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2 März 2021 / Lesezeit: 6 minuten

Astronaut Gerhard Thiele

„Mit ungeheurer Macht zog es mich hinaus“

Gerhard Thiele trat am 11. Februar 2000 gemeinsam mit einem internationalen Team im Spaceshuttle „Endeavour“ die Reise ins Weltall an. Das Ziel der Mission: Die Vermessung der Erde. 

IMAGO / agefotostock

IMAGO / agefotostock

11 Tage, 5 Stunden und 38 Sekunden war der deutsche ESA-Astronaut Gerhard Thiele mit dem Spaceshuttle im Jahr 2000 im All. 181-mal hat er mit seiner Crew die Erde umkreist. Wie hat er das erlebt?

Herr Thiele, am 11. Februar 2000 sind Sie in den Aufzug zum Level 170, der Einstiegsplattform des Spaceshuttles, gestiegen – zum Flug ins All. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Es hätte mich nicht überrascht, wenn ich aufgeregt gewesen wäre. Aber ich war es nicht. Schon in der Nacht vor dem Start hatte ich geschlafen wie ein Murmeltier. Wir haben die Abläufe ja jahrelang vorher geübt, alles war vertraut. Man fährt zur Plattform, die Aufzugtüren öffnen sich und vor einem liegt das wunderschöne Naturschutzgebiet Cape Canaveral. Erst als sich am 11. Februar die Aufzugtüren öffneten, wurde mir mit einem Schlag bewusst: Heute ist etwas anders. Ich sah in einen Stangenwald: Auf all die zusammengeschobenen Gerüste der Ladebucht, die erst kurz vor dem Start des Shuttles weggerollt werden und mir jetzt die Aussicht verdeckten. Plötzlich flogen alle Schmetterlinge im Bauch. Aber ich hab mir gesagt: Gerhard, jetzt ist es zu spät.

Doch noch dauert es zweieinhalb Stunden, bis das Shuttle abhebt …

… ja, aber im Training programmiert man sich den Ablauf wie einen Film im Kopf ein. Man ist Darsteller in diesem Film und weiß ganz genau, wie es weitergehen soll. Solange das so ist, ist man …

entspannt?

Ich würde sagen positiv angespannt. Ich wusste ja, dass immer eine Abweichung kommen kann. Aber sie kam nicht.

Irgendwann starten endlich die Triebwerke …

Die letzten sieben Sekunden vor dem Start werden sie über den gesamten Schwenkbereich getestet, sie steuern schließlich die Rakete beim Aufstieg. Dabei schwankt das Shuttle spürbar vor und zurück. Endlich zünden die Raketen, das Shuttle startet und ich weiß noch, wie ich gedacht habe: Oh, das geht aber wirklich ab. Zum Glück musste ich mich auf das Ablesen der Instrumente konzentrieren. Zwei, drei Sekunden nach dem Start habe ich mir kurz einen kleinen Spiegel vors Gesicht gehalten, um rückwärts nach unten schauen zu können – das Einzige, was ich sah, war: Das da unten verschwindet rasend schnell.

Start der „Endeavour“, Cape Canaveral, am 11. Februar 2000 um 17.43 Uhr UTC: Astronaut Gerhard Thiele nimmt ein Notizbuch mit, in das er die Schöpfungsgeschichte klebt, die Taufsprüche seiner vier Kinder, seiner Frau und von sich selbst. „Ich kann sie auswendig, aber es war gut zu wissen, dass sie bei mir sind.“ Bild: IMAGO / UPI Photo

Wollten Sie immer Astronaut werden? Sie sind ja in der Zeit aufgewachsen, als der Run zum Mond begann.

Meine Eltern haben 1965 ihren ersten Fernseher gekauft, schwarz-weiß natürlich. Er war ein Heiligtum, das wir Kinder nicht anfassen durften. Wenige Wochen später sah ich auf diesem Fernseher den Start der Gemini 3. Ich war damals elf Jahre alt und völlig sprachlos, als die bemannte Rakete in den Himmel flog. Ich habe mir gesagt: Das will ich auch mal. Trotzdem war es natürlich alles andere als ein gerader Weg. Mich haben die Naturwissenschaften interessiert, ich habe Physik studiert und als sich die Gelegenheit ergab, das mit Raumfahrt zu verbinden, habe ich es probiert.

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Muss man körperlich und geistig extrem fit dafür sein?

Wir Astronauten sind ganz normale Menschen. Voraussetzung ist: gesund sein, und zwar komplett. Das ist gar nicht so einfach. Viele Menschen haben irgendein kleines Manko, das unter normalen Umständen unentdeckt bleibt. Doch je tiefer man schaut, desto mehr findet man. Die Mediziner checken 13 Systeme, vom Herzkreislauf über den Muskelapparat bis zum Skelettsystem – in keinem einzigen darf man schlechter sein als der Durchschnitt.

Die Testpiloten der ersten Missionen mussten noch höchste körperliche Anforderungen erfüllen …

… und zudem extrem schnell entscheiden können. Kurze Reaktionszeiten und wenig Furcht vor Gefahr. Man schoss ja Menschen in kleinen Raumfahrtbüchsen zum ersten Mal ins All und wusste überhaupt nicht, was sie dort erwartet. Der „man in the can“ musste funktionieren wie ein technisches System, egal wie er sich fühlte. Heute weiß man viel mehr darüber, was der Körper im All braucht oder nicht, also ändern sich auch die Zugangsvoraussetzungen. Als Wissenschaftsastronaut muss man ohnehin ganz andere kognitive Fähigkeiten mitbringen: in kurzer Zeit 90 Experimente zum Teil gleichzeitig durchführen können, komplexe Handlungen überblicken, auch unter Druck fehlerfrei arbeiten und wenn nötig schnell komplett umswitchen können.

Ihre wissenschaftliche Aufgabe an Bord war die topografische Vermessung der Erde. Darüber hinaus, wie läuft so ein Alltag 350 Kilometer über der Erde?

Es gibt einen straffen 24-Stunden-Rhythmus, die Zeitmessung beginnt mit dem Start. Aufstehen, Morgentoilette, Lunch, wissenschaftliche Arbeit, Abendessen, private Zeit – alles ist minutiös vorgeschrieben. Jeden Tag wurde das Fahrradergometer aufgebaut, damit wir uns körperlich fit halten. Wir haben in zwei 12-Stunden-Schichten gearbeitet, hatten ein dichtes Arbeitsprogramm. Das war sehr anstrengend, schlafen war danach gar kein Problem.

Gerhard Thiele, Bordtagebuch

10.2.2000
„Das Shuttle steht frei auf der Startrampe, die Serviceplattform ist zurückgerollt. Dutzende Scheinwerfer strahlen die Endeavour an. Über uns wölbt sich ein klarer Sternenhimmel. Morgen werden wir zu diesem Sternenhimmel gehören und die Erde als ein heller Stern umkreisen. Ich versuche, mich hinaufzudenken, versuche mir vorzustellen, wie es sein muss, auf die Erde zu sehen, aber es will mir nicht gelingen. Morgen werde ich es wissen.“

21.2.2000
„Die meiste Zeit verbringe ich am Fenster: Ich nehme mir Zeit für die Sonnenauf- und Sonnenuntergänge. Mir ist, als sähe ich sie zum ersten Mal.“

Duschen gibt es nicht, oder?

Nein, bis heute nicht, wir haben uns mit feuchten Waschlappen gewaschen. Bei mir hat sich das Schmecken verändert, ich hatte plötzlich unheimlich Lust auf Herzhaftes und habe ganz viel Shrimpscocktail mit scharfer Meerrettichsauce oder Kartoffelgratin gegessen. Normalerweise liebe ich Schokolade, aber die fünf Tafeln, die ich mithatte, habe ich die ersten fünf Tage nicht angefasst.

Elf Tage mit drei Kollegen und zwei Kolleginnen auf engem Raum – geht man sich da nicht auf die Nerven?

Das gab es in der Raumfahrt immer wieder, aber dann hat es schon vorher geknirscht, schließlich trainiert man eineinhalb Jahre zusammen. Auf unserer Mission sind wir sehr gut miteinander zurechtgekommen. Das war nicht selbstverständlich. Die NASA hat damals nicht so darauf geachtet, dass die Teammitglieder zusammenpassen. Für zehn Tage könne man sich schließlich zusammenreißen. In Russland dagegen konnten die Astronauten schon damals sagen: Mit dem oder der möchte ich nicht fahren. Es war sogar üblich, dass die Crewmitglieder einen Teil der T-Shirts der Kollegen auswählten –  sie mussten sie schließlich die ganze Zeit anschauen. Heute ist auch in den USA das Miteinander im Team sehr wichtig. Anders geht es bei Langzeitmissionen oder auf der Raumstation auch nicht.

Haben Sie einen Space Walk machen können?

Fast wäre es dazu gekommen. Für die Vermessung der Erde hatten wir einen 60 Meter langen Mast mit einer Außenantenne ausgefahren. Am Ende der Mission mussten wir ihn wieder einholen. Im Mast verliefen viele 60 Meter lange elektrische Kabel. Doch die Kabel wurden in der Kälte des Weltraums steif, der Mast fuhr nicht ganz ein, am Ende fehlten fünf Zentimeter.  Da hätte ich gerne von außen nachgeholfen. Aber die Bodenstation fand schließlich eine Lösung, ohne dass wir raus mussten.

Das Foto Earthrise, das der Apollo-8-Astronaut William Anders 1968 von der Erde machte, hat die Menschheit bewegt und der Umweltbewegung einen Schub gegeben. Wie war es, die Erde mit eigenen Augen zu sehen?

Natürlich ist das sehr beeindruckend, nachts schimmerte Europa manchmal wie Perlmutt durch die Wolkendecke. Fasziniert hat mich besonders unsere Atmosphäre. Wenn man senkrecht auf die Erde guckt, ist sie nicht zu erkennen. Schaut man hingegen schräg auf den Planten, auf den Horizont, sieht man ein hauchfeines, blaues Band, verblüffend dünn. Wir wissen ja: Die Atmosphäre ist etwa zehn Kilometer dick, sie umschließt eine Kugel von 12.000 Kilometer Durchmesser. Alles Leben, das wir kennen, findet nur dank dieser Schicht statt. Wenn man selbst sieht, dass so eine kleine Schicht unser Leben so gut schützt, ist das eine ungeheuer intensive emotionale Erfahrung. Dennoch hat mich etwas anderes am meisten beeindruckt: der Blick in die andere Richtung, ins Schwarze.

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In die Tiefe des Weltraums?

Ja. Wo komme ich her, wo gehe ich hin, diese Frage stellt sich wohl jeder von uns. Ich hatte das Gefühl, dass die Antwort auf diese Frage im Schwarzen zu finden ist. Mit ungeheurer Macht zog es mich hinaus. Es war ein Gefühl wie Heimkommen. Vielleicht ist unser Dasein auf der Erde tatsächlich nur temporär und danach gibt es etwas Anderes, Größeres. Ich werde oft gefragt, nenne mir doch drei Wörter, die deinen Raumflug beschreiben, dann sage ich: Kraft, Demut und Schwärze, aber nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge.

An welche besonderen Momente auf Ihrem Flug erinnern Sie sich?

An den letzten Tag im Orbit. Wir hatten unsere Experimente abgeschlossen, die Rückkehr vorbereitet. Es war nicht mehr viel zu tun. Nach Schichtende konnte ich etwas länger oben bei Dom, unserem Piloten bleiben, weil die Ablösung noch nicht kam. Ich hatte eine CD mit Beethovens Neunter Symphonie – für mich damals eines der größten Werke, die der menschliche Geist geschaffen hat – und Dom holte zwei kleine Boxen aus seinem Gepäck. Die Neunte erklang, Seite an Seite schwebten wir am Fenster und ließen die Erde an uns vorbeiziehen. Niemand sprach ein Wort. Es war wunderschön. Wenn man die Erde umkreist, gehört man nicht mehr zu ihr. Es ist wie in einer Zwischenwelt, als wären die Verbindungen einfach gekappt. Und doch habe ich mich den Menschen näher denn je gefühlt. In dem Moment, in dem Beethovens letzter Ton verklungen war, kam  die Schichtablösung.

Nun ist Ihre Tochter eine der beiden deutschen Astronautinnen, die vielleicht bald in den Weltraum fliegen. Hätten Sie das gedacht?

Ich freue mich, dass sie das macht. Sie bringt alles mit, was es braucht. Es ist schön, dass sie einen Traum hat, hart daran arbeitet und den Mut besitzt, den es braucht, damit er Wirklichkeit werden könnte.

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Würden Sie noch mal ins All fliegen, wenn sich die Gelegenheit böte?

Sofort. Ich habe ja noch immer die Hoffnung, dass mich meine Tochter fragt, Papa, willst du nicht mitkommen (lacht). Da würde ich sofort sagen: Bin dabei.

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Gerhard Thiele

geb. 1957, ist promovierter Physiker und war Astronaut der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Als Astronaut auf der Spaceshuttle-Mission STS-99 kartografierte er gemeinsam mit NASA-Kolleg*innen 80 Prozent der Landmasse der Erde. Danach wurde er als erster europäischer Astronaut von der NASA als Shuttle Capsule Communicator (CapCom)eingesetzt, der für den Funkverkehr zwischen Bodenstation und den Astronaut*innen zuständig ist. Von 2005 bis 2010 leitete er die Astronaut*innenabteilung der ESA und war verantwortlich für die Auswahl des derzeitigen Astronauten*innenkorps. Heute arbeitet Thiele als selbstständiger Berater und Lehrbeauftragter an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH).
Bild: IMAGO / agefotostock