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21 September 2021 / Lesezeit: 7 minuten

Aktivisten-Duo Herr & Speer

Die Polit-Influencer

Eine neue Story für Europa: Mit Ideen aus vielen Ländern wollen Vincent Herr und Martin Speer die EU aufmischen. Sie setzten sich dabei insbesondere für Frauenrechte und junge Menschen ein. 

Bild: Phil Dera

Bild: Phil Dera

In der Politik kann man nichts bewegen? Von wegen. Eine Begegnung mit den Europa-Aktivisten Vincent Immanuel Herr und Martin Speer.

Mitten auf dem Potsdamer Platz, auf dem Sockel der alten Ampel, sitzt Martin Speer und wartet entspannt. Autos hupen, Busse schnaufen, E-Roller sausen vorbei, über die Kreuzung wälzt sich ein Strom von Tourist:innen. Der einst verkehrsreichste Platz Europas ist noch heute ein Geäst von Hektik, Dynamik und erratischem Individualismus, einer jener Gesellschaftszustände, könnte man sagen, denen Martin Speer gerne Richtung gibt. Weichen stellt, Lösungswege zeigt. Zum Beispiel mit Ideen für die Zukunft Europas. Martin Speer, Basecap, bunte Sneaker, Jeans, breites Lachen, reicht ein blau-gelbes Buch rüber. Europe for Future. 95 Thesen, die Europa retten. „Hier für dich, frisch aus der Druckerei“, sagt Speer und steht auf. „Wollen wir uns einen Kaffee holen?“

Europe For Future

95 Thesen die Europa retten – Was jetzt geschehen muss
Herr&Speer, erschienen bei Droemer Knaur, 16,99 €.
Bild: Drömer Verlag

Aber, Moment mal. Fehlt da nicht etwas? Jemand? Die andere Hälfte des Duos Herr & Speer, das der Politik seit einigen Jahren Beine macht: Vincent Immanuel Herr. Martin Speer nickt. „Vincent hat heute Kinderdienst.“ Er wird sich später telefonisch vom Wickeltisch dazuschalten. Seit die sechs Monate alte Tochter Aili sein Leben auf den Kopf stellt, treffen sich Herr und Speer regelmäßig per Zoom oder starten, wenn die Elternzeit es zulässt, hier auf dem Potsdamer Platz zu Arbeitsspaziergängen. Tiergarten,  Spree, Regierungsviertel, oft mit Kinderwagen. „Im Gehen lässt sich besser denken“, sagt Speer, schnappt seinen Kaffee und los geht’s.

Herr & Speer also. Die Nachnamen des Teams, die so verwirrend gut zusammenpassen, als seien sie ein Marketinggag, sind längst zu einem festen Begriff verschmolzen, einem Meyer & Söhne der Aktivist:innenszene. Speer lacht. „Auf dem Cover des Europabuches hat der Verlag schon unsere Vornamen weggelassen.“ Seit fast zehn Jahren cruist das Duo jetzt über den Kontinent. Hat kostenfreie Interrail-Tickets für junge Europäer:innen durchgesetzt. Tingelt als HeForShe-Botschafter für UN Women Deutschland durch die Management-Etagen der Republik: „Männer, denkt mal weiter. Nur wenn wir gemeinsam für Gleichstellung kämpfen, wird sie eines Tages Realität.“

Frauenrechte und Europapolitik? Was hat das miteinander zu tun? „Bei beidem geht es ums Brückenbauen. Zwischen Europäer:innen, zwischen Männern und Frauen“, sagt Speer. „Und im Laufe unseres Aktivistenlebens haben wir gelernt, dass man am meisten verändern kann, wenn man alle mitnimmt, statt Andersdenkende auszugrenzen.“ Demokratie-skeptische Menschen in Osteuropa nicht verteufeln, sondern zur Diskussion einladen. Männern, die zotige Sprüche klopfen, nicht Sexismus vorwerfen, sondern Bewusstsein schaffen. 

Und könnten sie nicht Brücken bauen, hätten Herr und Speer vielleicht nie zusammengefunden, so unterschiedlich sind ihre Welten.

Da ist Martin Speer aus Leipzig, Osten. Die Eltern Regimekritiker:innen, 1989 flohen sie über die Prager Botschaft nach Bayern, den Dreijährigen im Gepäck. Sie bleiben die Fremdlinge, für ihn wird es eine Kindheit des Herantastens. Die Eltern raten zu reparieren, wenn andere neu kaufen. Sagen, sei leise, wo andere ermutigt werden: Sei laut. Dessen Familie schließlich zerbricht an der neuen Welt und an sich selbst, die Mutter kämpft mit Depressionen. Den Jugendlichen nehmen Nachbarn auf, „eine meiner Familien“, nennt er sie heute. Die andere sind die engen Freund:innen, mit denen Speer durch die Natur streift, manchmal tage- und nächtelang. Ohne diesen doppelten Rückhalt „wäre ich wohl abgedriftet“. So beißt er sich durch. Realschule, zweiter Bildungsweg. Ein Leben im Überlebensmodus ohne finanzielle und emotionale Sicherheit. In der Klasse ein Außenseiter, der Stärke aus dem Zusammenhalt mit anderen Außenseiter:innen zieht. „Das hat mich widerstandsfähig gemacht für Gegenwind heute.“

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Herr & Speer: Von Impact und Verantwortung

Da ist Vincent Immanuel Herr aus Berlin, Westen. Aufgewachsen in Wilmersdorf, Altbau, Stuck, Altsprachliches Gymnasium. Die Mutter ist Professorin für Kultur- und Musikwissenschaft, der Vater Geograf und Seelsorger. Ein Klavier im Wohnzimmer, Cellounterricht, Diskussionen am Abendbrottisch über Kant, Politik und soziale Verantwortung. Es ist ein Leben geprägt von emotionaler und finanzieller Sicherheit, von intellektueller Debatte und der Suche nach einem moralischen Kompass:  „Welchen Impact hat dein Handeln?“

Der Zufall führt Martin Speer und Vincent Herr, damals 21 und 19 Jahre alt, nach dem Abitur auf das gleiche College in Illinois, USA. Stipendien machen es möglich. Als einzige Deutsche steckt man sie zusammen in ein Zimmer. „Da haben wir entdeckt, dass wir wunderbar miteinander diskutieren können“, sagt Speer. „Nächtelang“, erinnert sich Herr. Wie geht Demokratie besser? Was ist Gerechtigkeit? Welche Rolle spielen Ideen für eine Gesellschaft und wie verhilft man ihnen zum Durchbruch? Sie eint nicht nur die Freude daran, Gesellschaft, Politik und Ideengeschichte zu verstehen, sondern vor allem: die Lust an der Suche nach Brücken zur Veränderung. Bei der großen Wahlkampfrede Barack Obamas in St. Louis sind sie 2008 live dabei. Speer: „Wir haben gespürt: Wandel ist möglich, Ideen haben Macht und nix läuft ohne Emotionen.“

Die Sonne knallt auf die Wiese im Tiergarten, Rasenmäher rattern. Martin Speer nimmt einen Schluck Kaffee. „Trotzdem hat es gedauert, bis wir beruflich zusammenkamen.“ 

Jeder sucht seinen eigenen Weg. Herr macht Wehrdienst bei der Bundeswehr, als „erster Soldat in einer Familie überzeugter Kriegsdienstverweigerer seit dem Zweiten Weltkrieg“. Getrieben von dem, wie er heute sagt, „vielleicht auch etwas naiven Wunsch, etwas für andere zu tun“, auch von dem Bedürfnis rauszukommen aus seiner runden bildungsbürgerlichen Welt. Später studiert er Geschichte in den USA. Speer gründet eine Firma für Nahrungsergänzungsmittel, getrieben von dem Bedürfnis, endlich unabhängig, finanziell sicher zu sein. Kniet sich rein bis zur Selbstaufgabe. „Warum machst du dich fertig für so einen Mist?“, fragt Herr. „Du hast keine Ahnung“, entgegnet Speer. Bis Heer begreift: Sinnsuche muss man sich leisten können. Speer erkennt: Es gibt mehr als finanzielle Sicherheit. Und braucht es nicht gerade Unterschiedlichkeit, um in einer Welt voller Unterschiede etwas zu bewegen? 2012 schließen sie sich zusammen – als Aktivistenduo.

Vor dem Reichstag stehen Tourist:innen Schlange, schwarze Limousinen rollen an der Wiese vorbei. Hier haben sie angefangen. Demos organisiert. Für Generationengerechtigkeit gekämpft. Klimaschutz, Bildung, mehr Bürger:innenbeteiligung. Immer wieder feilen Herr, der intellektuelle Theoretiker, und Speer, der begabte Netzwerker und Praktiker mit einem Blick fürs Wesentliche, an ihren Vorschlägen. Schreiben Artikel, verfassen Manifeste, fordern eine Jugendquote in Parteien, prangern die Zukunftsvergessenheit der Politik an. Analytisch, einfach, klar. Und machen eine „erstaunliche Erfahrung“: Wenn du jung bist und voller guter Ideen, wenn du verstehst, sie gut lesbar zu formulieren und engagiert zu vertreten, hören dir Entscheider:innen in Politik und Medien tatsächlich zu. Die Zeit veröffentlicht Artikel, Talkshows laden ein. Spaziergänge mit Bundestagsabgeordneten, Hintergrundgespräche mit Hauptstadtjournalist:innen, Kaffeerunden mit Regierungssprecher Steffen Seibert werden Alltag: „Wir haben die Leute einfach angequatscht und Lösungsvorschläge statt Problemen serviert.“

Zum richtigen Zeitpunkt jung

Vielleicht, sagt Speer heute, war es ein „Möglichkeitsfenster“. „Wir waren zum richtigen Zeitpunkt jung.“ Nur wenig Gleichaltrige engagieren sich politisch, Fridays for Future liegt noch in weiter Ferne. Er ist sich sicher: Wären sie zwanzig Jahre älter gewesen, hätte ihnen wohl kaum jemand zugehört.  „Aber alle wollten wissen: Was denkt die Jugend?“ 

Es ist wieder diese Frage, die das Duo 2014 auf Anregung von Mercator- und Heinrich-Böll-Stiftung durch Europa führt: Wie sehen junge Menschen die Europäische Union? Gerade hat die Griechenlandkrise den Kontinent durchgeschüttelt, mit dem Zug besuchen Herr & Speer 23  Städte in allen Ecken der EU. Und lernen: Es gibt ein Europa, aber zwei Klassen. In Bukarest, Thessaloniki oder Neapel begegnen sie jungen Menschen wie sie selbst, die mit einem anderen Lebensgefühl durchs Leben gehen: Wir sind zweite Wahl. Ohne Anerkennung, ohne Arbeit, ohne Perspektiven. „Das hat mich berührt“, sagt Vincent Herr. „So ein Europa kann nicht funktionieren, wir müssen es näher zusammenbringen.“ Am Ende ihrer Reise treffen sie in Wien den Schriftsteller Robert Menasse. Beim Schnitzel entsteht die Idee: Zueinander findet nur, wer sich kennenlernt – wie wäre es mit Free-Interrail-Tickets für alle jungen Europäer:innen in der EU, automatisch zugestellt an ihrem 18. Geburtstag?

„Natürlich haben uns viele Europapolitiker:innen erst mal für verrückt erklärt“, erinnert sich Speer. „Aber ganz abwinken wollte man eben auch nicht.“ Da war es wieder, das Gefühl: Dranbleiben lohnt sich, es gibt in der Politik ein Interesse an jungen Ideen. Heute ist „Free Interrail“ Teil des Erasmus-Programms, nicht für alle EU-Youngster, sondern nur auf Bewerbung, doch immerhin sind jährlich etwa 100.000 Europäer:innen dabei.

Aber, fragte sich das Duo schließlich, wäre das auch gelungen, wenn sie Frauen wären? Wären all die jahrelangen Netzwerktreffen, Debattenschleifen, Vorträge, endlosen politischen Feierabendrunden mit anerkennendem Schulterklopfen genauso erfolgreich verlaufen? – „Eben“, sagt Herr.

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HeForShe: Von Mann zu Man

Ein Freitag im Juli, Sommerkonferenz von UN Women Deutschland. Herr & Speer stehen neben dem Konferenzbildschirm, lässige Sakkos auf den Schultern, Moderationskarten in der Hand. 170 Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft haben sich online eingewählt. Sie kommen aus elf Ländern und suchen nach Lösungen: Wie kann ein „New Deal for Gender Equality“ aussehen? Gerade jetzt, nach der Pandemie. „Willkommen, liebes Publikum“, sagt Herr. „Wir sind zwei der ersten HeForShe-Botschafter für UN Women Deutschland und versuchen, mehr Männer für das Thema Geschlechtergerechtigkeit zu aktivieren“, sagt Speer  und eröffnet die Debatte.

Seit 2016 ziehen Vincent Herr und Martin Speer nun auch für Gleichstellung durch die Republik. Moderieren Veranstaltungen oder erzählen Männerrunden in Unternehmen und Ministerien von unterschwelliger  Geschlechterdiskriminierung. In politischen Zirkeln, bei hemdsärmeligem Wirtschaftstalk, in Sprüchen, die manche Männer immer noch ablassen, ohne sich Gedanken zu machen. „Wir merken dabei leider immer wieder: Männer hören Männern eher zu“, sagt Herr. „Man teilt ähnliche Erfahrungen und kann eher offen reden – weil sich das Gegenüber nicht so leicht verurteilt fühlt.“

Erst recht, wenn die beiden von ihrer eigenen Geschichte erzählen. Vincent Herr erlebte früh, wie schwer es seine Mutter als Professorin in der Männerdomäne klassische Musik hatte. Und sah an seinem Vater, dass Männlichkeit viele Facetten hat. Nicht nur Karriere knüppeln, auch viel Zeit mit den Kindern verbringen. Nicht nur tough sein, auch weich. Martin Speer wiederum entdeckte erst durch die Zusammenarbeit, wie oft er auf dem Genderauge blind gewesen war. Heute sagen beide: „Wir brauchen mehr männliche Feministen.“

Martin Speer schaut auf die Uhr. Er muss los. Presseanfragen zum neuen Europabuch beantworten, ein Policypaper schreiben. Europa steht am Scheidepunkt.  „Die Uhr tickt. Die EU muss jetzt mutig sein.“ Wie? Auf drei großen Recherchereisen über den Kontinent hat das Duo aus fast allen EU-Ländern Ideen gesammelt. 95 Thesen, knackige Reformvorschläge. Mehr Macht für das Parlament, weniger für die Einzelstaaten; Ausbau zu einer Sozialunion; Aufbau von Innovationshubs in der ganzen Union, einem dezentralen Ökosystem für junge Gründer:innen mit einem Startgeld von 5.000 Euro für jede:n mit guten Ideen; Wahlpflicht für alle Europäer:innen; und ein Erasmus-Programm für alle nationalen Parlamentarier:innen, um endlich zu verstehen: Wie tickt die Politik anderswo in unser Staatengemeinschaft?

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So entsteht eine neue Story der EU, „eine Revolution der kleinen Schritte“, wie sie sagen, zu einer diverseren und  sozialeren  Gemeinschaft. Man könnte die 95 Vorschläge an die Tür des Europaparlaments nageln wie einst Luther seine 95 Thesen für eine neue Kirche an das Tor der Wittenberger Schlosskirche. Ein steiler Vergleich, gewiss. Aber Herr und Speer sind sicher: Einen Versuch ist es wert.