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15 Dezember 2021 / Lesezeit: 5 minuten

Kampf für die Dekolonialisierung Puerto Ricos

„Wir wollen unsere Zukunft selbst bestimmen“

Zwei politische Lager kämpfen für die Dekolonialisierung des US-amerikanischen Territoriums Puerto Rico: Die einen wollen einen unabhängigen Staat, die anderen möchten ein gleichberechtigter Teil der USA werden. 

Bild: IMAGO / Agencia EFE

Bild: IMAGO / Agencia EFE

Zwei politische Lager kämpfen für die Dekolonialisierung des US-amerikanischen Territoriums Puerto Rico: Die einen wollen einen unabhängigen Staat, die anderen möchten ein gleichberechtigter Teil der USA werden

Die New Yorker Studentin Marisol Rios de la Luz erkundet gerade auf einer Exkursion Felshöhlen auf Puerto Rico, als eine indigene Göttin auftaucht und sie in die Superheldin „La Borinqueña“ verwandelt. Marisol kämpft fortan gegen zerstörerische Hurrikans – und für ein freies Puerto Rico. Doch Marisol ist eine Comicfigur, geschaffen als Symbol für eine Nation, die schon seit einem halben Jahrtausend nicht mehr frei ist. Nach 400 Jahren als spanische Kolonie wurde das karibische Inselterritorium im Amerikanisch-Spanischen Krieg 1898 von den USA annektiert. Die Einwohner:innen von Puerto Rico nennen sich selbst Boricuas, nach einem Wort aus der Sprache der Taino, einem indigenen Volk des Archipels. Sie besitzen zwar die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und müssen Steuern an die USA zahlen, dürfen aber weder ihr Staatsoberhaupt wählen, noch Abgeordnete in Senat oder Kongress entsenden.

„In den USA haben die meisten Menschen noch nie davon gehört. Die USA verstehen sich selbst als Anführer der freien Welt und beschäftigen sich daher nicht gerne mit der Tatsache, dass sie selbst eine Kolonialmacht sind“, sagt Luis Ponce von der NGO Boricuas unidos en la diaspora, die sich für die Unabhängigkeit von Puerto Rico einsetzt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die USA in einer Wirtschaftskrise, der Aufbau eines Imperiums in der Karibik, in Ozeanien und Asien sollte neuen Wohlstand bringen. Im Jahr 1900, am Ende des Amerikanisch-Spanischen Krieges, fielen den USA unter anderem Puerto Rico, Guam, die Philippinen, die Virgin Islands und Amerikanisch-Samoa als Territorien zu. Bis auf die Philippinen sind all diese Gebiete und die Marianna Northern Islands bis heute sogenannte „incorporated territories“: Gebiete, die den USA gehören, aber nicht Teil der USA sind.

Obwohl die USA Puerto Rico damals eine eigene Kammer – eine Art Scheinparlament – zusprachen, ernannte der neue Besatzer den Gouverneur und die zweite Kammer selbst. 1914 stimmte die Kammer der Boricuas bereits geschlossen für einen unabhängigen Staat. Der US-Kongress lehnte dieses Votum jedoch ab und gewährte stattdessen 1917 allen Boricuas die sofortige US-amerikanische Staatsbürgerschaft: So konnten sie noch im selben Jahr Männer aus Puerto Rico als Soldaten für den Ersten Weltkrieg einziehen. 

Gleichzeitig begann ein Prozess, den Luis Ponce als „langen und erfolglosen Prozess der Amerikanisierung“ bezeichnet: In den Schulen durfte nur noch Englisch gesprochen werden, die Flagge von Puerto Rico wurde zwischenzeitlich verboten. Von den 30er-Jahren bis 1987 fand das längste Überwachungsprogramm in der Geschichte der USA statt: Alle Angehörigen der Unbhängigkeitsbewegung und auch progressive Initiativen, wie etwa feministische Vereine, wurden von der vom US-amerikanischen Geheimdienst kontrollierten Polizei streng überwacht und ausspioniert.

Als im Kongress über eine potenzielle Aufnahme von Puerto Rico als US-Bundesstaat diskutiert wurde, lautete die Begründung dagegen, dass die Menschen auf Puerto Rico einer „alien race“ angehörten. „Das bedeutete nichts anderes als: Menschen aus Puerto Rico sind faul, den US-Amerikanern unterlegen und schwarz“, erklärt der Puerto Ricanische Aktivist George Laws García. „Also nannten sie uns Commonwealth, gaben uns eine lokale Regierung, einen Gouverneur und taten so, als wären wir keine Kolonie mehr. Aber die wirkliche Macht war immer in den Händen des Kongresses.“

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2017 rückte der Hurrikan Maria Puerto Rico ins Licht der US-amerikanischen Öffentlichkeit. Der Sturm verwüstete den Archipel und kostete mehr als 3.000 Menschen das Leben. Der damalige Präsident Donald Trump erkundigte sich daraufhin bei seinem Stab, ob man die Insel nicht „verkaufen könne“. 2019 ergaben Recherchen der Nachrichtenagentur Businesswire, dass das Geld aus dem staatlichen medizinischen Programm Medicaid, das allen hilfsbedürftigen US-Bürger:innen zusteht, für Puerto Rico viel niedriger berechnet wird als im Rest der USA. Dabei zahlt das Territorium einen höheren Steuersatz für das Programm als manche US-Bundesstaaten. Tausende Menschen in Puerto Rico bekamen keine oder unzureichende staatliche Unterstützung. Zudem wird Puerto Ricos hoch verschuldete Wirtschaft derzeit von einem „Financial Oversight and Management Board“ aus den USA gelenkt, das in Puerto Rico nur „La Junta“ genannt wird und eine harte Austeritätspolitik betreibt.

Da die Zukunft von Puerto Rico in den USA bestimmt wird, versuchen immer mehr Boricuas in der Diaspora, die US-amerikanische Öffentlichkeit zu erreichen, um für ein freies Puerto Rico zu werben. George Laws García ist einer von ihnen. Er gehört zum Lager der „Statehooders“ und will mit seiner NGO, dem Puerto Rico Statehood Council, erreichen, dass Puerto Rico der 51. Bundesstaat der USA wird. Er glaubt, dass die USA und Puerto Rico wirtschaftlich und kulturell so eng miteinander verwoben sind, dass es gar nicht mehr möglich sei, sie voneinander zu trennen. Schließlich lebten auf Puerto Rico nur drei Millionen Boricuas, auf dem Festland der USA sind es sechs Millionen. Von einer Aufnahme in die Union verspricht sich Laws García politische Unabhängigkeit, denn die einzelnen Bundesstaaten genießen in den USA einen hohen Grad an Autonomie. Vor allem hofft er aber auf wirtschaftliche Prosperität: „Wenn wir ein echter Teil der USA wären, kämen viele Investoren auf unsere Insel. Wir hätten außerdem die Macht, die direkte Diskriminierung zu beenden, die wir etwa in der Gesundheitsvorsorge, bei den Steuern, bei Investitionen in Infrastruktur und Bildung erfahren.“

Anhänger:innen der Statehood demonstrieren in San Juan.
Bild: IMAGO / Zuma Press

Wiedergutmachung möglich

Auf die Frage, warum er trotz der brutalen Kolonialgeschichte der USA auf Puerto Rico so fest daran glaube, dass Puerto Rico ein gleichberechtigter Teil der USA sein könnte, antwortet García: „Weil ich überzeugt bin, dass die USA, bei all ihrer schrecklichen Vergangenheit, dazu in der Lage sind, Wiedergutmachung zu leisten und ihre rassistische Geschichte aufzuarbeiten. Mein wichtigstes Argument ist jedoch, dass die Menschen auf Puerto Rico sich dafür entschieden haben, Teil der USA zu sein.“

Laws García bezieht sich hierbei auf eine beträchtliche Anzahl von Volksabstimmungen, die in den vergangenen Jahrzehnten auf Puerto Rico durchgeführt wurden. 2012 sprach sich die große Mehrheit der Boricuas gegen den aktuellen Territorialstatus aus. Auf die Frage, welche Alternative sie sich wünschten, kreuzten 62 Prozent „Statehood“ an. Im November 2020 stimmte eine knappe Mehrheit von 52 Prozent für eine sofortige Aufnahme Puerto Ricos als US-Bundesstaat – jedoch beteiligten sich nur 55 Prozent der Bevölkerung an der Abstimmung. Das wiederum führte dazu, dass 2021 im US-amerikanischen Kongress zwei verschiedene Gesetzesentwürfe vorgestellt wurden: der „Statehood Admission Act“, der eine sofortige Aufnahme von Puerto Rico als US-Bundesstaat fordert, und der „Self-Determination Act“, den die beiden Abgeordneten Alexandra Ocasio-Cortez und Nydia
Velázquez, beide Puerto Ricanischer Herkunft, zusammen mit Senator Bob Menendez eingebracht hatten. Bei Letzterem soll nicht der Kongress über die Zukunft Puerto Ricos entscheiden, sondern ein von Boricuas gewähltes Gremium, das verschiedene Optionen für ein dekolonialisiertes Puerto Rico ausarbeitet, über die schließlich in einem weiteren, jedoch diesmal für die US-Regierung bindenden Plebiszit abgestimmt werden soll. In einem Online-Artikel für die Medienplattform NBC von Ocasio-Cortez und Velázquez heißt es, dass die bisherigen Abstimmungen auf dem Archipel unter teils ominösen Bedingungen abgehalten wurden und von lokalen Parteien für ihren Wahlkampf vereinnahmt worden seien. Die Statehood-Option schließt der Gastbeitrag dabei nicht aus. Aber es steht dort auch: „Tatsächlich würden viele in Puerto Rico einen Kongress, der die Statehood vorantreibt, nicht als Ende der Kolonialisierung ansehen, sondern als ihren Höhepunkt.“

Dieser Meinung ist auch Luis Ponce. „Wir sind keine Amerikaner. Wir haben eine lateinamerikanische Identität, sprechen Spanisch. Es ist Teil des kolonialen Prozesses, einem Volk das Selbstbewusstsein zu nehmen. Viele von uns glauben, wir könnten uns als Staat nicht behaupten. Ich glaube, dass wir sehr wohl in der Lage sind, unsere Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Sicher würden wir Fehler machen. Aber es wären wenigstens unsere eigenen.“

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Ein zutiefst ungleiches Land

Zudem hält Ponce es für ein Märchen, dass eine Integration in die USA automatisch Wohlstand für alle bringe. „Die USA sind ein zutiefst ungleiches Land mit sehr armen Bundesstaaten, in dem es zum Beispiel eine unglaublich ungerechte Gesundheitsvorsorge gibt. Zudem ist es ein Land, in dem nicht-weiße Menschen systematisch diskriminiert werden.“ Viele Politiker:innen in den USA unterstützten die Debatte ohnehin nur aus politischem Opportunismus. Sowohl Demokrat:innen als auch die Republikaner:innen gehen davon aus, dass Puerto Rico nach einer Aufnahme in die USA eventuell ein „blauer“ Bundesstaat sein würde, da Latinx-Wähler:innen in den USA mehrheitlich demokratisch wählen. Ein zusätzlicher blauer Bundesstaat könnte wiederum demokratische Mehrheiten im Senat und Kongress schaffen. Obwohl diese Annahme nicht wirklich begründet ist (auf Puerto Rico gibt es einen beträchtlichen Anteil konservativ eingestellter Menschen), hat die Republikanische Partei aufgrund dieses Risikos kein Interesse an einem 51. Bundesstaat. „Egal ob man für die eine oder die andere Lösung ist“, sagt Laws García, „wir kämpfen alle für das Wohl von Puerto Rico. Wir wollen unsere Zukunft selbst bestimmen.“ Ponce lächelt. „Wir wollen nur das, was die USA auch wollten, als sie sich von der Herrschaft der britischen Krone befreiten: frei sein.“ 

Dieser Text erschien in der Ausgabe Oktober/November 2021 des enorm Magazins mit dem Titel „Tschüss, Kolonialismus“.

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