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22 Juni 2022 / Lesezeit: 3 minuten

Deutscher und Russischer Imperialismus

Wie sprechen wir über Städtenamen in Osteuropa?

Die Altstadt von Poznań, in Deutschland immer noch Posen genannt. Die polnische Stadt wurde lange von Preußen besetzt. Ist es in diesem historischen Kontext in Ordnung, immer noch den deutschen Namen zu verwenden?

Bild: IMAGO / BE&W

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Seit 2022 heißt es in deutschen Medien immer öfter: Kyjiw statt Kiew. Die Nutzung ukrainischer Schreibweisen soll der russischen Besatzung zumindest symbolisch entgegenwirken. Aber sind wir dadurch respektlos gegenüber dem großen Anteil russischsprachiger Ukrainier:innen? Und was heißt das für die Verwendung deutscher Städtenamen in der Westukraine oder in Polen?

2018 warb das ukrainische Außenministerium unter dem englischen Hashtag #KyivNotKievdafür, im Ausland die ukrainische Schreibweise der Landeshauptstadt anstatt der russischen zu etablieren. Der Hintergrund: Obwohl Russisch und Ukrainisch miteinander verwandt sind, handelt es sich um zwei unterschiedliche Sprachen. Da Wladimir Putin die nationale Identität der Ukraine leugnet, verwenden seit Beginn der russischen Invasion immer mehr Medien, auch enorm, die ukrainische Schreibweise, um sich symbolisch für eine unabhängige Ukraine auszusprechen: Kyjiw statt Kiew.

Aber was ist mit dem großen Teil der ukrainischen Bevölkerung, der Russisch als erste Muttersprache spricht und daher ebenfalls russische Namen für ukrainische Städte verwendet? Übergeht man diesen Teil der ukrainischen Bevölkerung? 

 „Es stimmt, dass zum Beispiel die Einwohner:innen Charkiws zu großer Mehrheit Russisch sprechen und ihre Stadt daher Charkow nennen“, sagt Peter Oliver Loew, Leiter des Deutschen Polen Instituts und Professor für osteuropäische Geschichte. „Es ist wichtig diesen Kontext zu erwähnen. Dennoch halte ich es persönlich gerade für richtig, im Ausland die ukrainischen Schreibweisen zu verwenden, um dem russischen Anspruch auf das ukrainische Territorium etwas entgegenzusetzen.” Auch nehme der Anteil der ukrainisch-sprachigen Bevölkerung im Osten des Landes immer mehr zu – dank einer jahrzehntelangen Stärkung der Sprache durch ukrainische Politik.

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Mit Blick auf unser Nachbarland Polen tut sich jedoch anlässlich des ukrainischen Diskurses die Frage auf: Warum nennen wir in Deutschland die polnischen Städte Poznań, Gdańsk und Wrocław immer noch bei ihren historischen Namen Posen, Danzig und Breslau?  Sollten wir auch hier umdenken?

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Gdańsk oder Danzig: Städtenamen in Osteuropa

Ein völliges Verbot deutschstämmiger Namen werde vor allem von der nationalistischen Rechten in Polen gefordert, das sei jedoch eher eine Randerscheinung, sagt Loew. „Die meisten Menschen in Polen, gerade in den ehemals deutschen Gebieten, haben überhaupt kein Problem damit, dass Deutsche die historischen Namen dieser Städte verwenden. Was viele nicht wissen: die historischen deutschen Namen waren auch vor den Teilungen Polens im Gebrauch, in Posen und Danzig lebten spätestens seit dem 13. Jh. Deutsche. Breslau war seit dem Mittelalter böhmisch bzw. habsburgisch und dann ab dem 18. Jh. preußisch. Die deutschen Namen haben also eine sehr lange Geschichte. Genauso heißen deutsche Städte in Polen anders, zum Beispiel wird Göttingen Getynga genannt und Mainz Moguncja. Das wird als gleichberechtigt wahrgenommen“, so Loew. Dabei würde den Deutschen nicht unterstellt, aus einer imperialistischen Haltung heraus die alten preußischen Namen zu benutzen. Es sei dennoch wichtig, dass wir die polnischen Namen zumindest kennen, auch wenn wir die deutsche Bezeichnung verwenden. 

Ähnliches gilt etwa für die ukrainische Stadt Lwiw. Ihre deutschsprachige, historische Bezeichnung, Lemberg wird wegen der heterogenen Geschichte der Stadt toleriert. Die deutsche Namensform stammt noch aus dem Spätmittelalter und wurde auch in der Habsburgerzeit verwendet – als Lwiw Teil von Österreich-Ungarn war. Lange Teil von Polen-Litauen, heißt die Stadt bis heute in Polen Lwów, auch weil sie als jahrhundertelang weitgehend polnischsprachige Stadt eine große Bedeutung für die polnische Kultur und Geschichte hat, ohne dass man ihre Zugehörigkeit zur heutigen Ukraine in Frage stellt.  

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Bedeutender sei laut Loew derzeit die Debatte um die im Polnischen und in anderen osteuropäischen Sprachen übliche Präposition „na”, wenn von der Ukraine gesprochen wird. Übersetzt bedeutet sie so viel wie „auf” und bezeichnet eine Region, während einem eigenständigen Land in der Regel die Präposition „w”  beigefügt wird. „Die Präposition stammt aus der Zeit, in der Teile der Ukraine zu Polen-Litauen gehörten und impliziert, dass die Ukraine nur eine Region ist, kein eigenständiges Land. Angesichts von Putins Angriffskrieg gibt es eine starke Bewegung in Polen, stattdessen die Präposition „w” zu verwenden, um die Eigenstaatlichkeit der Ukraine zu betonen.“ So ist es kein Zufall, dass in Russland bis heute ebenfalls die Präposition „na” für die Ukraine verwendet wird.