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2 October 2018 / Lesezeit: 4 minuten

Zeit-Gedanken

„Denn Zeit ist ein Geschenk“

Wie ist es, Zeit zu haben in einer zeitlosen Gesellschaft?

Wie ist es, Zeit zu haben in einer zeitlosen Gesellschaft? Fünf Menschen erzählen

Der Ex-Häftling

Henry-Oliver Jakobs, 48 Jahre, Geschäftsführer des Vereins „Gefangene helfen“

„Im Jahr 1995 – damals war ich 25 Jahre alt – wurde ich zu lebenslanger Haft verurteilt. Ich hatte das Gefühl, mit Tempo 200 gegen einen Baum zu prallen. Ich wusste: Während alle anderen eine Familie gründen, ein Haus kaufen und sich eine Existenz aufbauen, werde ich die kommenden 19 Jahre hinter Gittern verbringen. In den ersten Jahren war ich sehr aggressiv, ich wollte mich einfach nicht damit abfinden. Doch irgendwann wurde mir klar: Ich kann es nicht ändern. Als ich anfing, mich auf die Haft einzulassen, hat sich mein Verständnis der Zeit verändert. Der Alltag in der Haft war monoton und durchstrukturiert.

Ich hatte kaum noch ein Zeitgefühl, alle Tage waren gefühlt gleich. Drei Mal im Jahr bekam ich Besuch von einem guten Freund. Er erzählte mir, was bei ihm alles passiert war. Ich konnte nichts erzählen. Ich erlebte ja nichts. Es war komisch, dass die Zeit für die anderen da draußen einfach weiterging. Vor vier Jahren wurde ich entlassen. Seither bin ich gelassener geworden, genieße die einfachen Dinge. Mir liegt es am Herzen, meine Erfahrungen mit Jugendlichen zu teilen. Deswegen habe ich 2016 den Verein ‚Gefangene helfen‘ gegründet. Ich versuche ihnen zu zeigen, wie sie von der schiefen Bahn wegkommen. Denn Zeit ist ein Geschenk. Das weiß ich inzwischen genau.“

Die Krebspatientin

Susan Sommerfeld, 36 Jahre, Projektmanagerin

„Als ich vor vier Jahren die Diagnose Brustkrebs bekam, stand meine Zeit erstmal still. Wenige Tage zuvor war ich noch durch meinen Alltag gehetzt, hin und her zwischen Job, Hobbys, Beziehung und Freunden. Ich dachte, je mehr ich unternehme, desto mehr bekomme ich vom Leben mit. Plötzlich war alles anders: Ich war insgesamt eineinhalb Jahre krankgeschrieben und hatte Zeit. So viel, dass ich am Anfang gar nicht wusste, was ich mit der ganzen Zeit anfangen sollte. Meine einzigen fixen Termine waren Arztbesuche, später die Chemotherapie. Einige Freunde sagten damals: ‚Nur weil dein Leben gerade stehen bleibt, bleibt das Leben der anderen nicht stehen.‘ Aber auch mein Leben blieb nicht stehen.

Im Gegenteil: Ich habe erst angefangen zu leben. Ich wusste, dass mir zwischen den Chemotherapie-Sitzungen nur wenige Tage bleiben, an denen es mir gut geht und ich etwas unternehmen kann. Ich habe gelernt, die Zeit zu schätzen: Statt von Treffen zu Treffen zu hetzen, verabrede ich mich nur noch mit einer Freundin am Tag. Und nehme mir dafür bewusst Zeit. Ich habe mir endlich ein Kaninchen angeschafft und angefangen zu bloggen. Alles Herzenswünsche von mir, für die ich mir früher keine Zeit genommen habe. Durch die Krankheit habe ich ein völlig neues Bewusstsein für die Zeit entwickelt.“

Der Filmemacher

Philipp Hartmann, 46 Jahre, Regisseur

Wann haben Sie sich zum ersten Mal Gedanken über die Zeit gemacht?

Mit zunehmendem Alter denkt man häufiger über die Endlichkeit des eigenen Lebens nach. In einem Gespräch mit Freunden kamen wir vor einigen Jahren darauf, dass ein 1972 geborener Mann in Deutschland statistisch gesehen 76,5 Jahre alt wird. Ich stand damals kurz vor dem statistischen Mittelpunkt meines Lebens und wollte mich ausgiebig mit Zeit beschäftigen. Das war der Auslöser für meinen Film „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“. Der Film beschäftigt sich mit dem Verständnis von Zeit und wie verschiedene Menschen Zeit beurteilen.

Was bedeutet der Titel?

Das Zitat stammt von meiner Großmutter. Was es genau bedeutet, weiß ich nicht. Ich mag aber gerade dieses Offene und Rätselhafte. Deswegen habe ich das Zitat als Filmtitel gewählt – im Film symbolisiert der Satz auch das, was ich, dramaturgisch etwas zugespitzt, meine Chronophobie nenne: die Angst vor dem Vergehen der Zeit. Oder allgemeiner, die Machtlosigkeit gegenüber der Vergänglichkeit.

Wann ist bei Ihnen zuletzt die Zeit stehen geblieben?

In der bolivianischen Salzwüste, wo wir einige Filmszenen gedreht haben. In der unendlichen Weite dort kann man jegliches Gefühl für Zeit und Raum verlieren. Eine Erfahrung, die ich für den Film in Bilder übersetzen wollte.

Der Geflüchtete

Abdulrhman Alkkhalaf Alherata, 28 Jahre, aus Syrien und Essenslieferant bei Foodora

„Ich stamme aus einem kleinen Dorf im Osten Syriens. Als der IS die Stadt einnahm, bin ich geflohen. Seit Januar 2016 lebe ich in Deutschland. Die ersten sieben Monate waren hart. Ich lebte in einem Camp für Flüchtlinge und musste wochenlang ausharren, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Ich wollte arbeiten, doch dazu brauchte ich Papiere. Bis ich alle Formalitäten geklärt hatte und einen Platz für einen Sprachkurs bekam, vergingen vieleWochen. Zum Glück ging es den anderen Geflüchteten ähnlich, so konnten wir zumindest die freie Zeit gemeinsam verbringen. Damit uns die Zeit nicht so lang vorkam, haben wir viel geschlafen. Ich fühlte mich schlecht, irgendwie nutzlos.

Eigentlich bin ich nach Deutschland gekommen, um zu arbeiten und mir ein besseres Leben aufzubauen. Doch in den ersten Wochen konnte ich nur eins tun: warten. Inzwischen lebe ich in einer eigenen Wohnung und arbeite als Fahrer für Foodora. Ich kann selbst entscheiden wie ich meine Zeit einteile, ich fühle mich endlich unabhängig. Deutschland hat mir gezeigt, dass es auch ein anderes Verständnis von Zeit gibt als das, was ich vorher kannte: Die Deutschen sind sehr pünktlich und gehen strenger mit ihrer Zeit um. Das ist anders, als ich es kenne. Aber es stresst mich nicht – die Routine kommt nach ein paar Monaten von selbst.“

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Die junge Mutter

Mareike Dressmann, 26 Jahre, Journalistin und Bloggerin

Wann haben Sie zum ersten Mal über Zeit nachgedacht?

Bis Anfang zwanzig war Zeit für mich gar kein Thema, ich habe in den Tag hineingelebt. Erst als das Ende meines Studiums näher rückte, habe ich mir Gedanken gemacht: Was möchte ich in Zukunft machen? Was ist der Plan für die kommenden fünf Jahre? Und: Wann bin ich eigentlich zu alt, um eine Familie zu gründen?

Wie hat sich die Zeit für Sie verändert, seit Ihr Sohn auf der Welt ist?

Er wurde im Februar 2017 geboren. Seitdem fühlt sich Zeit ganz anders an. An Kindern sieht man erst, wie schnell sie wirklich vergeht und wie viel so kleine Menschen in kürzester Zeit lernen. Zeit ist aber auch ein wichtiger Faktor, um sich zu orientieren: Wann hat der Kleine das letzte Mal gegessen? Wie lange ist er schon wach und wann steht das nächste Schläfchen an? Der Tag ist stärker durchgetaktet als früher. Da habe ich kaum auf die Uhr geschaut, sondern viel instinktiv getan.

Was bedeutet Zeit für Sie heute?

Sie ist ein wertvolles Gut für mich geworden. Die Zeit, die ich mit meiner eigenen Familie verbringen darf, aber auch die Zeit für mich selbst – denn die ist definitiv weniger geworden.