste und auch effizienteste Lösung, sagt Weber. Sie arbeitet als Redakteurin bei einer Fernseh-Produktionsfirma, ist jeden Tag erst gegen 19 Uhr zuhause. Da bleibe kaum Zeit für Vereine. „Ich habe in meiner Jugend im Verein getanzt, aber was mich hier in Berlin interessiert hätte, passte einfach nicht in meinen Zeitplan.“ Eine Weile ging sie in ein Fitnessstudio. Aber das war langfristig auch nichts für sie, da hier das Gruppengefühl fehlte.

„Ich habe das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, vermisst. Deswegen war 25friends für mich die vielversprechendste Option“, erklärt Weber. In der App habe man einen Pool an Leuten, die an der gleichen Sache interessiert sind – neue Leute kennenzulernen – und dann „kann man sich immer noch mit Einzelnen verabreden und so etwas wie eine Freundschaft entwickeln“.

Doch es ist nicht nur die wachsende Mobilität und die fehlende Zeit für Hobbys, die das Interesse wachsen lässt, neue Freunde in digitalen Räumen kennenzulernen. Forscher beobachten auch einen Bedeutungszuwachs von Freundschaften – und das nicht nur bei der jungen Generation: Laut einer Studie der Michigan State University, die Daten von mehr als 270.000 Menschen verglichen hat, werden Freundschaften besonders im Alter oft bedeutsamer als Familien. Eine Untersuchung auf Basis des Deutschen Alterssurvey ist zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Betrachtet man die letzten beiden Jahrzehnte, wenden sich ältere Menschen immer häufiger an Freunde, wenn sie Rat brauchen oder Trost suchen.

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Ein Ersatz für Familie?

Aber werden Freundschaften deshalb auch ein Ersatz für die Familie? Janosch Schobin forscht an der Universität Kassel zu den Themen Freundschaftssoziologie und Soziale Isolation und hat sich historische Studien angesehen und mit der aktuellen Situation verglichen, um genau das herauszufinden. Er schätzt: Für etwa zehn Prozent der Bevölkerung seien Freunde bereits am wichtigsten, Partner und Familie nachgestellt.

Experten wie der Psycho- und Paartherapeut Wolfgang Krüger kritisieren zwar solche Vergleiche, da Freundschaft und Familie völlig unterschiedliche Konstrukte seien. Der Familie fühle man sich eher verpflichtet, auch wenn man sich persönlich nicht möge, erklärt er. „Sind mir Freunde unsympathisch, ziehe ich mich von denen zurück.“ Einig sind sich Krüger und Schobin allerdings, dass digitale Angebote wie 25friends, Bumble oder Meetup Freundschaften eher nutzen, als ihnen zu schaden – weil sie die Hürde für den Erstkontakt erheblich senken. Zudem helfen sie, in Kontakt zu bleiben und die Freundschaft zu pflegen. Besonders Letzteres ist wichtig, betont Krüger. Je größer die Bedeutung von Freunden ist, desto mehr müsse man sich ihnen auch widmen und sich darum bemühen, „die alltägliche Kunst der Freundschaftzu erlernen“, wie es der Therapeut ausdrückt. In seinem Buch „Freundschaft – beginnen, verbessern, gestalten“ beschreibt er, wie das geht. Er rät zum Beispiel, sich einen Abend pro Woche, mindestens drei Stunden, für ein Treffen mit Freunden freizuhalten. Entscheidend sei dabei der Schritt von der virtuellen Welt ins reale Leben.

Die Apps sind Türoffner

Erst hier können wir uns auch einmal zur Begrüßung in den Arm nehmen oder zum Trost über die Schulter streichen. Diese persönliche und körperliche Nähe ist ein wichtiger Teil für die besondere Wirkung von Freundschaften: Sie dienen unserem Wohlbefinden und geben Stabilität. Eine Reihe von Studien hat gezeigt, dass Freunde uns gegen Stress, Schmerz und Depressionen resistenter machen. Und schon eine einzige freundschaftliche Umarmung lässt die Herzfrequenz sinken, ebenso wie den Blutdruck. Das Stresshormon Cortisol wird abgebaut, die Atmung langsamer. Keine App kann das ersetzen.

Das soll 25friends auch gar nicht, betont Frese. Für ihn sind Freundschafts-Apps lediglich ein Türöffner. „Unser Ziel ist es ja, dass die Leute sich wirklich treffen“, die Plattform sei ein Werkzeug, das Kennenlernen zu erleichtern. Das war auch Webers Erwartung, als sie die App ausprobiert hat. Umso überraschter war sie, wie lange ihre 25friends-Gruppe für ein echtes Treffen gebraucht hat. „Hätte ich nicht mit ein, zwei anderen aus der Gruppe irgendwann eine konkrete Zeit und einen konkreten Ort angeregt, wäre das nie etwas geworden“, erzählt sie. Das erste Treffen in einer Bar lief dann aber so gut, dass sich die Runde in den Wochen danach in verschiedener Besetzung im Kino, zum Kochen oder auf dem Weihnachtsmarkt verabredet hat – und sie haben noch einiges mehr geplant.