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3 May 2019 / Lesezeit: 4 minuten

Europa – We have a dream

Ulrike Guérot: Die Jeanne d’Europe?

Der Weg zur Europäischen Union ist kein Spaziergang

Titelbild: Waldemar Brandt/Unsplash

Den einen gilt Ulrike Guérot als brillante Vorreiterin eines neuen Europas. Den anderen als schrille Polemikerin. Sicher ist: Die Politologin will eine radikal andere Union. Dafür tourt sie seit Jahren durch den Kontinent. Wir haben sie einen Tag lang begleitet

Morgens um neun in Berlin-Moabit. Schnellen Schrittes überquert die Frau mit dem Pippi-Langstrumpf-roten Haar die Kirchstraße, einen Becher Möhrenmultivitaminsaft in der einen, das Handy in der anderen Hand, der Mantel wehend. Ruft schon von Weitem: „Guten Morgen, schön, dass Sie da sind.“ Ein Blick auf die Uhr. „Jetzt aber schnell, wir müssen hoch.“

European Democracy Lab. Ein heller Altbau, erster Stock. Im Flur Flyer, an den Wänden Plakate: F(EU)ture Festival. Die Mitarbeiter des Thinktanks sitzen schon an den Laptops, checken Rednerlisten, treffen letzte Absprachen. Das Lab feiert seinen fünften Geburtstag. Zwei Wochen lang Vorträge, Theater, eine Ausstellung in Kreuzberg.

Denn Ulrike Guérot will ihre Botschaft so laut wie möglich ins Land rufen: Wir brauchen ein neues Europa. Ihr Mantra: ein Markt, eine Währung, eine Demokratie. Heißt: gleiches Wahlrecht, gleiches Steuerrecht, gleiche Sozialleistungen, von Riga bis Athen, von Lissabon bis Warschau.

„Nur wenn alle Bürger gleich sind vor dem Recht und gemeinsam über Markt und Geld entscheiden können, kann so eine Union funktionieren, nur dann werden sie die Bürger auf Dauer wollen“, sagt Guérot. „Gleichheit vor dem Recht – ohne geht keine Demokratie. Cicero nannte das: Republik.“ Eine Europäische Republik.

Endlich findet sie einen Resonanzboden

Seit gut fünf Jahren zieht Ulrike Guérot mit dieser Botschaft durch die Lande. 2016 fasst sie ihre politische Utopie in ein Buch: „Warum Europa eine Republik werden muss!“ Es löste einen Sturm aus, der Guérot fast selbst hinwegfegt. Jeder will sie auf der Bühne haben, Vorträge, Pressetermine, TV-Debatten, neunzig Anfragen im Monat. Guérot lässt sich vom Sturm tragen, bis heute. Endlich hat sie einen Resonanzboden.

Sie lebt aus dem Koffer, Wien, Berlin, Brüssel, Paris, hat Termine in „deutschen Städten, von denen wusste ich gar nicht, dass es sie gibt“. Kino? Freizeit? Durchatmen? Keine Zeit. „Ich nehme das Handy mit aufs Klo.“ Guérot lacht. Manchmal wird es ihr selbst schwindelig. „Ich fühle mich wie in einem Staubsauger.“

Aber sie kann und will nicht anders. Europa ist Topthema, durch die Krisen der vergangenen Jahre in die Wohnzimmer gespült. Nun die Europawahl. „The moment is now.“ Undenkbar, ihn verstreichen zu lassen.

Der erste Pressetermin. Podcast-Interview. Wie soll das konkret gehen mit der Republik, Frau Guérot? Sie erzählt von Zehnjahresplänen, europäischen Steuer- und Sozialversicherungsnummern, Stichtagsregelungen. Präzisiert Unterschiede zwischen Eurozone und EU 28, skizziert harte Aushandlungsprozesse über die Höhe von Mindestlohn und Arbeitslosengeld, schildert wie über „sozioökonomische Anpassungsprozesse die nächsten Alterskohorten in das neue europäische Konstrukt hineinsozialisiert werden könnten“. Klar, der Weg zur Republik ist kein Spaziergang. „Aber beim Marathon ist auch das letzte Stück das schwerste – die Läufer schaffen es trotzdem.“

„War ganz gut, oder?“, sagt Guérot und lässt sich auf das weiße Sofa sinken. Manchmal lädt sie zum Sofatalk ins Lab. Und die Leute kommen, selbst nach Moabit. Links deutsch-türkische Muskelboys im Fitnessstudio, rechts ein veganes Café. Ein Schmuddelstadtteil im Umbruch, das passt genau zu Guérots Konzept: Neue Wege wagen, wie mit der Republik.

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Die EU – eine Baustelle

Dabei hätte sie Europa beinah aufgegeben. Als im Juni 2012 der EU-Gipfel Eurobonds und Fiskalunion eine Absage erteilt, zerriss es ihren Glauben an die EU. Was machten die Deutschen da, wieso waren sie so verbissene Gegner dieser Maßnahmen? Wie sollte die EU ohne diese Reformen weiterbestehen?

Jahrelang hatte Guérot damals schon für Europa gearbeitet. Beim Jacques Delors Institut in Paris, bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, beim European Council on Foreign Affairs. Hatte haufenweise Policy Paper geschrieben. Im Juni 2012 wird Guérot klar: Die EU packt das nicht. Europa kann mich mal. In einem eigenen Blog schreibt sie sich den Frust vom Leib, im Job kriselt es. „Ich bin aus meinem eigenen Film gesprungen.“

Dann ist da dieser Abend mit einem guten Freund. Rotwein, Brainstorming. Zwei Tage später schickt ihr der Freund das Ergebnis per Post: 500 Postkarten mit dem Schriftzug „The European Republic is under Construction“. Das ist es. Guérot verkauft ihre Berliner Wohnung, findet einen Förderer, baut das Lab auf. 2016 bekommt sie einen Ruf an die Donau-Universität Krems, als Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung.

„Die CDU-Schelle saß fest auf meinem Kopf“

11 Uhr. Interview mit dem Gesellschaftsmagazin Epilog. Ulrike Guérot und die Linke. Links? In ihrer Jugend waren das die Feinde. Ihr Vater, CDU-Ratsherr in einem kleinen Ort am Rhein, sitzt mit Bier in der Hand vor der Tagesschau und schimpft über die Sozis. Tapeziert ihr Jugendzimmer mit CDU-Wahlplakaten, die „CDU-Schelle saß fest auf meinem Kopf“.

Sie engagiert sich später im Studium beim RCDS in Bonn, wird Vorsitzende, prügelt sich mit Spartakisten, die RCDS-Plakate abreißen. Das Konservative ist ihre politische Heimat, seine Kultur des Miteinanders – Tagesordnung, Abstimmung, Hierarchie – hat sie geprägt. Doch irgendwann, vor zehn Jahren vielleicht, merkt Guérot: Es sind gar nicht mehr die Konservativen, die meine Positionen teilen, es ist die Linke.

Die Republik hat sich verändert. „Positionen, die früher in der Mitte verhandelt wurden, haben sich an den Rand verschoben.“ Nur: Die Linke packt es nicht mehr. Sie löst die sozialen Probleme nicht. „Wie sagte Walter Benjamin? Jeder rechten Regierung geht eine verpasste linke Revolution voran.“

Ein Schluck Wasser, Lippenstift nachziehen. Ein TV-Team von Arte steht schon vor der Tür. Tische werden in fernsehtaugliche Position gerückt, Guérot macht einen Kopfstand …

… Ihr wollt weiterlesen? Warum Ulrike Guérot ihren Nationen-Begriff überdacht hat und wieso sie trotzdem eine Europäerin mit Haut und Haaren ist, lest Ihr in unserem Heft 02/19 mit dem Schwerpunkt „Europa“ – zusammen mit weiteren Texten zum Thema.