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19 October 2018 / Lesezeit: 5 minuten

Zeit-Gedanken

Junge Zeit – alte Zeit

Wie verändert sich unser Zeitempfinden im Laufe des Lebens? Ein Generationengespräch gibt Antworten

Wie verändert sich unser Zeitempfinden im Laufe des Lebens? Wann rennt die Zeit, wann kriecht sie dahin, und woran liegt das? Zwei Menschen haben darüber miteinander gesprochen: die Schülerin Ruby Partyka, 10, und die pensionierte Lehrerin Erika Schmidt, 79. Ein Generationengespräch

Frau Schmidt, Ruby, wie sieht ein typischer Tag bei Euch aus?

Ruby Partyka: In der Woche habe ich jeden Tag von 8 bis 13:20 Uhr Schule. Danach bin ich in der Betreuung. Dort gibt es Essen, wir machen Hausaufgaben, ich spiele mit den anderen Kindern. Um 15 Uhr bin ich meist zuhause. Dienstags und donnerstags gehe ich zum Tennis, freitags spiele ich eine Stunde Klavier. Ach ja, und freitags treffe ich meine beste Freundin.

Erika Schmidt: Du hast ja viel um die Ohren. Ich versuche, mir jeden Tag nur eine Sache vorzunehmen. Das ist der Luxus im Alter, da ist jeder Termin ein Highlight. Ich engagiere mich bei der Nachbarschaftsinitiative Kölsch Hätz, unterrichte Flüchtlingskinder, freitags arbeite ich ehrenamtlich im Altenheim. Aber auch ein Frühstück mit einer Freundin kann Highlight sein. Ich nehme mir für jedes Ereignis genug Zeit, um es zu genießen.

Empfindet Ihr Euren Alltag als stressig?

Ruby: Nein, gar nicht. Ich habe ja zwischendurch immer Zeit für mich, zum Beispiel in der Betreuung bevor es Essen gibt oder wenn ich nach Hause komme. Ich ruhe mich kurz aus und dann geht es weiter. Stressig ist das nicht. Der Tag ist gut eingeteilt.

Schmidt: Nein. Ich empfinde die Zeit, die ich habe, als Geschenk. Und ich kann selbst bestimmen, wie ich sie einteilen möchte.

Ruby: Geht der Tag schnell vorbei, wenn man wenig vorhat?

Schmidt: Oh ja. Die freien Tage gehen viel schneller vorbei als die, an denen Verpflichtungen anstehen. Oft staune ich, dass schon wieder ein Tag rum ist. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich für die einfachsten Dinge heute mehr Zeit brauche als früher. Zum Beispiel zum Frühstücken oder um mich fertigzumachen. Wenn es Termine gibt, dann stehe ich eben früher auf.

Gehen Deine Tage schnell vorbei?

Ruby: Das kommt drauf an. Wenn ich auf etwas warte, dauert es manchmal ewig, und wenn ich mich beeilen muss, rast die Zeit. Wenn ich morgens aufstehe und mich fertig mache, ist die Zeit viel schneller vorbei, als wenn ich darauf warte, dass eine Freundin kommt. Und ein Schultag geht schneller vorbei als ein Tag am Wochenende, an dem wir einen Ausflug machen.

Schmidt: Und wie ist das, wenn du ganz lange auf etwas wartest, so wie Weihnachten?

Ruby: Gerade war ich bei einem Konzert von Nena. Da musste ich lange drauf warten, das habe ich zu Weihnachten geschenkt bekommen. Zwischendurch hatte ich das schon wieder vergessen und dann wurde mir plötzlich bewusst, dass es jetzt so weit ist.

Schmidt: Wenn ich auf ein großes Ereignis warte, dann scheint sich die Zeit manchmal in die Länge zu ziehen. Grundsätzlich vergeht Schönes schneller als Unangenehmes.

Ruby: Ja, genau. Das ist bei mir auch so.

Wie würdet Ihr Eure Zeit an einem perfekten Tag einteilen?

Ruby: Ich würde erst mal ausschlafen. Dann im Bett liegen, lesen und ganz lange im Schlafanzug bleiben! Das wäre so ein richtiger Schlumpftag, so nennen wir das bei uns zuhause. Nachmittags würde ich dann auch mal rausgehen, das ist mir schon wichtig. Ich spiele gerne draußen. Zum Beispiel mag ich es, im Schwimmbad zu sein. Abends würde ich einen Film schauen. Am liebsten mit meiner besten Freundin.

Also so ein richtiger Ferientag …

Ruby: Ich liebe Ferien. Wenn meine Freunde mal keine Zeit haben, dann mache ich mit meinem Papa was Schönes, der ist Lehrer und hat in den Ferien auch immer Zeit. Nur manchmal muss er Arbeiten korrigieren und dann bin ich zuhause und warte. Das ist langweilig.

Schmidt: Ich habe in den Ferien immer meine Freunde aus der Schule vermisst. Ich hatte in den Ferien oft das Gefühl, zu viel Zeit zu haben. Aber früher war das auch ganz anders als heute: Ich musste zum Beispiel viel im Haushalt mitarbeiten. Das war selbstverständlich. Heute geht es in der Kindheit um Bildung, Musik und Sport. Dafür hatten wir damals kaum Zeit.

Ruby: Hattest du keinen Musikunterricht oder Sport?

Schmidt: Doch, aber nicht viel. Ich musste zuhause immer Wäsche waschen, und das war anstrengend genug: Von der Waschküche bis zum Speicher waren es vier Etagen, da hatten meine drei Geschwister und ich gut zu tun. Im Winter haben wir mit Briketts geheizt, die mussten wir aus dem Lager zum Ofen schleppen. Das war wirklich anstrengend.

Im Laufe der Zeit hat sich unser Alltag sehr verändert. Sind Handys oder Computerspiele für Euch Zeitfresser?

Ruby: Ja, absolut. Mit dem Handy verbringe ich schon viel Zeit.

Schmidt: Ich habe ein Handy – aber das ist eins aus der Steinzeit (lacht). Das ist nur für den Notfall. Ich habe nicht das Bedürfnis, damit Zeit zu verbringen.

Ruby: Ich schon!

Schmidt: Und was machst du dann damit?

Ruby: Ich schreibe meinen Freunden Nachrichten oder spiele ein bisschen, das macht Spaß. Oder wir drehen zusammen Videos, machen Quatsch – damit können wir uns schon lange beschäftigen. Wenn die Schule vorbei ist, greife ich zuerst zum Handy. Zwar gibt es bei uns auch Regeln, wann ich ans Handy kann und wann nicht, aber grundsätzlich wird das Chatten mit den anderen immer wichtiger. In meiner Klassengruppe wird viel geschrieben, außerdem kommen viele Sprachnachrichten. Die höre ich mir schon gar nicht mehr an, da mache ich lieber andere Dinge.

Schmidt: Also guckst du schon danach, was dir wichtig ist und was nicht?

Ruby: Ja, genau. Sonst mache ich ja kaum noch was anderes.

Wie oft denkt Ihr bewusst über Zeit nach?

Schmidt: Mir wird immer mehr bewusst, dass mein Leben nicht mehr so lange dauern wird. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir die Zeit richtig davonläuft. Dieses Jahr ist auch schon wieder zu einem Drittel vorbei. Wenn man jung ist, denkt man noch: Ach, Weihnachten kommt doch jedes Jahr, ich habe noch so viel Zeit. Aber je älter man wird, desto mehr merkt man, dass die Lebenszeit irgendwann vorbei ist. Früher habe ich immer nach vorne geblickt, auf die Meilensteine. Jetzt habe ich das Wesentliche schon erlebt. Natürlich ist es noch nicht vorbei. Aber manchmal schaue ich schon in meinen Kalender und frage mich: Wie viel kommt da noch? Wie viele Weihnachten darf ich noch erleben?

Ruby: Ich freue mich immer auf die Meilensteine, zum Beispiel auf Geburtstage. Ansonsten denke ich nicht so viel über Zeit nach.

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Wofür habt Ihr immer zu wenig Zeit?

Ruby: In der Woche hätte ich gerne mehr Zeit, um mich mit Freunden zu treffen. Manchmal wünsche ich mir weniger Termine und vielleicht etwas mehr Zeit für mich. Und dass nicht so viele Sachen hintereinander kommen. Montags ist ganz besonders eng, da muss ich mich vom Wochenende erholen. Schmidt: Ich habe nie zu wenig Zeit. Selbst wenn ich jeden Tag einen Termin habe, bleibt mir zum Beispiel immer noch genug Zeit, die ganze Zeitung zu lesen. Endlich lohnt sich das Abo mal! (lacht) Ich verschenke daher gerne Zeit, indem ich mich gemeinnützig engagiere.

Es ist gleich 16 Uhr. Was macht Ihr mit der restlichen Zeit heute?

Schmidt: Heute ist so schön warm, da esse ich gleich noch ein Eis. Aber nur, wenn die Schlange am Eisladen nicht so lang ist. Sonst hole ich mir lieber eins aus der Kühltheke im Supermarkt. Und du, Ruby?

Ruby: Ich gehe zum Klavierunterricht, aber vorher gibt es auch ein Eis. Dafür stelle ich mich gern ein paar Minuten an. Dann schmeckt es noch besser.