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21 September 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Friedhof der Zukunft

Kann man auch nach dem Tod das Klima retten?

Eine naturnahe Bestattung und der Gedanke, nach dem Ableben fruchtbare Erde für einen Baum zu sein, scheint für immer mehr Menschen eine erfüllende Vision zu sein. Der Grabstein könnte in Zukunft allerdings von einem Tablet abgelöst werden.

Bild: Daniela Turcanu / Unsplash

Bild: Daniela Turcanu / Unsplash

Eine Feuerbestattung verursacht etwa 160 Kilogramm Kohlendioxid-Äquivalente. Natürlich sollen und dürfen Menschen den letzten Weg so bestreiten wie sie das möchten – doch es gibt klimafreundliche Alternativen. Mit diesem Text starten wir eine Kooperation mit Der Standard.

Angebot und Nachfrage bestimmen noch über den Tod hinaus den Markt. Während in den USA immer neue und teils futuristisch anmutende Konzepte für Begräbnisse und die letzte Ruhe entwickelt werden, ist man in dieser Hinsicht in Österreich noch weitgehend konservativ. „Es gab bisher schlicht keine einzige Anfrage bezüglich menschlicher Kompostierung, Einfrieren oder Weltraumbestattung“, erklärt Florian Keusch, Pressesprecher der Bestattung Wien, die recht konventionelle Angebotspalette.

Was jedoch auch in Österreich deutlich zu spüren sei, das sei eine Art Rückbesinnung auf die Natur. Auch deshalb gibt es beim mit rund 55 Beerdigungen pro Tag größten Bestatter Österreichs immer mehr Möglichkeiten, die Urne unter einem Baum, auf einer Obst- oder Weinplantage zu vergraben oder gar die Asche in ausländischen Gewässern zu verstreuen.

Auch Gerd Neubauer, Trauerbegleiter und Experte für Verlustbewältigung, beobachtet diesen Trend. Es handle sich dabei definitiv nicht nur um Atheisten oder sehr spirituelle Menschen, sondern eine immer buntere Mischung.

Friedhof der Zukunft: Feuerbestattung immer beliebter

Gemein ist diesen Bestattungsarten aber das, was vorher geschieht. Die menschlichen Überreste werden verbrannt. Die Feuerbestattung erfreut sich von Jahr zu Jahr mehr Beliebtheit. Sogar in Wien, wo die „schöne Leich samt pompösem Begräbnis einfach Tradition hat“, wie Keusch es nennt, stieg während Corona die Zahl der Einäscherungen von rund 32 auf 42 Prozent.

Ein Hauptgrund dafür war die bessere Planbarkeit der Beerdigungen sowie die Möglichkeit, diese so leichter verschieben zu können, damit mehr Trauernde an der Abschiedsfeier teilnehmen können. Im Rest Österreichs mache die Feuer- und Urnenbestattung ohnehin schon zwischen 40 und 80 Prozent (Kärnten) aus, so Keusch.

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Umweltschonend auf dem letzten Weg

Was viele nicht bedenken oder schlicht ignorieren ist aber der CO2-Ausstoß einer Einäscherung. 160 Kilogramm Kohlendioxid-Äquivalente verursacht eine Feuerbestattung in etwa. Das ist vergleichbar mit einem 1000-Kilometer-Trip in einem Kleinwagen. Aber muss man jetzt auch noch nach seinem Tod das Klima retten?

Natürlich soll und darf jeder den letzten Weg so bestreiten wie er oder sie das möchte, und zweifelsfrei lässt sich der letzte CO2-Ausstoß leicht zu Lebzeiten kompensieren. Manche wollen aber auch auf ihren finalen Schritten noch Gutes tun. Während eine normale Erdbestattung lediglich 20 Kilo Kohlendioxid-Äquivalente verursacht, entzieht man bei einer Kompostierung sogar mehr als 800 Kilo CO2 aus der Luft, wie Umweltingenieur Troy Hottle vorrechnet.

Bett aus Hackschnitzeln und Stroh

Die umweltfreundliche Art zu gehen wird ab November 2020 für 5500 US-Dollar von der Seattler Firma Recompose angeboten. Dabei wird der leblose Körper in einer Kapsel auf ein Bett aus Hackschnitzeln, Klee und Stroh gelegt und auch damit bedeckt.

Durch die Zufuhr und Kontrolle von Sauerstoff, Stickstoff, Kohlendioxid und Feuchtigkeit wird die Zersetzung des menschlichen Körpers durch Mikroben unterstützt, sodass binnen 30 Tagen der komplette Körper samt Knochen und Zähnen zu Erde zerfallen ist – ein Prozess, der in vereinfachter Form mit tierischen Kadavern bereits seit Jahrzehnten vielerorts erfolgt. Menschen könnten so „ihre Beziehung zum natürlichen Verlauf der Dinge und der Bereicherung des Erdbodens“ beitragen, heißt es.

Friedhof der Zukunft: In fruchtbarer Erde „weiterleben“

Neben dem Mehrwert für den Hummus hat die Bestattungsart aber auch durchaus eine spirituelle Funktion. Der Gedanke, als fruchtbare Erde „weiterzuleben“ und „Nahrung“ für einen Baum oder Ähnliches zu sein, scheint für einige Menschen jedenfalls eine erfüllende Vision zu sein.

Der Materienwandel ist manch Futuristen dennoch zu wenig. Sie wollen weiter auf dieser Welt „existieren“, auch wenn Fleisch und Blut längst nicht mehr können. So wie im Salvador-Dalí-Museum der katalanische Jahrhundertkünstler dank Maschinenlernens und einer Vielzahl an Videos, Zitaten und Bildern als Avatar wieder zum Leben erweckt wurde, rechnen einige Zukunftsforscher mit einer ähnlichen Entwicklung bei Normalbürgern.

Tablets und Lichterketten am Friedhof

Im Smartphonezeitalter produzieren fast alle Weltbürger ausreichend Daten für eine virtuelle Kopie, die basierend auf der digitalen Geschichte einen selbst zumindest digital wieder zum Leben erwecken kann.

Ob es für einen erfolgreichen Trauerprozess förderlich ist, wenn das Fotobuch mit den Erinnerungen an die Oma durch eine stets im Zimmer weilende Videostimme von ihr ersetzt wird, bezweifelt Gerd Neubauer zumindest. „Was einem anfangs helfen kann, kann später zu einer Belastung werden – ähnlich wie bei Urnen in der Wohnung“, sagt er. Jeder Mensch gehe aber individuell mit Trauer um, was Pauschalurteile schwierig macht.

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Friedhof der Zukunft: Urbane Erinnerungsparks

Bleibt die Frage, ob Tablets in den kommenden Jahrzehnten tatsächlich den ein oder anderen Grabstein ersetzen könnten. Ressourcenschonend wäre das ja nicht gerade. Auf bizarre Art könnten sogenannte Erinnerungswälder – bestückt mit digitalen Biografien der Verstorbenen – aber auch nachhaltig betrieben werden. US-Wissenschafter und Architekten des Deathlabs planen urbane Erinnerungsparks, die sich durch die frei werdende Energie beim körperlichen Zerfall erhellen.

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Dieser Text erschien zuerst in Edition Zukunft von Der Standard, dem Online-Magazin über das Leben und die Welt von morgen.