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9 Dezember 2019 / Lesezeit: 3 minuten

Tandem-Projekt

Wie der Verein Female Fellows geflüchteten Frauen hilft

Teilnehmerin einer Demonstration zur Unterstützung Geflüchteter in Stuttgart (Symbolbild).

imago images / Ralph Peters

imago images / Ralph Peters

Sie basteln Wachstücher, belegen einen Selbstverteidigungskurs und kochen zusammen. Der Verein Female Fellows bringt geflüchtete Frauen mit Frauen aus der Region Stuttgart zusammen. So entsteht ein  geschützter Ort für weibliche Geflüchtete – und für intime Gespräche.

Frau Milli-Stern, warum braucht es die Female Fellows?

Unser Verein will Frauen mit Fluchterfahrung einen sicheren Raum bieten, in dem sie sich wohlfühlen können. Denn es gibt zu wenig geschlechtsspezifische Integrationsarbeit in Deutschland. Dabei zeigen Studien in anderen Ländern deutlich, dass die ganze Familie profitiert wenn man geflüchtete Frauen gezielt fördert. Ihnen kommt oft eine Schlüsselrolle in der Familie zu. Natürlich sind die Männer auch wichtig, aber es ist für sie ohnehin leichter, an
Fördermaßnahmen teilzunehmen, Frauen bleiben eher außen vor. Manche haben kleine Kinder zu betreuen und sind auf sich gestellt. In den großen Gruppen der Integrationskurse könnten sie untergehen.

Wie helfen Sie den Frauen konkret?

Wir bilden Tandems aus einer Frau mit Fluchterfahrung und einer beheimateten Frau, damit meinen wir Frauen, die schon länger in Deutschland sind und sich hier Zuhause fühlen. Meist treffen sie sich einmal die Woche für etwa eine Stunde. Ich koche zum Beispiel manchmal mit meiner Tandempartnerin. Mindestens einmal im Monat bieten wir außerdem Gruppenevents an, bei denen sich die Tandems untereinander austauschen können. Kürzlich haben wir an einem Bastelnachmittag gemeinsam Wachstücher hergestellt. Im Oktober gab es einen Selbstverteidigungskurs für unsere Frauen, um zu zeigen, dass Schutz vor Gewalt in jeder Kultur ein Thema ist, mit dem sich Frauen auseinandersetzen. Einmal stand das Thema „Menstruation“ im Vordergrund. Dabei wurde locker über das Thema gesprochen. Aktuell planen wir Workshops zur Integration in den Arbeitsmarkt. Wir möchten zum Beispiel mit den Frauen üben, Bewerbungen zu schreiben. Wir haben Dolmetscherinnen für Arabisch, Farsi und Dari in unseren Teams.

Wie profitieren die Frauen aus der Region von dem Verein?

Wir bilden Tandems – und bewusst keine Patenschaften. Wir wollen einen Mehrwert für beide Seiten schaffen und keine einseitige Betreuung. Alle Frauen profitieren von dem kulturellen Austausch. Manche lernen zum Beispiel eine neue Sprache oder neue Gerichte und wie man sie zubereitet. In Afghanistan wird zum Beispiel Milch mit Gurke getrunken, das schmeckt total erfrischend.

Wie bringen Sie zwei Frauen zusammen, die zueinander passen?

Mithilfe von Fragebögen. Die Frauen beantworten Fragen zu ihrem Wohnort, zu ihren Hobbys und sagen, was sie gerne zusammen machen möchten. Im nächsten Schritt lernen wir die Frauen persönlich kennen und bilden Tandems. Bis auf zwei Ausnahmen hat es bisher immer sehr gut gepasst. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren 30 Tandems vermittelt. Jeden Monat kommen neue Frauen auf uns zu. Derzeit haben sich noch 80 geflüchtete und 100 einheimische Frauen gemeldet, die gerne mitmachen wollen. Wir bringen sie Stück für Stück zusammen.

Sie haben mit einer Crowdfunding-Kampagne mehr als 10.000 Euro für Female Fellows gesammelt.

Um das Projekt aufzubauen, haben viele aus unserem Team bis zu 40 Stunden im Monat ehrenamtlich für das Projekt gearbeitet. Das hat seine Grenzen. Mit dem Crowdfunding, wollen wir eine feste Stelle finanzieren, die alles koordiniert. Aber immer noch stemmen die Ehrenamtlichen bei uns vieles, was eigentlich die Politik leisten sollte. Es ist schade, dass es so wenig Fördermittel für Projekte wie unsere gibt. Aktuell versuchen wir daher Stiftungen und Unternehmen als Förderer zu gewinnen.

Das heißt, sie brauchen weiteres Geld?

Female Fellows ist ein Herzensprojekt, aber manches können wir ohne Finanzierung nicht umsetzen. So möchten wir die beheimateten Frauen auf die Tandempartnerschaft vorbereiten. Manche Frauen könnten traumarisiert sein. Was kommt dann auf sie zu, wie können sie mit den Traumata umgehen? Für Workshops mit Experten brauchen wir Räume und Material. Das kostet natürlich Geld. Ziel ist es langfristig, das Projekt auf ganz Deutschland auszudehnen.

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Carolin Milli-Stern, 27, ist Projektkoordinatorin bei Female Fellows in Stuttgart.