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1 Februar 2022 / Lesezeit: 5 minuten

Gratis-Projekt

Probewohnen in Görlitz – und dann bleiben

Die polnische Kunsthistorikerin Marcelina Król-Kadłucka hat sich in Görlitz ihren Traum vom eigenen Atelier erfüllt. Zuerst kam sie mit ihrer Familie auf Probe, jetzt möchte sie richtig in der Stadt ankommen.

Bild: Astrid Ehrenhauser

Bild: Astrid Ehrenhauser

Görlitz schrumpft, die Jüngeren ziehen oft weg. Mit gratis Wohnen auf Probe stemmt sich die sächsische Grenzstadt dagegen. Eine polnische Kunsthistorikerin und ihre Familie hat das überzeugt.

Grau und feucht klebt der Ton auf dem Leintuch. Marcelina Król-Kadłucka blickt konzentriert auf ihre Arbeitsplatte. Sie trägt die Haare hochgebunden, lockere schwarze Latzhose, darauf helle Tonflecken. Mit kräftigen Schüben rollt sie ein Nudelholz über die Masse bis diese rund und gleichmäßig flach ist. Sie formt eine Schüssel daraus, schneidet die Ränder zu. Zweimal gebrannt und dazwischen glasiert wird daraus handgefertigte Keramik.

Die 37-Jährige steht in ihrem Atelier, dem studio m., etwa einen Kilometer südlich der Görlitzer Altstadt, ringsherum restaurierte Gründerzeit-Häuser und ein paar vernachlässigte Gebäude, die leer stehen.

Görlitz liegt rund hundert Kilometer östlich von Dresden, direkt an der polnischen Grenze, in der sächsischen Lausitz. Viele Orte kämpfen hier damit, dass gerade junge Menschen wegziehen. Laut einer repräsentativen Befragung, dem Lausitz-Monitor, plant fast jede:r Zweite zwischen 18 und 29, innerhalb der nächsten zwei Jahre die Region zu verlassen. In Görlitz leben, Stand 2019, knapp 56.000 Menschen, 1991 waren es noch über 70.000. Der Ort schrumpft.

Marcelina Król-Kadłucka in ihrem Keramik-Atelier. Hier in Görlitz konnte sie sich den Traum vom eigenen Laden erfüllen.
Bild: Astrid Ehrenhauser
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Probewohnen in Görlitz

Das Projekt „Stadt auf Probe“ soll das ändern, mit Probewohnen in Görlitz – gratis. Das Stadtentwicklungsamt, die kommunale Wohnungsbaugesellschaft und lokale Initiativen kooperieren dafür mit dem ortsansässigen Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS). Diese Forschungseinrichtung begleitet das Projekt wissenschaftlich, das Bundesinnenministerium fördert es. Die Erkenntnisse sollen auch anderen mittelgroßen Städten helfen, wieder zu wachsen und attraktiver zu werden. Bei der ersten Runde, im Jahr 2015, wohnten mehr als 200 Menschen eine Woche mietfrei in der Görlitzer Altstadt. Das habe vor allem Rentner:innen angezogen, sagt Constanze Zöllter vom IZS. Um auch die Perspektiven jüngerer Menschen einzubeziehen, bot das Nachfolge-Projekt zwischen Januar 2019 und März 2020 längeres Wohnen auf Probe an. Einen Monat konnten die Teilnehmenden – vor allem Selbstständige – neben Wohn- auch Arbeitsräume kostenlos nutzen. 62 Personen aus 41 Haushalten kamen – fünf Familien blieben. So auch Marcelina Król-Kadłucka mit ihrem Mann und ihrer Tochter.

Im Herbst 2018 las sie von dem Projekt. „Görlitz sucht kreative Leute“, stand da. Schon zuvor hatten sie und ihr Mann Jakob Karluci-Kadłucki überlegt, mit Tochter Marianna aus dem polnischen Dorf Miszkowice ins hundert Kilometer entfernte Görlitz zu ziehen. „Wir wollten etwas in unserem Leben ändern. So war es einfacher für uns“, sagt Marcelina Król-Kadłucka. Im Januar 2020 konnten sie einen Monat kostenlos in der Innenstadt wohnen. Sie nutzten die Zeit, um eine Wohnung und Arbeit für Jakob zu finden. Eigentlich ist er Sportlehrer. Weil das Geld nicht reichte, hat Jakob aber fast ausschließlich in besser bezahlten Jobs und im Ausland gearbeitet. Seit März 2020 ist der 37-Jährige in Bautzen bei einem Backofenhersteller angestellt. Die rund vierzig Minuten dorthin pendelt er, mit dem Auto.

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Mit Zug und anschließend Bus würde er eine Viertelstunde länger brauchen. Die Stadt ist verhältnismäßig gut angebunden, Züge nach Dresden brauchen eineinviertel bis eineinhalb Stunden. „Mittelstädte wie Görlitz sind attraktiv für Menschen, die eine gewisse Infrastruktur und Urbanität suchen“, hat Constanze Zöllter vom IZS bei der Befragung der Projektteilnehmenden festgestellt. 45 Prozent kamen aus Berlin. Ihnen fehlte etwa die direkte ICE-Anbindung. Doch gerade im Vergleich zur Hauptstadt punkte Görlitz mit erschwinglichen Mieten. Die Diplom-Geografin ist überzeugt: Metropolen sind zunehmend überlastet und werden unattraktiv. Steigende Mietpreise, zu viel Verkehr, dreckige Luft. „Menschen wohnen nicht unbedingt gerne in der Großstadt“, sagt Zöllter. „Spätestens wenn es in die Phase der Familiengründung geht, sind Metropolen nicht mehr attraktiv.“ Wohnraum, der in Berlin fehlt, hat Görlitz genug. Dort steht er leer – und gerade historische Gebäude drohen zu verfallen.

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Kreative und aufgeschlossene Stadt

Marcelina Król-Kadłucka wohnt mit ihrer Familie jetzt in einem der renovierten Altbauten, die sie so liebt, nur 300 Meter von ihrem Atelier entfernt. Drei Zimmer, Küche, Bad. „Görlitz ist eine sehr, sehr schöne Stadt, gerade für mich als Kunsthistorikerin.“ Sie geht gern im nahen Stadtpark oder entlang der Neiße spazieren. Am anderen Ufer liegt die polnische Stadt Zgorzelec. Dorthin fährt sie, um ihre Keramik innerhalb Polens zu verschicken, wo sie noch viele Kund:innen hat.

Die Nähe zu Polen war Marcelina Król-Kadłucka und ihrem Mann wichtig. In nur zwei Stunden können sie bei ihren Eltern sein. Aus Polen wegziehen wollten sie auch wegen der politischen Situation: zu konservativ, zu nationalistisch, zu katholisch. „Wir wollen etwas anderes für unsere Tochter“, sagt Marcelina Król-Kadłucka. In Görlitz fühlt sie sich wohl, auch wenn sie um die Vorurteile gegen polnische Mitbürger:innen weiß. Doch vor allem erlebt sie die Stadt von einer anderen Seite: kreativ und aufgeschlossen. Da ist zum Beispiel das Kühlhaus, ein künstlerischer Veranstaltungsort in einer Industriebrache etwas außerhalb, oder eine Nachbarin, die im biologischen „Sonnengarten“ Gartenbau betreibt und bei der Marcelina Król-Kadłucka Schnittblumen zur Dekoration ihrer Keramik kauft.

Hier in Görlitz hat sie sich ihren Traum vom eigenen Atelier erfüllt. Seit 2017 verkauft sie ihre Kunst, jahrelang gefertigt in einem Zimmer in ihrem Elternhaus in Miszkowice, wo die Familie lebte. Seit April mietet sie den Laden in der Stadt. Er liegt in einem Eckhaus mit hohen Fensterfronten. Drinnen zieren ihre selbst gemachten Steingut-Vasen mit frischen Blumen die Fensterbänke. Auf einem großen Tisch präsentiert sie ihr Geschirr auf hellem Leinen: Teller unterschiedlicher Größen, dazwischen Becher und Löffel. In stimmigen Farben, von hellem Grau über dunklere Blautöne bis zu gebrochenem Weiß, pur oder mit gesprenkeltem Muster. Von außen ist das Atelier, das gleichzeitig Laden sein soll, noch etwas unscheinbar: Nur ihre Visitenkarten kleben am Fenster der Eingangstür. Bald möchte sie ein richtiges Schild anbringen.

Zweimal gebrannt und dazwischen glasiert wird aus dem Ton handgefertigte Keramik.
Bild: Astrid Ehrenhauser

Richtig Ankommen in Görlitz

An den Nachmittagen ist sie hier, an den Vormittagen arbeitet sie in einer Grundschule in der Altstadt. Sie ist Fremdsprachenassistentin für Polnisch, ihr Vertrag läuft noch ein Jahr. Danach hofft sie, Kunst zu unterrichten oder Keramikkurse zu geben. Auch in Polen hat sie nach ihrem Kunstgeschichte-Studium an einer Grundschule unterrichtet und Kunstprojekte mit Kindern geleitet. „In der Keramik zeigt sich deine Individualität. Das fasziniert mich.“

Eigentlich wollte Marcelina Król-Kadłucka schon letzten Sommer mit ihrer Tochter nach Görlitz ziehen. Zu ihrem Mann, der bereits seit März in Bautzen arbeitete und deshalb in Görlitz wohnte. Im Juni 2020 hatte ihr Vertrag an der polnischen Schule geendet, gleich zum neuen Schuljahr konnte sie an der Görlitzer Schule anfangen. Doch die Pandemie verzögerte den Umzug. Digitaler Unterricht, zwischenzeitlich war Mariannas Kindergarten geschlossen. Mutter und Tochter verbrachten weiterhin viel Zeit in der alten Wohnung ihres Elternhauses in Polen. Auch der Keramik-Brennofen stand noch immer dort. Erst diesen Sommer haben sie ihn nach Görlitz gebracht. Jetzt möchten sie richtig hier ankommen.

Doch am Wochenende werden sie die Großeltern in Polen besuchen. Zuvor geht es zum Eisstern. Dort gibt es das beste Eis der Stadt, findet die Familie. Jakob gibt die Bestellung auf, er spricht Polnisch, wie mit vielen hier. Hinter ihm liegt die Altstadtbrücke, die nach Polen führt. Die Familie spaziert Richtung Weberstraße, dort wird gerade wieder eine historische Serie gedreht.

Görlitz will nicht nur den Bevölkerungsschwund stoppen, sondern hat ein weiteres, ehrgeiziges Ziel: Klimaneutralität bis 2030. Das neue Projekt zum Probewohnen passt dazu: „Stadt der Zukunft auf Probe – Ein Wohn- und Arbeitsexperiment für ein klimaneutrales Görlitz“. Zwar sind bereits alle Plätze belegt, aber es gibt eine Warteliste. Bewerben konnte sich bis Ende Oktober, wer mit einem eigenen Projekt zum Thema Klimaneutralität, egal ob kreativ oder technisch, nach Görlitz ziehen möchte. Dieses Mal für drei Monate – und vielleicht ja sogar für immer.

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