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21 Dezember 2021 / Lesezeit: 12 minuten

Osteuropa kann mehr als Krise

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 40

Es geht einiges: Innovation, Protest und Vielfalt – Entrepreneurs und Aktivist:innen zeichnen etwa in Litauen, Georgien oder Polen ein anderes, realistischeres Bild von Osteuropa.

Foto: AGNIESZKA SEJUD

Foto: AGNIESZKA SEJUD

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 40 von „Good News enorm“. Drei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion blickt der Westen immer noch auf Osteuropa herab. Zeit, das zu ändern! Denn die Region strotzt nur so vor Social Start-ups, vielfältiger Kultur und dem politischen Willen nach einer gemeinsamen europäischen Zukunft. In dieser Good News enorm Podcastfolge sprechen wir über georgischen Wein, was Held:innenfilme aus Hollywood mit Ost-Klischees zu tun haben und in welcher osteuropäischen Stadt unsere Redakteur:innen am liebsten leben würden.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Morgane Llanque, Redakteurin beim enorm Magazin, darüber, warum Osteuropa viel mehr kann als Krise.  

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute gibt es viel Neues aus dem Osten. Aber erst einmal eine Ankündigung in eigener Sache: Das enorm Print Abo gibt es auch kostenlos – und zwar für alle, die es sich sonst nicht leisten könnten. Du brauchst dafür nichts erklären. Melde dich einfach mit Namen und Adresse unter soliabo@enorm-magazin.de und hole dir ein kostenloses Soli-Abo. Und jetzt der Gute-Nachrichten-Überblick:

Kalifornien führt das größte Recycling-Programm der US-Geschichte ein: Künftig sollen nicht weiter verwertbare Essensreste getrennt vom restlichen Müll in Bio-Tonnen entsorgt werden und Supermärkte dürfen essbare Lebensmittel nicht mehr wegschmeißen. In den USA landen bisher bis zu 40 Prozent der Lebensmittel auf dem Müll.

Barbados will ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen. Der Inselstaat will einen Teil des erwirtschafteten Einkommens an seine Bürgerinnen zurückgeben. Konkret soll das Grundeinkommen durch eine Bürger-Dividende“ und eine jährliche Steuergutschrift finanziert werden.

Fischotter sind vom Aussterben bedroht und werden deshalb streng geschützt. Jetzt scheint sich die Population etwas zu erholen. In Berlin wurden 2021 erstmals seit langem wieder einzelne Fischotter gesichtet. Sogar Fischotter-Nachwuchs soll es in der Hauptstadt geben.

Wenn man kaputte Fahrradreifen nicht mehr reparieren kann, landen sie wenig umweltfreundlich im Restmüll und werden anschließend verbrannt. Forschende der TH Köln haben nun ein Verfahren für das Recycling alter Reifen entwickelt. Mit der sogenannten Pyrolyse werden Rohstoffe aus den alten Reifen gewonnen und daraus neue Reifen hergestellt.

Bulgarien hatte sich geweigert, dem Kind eines lesbischen, bulgarisch-britischen Ehepaares bulgarische Reisedokumente auszustellen, weil es sich bei dem Elternpaar nicht um Mann und Frau handelte. Der Europäische Gerichtshof hat nun geurteilt, dass das nicht rechtens war. Das Herkunftsland eines homosexuellen Elternteils muss dessen dortige Staatsbürgerschaft auch für das Kind anerkennen.

Bianca: Hallo, mein Name ist Bianca, ich bin Redakteurin bei Good News und ich freue mich, dass wir auch heute über Osteuropa sprechen. Ich freue mich besonders, dass wir heute wieder einmal mit Morgane sprechen. Redakteurin beim enorm Magazin. Hallo, Morgane!

Morgane: Hi, Bianca.

Bianca: Du hast einen Essay geschrieben in der neuesten enorm Ausgabe. Die Ausgabe heißt Im Osten viel Neues. Innovation, Protest und Vielfalt – Osteuropa kann mehr als Krise“. Als allererstes würde ich gerne mit dir klären: Was genau ist Osteuropa?

Morgane: Ja, das ist natürlich eine sehr schwierige Frage. Sie ist viel schwerer zu beantworten, als die meisten Menschen denken, glaube ich. Vor allem eben aus der westeuropäischen Perspektive. Weil wenn man sich mal so eine Europakarte anguckt, dann fällt eigentlich jedem Kind auf: Warum nennen wir eigentlich Deutschland Westeuropa? Wenn du auf die Karte blickst, liegt Deutschland eigentlich in der Mitte. Wir sind eigentlich Mitteleuropa. Und es ist eigentlich ziemlich arrogant, über Länder wie Polen oder Ungarn zu sagen, es sei Osteuropa und dabei gleichzeitig zu behaupten, Deutschland gehöre zum Westen. Dementsprechend stellt man sehr schnell fest: Es geht hier weniger um echte Geografie. Es geht viel vielmehr um eine kulturelle Zuordnung.

Und es hat natürlich sehr viele Gründe. Und der trefflichste Grund dafür ist einfach der Kalte Krieg und einfach diese Teilung der Welt, die im 20. Jahrhundert einfach stattgefunden hat, mental zwischen der West-Achse und der Ost-Achse oder eben den Ländern, die im Warschauer Pakt, vereint waren. Also die sozialistischen Staaten der UdSSR und auch Jugoslawien und eben der West-Achse, Deutschland, Frankreich, Westeuropa, die USA. Und das lebt in unseren Köpfen  weiter. Wir neigen dazu, diese Region, bei allem was, so gesehen, östlich von Deutschland ist, zu sagen: Das ist der Osten.

Und der Grund, warum wir diese Ausgabe gemacht haben ist, dass wir als enorm Redaktion einfach das Gefühl haben, der Westen blickt arrogant auf diese Region hinab und sieht nicht seine Spezifika und reduziert diese Region auf ihre sozialistische Vergangenheit. Deshalb ist es, um mal kurz zu schließen, gar nicht möglich, diese Frage eindeutig zu beantworten. Aber wir haben uns im Magazin eben dafür entschieden, uns ganz bewusst mit dieser fremden Zuschreibung auseinanderzusetzen. Mit all diesen Ländern, die einmal eine sozialistische Vergangenheit hatten, bis in die 1990er Jahre hinein. Uns anzugucken und einfach mal zu sagen, wir schreiben jetzt nicht darüber, was wieder alles schief läuft, sondern wir gucken uns an, was können wir eigentlich in dieser Region lernen? Wo beurteilen wir sie arrogant, wo beurteilen wir sie falsch und worauf müssen wir unsere Aufmerksamkeit richten?

Bianca: Du schreibst auch – und das steckt auch im Titel der Ausgabe Osteuropa kann mehr als Krise“ – du schreibst, ich glaube, dein Begriff war sogar die maximale Krise“ sei da mit der Situation in Belarus, Polen, Ukraine und, dass ihr das auch nicht verharmlosen wollt, sondern einfach das Potenzial dieser unterschiedlichen Länder und Kulturen aufzeigen wollt. Wir haben letzte Woche, deine Kollegin Miriam, hat letzte Woche in diesem Podcast mit der slowenischen Start-up-Gründerin Mojca Zupan gesprochen, die einen Mikro-Filter für Waschmaschinen entwickelt hat. Das war schon ein positives Beispiel von einer Social Entrepreneur:in. Hast du da noch weitere Beispiele?

Morgane: Ja, auf jeden Fall. Also mein Lieblingsbeispiel ist eigentlich Wein. Darüber habe ich auch eine Reportage im aktuellen Magazin geschrieben und das hat mich deshalb sehr interessiert, weil wenn wir an Wein denken, ganz ehrlich, dann denken wir doch immer noch primär an Frankreich, Spanien, Italien. Wenn es um Weißwein geht, dann denken wir an Deutschland. Okay, wir wissen, unser Rotwein taugt noch nichts. Aber wir denken nie an Osteuropa. Wenn überhaupt, dann redet man mal wohlwollend über US-amerikanische Weine oder über südafrikanischen Wein.

Aber ich kenne niemanden, der einfach sagt: Leute, ich habe euch heute einen geilen Wein aus Mazedonien mitgebracht.“ Das ist aber eine Schande, weil ich schon vor einigen Jahren, als ich das Glück hatte, Mazedonien besuchen zu dürfen, festgestellt habe, die gibt es. Unglaublich geilen Wein sogar. Und es war für mich ein Erweckungserlebnis, weil ich dachte okay, hier ist ein krasses Potential. Es sind neue Geschmäcker, die ich nicht kenne. Ich liebe persönlich Wein. Wer nicht? Ich habe mich dann damit auseinandergesetzt, wo überhaupt noch für ein Schatz verborgen ist. Und die interessanteste Wein-Geschichte, meiner Meinung nach, – weltweit überhaupt – besitzt das osteuropäische Land Georgien. Also dieses Land am Kaukasus, eigentlich an der Außengrenze vom geografischen Europa, das sich aber schon seit einigen Jahren bemüht, Teil der Europäischen Union zu sein. 

Georgien besitzt, von der UNESCO verifiziert, die älteste Weinanbau-Kultur der Welt. Es gibt archäologische Beweise, die belegen, dass die Georgier:innen schon seit 8000 Jahren Wein mit derselben nachhaltigen Methode reifen lassen: in riesigen Tonarm-Amphoren. Sie werden im Boden vergraben, damit die Wärme der Erde den Wein natürlich fermentieren lässt. Und dieser Wein schmeckt so großartig. Das ist natürlich Naturwein, gerade sehr gefragt, Er hat diese faszinierende Geschichte und Tradition. Der Geschmack ist wirklich ganz, ganz einzigartig. Diese Qvevri-Weine, sie sind nachdem Namen der Tongefäße benannt, schmecken teilweise nach Aprikose, nach Quitte, nach Walnuss. Ich finde das super interessant und deshalb habe ich eine Reportage darüber geschrieben. Ein positives Beispiel also, weil ich glaube, dass Wein eben sehr bezeichnend ist für diese kulturelle Arroganz, mit der wir auf den Osten blicken. Die Recherche soll belegen, was es für einen kulturellen und kulinarischen Reichtum gibt, den wir vielleicht einfach nicht würdigen und auf den wir vielleicht einfach mal blicken sollten.

Bianca: Aber woher kommt eigentlich diese kulturelle Ignoranz, die du vorhin angesprochen hast? Ja, wir oder viele von uns haben einfach gesagt: Okay, der Ostblock ist eins. Ich frage mich, warum sich das nicht langsam auflöst. Warum wir immer noch so denken?

Morgane: Ja, super interessant. Es gibt dafür wirklich viele Gründe. Einer meiner Lieblingsgründe, sag ich mal, der ist gar nicht in meinem Essay drin. Ich habe ihn nur angedeutet. Nämlich schreibe ich darüber, dass Osteuropa immer noch in den Biographien der Hollywood-Bösewichte vorkommt, aber sehr selten in den Biografien der Held:innen. Und das ist tatsächlich nach wie vor so. Was ist die einflussreichste Popkultur der Welt? Es ist nach wie vor ungebrochen. Kein Land kann sich damit vergleichen, mit dem Impact, den die USA und ihre Film- und Fernsehproduktionen haben. Und was sind gerade in den letzten 20 Jahren die Verkaufsschlager in Hollywood gewesen? Das sind die Marvel-Filme und die Marvel Filme.

Also diese Superheld:innen-Filme, die komplett auf Comics basieren, die wiederum vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Krieges geschrieben worden sind. Das heißt, all diese Figuren haben Plots, die eigentlich im Kalten Krieg eigentlich angesiedelt sind. Und du siehst halt immer wieder Bösewichte, die diese russische Biografie haben. Darüber mögen sich jetzt Leute, die sich nicht so viel für Comics interessieren, lustig machen. Aber das hat einen krassen Impact auf unser kollektives Gedächtnis. Davon bin ich überzeugt. Und sogar wenn du außerhalb, wenn du ihn kritisch anerkannte Regisseur:innen, wenn du dir die anguckst, zum Beispiel Christopher Nolan mit seinem Film Tenet“.

Ich saß im Kino und dachte: Ist das jetzt dein Ernst. Da spielt wieder Kenneth Branagh, ein Brite, ein russischen Klischee-Bösewicht, wie wir ihn schon 500.000 Mal gesehen haben. Er spricht mit einem schrecklichen russischen Fake-Akzent. Klischee eben. Russen oder Osteuropäer:innen, das sind doch Bösewichte, das sind Kriminelle, die trinken sehr viel, die sind brutal, die sind unzivilisiert. Das ist einfach ein Stereotyp, das gefragt ist, weil es die Leute kennen. Und deshalb bedienen wir es auch.

Morgane: Ich bin in Berlin aufgewachsen. Und wir dürfen nicht vergessen, die Arroganz, mit der wir aus Osteuropa gucken, das ist dieselbe Arroganz, mit der wir in Westdeutschland auf Ostdeutschland gucken. Und das habe ich in Berlin beim Aufwachsen sehr stark gemerkt. Wir haben dieselben Klischees. Ja, wenn du darüber nachdenkst, über Ostdeutschland, auch über Ostberlin. Ja, das ist halt ein bisschen rückständiger. Dunkeldeutschland“. Es ist eigentlich sehr, sehr ähnlich und, ich glaube, das ist die politische Dimension dieser Arroganz. Auf der einen Seite in der Popkultur begründet und auf der anderen Seite eben in in diesem Überlegenheitsgefühl, was wir bis heute spüren. In Berlin habe ich das in der Schule gespürt. Wir hatten viele Leute aus Polen im Jahrgang, und die mussten sich immer denselben Joke anhören: „Dein Vater klaut bestimmt mein Auto“. Das ist richtig schlimm, wie diese Stereotypen aufrechterhalten werden.

Polen, das war in Berlin für uns in der Schule: Ah ja, da kann man billige Zigaretten kaufen. Da kann man illegal Böller kaufen – an der Grenze. Schön für Silvester. Und ja, da säuft man halt. Und wenn man nach Prag geht und nach Budapest, dann sieht man da bis heute diese vor allem männlichen Gruppen von Boys, die sich da halt einfach besaufen und sich schrecklich benehmen, weil sie einfach davon ausgehen, dass man das da so macht.

Ich glaube dieses Gefühl, dass man sich aus dem Westen im Osten aufführen kann, als wäre man was besseres, diese Gefühl hat diese kulturelle Dimension. Das hat die historische Dimension dessen, was wir beigebracht bekommen haben nach dem Ende der Sowjetunion: Westeuropa ist geil. Des Kapitalismus ist geil. Der Sozialismus ist scheiße und der Osten ist auch scheiße. All das ist einfach immer noch alive. Ja, ich hoffe, das war jetzt nicht zu verwirrt. Aber ja, es gibt eine sehr lange Reihe von Gründen.

Bianca: Nee, war überhaupt nicht verwirrt. Klingt für mich absolut plausibel. Du hast ja auch diese popkulturellen Bezüge aus dem Marvel-Universum angedeutet und in deinem Essay schreibst du ja auch und, da bin ich fast vom Stuhl gefallen, dass es im neuen Asterix-und-Obelix-Band die Gallier in den Osten verschlägt. Das sei dann so ein Nebel vergangener Fleck und hieße „Barbaricum“. Und es gebe langbeinige Schönheiten und Namen wie Kalaschnikowa“. Also mehr Klischee geht ja eigentlich gar nicht. Ich denke, dass fasst das, glaube ich, sehr gut zusammen, diese merkwürdige, ungerechtfertigte kulturelle Ignoranz. Und du hast gerade Polen angesprochen und dieses Bild und vielleicht auch, wie man von Deutschland auf Polen schaut. Und das hat mich doch sehr erstaunt. Da sehe ich selber meine Ignoranz. In deinem Essay schreibst du auch, was für ein unglaublich wichtiger Handelspartner Polen für Deutschland ist. 

Morgane: Ja, ich glaube auch, dass das eigentlich in der Öffentlichkeit nicht wirklich bekannt ist. Das weiß, glaube ich, niemand, wie wichtig Polen für uns ist, und was es da für eine ungerechte Verteilung gibt. Weil auf der einen Seite sehen wir eben Polen als einen unserer wichtigsten Handelspartner. Ich hatte darüber geschrieben, dass der deutsche Handel mit Osteuropa generell um 6,7 Prozent im letzten Quartal gewachsen ist, dreimal so stark wie der deutsche Außenhandel insgesamt. Und Polen ist nach China und den Niederlanden unser drittgrößter Lieferant. Und das ist halt auch umgekehrt so. Wir sind auch für die Polen sehr wichtig, aber auch generell für die Visegrad-Staaten, Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei.

Auf der einen Seite kann man jetzt natürlich sagen: Toll, ist doch super, wir treiben viel Handel miteinander. Aber wenn man dann näher hinguckt, dann fällt es schon sehr auf, dass es da auch eine sehr ungesunde Beziehung gibt. Auf der einen Seite, klar, freuen uns alle darüber, dass wir zusammen Geld verdienen. Top. Aber wir wissen ja alle spätestens seit Tönnies, wie wir Gastarbeiterinnen, die in unseren Fleischfabrik arbeiten, die unseren Spargel ernten und zu einem großen Teil aus Osteuropa, vor allem auch Polen, kommen, in Deutschland behandeln. Das ist schrecklich und bis jetzt sehen wir auch wenig Besserung, auch unter anderem, weil das unserer neues Lieferkettengesetz immer noch nicht in Kraft ist.

Wir haben da einfach eine unglaubliche Arroganz. Ich habe viel für enorm auch über das Lieferkettengesetz und über Menschenrechtsverstöße in Osteuropa geschrieben. Ich glaube, viele Leute checken schon, dass die Art und Weise wie Klamotten oder Nahrungsmittel hergestellt werden im globalen Süden nicht gerecht ist. Dass es dort praktisch moderne Sklaverei gibt, dass es Kinderarbeit gibt. Es ist sehr einfach zu ignorieren. Das ist ja weit weg, aber wir haben das Problem auch hier. Wir haben das Problem auch hier in unserem Land.

Wir beuten unsere unmittelbaren Nachbar:innen, Rumän:innen, Pol:innen, damit sie unsere Güter produzieren, aus. Wir heuern sie über Zuliefererfirmen an, mit schlechten Verträgen. Sie werden nicht medizinisch betreut und schrecklich untergebracht. Das haben wir alles direkt hier. Und ich glaube, wir wollen es nicht sehen, weil es diese unangenehme Assoziation mit dem Osten gibt. Damit will man sich nicht beschäftigen. Ist halt nicht so sexy. Das ist halt nicht so schick. Man macht halt gerne mal seinen Freiwilligendienst, wenn ich jetzt mal ganz polemisch sein darf, in so einem schönen Land mit Sonne und Palmen, aber wer geht denn freiwillig nach Osteuropa? Ich kenn wirklich nicht viele Westdeutsche, die da so Bock drauf hätten. Weißt du, was ich meine?

Bianca: Absolut. Da würde ich dir direkt diese eine Frage stellen wollen, die auch bei euch im Magazin drin ist. Ich muss nur eben die richtige Seite aufschlagen. Einen Moment. Im Heft stellt ihr ein paar Fragen. Ihr nennt die Rubrik „Das Gedankenexperiment“. Diesmal zu Osteuropa. Eine davon lautet: Stell dir vor, du könntest dir eine Stadt in Osteuropa aussuchen, um dort für ein Jahr zu arbeiten. Geld gäbe es genug, Sprache und Unterkunft wären kein Problem. Für welche Stadt würdest du dich entscheiden und warum?“

Morgane: Wow, das ist super schwer. Das ist super schwer, weil es tatsächlich so viele Städte gibt, die mich interessieren.

Bianca: Würdest du nach Georgien wollen, damit du dort Wein trinken könntest?

Morgane: Tatsächlich ist Tbilissi“, das ist der georgische Name für Tiflis, auch eine ganz großartige Stadt, aber ich würde sie mir nicht aussuchen, weil sie leider auch eine hohe Autobelastung und Luftverschmutzung hat. Und ich bin Asthmatikerin und habe gemerkt, ich liebe diese Stadt, aber das wird auf lange Sicht nichts. Ich glaube, ich würde mir Sankt Petersburg aussuchen, weil ich noch nie in Russland war. Und gerade weil dieses Land eben auch so viele, so viele Probleme hat. Aber auch eine unglaublich alte Kultur und ein unglaublich unglaublich interessantes Land ist. Ich würde gerne mal nach Sankt Petersburg. Ich fände es toll, Russisch zu können und diese Stadt ist einfach wunderschön und interessiert mich irgendwie total. Sankt Petersburg. Und wenn nicht Sankt Petersburg, dann auch an Krakau, weil ich Polen so sehr liebe. Und Krakau hat mich sehr beeindruckt. Auch eine sehr lebendige Start-up- und Kulturszene, wunderschöne Architektur, tolles Essen. Ja, ich glaube, Sankt Petersburg oder Krakau. Und du Bianca?

Bianca: Hm, ja, also ich weiß jetzt, es ist gemein, wenn ich jetzt ein bisschen ausweiche und keine Stadt nenne. Aber was ich tatsächlich schon sehr, sehr lange machen wollte, ist eine Fahrradtour durchs Baltikum. Das stelle ich mir großartig vor. Ich fahre auch tatsächlich gerne Fahrrad. Natürlich lieber im Sommer. Das würde ich gerne tun. Also Lettland, Estland, Litauen. Das fände ich sehr cool.

Morgane: Ja, ich auch. Ich war selber leider auch noch nie in den baltischen Staaten. Unsere Kollegin Miriam, die du schon erwähnt hast, kennt sich da super aus. Ihr Artikel über die Tech-Szene in Litauen und Estland hat mich auf jeden Fall auch sehr motiviert, mir mal die baltischen Staaten näher anzugucken.

Bianca: Das fand ich wirklich auch heftig. Also erstens, extrem viele Fintech-Unternehmen, zweitens absolute Parität in den Unternehmen, also genauso viele weibliche wie männliche Mitarbeiter:innen. Und die ganze Verwaltung in Litauen ist, glaube ich, zu zwei Drittel, digitalisiert – im Vergleich zu Deutschland. Auf jeden Fall entspricht das überhaupt nicht diesem Bild, das du vorhin erwähnt hast.

Morgane: Das ist das, was wir uns wünschen. Dass Menschen die Ausgabe gelesen haben und dann einfach merken, einfach feststellen, wie beschränkt vielleicht ihr Blick auf diese Region ist. Ich habe das auch in meinem Essay geschrieben, Estland etwa ist ganz klar ein digitaler Vorreiter. Aber es ist auch das erste und einzige Land der Welt, in dem das Staatsoberhaupt als auch die Regierungschefin bereits Frauen waren. Also gerade was du angesprochen hast, die Gleichberechtigung. Das ist schon lange bekannt.

Man kann sehr, sehr viel Böses und Kritisches über die Sowjetunion sagen, aber es gab dort natürlich einen extrem hohen Anteil von Frauen, die Verantwortung übernehmen durften, die naturwissenschaftliche Fächer studiert haben, lange bevor das bei uns irgendwie ein Thema war. Wir sehen bis heute in diesen Ländern ein positives Erbe. Es gibt bis heute einfach viel mehr in der IT, in der Mathematik, in der Chemie. Das ist einfach ein ganz anderer Code. Davon können wir in Deutschland nur träumen. Und ich glaube, das ist in Ostdeutschland ja genauso gewesen. Ich meine es auch kein Zufall, dass unsere ehemalige Kanzlerin, Angela Merkel, Physik studiert hat. Sie kam auch aus Ostdeutschland und das ist auch für mich super interessant, wenn man auf diesen Raum guckt. Wir haben ja natürlich auch einen Artikel über Belarus, in dem immer noch sehr viele mutige Menschen versuchen, gegen den Diktator Lukaschenko zu rebellieren.

Und wir wissen, dass diese Revolution vor allem von Frauen geprägt wurde. Und gerade dieser Blick auf die weibliche Stärke in Osteuropa, wo Frauenrechte nun leider auch systematisch unterdrückt werden, vor allem auch in Polen, hat mich sehr beeindruckt in den letzten Jahren. Wir wollen Krisen nicht verharmlosen. Natürlich, sie sind da. Wir glauben aber, dass man eben mit Empowerment auf diese Länder blicken muss, auch um diese Krisen zu lösen, und dass wir Teil des Problems sind. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir sagen, ach ja, der böse Lukaschenko und der böse Putin. Dabei haben wir doch direkt damit zu tun. Wir haben auch direkt etwas damit zu tun, was in der Ukraine passiert, weil wir der Ukraine nie wirklich geholfen haben, als Russland einmarschiert ist. Und jetzt steht da schon wieder eine Armee an der Grenze und es gibt – schon wieder – keine klare politische Ansage. Genauso wie zur Situation an der Grenze von Belarus. Wir sind doch auch dafür verantwortlich, wie wir zu diesen Krisen uns positionieren und, dass wir unsere Nachbarn nicht im Stich lassen. Und genau das, das möchte ich einfach. Dazu möchte ich die Leute ermutigen. Guckt euch an, was für mutige und tolle und kreative Menschen es in Osteuropa gibt. Die brauchen auch unsere Unterstützung.

Bianca: Absolut. Wer jetzt mehr darüber erfahren möchte, der holt sich doch die neue enorm: Viel Neues im Osten“. Holt euch ein Abo! Das Ziel sind 10.000 Abos. Wo seid ihr jetzt, Morgane? Bei 6.181? Das war mein letzter Stand.

Morgane: Ja, ist auch mein letzter Stand. Sehr cool.

Bianca: Holt euch das neue Heft. Es ist wahnsinnig interessant. Vielen Dank Morgane, ich danke dir.

Morgane: Danke. Bis bald.

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