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19 January 2016 / Lesezeit: 4 minuten

Megatrends, die die Zukunft verändern

Trends der Zukunft: Ernährung und Energie

Stärker als je zuvor achten Verbraucher auf ihre Ernährung – und zwingen Hersteller zum Umdenken

Wie leben und arbeiten wir im Jahr 2050? Zukunftsforscher Eike Wenzel erklärt, welche Megatrends die Welt verändern – hier beschäftigt er sich mit der Energiewende und Gesundheit

Gesundheit

Die schlechte Ernährung führt vielerorts zu Fettleibigkeit und Diabetes. Durch den Druck von Bio-Fans und Vegetariern müssen Nahrungsmittel- und Pharma- Konzerne umdenken und künftig gesündere Produkte anbieten.

Dieser Megatrend zeichnet sich durch zwei wesentliche Entwicklungen aus: Zum einen ist es die Erkenntnis, dass bislang keine Reform die global steigenden Gesundheitskosten senken konnte. Die Medizin- und Pharmabranche ist deshalb gefordert, nachhaltiger mit ihren Ressourcen zu wirtschaften. Laut einer Studie von General Electric könnte allein die Digitalisierung in den kommenden Jahren 59 Prozent der zu hohen Kosten in den globalen Gesundheitssystemen senken, das entspräche 429 Milliarden US-Dollar.

Zum anderen wird der Megatrend von einem Paradox beherrscht: Noch nie hat die Entscheidung für die „richtige“ Ernährung in der westlichen Welt so viele Menschen geprägt wie in den vergangenen Jahren. Doch gleichzeitig wird immer klarer, dass Gesundheit in unseren Wohlstandsgesellschaften „vererbt“ wird, also immer stärker von der sozialen Herkunft abhängig ist: Während in Deutschland 11,3 Prozent der 14- bis 17-jährigen Mädchen mit Hauptschulabschluss zu dick sind, trifft das nur auf 4,3 Prozent der gleichaltrigen Gymnasiastinnen zu.

Ernährung wird in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle spielen – und zwar nicht nur als Frage des Lebensstils der Privilegierten. Im „Global Food Movement“, einer weltweiten Bewegung, die ohne zentrale Hierarchien organisiert ist, hat sich eine kritische Masse vernetzt, die schon seit einigen Jahren die Lebensmittel- und Ernährungsindustrie stark kritisiert. Vegetarier und Bio-Fans ebenso wie Genussmenschen aus dem Slowfood-Universum führten bis vor kurzem einen scheinbar ausweglosen Kampf gegen schlechte Ernährung, Krankheitsrisiken durch Fastfood und überzuckerte Softdrinks. Doch es zeigt sich: Das System der dominierenden Nahrungsmittelkonzerne kann sich den Bedürfnissen der Gesundesser nicht mehr entziehen.

Was wir erleben, ist tatsächlich eine Revolution. Der Nestlé-Konzern, dessen Umsätze in den vergangenen Jahren um ein Viertel schrumpften, baut im US-Bundesstaat Ohio gerade neue Produktionen, die die Abkehr von klassischen Tiefkühlwaren und hin zu gesünderen Produkten vollziehen. Im Fokus stehen beispielsweise Frühstücksmüslis für Kinder, die bis zu 30 Prozent weniger Zucker enthalten sollen; bei Maggi-Produkten soll der Salzgehalt um durchschnittlich zehn Prozent gesenkt werden. General Mills, einer der weltweit größten Lebensmittelhersteller, strich 2014 in kürzester Zeit genetisch veränderte Stoffe aus seinen Blockbustern und reduzierte den Zuckergehalt bei seinen „Yoplait“-Joghurts um 25 Prozent. Hershey’s, einer der ältesten US-Schokoladenhersteller (Slogan: „All american chocolate maker“), legte in den vergangenen Jahren einen großen Umsatzzuwachs hin, weil er auf künstliche Aromen, genmanipulierte Milch und Wachstumshormone verzichtete. Denise Morrison, die Vorstandsvorsitzende des Suppen-Herstellers Campbell’s, beschreibt die Lage so: „Eine wachsende Zahl von Konsumenten verlangt echtes, authentisches Essen. Und wir wissen, dass sie es den großen, etablierten Lebensmittelunternehmen nicht zutrauen, ihnen das bieten zu können.“

Um die Ökohersteller ist dagegen ein ungekannter Hype entbrannt. Eine kleine Müslifirma wie Nature’s Path, die an der kanadischen Westküste sitzt, berichtet von 50 Übernahmeangeboten in einem Jahr. Hain Celestial, ein ökologischer Lebensmittelkonzern aus Lake Success, New York, gilt als neuer Liebling der Börse und steigerte zwischen 2011 und 2013 seinen Ertrag um 228 Prozent.

Der Wandel kommt spät, die Vorhersagen für die kommenden Jahre sind daher nicht rosig: 2050 wird laut dem Internationalen Diabetes Verband in den USA ein Drittel der Erwachsenen an Diabetes leiden. Die kommende Gesundheitswelle darf nicht nur die Privilegierten und die sogenannten „Foodies“ erreichen. Denn das Einlenken der Nahrungsmittelkonzerne zeigt, dass ein Paradigmenwechsel jetzt tatsächlich möglich ist.

Mittlerweile ist der „Clean Label“-Trend – also der Verzicht auf Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffe, künstliche Aromen, Farbstoffe, Verdickungsmittel und modifizierte Stärken – auch in Europa angekommen. Regelmäßig findet die Messe „The Allergy & Free from Show“ statt, um allergenfreie Lebensmittel und Produkte zu präsentieren. Ein Unternehmen wie Sonnen Bassermann (früher Heinz, heute Struik Group Deutschland) hat die Zahl der Zutaten seiner Suppen stark reduziert, bietet mittlerweile auch vegetarische und regionale Suppen an und wirbt auf seinen Verpackungen deutlich mit dem Hinweis „gentechnikfrei“. Fleischhersteller wie Tönnies und Rügenwalder haben vegetarische Linien eingeführt und versprechen sich von ihnen künftig erhebliche Umsätze. Bei der Fleisch Krone Feinkost GmbH in Essen wirkt der Clean-Labelling-Effekt bereits: Im Jahr 2013 steigerte das Unternehmen seinen Umsatz um 15 Prozent – und hat auch ein System eingeführt, um die Herkunft des Fleisches lückenlos zurückzuverfolgen.

Energiewende

Bisher ging es darum, wie mehr erneuerbare Energie erzeugt werden kann. Doch wie kommen die Verbraucher an diesen Öko-Strom – und wie lässt er sich speichern? Eines ist klar: Energiekonzerne wie Eon und RWE gehen unter, wenn sie sich nicht ändern.

Was bis vor kurzem noch als Utopie grüner Weltverbesserer galt, ist zu einem realistischen Szenario geworden: Bis 2050 ist es möglich, Deutschland mit nahezu 100 Prozent regenerativer Energie zu versorgen. Voraussetzung: Die Energiewende muss digital werden. Der amerikanische Zukunftsforscher Jeremy Rifkin weist in seinem Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ darauf hin, dass eine verbesserte Produktivität der Kommunikations- und Umwelttechnologien (Internet der Dinge, Sensorik, Solar, Wind) dazu führt, dass Energie auf lange Sicht zum Selbstkostenpreis zu bekommen ist. Der Energiemarkt, so Rifkins These, könnte zwischen 2030 und 2040 so funktionieren wie die Verbreitung von Informationen heute: Ein Drittel der Menschheit produziert sie bereits selbst und streut sie via Smartphone, Computer, Blogs und Social Media in die ganze Welt.

Der Beleg: In Texas wird mittlerweile so viel Windenergie hergestellt, dass die Energiekonzerne ihren Strom verschenken.

In den USA und in China verändert der Solarboom seit ca. 2013 die Wirtschaft. Der Einzelhändler Walmart hat damit begonnen, seine 3700 Filialen auf Solarenergie umzustellen, was US-weit bei traditionellen Energieversorgern für Panikschübe sorgen dürfte. Apple hat angekündigt, 850 Millionen Dollar in den Bau einer Solaranlage in Kalifornien zu investieren. Gleichzeitig hat das Rennen um die digitalen Stromspeicher begonnen, ohne die die Energiewende nicht gelingen wird. Der Autohersteller Tesla Motors hat seine Speicher in den USA bereits auf den Markt gebracht. Sonnenbatterie, eine GmbH aus Wildpoldsried im Allgäu, warb Experten von Tesla Deutschland ab – beim Megatrend Energiewende ist das Silicon Valley für Ingenieure nicht die einzige Option.

Die alten Gesetze gelten nicht mehr. In hohem Tempo wird die Ressource Strom zur Inspiration für eine digitale Nachhaltigkeitsgesellschaft und Oligopolisten wie Eon, RWE, Vattenfall und EnBW werden diesen Wandel nicht überleben, wenn sie sich nicht ebenfalls stark wandeln – was sie momentan versuchen. So hat Eon in Hamburg die größte „Power to Gas“-Anlage der Welt gestartet. Sie macht überschüssigen Windstrom als Gas speicherbar und hält dieses bereit, um es etwa in Blockheizkraftwerken zu nutzen.

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