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24 Februar 2021 / Lesezeit: 5 minuten

Kolonien im Weltall

Das Kolumbus-Syndrom

Eine neue Zivilisation auf dem roten Planeten? Unternehmer Elon Musk möchte schon innerhalb der nächsten zehn Jahre Menschen zum Mars schicken, um dort eine Siedlung zu gründen. 

Bild: IMAGO / Science Photo Library

Bild: IMAGO / Science Photo Library

Nationen und Konzerne wollen das Weltall besiedeln und wirtschaftlich erschließen. Ausweg aus der Klimakrise? Oder Imperialismus in einer neuen Dimension?

Als Christoph Kolumbus in See stach, um einen neuen Weg nach Indien zu erkunden, trieb ihn bekanntlich die europäische Gier nach Gold. Um die hohen Zölle des Osmanischen Reichs auf den Handelswegen zu Land zu umgehen, sollte ein Seeweg nach Asien Güter wie Seide und Gewürze steuerfrei nach Europa bringen. Als Kolumbus statt in Indien in der heutigen Karibik ankam, begann die brutale Unterwerfung und Ausbeutung des amerikanischen Kontinents für die spanische Krone.

Der (Alb-)Traum von der Weltallkolonie

Heutzutage müssen Menschen den Blick gen Himmel und darüber hinaus richten, wenn sie von „neuen“ Welten träumen. Der prominenteste von ihnen ist Elon Musk, der sich selbst schon alles andere als kritisch mit Kolumbus verglichen hat. Mit seinem privaten Raumfahrtkonzern SpaceX, der bei der Entwicklung von Raketen mittlerweile als technisch führend gilt, will der Tesla-Chef innerhalb des nächsten Jahrzehnts den Mars besiedeln – beachtlicher Weise nachhaltig und im System einer Kreislaufwirtschaft. Eine Kolonie im Weltall sei Musk zufolge „eine logische Fortsetzung unserer Evolution“. Außerdem bezeichnete er sein Vorhaben als „Lebensversicherung“ für den Fall, dass die Erde durch die Menschen selbst oder eine Naturkatastrophe zerstört würde. Ein Back-up unserer Zivilisation sozusagen. Finanzieren will Musk das Ganze durch Mondflüge für reiche Tourist*innen und durch sein Satellitennetzwerk Starlink, das ein weltweit zugängliches Internet verspricht. Nutzer*innen der Betaversion mussten 2020 folgende Klausel bestätigen: „Die Parteien erkennen an, dass Mars ein freier Planet ist und dass keine sich auf der Erde befindende Regierung Autorität oder Souveränität über marsianische Aktivitäten hat.“ Musk betonte, dass er sich für eine Marskolonie eine direkte Demokratie wünsche.

Auch auf enorm: Unsere Zukunft im Weltall: Die dunkle Seite des Mondes

Imperialismus im Weltall: Der neue Goldrausch 

Der gebürtige Südafrikaner ist aber nicht der Einzige, der über unseren Orbit hinaus expandieren möchte. Die NASA betreibt unter anderem in Kooperation mit der europäischen und der japanischen Weltraumorganisation (ESA, JAXA) das Artemisprogramm: Ziel ist es, eine lunare, mit Solarenergie betriebene Raumstation als Ausgangspunkt für bemannte Mond- und Marsmissionen zu installieren. Die ESA bezeichnete das Projekt als Grundlage für einen „zukünftigen menschlichen Außenposten“. Entsprechende Gebäude für die Mondoberfläche will die NASA in Zusammenarbeit mit internationalen Architekturbüros durch nachhaltigen 3D-Druck herstellen. Währenddessen haben die USA eine Space Force als nationale Militäreinheit ins Leben gerufen und arbeiten neben Indien, China, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Luxemburg an Gesetzen, die den Weltraumbergbau (Space Mining) auf Mond, Mars und anderen Himmelskörpern legalisieren sollen. Das Magazin Forbes sprach schon von einem „neuen Goldrausch“ im Weltall, und die Politikwissenschaftlerin Namrata Goswami veröffentlichte gemeinsam mit ihrem Kollegen Peter Garretson Ende 2020 das Buch Scramble for the Skies, in dem sie die These vertreten, dass es beim globalen Wettrennen um das Weltall nicht länger primär um nationales Prestige gehe – wie es im Kalten Krieg der Fall war –, sondern um Ressourcen.

Ein offizielles Rendering von „Project Olympus”: ein Projekt der NASA und mehrerer Architekturbüros, bei dem nachhaltige Gebäude für den Mond entwickelt werden.
Bild: IMAGO / Cover-Images

Wasser, seltene Erden und Edelmetalle

Ziel der Begierde sind nicht nur Asteroiden, auf denen es gigantische Vorkommen von Seltenen Erden und Edelmetallen wie etwa Gold und Platin gibt. Amazon-CEO Jeff Bezos, der mit Blue Origin einen weiteren privaten Space-Konzern gegründet hat, will auf dem Mond auch nach Wasser graben. Eine Ressource, die nicht nur für eine zukünftige Siedlung im Weltall unerlässlich wäre, sondern auch auf unserem Heimatplaneten immer knapper wird.

So dient nicht nur Elon Musk das Wohl der Erde als ethische Rechtfertigung der Weltallkolonialisierung. Der ehemalige Leiter der NASA, Charles Bolden, sagte 2014: „Wenn diese Spezies auf unbestimmte Zeit überleben soll, müssen wir eine multiplanetarische Spezies werden, wir müssen zum Mars vorstoßen. Und der Mars ist das Sprungbrett zu weiteren Sonnensystemen.“ Zudem heißt es auf der Website der NASA: „So könnten wir auf dem Mond und den kleinen Planeten Bergbau betreiben und mit Solarenergie betriebene Satelliten bauen, die Kraftwerke auf der Erde entlasten oder sogar ersetzen würden (…) Diese Kolonien können möglicherweise nicht nur unsere derzeitige erdverschmutzende Industrie ersetzen, sondern auch auf andere Weise unserer Umwelt helfen.“ (am 19.01 tauschte die NASA diesen Text gegen einen wesentlich harmloser formulierten Absatz aus) Angesichts der Tatsache, dass die Himmelskörper der Milchstraße nach aktuellem Forschungsstand von keinerlei intelligenten Lebensformen bewohnt werden, müsse man auch kein schlechtes Gewissen haben, diese Ressourcen abzubauen.

Doch, wie der Philosophieprofessor Byron Williston in seinem Essay „The Case against Mars” argumentiert: Um eine friedliche Erschließung des Weltalls möglich zu machen, müssten alle Völker und Nationen ein Interesse daran haben, Kolonien und ihre Ressourcen demokratisch und gerecht untereinander aufzuteilen. Kolumbus hat uns jedoch gelehrt, dass ökonomisches Interesse und nationale Allmachtsfantasien in der Regel über friedliches Miteinander obsiegen: Es gab in der Geschichte der Menschen keine Kolonie, deretwegen sich die Weltmächte nicht bekriegt hätten. Wie wahrscheinlich ist es also, dass Firmenchefs und Nationen sich im Angesicht des unermesslichen Reichtums der Milchstraße am „Greater Good“ orientieren werden?

Imperialismus im Weltall: Das Gesetz der Galaxie

Die Angst vor der menschlichen Zerstörungskraft führte selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges dazu, dass die damalige Sowjetunion und die USA 1967 den Outer Space Treaty (OST) unterschrieben, der mittlerweile von über 110 Ländern ratifiziert wurde und festlegt, dass keine nationale „Aneignung“ von Himmelskörpern legal ist. Außerdem verbietet der Vertrag jede nationale Souveränität oder irgendeine andere Form der „Okkupation“ im Weltall. Wäre also nach geltendem Recht nicht jede Form der privaten oder nationalen Ausbeutung und Besiedlung illegal?

Der US-amerikanische Historiker und Jurist Haris Durrani von der Princeton Universität forscht seit einigen Jahren zu dieser Frage. Insbesondere daran, ob das 2015 von Barack Obama unterzeichnete Gesetz, das allen US-Amerikaner*innen gestattet, Rohstoffe von Asteroiden abzubauen und auch zu verkaufen, mit dem OST vereinbar ist. „Die USA waren schon 1967 darauf bedacht, sich den Spielraum für den Abbau von Ressourcen im Weltall freizuhalten, indem sie die Formulierungen des Vertrags so vage wie möglich hielten“, erklärt Durrani. Länder wie Brasilien hätten bereits in den 60ern darauf gedrängt, die Frage nach den Ressourcen juristisch klar zu regeln. Heute würden viele Länder den Outer Space Treaty so interpretieren, dass er zwar die nationale Aneignung von Himmelskörpern verbiete, die privatwirtschaftliche Nutzung aber zuließe.

Um den Missbrauch dieser Gesetzeslücke zu verhindern, die auch private Kolonien und Massentourismus im All ermöglichen würde, wurde den Vereinten Nationen 1979 der sogenannte Mondvertrag vorgelegt. Er sollte regeln, dass auch Privatpersonen und Unternehmen auf Himmelskörpern kein Eigentum besitzen dürfen. Der Vertrag scheiterte, nur 17 Staaten ratifizierten ihn. Weder Deutschland noch die USA oder China gehören dazu. Noch müssten wir uns laut Durrani nicht allzu viele Sorgen machen, da weder die Kolonien noch der Bergbau im All derzeit technisch so umsetzbar seien, dass sie profitabel wären. Dauern könnte das nach seiner Einschätzung jedoch tatsächlich nur noch ein paar Jahrzehnte. Bis dahin sei es wichtig, dass sich so viele Staaten wie möglich dafür einsetzten, dass das imperialistische Narrativ à la Kolumbus nicht auch noch jenseits unserer Erde fortgeschrieben werde. Ein strengeres, inklusives Space-Recht muss her, das bei Verstößen mit Sanktionen bestraft wird. Oder sollte man angesichts der drohenden Gefahren nicht auch diskutieren, ob wir das Weltall besser ganz in Ruhe lassen sollten?

„Ja und Nein“, sagt Durrani. „Es ist ein häufig genanntes Argument der Linken, dass das ganze Geld, das in die Raumfahrt fließt, besser dafür verwendet werden sollte, die sozialen und ökologischen Probleme auf der Erde zu lösen. Das ignoriert jedoch die Tatsache, dass auch die Forschung im Weltall diesem Ansinnen nutzt.“ So helfe zum Beispiel die Satellitentechnologie, die Klimakrise besser zu verstehen. „Wir sollten dieses Potenzial nicht ignorieren.“

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „All right?“ der Ausgabe 01/21 des enorm Magazins.

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