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15 November 2022 / Lesezeit: 4 minuten

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FIFA WM Katar 2022: Menschen- und Arbeitsrechte im Abseits

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Die FIFA-Weltmeisterschaft 2022 in Katar ist die erste, die im Nahen Osten ausgetragen wird. Seit Katar vor über einem Jahrzehnt als Gastgeber der Veranstaltung bekanntgegeben wurde, hat das Land stark in seine nationale Infrastruktur, sowie den Bau von Stadien und Hotels investiert– (allesamt) Megaprojekte, die Milliarden erforderten.

Das Schlimme daran: Beim Bau der milliardenschweren Infrastruktur für die WM wurden Menschen- und Arbeitsrechte massiv verletzt. Die imposanten Stadien wurden auf dem Rücken von Gastarbeiter*innen aus Ländern wie Nepal, Bangladesch und afrikanischen Staaten errichtet. Mit der Aussicht auf gute Bezahlung angelockt, schufteten Tausende für niedrige und unregelmäßige Löhne mehr als 10 Stunden pro Tag auf lebensgefährlichen Baustellen. Viele ließen dort ihr Leben.

Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen mit System

Der Schutz der Gesundheit, der Sicherheit und der Würde aller Arbeiter, die zu dieser Weltmeisterschaft beitragen, ist unsere Priorität,“ behaupten die WM-Organisatoren in Katar, was fast schon zynisch klingt. Denn: „Der Arbeit waren keine Grenzen gesetzt, wir hatten weder Strom noch Klimaanlage und durften das Gelände nicht verlassen“, berichtet Aman aus Bangladesch, einer der vielen Gastarbeiter*innen, die in Katar unter widrigen Arbeitsbedingungen litten.

Katars Kafala-System, das Arbeitgebern beziehungsweise Sponsoren weitgehende Kontrolle über den Aufenthaltsstatus von Arbeitsmigrant*innen gibt, öffnet Tür und Tor für extreme Ausbeutung. Insbesondere im Bau- und Gastgewerbe wurden zahlreiche Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen dokumentiert,wie der neue Bericht No questions asked: Profiting from the construction and hotel boom in Qatar von unserem internationalen Netzwerk, Fair Finance International (FFI), nahelegt. Während im Bausektor unregelmäßige oder nicht gezahlte Löhne, schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen und sogar Todesfälle zu den am häufigsten gemeldeten Verstößen gehören, berichten Arbeitsmigrant*innen im Gastgewerbe vor allem über hohe Einstellungsgebühren, Formen von Schuldknechtschaft und Überstunden zu extrem niedrigen Löhnen.

Wie kommen deutsche Banken ins unfaire Spiel?

Laut der Studie haben Finanzinstitute weltweit Unternehmen aus dem Bau- und Gastgewerbe in Katar seit Anfang 2019 mit Krediten versorgt, bzw. geholfen Unternehmensanleihen oder katarische Staatsanleihen im Gesamtwert von 85,7 Milliarden Dollar am Markt zu platzieren. Die Untersuchung ergab auch, dass Investoren neben katarischen Staatsanleihen Investitionen im Wert von 178 Milliarden Dollar in Form von Aktien- und Anleihebeteiligungen an diesen Unternehmen halten.

Der Bauboom vor der WM wurde auch durch eine Reihe europäischer Banken und Versicherungen ermöglicht: Sie sind an der Finanzierung von bzw. Investitionen in Bau- und Gastgewerbeunternehmen, wie Vinci, China Railway Construction Corp, Marriot und Hilton, sowie dem Staat Katar selbst beteiligt. Fast die Hälfte (47%) der ermittelten Finanzierungen (Krediten und Begebung von Aktien und Anleihen) stammt von europäischen Finanzinstituten, von denen wiederum 42% allein auf die Deutsche Bank entfallen. Mit einer Gesamtfinanzierung von 15,8 Milliarden Dollar ist sie mit Abstand der größte Finanzierer unter den europäischen Banken. Aber auch andere deutsche Banken, wie DZ Bank, Commerzbank, Deka Gruppe, BayernLB, LBBW und apobank und in Deutschland tätige Versicherungen wie Allianz und Axa stellten Katar Kapital in Form von Finanzierungen oder Investitionen zur Verfügung und ermöglichten dadurch massive Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen.

Die Finanzinstitute mit den höchsten Finanzbeziehungen zu Katar und menschenrechtsverletzenden Unternehmen des Bau- und Gastgewerbes, nämlich Deutsche Bank, DZ Bank, Commerzbank sowie Allianz und Axa, wurden von Facing Finance zu den untersuchten Unternehmen befragt. Keines der Finanzinstitute konnte mit einer zufriedenstellenden Antwort überzeugen. Immerhin trat die Union Investment (Vermögensverwaltung der DZ Bank) mit zwei der untersuchten Unternehmen in Kontakt, legte jedoch keine zusätzlichen Informationen, wie z.B. konkrete Anforderungen und Ziele oder gar Dokumentierungen dieser Prozesse vor. Die Commerzbank verwies auf ihren generellen Menschenrechtsansatz, erklärte aber, sich nicht zu konkreten Finanzbeziehungen mit Unternehmen äußern zu wollen. Die Deutsche Bank, Axa und Allianz reagierten erst gar nicht auf die Umfrage, obwohl die Allianz das einzige Finanzinstitut mit einer Richtlinie zur Überprüfung von Arbeitsrechten beim Aufbau von Infrastruktur ist. Insgesamt wurde ein erheblicher Mangel an Transparenz festgestellt.

Menschenrechtsverletzungen auch auf meinem Konto und Depot?

Aber was hat das mit deinem Bankkonto zu tun? Die gute Nachricht: Es kommt darauf an, ob deine Bank Geschäftsbeziehungen zu kontroversen Unternehmen unterhält. Banken vergeben Kredite an Unternehmen oder helfen diesen bei der Platzierung von Anleihen und Aktien zur Kapitalbeschaffung. Banken und Versicherungen investieren auch selbst in solche Wertpapiere. Bei all diesen Kapitalgeschäften erhalten die Banken Zinsen, Provisionen oder Dividenden oder sie verdienen an Kursgewinnen. So profitieren sie von den (kontroversen) Geschäftstätigkeiten der Unternehmen – und letztlich auch du als Bankkund*in über Guthabenzinsen und eine günstige Kontoführung. Um sicherzugehen, dass die Rendite nicht auf Kosten der Menschen (in diesem Fall von Wanderarbeiter*innen in Katar) erwirtschaftet wird, benötigen Banken umfassende Mindestanforderungen an Unternehmen – vor allem in Hochrisikosektoren. Die Einhaltung solcher Kriterien muss Bedingung für Geschäftsbeziehungen sein, damit du nicht gegen deinen Willen, wenn auch auf Umwegen, von Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen (in Katar) profitierst.

Werde aktiv gegen Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen!

Unternehmen in Katar sind auf Banken wie die Deutsche Bank, die DZ Bank oder die Commerzbank und Lebensversicherungen wie die Allianz und Axa angewiesen. Nur so können sie ihre schädlichen Geschäftspraktiken finanzieren! Setze dich gemeinsam mit Facing Finance für bessere Investitions- und Finanzierungsrichtlinien im Zusammenhang mit Menschen- und Arbeitsrechten bei deiner Bank ein.

Schreibe noch heute einer Bank und fordere sie dazu auf:

  • Konkreten Fällen von Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in ihrem Portfolio nachzugehen und von Unternehmen Kompensationszahlungen an Gastarbeiter*innen zu verlangen
  • Finanzierungs- und Investitionsrichtlinien auf die spezifischen Herausforderungen von Arbeitsmigrant*innen anzupassen, um Fälle von Ausbeutung von Gastarbeiter*innen in Zukunft auszuschließen
  • Transparenter zu agieren

Du möchtest noch mehr wissen?

Auf fairfinanceguide.de kannst du dich über die Richtlinien deiner Bank zu verschiedenen Themen von Menschen- und Arbeitsrechten bis hin zu Klima informieren und ihr schreiben, falls du unzufrieden bist.

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Download der deutschen Kurzfassung der Studie.

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Facing Finance e.V. setzt sich für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Geld ein und sensibilisiert institutionelle, öffentliche und private Finanzdienstleister, Bank- und Versicherungskund*innen keine Unternehmen zu finanzieren bzw. nicht in Unternehmen zu investieren, die von Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen (z.B. Kinderarbeit), Umweltverschmutzung, Korruption und der Herstellung völkerrechtswidriger Waffen sowie von Waffenexporten in Krisenregionen profitieren.
Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Projektes Fair Finance Guide Deutschland durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen unterstützt.