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4 September 2017 / Lesezeit: 5 minuten

Modernes Altern

Senioren-WG mit Start-up-Flair

Bewohnerin Kaarina Rantavaara auf dem Dach der Senioren- WG Kotisatama in einem Neubaugebiet von Helsinki

 

Titelbild: Fabian Weiss

Aus Sorge, einsam alt zu werden, hat sich eine Gruppe finnischer Senioren zu einer Wohngemeinschaft zusammengeschlossen. Dabei setzen sie auf moderne Technologie: Die Saunazeiten finden sich auf dem iPad, die Müllabfuhr braucht nicht zu kommen. Das Projekt zieht Besucher aus der ganzen Welt an

Die Wohnungen im Haus waren schnell verkauft. Kein Wunder: Nur 50 Meter Luftlinie trennen die Senioren-WG Kotisatama von der Ostsee; von der Dachterrasse blickt man auf die Schärenlandschaft, die sich hier vor Helsinki ins Meer Richtung Schweden erstreckt. Unten im Haus gibt es ein eigenes Kino, eine eigene Bibliothek, einen Hobbyraum, ein Klavier. Auf dem Dach: eine Sauna, ein Kräutergarten, ein Fitnessraum und ein paar Liegestühle. Einen davon hat Kaarina Rantavaara für sich reserviert.

Die 68-Jährige ist eine kleine Person mit feinen Gesichtszügen und einem Hut auf dem lockigen Kopf. „Der einzige Haken ist die Baustelle. Man kann sich hier oben so schlecht konzentrieren“, sagt sie. Von unten lärmt und staubt es, doch bald soll es wieder ruhig sein. Dann wird unten ein Kaufhaus stehen, dazu ein Gesundheitszentrum. Und dort, wo noch eine breite Asphaltschneise zur vorgelagerten Insel Kulosaari führt, soll dann saftiges Grün wachsen – zumindest zeigen die Prospektbilder der Stadt diese Parkvision im neuen Stadtteil Kalasatama, der nur vier U-Bahn-Stationen vom Hauptbahnhof entfernt entsteht.

Rantavaara wischt energisch über den Bildschirm des iPads auf ihrem Schoß. „Immer wieder dasselbe“, schimpft sie. Am Abend hatte erneut jemand die Eingangsstür offen stehen lassen. Ihre Beschwerde tippt sie direkt ins häusliche Intranet, ebenso wie den Hinweis auf die nötige Reparatur an einem der Fitnessgeräte. Denn die Senioren organisieren ihre Saunaaufgüsse oder Radtouren über ein eigens entwickeltes digitales Interface. Es verfügt über E-Mail-Programme und gemeinsame Serverordner, zeigt Arbeitszeitpläne, Busfahrpläne und Wettervorhersagen an, auch wer wann die Sauna heizt oder die Nähmaschinen benutzen will.

Sogar ein Buchungsprogramm für die Gästezimmer ist dabei, wenn Kinder oder Enkel zu Besuch kommen. Das Programm vorzuführen, klappt aber gerade nicht – Rantavaara fällt die Pin nicht ein. Stattdessen schreibt sie noch die Frage an alle, wer am Abend mit ins Theater kommen möchte. Bei 84 Mitbewohnern stehen die Chancen auf eine Begleitung ganz gut.

Selbstbestimmt altern

Angefangen hat alles mit fünf Freundinnen, die früher ihre Eltern pflegen mussten. „Bei ein paar Gläsern Wein haben wir überlegt, was sein wird, wenn wir selbst einmal alt sind“, sagt Leena Vahtera, Mitgründerin der WG. Sie dachten dabei auch an die Wirtschaftskrise Finnlands Anfang der 90er Jahre und die damit verbundenen Kürzungen im Gesundheitswesen und bei den Renten. „Außerdem waren wir uns einig, dass wir nicht in ein Heim wollen. Ich selbst habe oft miterlebt, wie Menschen im Alter einsam werden und alleine sterben. Ich will nicht, dass mein Leben so zu Ende geht, sondern meine Zeit als Rentnerin aktiv gestalten.“

Die Frauen nahmen die Sache selbst in die Hand und gründeten ihren Verein „Aktiiviset seniorit“, Aktive Senioren. Sie besuchten ähnliche Projekte im Nachbarland Schweden und suchten im Internet nach Mitstreitern. Alle zusammen bildeten dann eine Eigentümergemeinschaft, pachteten ein Grundstück im zentralen Stadtteil Arabianranta und ließen ihr erstes Gebäude für eine Senioren-WG errichten, das im Jahr 2006 fertig wurde. Das Zusammenleben der Bewohner in der WG klappte so gut, dass die Aktiven Senioren den Bau eines zweiten Hauses in Angriff nahmen.

Für Entwurf und Errichtung des Gebäudes im neuen Quartier Kalasatama beauftragten die Aktiven Senioren das finnische Architekturbüro Kirsti Sivén & Asko Takala. Kotisatama war nicht das erste Seniorenwohnheim, das Kirsti Sivén in Helsinki baute, aber als es 2015 fertig wurde, war es bestimmt das intelligenteste: In dem barrierefreien Niedrigenergiehaus mit Fernwärme-Anschluss denken sogar die Mülleimer mit. „Von den Features, die wir hier haben, können junge Leute nur träumen“, sagt Rantavaara. Features, die sie und die anderen Bewohner in Absprache mit den Architekten mitbestimmen konnten, auch bei der Gestaltung des Gebäudes und seiner Räume wurden die Bewohner mit einbezogen.

Besuch kommt selbst aus Asien

Ein paar Stockwerke unterhalb der Dachterrasse zieht Leena Vahtera die nassen Fenster mit einer Gummilippe ab, damit die Wohnung vorzeigbar bleibt. Vahtera ist die Sprecherin des Wohnprojekts und hat einiges zu tun mit dem Herumführen von Interessenten aus Finnland, Estland oder Südkorea. Alle wollen sehen, wie das geht: altern in Gemeinschaft, begleitet von digitaler Technik.

Vahtera wirkt in ihrem geblümten Hemd und mit dem runden, fast faltenfreien Gesicht viel jünger als ihre 70 Jahre. Sie zeigt auf ein kleines Display neben dem Lichtschalter an der Badezimmertür, das den wöchentlichen Wasserverbrauch anzeigt. Trotz Putzaktion und Duschen hat sie um zehn Uhr morgens erst 34 Liter Wasser genutzt, das ist deutlich unter dem finnischen Durchschnitt. „Ich finde es spannend zu wissen, welche Ressourcen ich verbrauche“, sagt Vahtera.

Neben Bad und Balkon gehören zu ihrer Einzimmerwohnung ein Schlaf- und ein Essbereich mit Küche, 47 Quadratmeter insgesamt. Der durchschnittliche Kaufpreis der Wohnungen beträgt 4370 Euro pro Quadratmeter. Das ist verhältnismäßig günstig: Die Preise in Helsinki liegen zwischen 6000 und bis zu 16 000 Euro. Die meisten Wohnungen in der Stadt sind so klein wie die von Vahtera. „Mein Mann ist vor ein paar Jahren gestorben und ich wollte nicht allein bleiben“, sagt sie.

Etwas Mut gehört zur Senioren-WG dazu

Das Leben in Kotisatama ist vergleichsweise günstig, hat aber trotzdem seinen Preis. Die meisten, die hier leben, können sich das nur leisten, weil sie ihr früheres Zuhause aufgegeben haben. „Mein Haus zu verkaufen und mit dem Geld diese Wohnung zu finanzieren, war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe“, sagt Marja Lehtinen. Die 66-Jährige lebte bis vor kurzem in einem Ort 20 Kilometer von Helsinki entfernt. Die wenigen Menschen, die sie täglich sah, waren Fußgänger vor ihrem Küchenfenster. „Das ist zum Glück vorbei. Und ich bin sicher, dass das hier nicht nur für mich die Zukunft des Wohnens ist.“

Damit meint sie auch das Vorzeigeprojekt des Hauses, die mitdenkenden Mülleimer, in Finnland bislang beispiellos. An der Südseite des Hauses führt Leena Vahtera das System vor: An ihrem Schlüsselbund hängt ein Chip, den sie an einen Sensor an der Hauswand hält. Automatisch öffnet sich eine Art Bullauge aus Metall, in das sie den Müllsack hineinwirft. Beim Schließen der Tür wird im Inneren der Anlage ein Unterdruck erzeugt, der den Sack wie in einer Rohrpost ins Müllzentrum des ehemaligen Hafenviertels Kalasatama saugt.

Jede Müllart habe ihr eigenes Bullauge, erklärt Vahtera, und ihr eigenes unterirdisches Kanalsystem: für Papier, Kartonprodukte, Bioabfälle und den Restmüll. Die Vorteile: Die Anwohner werden nicht mehr morgens durch die Müllabfuhr geweckt, die zudem die Straßen blockiert. Und: Elektronik-Chips an den Mülltüren helfen den Entsorgern abzuschätzen, wo zu welchem Zeitpunkt welche Art von Abfall anfällt.

Technologie und Gemeinschaft

Die Bewohner von Kotisatama nutzen die modernen Technologien neben ökonomischen Motiven wie dem Wassersparen vor allem zur Organisation des Alltags und zum Austausch. Namen und Zimmernummern sind auf einer Tafel noch mit Steckbuchstaben aufgelistet: Falls der Strom ausfallen sollte. Aber den Rest erledigt das System hinter einem großem Touchscreen in der Lobby. „Der ersetzt zum Glück die alte Zettelwirtschaft“, sagt Vahtera. In dieser WG gibt es keine Pappscheibe, auf der ein Pfeil anzeigt, wer als nächstes putzen muss. Vielmehr sind alle Aufgaben im Haus in sechs Hausarbeitsgruppen digital organisiert.

Alle sechs Wochen zum Beispiel sind abwechselnd ein paar Bewohner für das Essen zuständig. In einer großen Profiküche wird dann eingeteilt, wer die Lebensmittel kauft, wer kocht und wer aufräumt. Das Essen ist immer frisch, zweimal in der Woche gibt es Fisch. Die für Helsinki-Verhältnisse günstigen 4,50 Euro pro Mahlzeit gehen in die gemeinsame Haushaltskasse. Aus der wurde zum Beispiel auch der Kopierer in der Bibliothek bezahlt, der gerade streikt. Aber Vahtera ist sicher, dass sich schnell jemand findet, der das Gerät reparieren kann: Zu den 85 Bewohnern gehören Computerexperten ebenso wie Immobilienmakler, Lehrer oder Buchhalter. Und Bibliothekare, die für die Bücher zuständig sind, die jeder in der hauseigenen Bibliothek zur Verfügung stellen kann.

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Roboter als Pflegekräfte?

Doch was wird sein, wenn sie und alle anderen gebrechlich werden und ihre Aufgaben nicht mehr selbst erledigen können? „Wenn wir pflegebedürftig werden sollten, wird uns schon was einfallen“, sagt Vahtera. Eine Idee ist es, sich in Gruppen zusammenzuschließen und im Verbund Pflegekräfte anzuheuern. Sie seien offen für alles, was an Fortschritt noch kommen könnte, so Vahtera. Kürzlich erst hatten sie Besuch von Forschern der Aalto-Universität in Helsinki und der Universität Tampere. Die Wissenschaftler stellten ein Kooperationsprojekt vor, in dem es um Robotik geht. Vielleicht werden die Kotisatama-Bewohner ihren Alltag bald auch mithilfe von intelligenten Robotern bewältigen.

Nur eines können Maschinen noch nicht leisten, selbst wenn ihre künstliche Intelligenz zum Teil schon sehr weit entwickelt ist: Zwischenmenschlichkeit. „Man lernt hier, Kompromisse zu machen“, sagt Vahtera. „Und es gibt auch mal Streit, klar.“ Sie zeigt auf ein Ölgemälde an der Wand: „Ein paar Leute hassen dieses Bild. Oder die Möbel. Und manche meckern einfach nur, nehmen aber an den regelmäßigen Gruppendiskussionen nicht teil.“ Es gab sogar schon Bewerberpaare, bei denen der Besuch in Kotisatama im Streit endete, weil sie unbedingt einziehen wollte, er aber nicht. „Einmal“, erzählt Kaarina Rantavaara auf der Dachterrasse, „hat eine Frau ihrem Mann sogar den Laufpass gegeben.“ Ganz analog, ohne digitale Hilfe.