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28 September 2018 / Lesezeit: 2 minuten

Zeit-Gedanken

Das zeitliche Dilemma

Wir haben den Philosophen Norman Sieroka von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich nach der Sicht der Philosophie auf die Zeit gefragt

Was verstehen wir unter Zeit? Wir haben Forscher aus sechs Disziplinen nach ihrer Sicht auf die Zeit gefragt. Diesmal befragen wir dazu den Philosophen Norman Sieroka von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich

Der Blick auf die Forschung macht klar: Es greift zu kurz, Zeit vor allem als persönliches Effizienzproblem zu betrachten und händeringend nach Wegen aus Time-Stress zu fragen. Zeit also, den Blick zu erweitern. Wir haben Wissenschaftler gefragt: Was beschäftigt Sie am Phänomen der Zeit? Herausgekommen ist kein How-to in besserer Zeiteinteilung, sondern ein Streifzug durch die Wissenschaft, voller Anregungen. Ein Philosoph sollte uns näherbringen: Wo liegt der Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Zeit – und was bedeutet er?

Zeit lässt sich nicht anhäufen wie Geld auf der Bank

Norman Sieroka ist in zwei Wissenschaften zuhause: Der Physik und der Philosophie. Als Physiker weiß er: Zeit lässt sich nicht anhäufen wie Geld auf der Bank. Deswegen sind Redewendungen wie „Ich habe Zeit gespart“ oder „Ich habe Zeit verloren“ irreführend. „Vielleicht werde ich schneller fertig als erwartet – doch diese Minuten kann ich nicht auf die hohe Kante legen und eines Tages verzinst für etwas anderes abheben.“ Die physikalische Zeit, die uns zur Verfügung steht, sind 24 Stunden pro Tag. Nicht mehr, nicht weniger.

Als Philosoph weiß Sieroka: Diese objektiv messbare Zeit ist nur die halbe Wahrheit. Pro Stunde springt der Zeiger im vorgegebenen Takt 3600 Mal von Sekunde zu Sekunde. Und doch empfindet der Mensch diese Zeitspanne unterschiedlich. Mal vergeht die Stunde rasend schnell, das erzeugt mitunter Stress, „gefühlt hinke ich der Zeit hinterher“, so Sieroka. Mal zieht sie sich, „gefühlt bin ich der Zeit voraus“.

Ebenfalls eine Rolle für das Empfinden spielt, ob diese Stunde gerade stattfindet, also gegenwärtig ist, ob sie hinter einem liegt oder in der Zukunft. Beispiel Zahnarzt: „Es ist keinesfalls das Gleiche, ob der Besuch gestern war, morgen sein wird oder der Arzt seinen Bohrer gerade jetzt ansetzt.“

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Warum das wichtig ist zu wissen? Sieroka hilft die Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiver Zeit dabei, gelassener zu werden. Aber auch ehrlicher. Sich selbst gegenüber und anderen. Wenn sein Sohn ihm etwas zeigen möchte, sagt er nicht mehr „keine Zeit“. Er überlegt: Was hält mich wirklich davon ab? Muss ich an meinen Vortrag weiterschreiben oder habe ich keine Lust? Und: Warum bin ich noch nicht fertig? Zu spät angefangen, zu lange mit Kollegen gequatscht? „Die Zeit an sich“, so Sieroka, „ist jedenfalls nicht schuld. Sie hält lediglich als Ausrede her.“

Er möchte das subjektive Zeitempfinden nicht kleinreden. Doch je häufiger der Satz „Ich habe keine Zeit“ fällt, unreflektiert und wie aus der Pistole geschossen, desto stärker werde unser allgemeines Gefühl, „nicht Herr unserer Zeit zu sein“. Ein gesellschaftliches Dilemma. Darauf hinzuweisen ist für den 43-Jährigen auch eine Aufgabe der Philosophie. Und darüber zu diskutieren, wie subjektive Eigenzeit und objektive Weltzeit besser miteinander in Einklang zu bringen sind. Ein Patentrezept hat Sieroka nicht. Aber die Diagnose ist für ihn die halbe Therapie.