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29 Mai 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Bundestagsdebatte über Soziale Innovationen

Lasst uns endlich gemeinsam loslegen!

Am 29. Mai geht es im Deutschen Bundestag u.a. um das Thema Soziale Innovationen. Endlich, findet unsere Gastautorin Laura Haverkamp.

imago images / Christian Spicker

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Soziale Innovationen haben es in den Bundestag geschafft. Zumindest für 35 Minuten. So viel Zeit war für die Debatte in der Sitzung am 5. Juni vorgesehen. Warum die Diskussion dringend notwendig war, aber jetzt auch schnell gehandelt werden muss, erklärt in einem Gastbeitrag Laura Haverkamp, Partnerin bei Ashoka Deutschland und Vorständin des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland.

Am 5. Juni debattierte der Deutsche Bundestag über soziale Innovationen, ihre Potenziale für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes und die Rahmenbedingungen, die sie zu ihrer Entfaltung brauchen. Ich will laut rufen: Endlich!

Die konstruktive Einordnung dieses Ereignisses geht ungefähr so: Vor 15 Jahren war Social Entrepreneurship (Sozialunternehmertum) fast noch ein Fremdwort in Deutschland. Seitdem ist viel passiert: Erfolgreiche Sozialunternehmer*innen zeigen die Potenziale in vielen gesellschaftlichen Themenfeldern auf, es gibt Netzwerke und Förderer wie Ashoka, Unterstützungsprogramme und Medienpräsenz. Seit 2017 gibt es zudem mit dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V. einen Verband, seit 2018 die Zusage zur Förderung von Sozialunternehmertum im Koalitionsvertrag der Bundesregierung, und Ende 2019 veröffentlichte das Hightech-Forum ein Impulspapier zu sozialen Innovationen. Und jetzt debattiert der Bundestag entlang verschiedener Anträge über die Frage, wie wir soziale Innovationen besser fördern können. Man könnte meinen: wunderbar. Und das ist es auch.

Auch auf enorm: Warum die Regierung gerade Sozialunternehmen helfen muss 

Denn wer die Anträge liest, findet wertvollen Kontext zu Historie, Entstehung und Bedeutung sozialer Innovationen sowie eine Reihe sinnvoller Handlungsaufforderungen. Im Antrag der Regierungsfraktionen geht es zum Beispiel darum, ressortübergreifend eine Strategie zur Förderung sozialer Innovationen zu erarbeiten. Finanzierungshemmnisse sollen abgebaut, bestehende Infrastrukturen geöffnet und fehlende aufgebaut werden. Es geht um Sichtbarmachung etwa im Rahmen eines „sozialen Innovationsforums“ und um die Vernetzung der an sozialen Innovationen beteiligter Akteure. Die FDP hingegen zielt in ihrem Antrag stark auf die Einbeziehung von Sozialunternehmer*innen in öffentliche Vergabeprozesse ab und auch auf eine substanzielle Finanzierung von sozialen Innovationen über einen Dachfonds mit Mitteln auf nachrichtenlosen Konten. Soweit, so gut!

Aber.

Erstens: Wir sind zu langsam. Schon 2011 haben wir in der Studie „Wie überwinden wir Hürden für soziale Problemlöser“ herausgearbeitet, dass es soziale Innovationszentren und Transferagenturen, eine bessere Vernetzung zwischen innovativen Impulsgeber*innen und Akteuren der Wohlfahrt, innovative Finanzierungswege und wirkungsorientierte öffentliche Mittelvergabe als notwendige Schritte für die Förderung sozialer Innovationen braucht. Neun Jahre später fordert der Bundestag die Bundesregierung an vielen Stellen auf, erst einmal zu prüfen.

Dieses Tempo fortzuführen, können wir uns, wollen wir die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bis 2030 erreichen, nicht leisten. Als Gesellschaft stehen wir vor großen Transformationsaufgaben: Energiewende, Konsumwende, Mobilitätswende, Neugestaltung des Generationenvertrags, Digitalisierung. Und unser Innovationsbegriff ist in der Praxis bislang einseitig auf Technologie und den Markt ausgerichtet: Forschung, Markteinführung, Wachstum, Konsum.

„Gesellschaftlicher Wandel ist ein Familienfest. Lade alle ein“

Zweitens: Weder sind alle gesellschaftlichen Probleme der Welt technologisch oder mit dem Markt lösbar – das stellen die Antragsteller*innen ebenso fest – noch funktioniert unser gesellschaftliches Miteinander linear. Wer sich mit sozialen Innovationen beschäftigt und damit, was deren Erfolg ausmacht, wird das schnell verstehen. Ein Beispiel: Im klassischen Unternehmertum will ich Kunden an mich binden, will Marktmacht erhalten, Konkurrenz hinter mir lassen. Erfolgreiche Sozialunternehmer*innen weltweit zeigen uns, dass es bei der Überwindung gesellschaftlicher Probleme – ob für Bildungsungerechtigkeit oder Inklusion, für wirtschaftliche Teilhabe oder ökologische Landwirtschaft – darauf ankommt, andere von mir unabhängig zu machen. Sie zu befähigen, selbst aktiv zu werden. Erfolgreiche Lösungen zu übernehmen und miteinander weiter zu entwickeln. Wir sprechen dann von indirektem Wachstum und einem Fokus auf Wirkungswachstum.

Jeroo Billimoria, die mit diversen Organisationen als Serien-Gründerin des Sozialunternehmertums gilt und vielen Hundert Millionen Kindern wirtschaftliche Teilhabe ermöglichte, betont: „Gesellschaftlicher Wandel ist ein Familienfest. Lade alle ein.“

Nehmen wir das ernst, muss sich unser Blick auf Erfolg, auf Wachstum, auf Verbreitungswege und Kooperation verändern. So müssen wir auch andere Anreize und Rahmenbedingungen geben, um genau das zu fördern: Investitionen in den Aufbau von sektorübergreifenden Netzwerken und Allianzen, in die Aufbereitung und das Teilen von Wissen, in Experimentieren und Lernen, in Fortbildung zu neuen Modellen von Führung und Kooperation, in die institutionelle Förderung sozialer Innovationen.

Einen Zahn zulegen in der Umsetzung

Das größte Potenzial von Social Entrepreneurs ist es, aus unserer Sicht, systemische Veränderungen anzustoßen. Daher sollte sich die öffentliche Debatte zu großen Teilen um die Frage drehen, wie sich Ministerien und Verwaltungen für soziale Innovationen öffnen können. Dass das Erfolg versprechend wäre, zeigen Einblicke, wie die aus der Studie „Wenn aus klein systemisch wird“ von Ashoka und McKinsey & Company. Und, der Hinweis sei erlaubt, das immense finanzielle Potenzial Sozialer Innovationen kann uns gerade in einer Zeit wie dieser nicht nur am Rande beschäftigen.

Mein Kollege Odin Mühlenbein steuerte zu meiner Freude, dass das Thema nun ein parlamentarisches ist, direkt eine kritische Befürchtung bei: „Der Bundestag wird über Sozialunternehmertum debattieren, als wären es normale Unternehmen, die nebenbei etwas Gutes tun. Damit haben viele Parlamentarier nicht wirklich verstanden, worum es im Kern von Sozialunternehmertum geht, nämlich unsere gesellschaftlichen Systeme zu modernisieren. Das Ergebnis wird sein, dass wir einige Rahmenbedingungen verbessern, ohne das eigentliche Potential sozialer Innovationen zu heben.“

In diesem Sinne ist die Diskussion am heutigen Freitag ein Anfang. Nach dem wir hoffentlich einen Zahn zulegen in der Umsetzung. Miteinander arbeiten. Größer denken, mehr wagen. Es ist an der Zeit, wirklich.

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Laura Haverkamp ist Partnerin bei Ashoka Deutschland, im Vorstand des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland und beschäftigt sich als Mitglied des Think Tank 30 der Deutschen Gesellschaft Club of Rome mit der Frage, wie durch die Stärkung sozialer Innovationen eine nachhaltige Gesellschaft gestaltet werden kann.