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24 September 2018 / Lesezeit: 3 minuten

Zeit-Gedanken

Die Definition von Zeit

Wenn wir über Zeit reden, dann immer über einen Mangel. Hier sind die viel interessanteren Aspekte

Schnelligkeit darf nicht länger als Wert an sich hingenommen werden. Wir haben Forscher aus sechs Disziplinen nach ihrer Sicht auf die Zeit gefragt.

Es scheint, als seien wir umstellt: Die Zeit ist knapp. Wir fühlen uns gehetzt. „Beeil dich“, sagen wir morgens zu den Kindern, die Kita wartet, die Schule ruft, der Job drängt, wir müssen los. „Los, los, das muss heute noch fertig werden“, hören wir dann im Job, das Konzept, der Kunde, der Geschäftspartner, oder, verdammt, der Drucker dieser Zeitschrift, alle warten, dass die Arbeit endlich getan ist. Dann fix auf zum Termin, auch der steht an, gleich danach. Handy, Block, Rucksack geschnappt, Treppe runter, Fahrrad raus, in die Pedale treten, schnell, schnell. „Weiter, weiter“, denken wir frühabends, wenn die Bürotür ins Schloss fällt, Sport machen, einkaufen, kochen, essen. Familientalk, Kuss fürs Kind, schlaf schön, Freunde treffen oder, oh ja, dringend überfällig, Kunst gucken – ach, verflixt, schon so spät. Wieder keine Zeit für das Flüchtlingscafé, politisches Engagement und das Buch neben dem Bett. Kurz noch Mails checken, Insta posten, Licht aus, rum ist der Tag. Und wieder fühlt es sich an, als seien die grauen Zeitdiebe aus Michael Endes Roman Momo geklettert und hätten irgendwo zwischendrin unbemerkt Zeit gestohlen.

Deutschland 2018. Wenn wir heute über Zeit sprechen, geht es fast immer um Stress, Beschleunigung, Zeitknappheit. In unserer durchökonomisierten Welt ist Zeit zum zentralen Angelpunkt des Lebens geworden. „Die Marktwirtschaft beruht auf einer standardisierten, kontextualisierten, zur Ware gemachten Zeit“, schreibt die Zeitsoziologin Barbara Adam in ihrem Buch „Das Diktat der Uhr“. Zeit ist Geld, also ist Geschwindigkeit Pflicht. Schnell arbeiten, schnell denken, schnell Geld anlegen. „Diese Zeitökonomie ist hat sich im gesamten Leben durchgesetzt.“

Zunehmend wird der Alltag gemessen, geregelt, getaktet. Und seitdem nicht mehr die Uhr, sondern das Smartphone das Tick-Tack vorgibt, verbindet, sendet, informiert, wächst die gefühlte Beschleunigung erst recht. Sicher, seit ein paar Jahren regt sich Widerstand. Gehen die einen Off-Grid, üben die anderen Slow Motion. Doch die Gesellschaft vermeidet die Auseinandersetzung mit den grundsätzlichen Fragen: Was ist Zeit überhaupt? Welche Zeitvorstellungen stehen hinter unserem Lebenstakt, welche Konsequenzen haben sie und was könnten wir anders machen?

Wir müssen unsere Definition von Zeit hinterfragen

Beispiel Umwelt. Wo nur schnelle Autos hohes Prestige haben, steigen Energieverbrauch und Umweltbelastung. Beispiel Bildung: Wo nur die fixen Kinder als besonders schlau gelten, fragt niemand mehr, ob langsamere mit etwas mehr Zeit vielleicht ebenso Gutes oder sogar Besseres leisten könnten. Adam: „Wir dürfen Schnelligkeit nicht länger als Wert an sich hinnehmen und müssen anfangen, unser Verständnis von Zeit zu hinterfragen.“

Wissenschaftler vieler Disziplinen beschäftigen sich mit der Erforschung der Zeit. Die bekanntesten populärwissenschaftlichen Publikationen in den vergangenen Jahren, viele von ihnen Bestseller, drehen sich um die gefühlte Zeitknappheit: Von „Beschleunigung und Entfremdung“ schreibt der Soziologe Hartmut Rosa, die Symptome einer „pausenlosen Gesellschaft“ analysiert der Biologe Rafael Ball, der „Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens“ geht der Philosoph Heinrich Weinrich auf die Spur. Doch es gibt weit mehr: Chronobiologen nehmen die Rhythmen des Körpers unter die Lupe, Erziehungswissenschaftler fragen nach dem Zusammenhang von kindlicher Entwicklung und Zeit, Psychologen erkunden die subjektive Wahrnehmung der Zeit.

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Blick auf die Forschung

Der Blick auf die Forschung macht klar: Es greift zu kurz, Zeit vor allem als persönliches Effizienzproblem zu betrachten und händeringend nach Wegen aus Time-Stress zu fragen. Oder, wie es die Kulturwissenschaftlerin Heike Paul formuliert: „Zeit scheint uns so selbstverständlich. Doch je mehr man sich mit ihr beschäftigt, desto mehr wird sichtbar, wie stark sie unser Leben auf unterschiedliche Weise bestimmt, auch wo wir uns dessen nicht bewusst sind.“

Zeit also, den Blick zu erweitern. Wir haben Wissenschaftler gefragt: Was beschäftigt Sie am Phänomen der Zeit? Von einem Historiker wollten wir wissen: Inwieweit haben sich Zeit- und Zukunftsvorstellungen im Laufe der Geschichte geändert? Eine Kulturwissenschaftlerin sollte uns verraten: Wie wird Zeit in unterschiedlichen Kulturen wahrgenommen? Von einem Biologen wollten wir wissen: Was macht die Zeit mit Organismen und warum lässt sie uns altern? Einen Physiker haben wir gefragt: Was ist das überhaupt – Zeit? Wie kann man sie messen? Ein Philosoph sollte uns näherbringen: Wo liegt der Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Zeit – und was bedeutet er? Und zu guter Letzt wollten wir von einem Berufsforscher wissen: Tickt die Zeit in der Arbeitswelt überall gleich?