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30 Oktober 2020 / Lesezeit: 7 minuten

Kamala Harris

Worum es bei der US-Wahl für Schwarze Frauen geht

Kamala Harris verkörpert auch den Kampf für das Empowerment Schwarzer Frauen.

Foto: imago images / ZUMA Wire

Foto: imago images / ZUMA Wire

Die Historikerin und Autorin Edna Bonhomme erklärt, welches Vermächtnis die demokratische Vize-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris antritt – und was ihre Nominierung für Schwarze Menschen in den USA bedeutet.

„Die Person, die in Amerika am wenigsten respektiert wird, ist die Schwarze Frau. Die Person, die in Amerika am wenigsten geschützt wird, ist die Schwarze Frau. Die Person, die in Amerika am meisten vernachlässigt wird, ist die Schwarze Frau.“ Das sagte der Schwarze Widerstandskämpfer Malcom X im Jahr 1962, anlässlich einer Rede über die gesellschaftliche Stellung und den Status Schwarzer Frauen in den Vereinigten Staaten. Seine Ausführung verdeutlichte er durch einen Verweis darauf, wie die US-Gesellschaft Schwarzen Frauen beigebracht habe, ihre Hautfarbe, die Textur ihrer Haare, die Form ihrer Nasen und Lippen zu hassen. Zwei Jahre nachdem Malcolm X diese Rede gehalten hatte, wurde Kamala Devi Harris geboren. Heute wissen wir: Malcolm X‘ Ausführungen sind nicht nur mächtige Worte aus einer fernen Vergangenheit, sondern bestehen fort bis in die höchsten Kreise der USA.

Nach der Debatte der Vizepräsidentschaftskandidat*innen Anfang Oktober bezeichnete US-Präsident Donald Trump Senatorin Kamala Harris als „Monster“. Sein Konkurrent Joe Biden verurteilte diese Äußerungen als „verabscheuungswürdig“, es sei offensichtlich, dass Trump „große Schwierigkeiten hat, mit starken Frauen umzugehen“. Ich würde noch einen Schritt weitergehen und behaupten: Trump hat ein Problem mit Schwarzen Frauen und Frauen of Color.

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Doch was bedeutet es für eine afroamerikanische Frau mit jamaikanisch-indischen Wurzeln, wenn sie von mächtigen weißen Männern verunglimpft wird? Und in was für einer Welt leben wir, wenn eine ins Amt gewählte Schwarze Frau als Monster bezeichnet wird, weil sie sagt, dass sie sich für ,Empowerment‘ und Gerechtigkeit einsetzen will? Im Fall der Vereinigten Staaten – einem Land, das auf den Schultern unbezahlter Schwarzer Frauen aufgebaut wurde – sind Trumps Äußerungen keine Ausnahme sondern vielmehr Teil einer gesellschaftlichen Norm, die Schwarzen Frauen weiterhin schadet.

Nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention werden Schwarze Frauen in den Vereinigten Staaten am häufigsten Opfer von Mord, obwohl sie lediglich 13 Prozent der US-amerikanischen Frauen ausmachen. In fünfzig Prozent der Fälle handelt es sich um Gewalttaten in einer Partner*innenschaft, was wiederum bedeutet, dass Schwarze Frauen doppelt so häufig von ihrem*r Ehepartner*in und viermal so häufig von ihrem*r Freund*in getötet werden wie weiße Frauen. Außerhalb von Beziehungstaten, nimmt auch die Polizei Schwarze Frauen ins Visier, ähnlich des Falles von Breonna Taylor, die am 13. März 2020 in ihrem Haus in Louisville, Kentucky, erschossen wurde. Wie können diese Ungerechtigkeiten – damals wie heute – erklärt werden? Anhand der Vergangenheit lässt sich das gut aufschlüsseln.

Wie weit Schwarze Menschen gekommen sind – und noch gehen müssen

Im Jahr 1944 ging Recy Taylor, eine 24-jährige afroamerikanische Mutter und Feldarbeiterin, nach einem Abend voller Gesang und Gebeten in der Rock Hill Holiness Church in Abbeville (Alabama) nach Hause. Sieben weiße Männer, mit Messern und Schrotflinten bewaffnet, zwangen die junge Frau in ihren grünen Chevrolet, vergewaltigten sie und ließen sie sterbend zurück. Obwohl die Männer anschließend zugaben, Recy Taylor vergewaltigt zu haben, wurden keine Anklagen gegen die Täter erhoben. Doch der Präsident der örtlichen NAACP-Niederlassung (Bürgerrechtsorganisation National Association for the Advancement of Colored People) schickte seine beste Ermittlerin nach Abbeville, um den Fall zu untersuchen. Ihr Name war Rosa Parks.

Parks brachte den Fall zurück ans Gericht von Montgomery, wo sie begann, eine Verteidigung für Taylor zu formieren. Dafür bildeten Parks und die NAACP mit Unterstützung von Gewerkschaften, afroamerikanischen Organisationen und Frauengruppen das Alabama-Committee for Equal Justice. Mit Hilfe dieser Graswurzel-Organisation bildeten Rosa Parks und andere eine „United Front“. Dank der Bemühungen Rosa Parks‘ und anderer Unterstützer*innen kam es zu einer erneuten Gerichtsverhandlung. Dennoch wurden die Männer nie angeklagt.

Bevor Rosa Parks zum Symbol für den Montgomery-Boykott wurde, war sie bereits eine prinzipientreue Aktivistin, die gegen die rituelle Vergewaltigung Schwarzer Frauen durch weiße Männer protestierte. Ähnlich der afroamerikanischen Journalistin Ida B. Wells Barnett ist auch Rosa Parks Teil eines Vermächtnisses Schwarzer Frauen, die gegen wirtschaftliche Einschüchterungsversuche, sexualisierte Gewalt und Terror aufbegehrten. Für Rosa Parks waren die Ereignisse von 1944 eine Art Generalprobe für die spätere Bürger*innenrechtsbewegung. Anhand dieser Bewegung lässt sich ablesen, wie weit Schwarze Menschen in Amerika gekommen sind und wie weit wir noch zu gehen haben.

Wer ist Kamala Harris?

Am Morgen des 11. August 2020 traf der frühere Vizepräsident Joe Biden eine wichtige Entscheidung und verkündete, dass die kalifornische Senatorin Kamala Harris seine Mitstreiterin fürs Rennen um das Präsidentschaftsamt sein werde. Aus der Bezirksstaatsanwältin von San Francisco wurde dadurch die offizielle Vize-Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei der Vereinigten Staaten von Amerika. Dies ist die höchste Errungenschaft, die eine Schwarze Frau in der US-Politik je erzielt hat. In ihrem Memoir „The Truths We Hold“ beschreibt Kamala Harris ihr Leben in eigenen Worten; die Art und Weise, wie sie erzogen wurde, ihre Prinzipien und die Erfahrungen, die sie zu dem Menschen gemacht haben, der sie heute ist.

Aber wer ist Kamala Harris und warum ist sie für viele Schwarze Menschen in den Vereinigten Staaten so wichtig? Harris ist hartnäckig, unterscheidet sich stark von ihren Vorgänger*innen und gehörte in vielen beruflichen Bereichen zu den Ersten. Zudem ist sie eine brillante und charismatische Politikerin. Ihre erste Kampagne ebnete ihr den Weg, jene Politikerin zu werden, die sie heute ist. Sie kandidierte mit dem Versprechen, die Dinge anzupacken – und das tat sie auch, mit Anmut. Im Alter von 38 Jahren wurde sie zur Bezirksstaatsanwältin von San Francisco.

Die Debatte der Vize-Präsidentschaftskandidat*innen Anfang Oktober 2020 ist das perfekte Beispiel für Harris‘ souveräne Art und Fähigkeit, Gegner*innen scharf zu kritisieren. Möglich wird dies durch ihre politische Haltung und ihre Fähigkeit, mit fortschrittlichen Politiker*innen zusammenzuarbeiten. 2019 wurde Harris zur liberalsten Person im US-Senat gewählt. Warum das? Sie unterstützt die öffentliche bundesstaatliche Krankenversicherung „Medicare for All“ und den „Green New Deal“, ein Zehnjahresplan für die Wirtschaft, der auf sauberer Energie basiert, neue Jobs durch Umschulungen vorsieht und soziale wie ökologische Gerechtigkeit schaffen soll. Zudem war sie gemeinsam mit der Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez Co-Autorin des „Environmental Bill“, ein Gesetzesentwurf zu Umweltgerechtigkeit, mit dem einkommensschwache Haushalte vor negativen Umweltauswirkungen geschützt werden sollen.

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Empowerment Schwarzer Frauen

Leider konnte Kamala Harris einige progressive Elemente ihrer Kampagne nicht einlösen. Seit ihrer Nominierung zur Vize-Präsidentschaftskandidatin hat sie weniger über den „Green New Deal“ oder den in Amerika weiterhin anhaltenden Klassenkonflikt gesprochen. Unglücklicherweise bestätigte sie, dass Joe Biden nicht vorhat, Fracking zu verbieten – eine Methode der Erdgasförderung, die von Umweltschützer*innen stark kritisiert wird.

Schwarze Progressive kritisieren Kamala Harris für ihre Zusammenarbeit mit der Polizei und die Schaffung von Strafgesetzen, die Schwarze Menschen überproportional häufiger betreffen. Der Vergleich mit Schwarzen Feministinnen wie Angela Davis – die 1980 als Vizepräsidentin der Kommunistischen Partei kandidierte – erinnert daran, dass in der Vergangenheit bereits progressivere Schwarze Frauen für das Amt der Vizepräsidentin in den Vereinigten Staaten kandidiert haben.

Gleichzeitig zeigt das Erbe des Combahee River Collective, dessen Manifest von 1977 eine antikapitalistische und antiimperialistische Praxis für die Befreiung der Schwarzen Frauen darlegte, eine andere politische Strategie auf. Beeindruckender sind jedoch die Bemühungen einer neuen Generation Schwarzer Frauen – Alicia Garza, Patrice Cullors und Opal Tometi – die Gründer*innen der „Black Lives Matter“-Bewegung, die sich als Architekt*innen einer globalen Bewegung hervorgetan haben. Mit diesen radikalen Schwarzen Bewegungen kann Kamala Harris nicht mithalten.

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Gleichzeitig lobte Kamala Harris die Schwarzen Frauen, die den Weg für ihren Erfolg auf dem Nationalkongress der Demokratischen Partei im August 2020 ebneten. Sie erwähnte besonders einen kleinen Teil der Schwarzen amerikanischen Frauen, die für Antirassismus und Geschlechtergerechtigkeit kämpften: Mary Church Terrell und Mary McLeod Bethune, Fannie Lou Hamer und Shirley Chisholm. Für viele Schwarze Amerikaner*innen verkörperte Harris‘ mit dieser Rede den Fortschritt und den Kampf für ein Empowerment Schwarzer Frauen – so, dass es die ganze Welt sehen kann.

Die strukturellen Probleme angehen

Was könnte Harris‘ Sieg als Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten bedeuten? Sie bekräftigte ihre Unterstützung für das Recht der Frauen auf Schwangerschaftsabbrüche. Fragen zu dem Thema nutzte sie, um das Gespräch auf den Schutz des Affordable Care Act, im Volksmund bekannt als Obamacare, umzulenken. Am dringlichsten sei die mögliche Umstrukturierung des US-amerikanischen öffentlichen Gesundheitssystems in Zeiten von Covid-19. Jetzt, da die USA von Covid-19 betroffen sind, können die Argumente der Gegner*innen kaum noch aufrechtzuerhalten sein. Die Pandemie hat die dunkle Realität der gesundheitlichen Ungleichheiten in den Vereinigten Staaten, insbesondere im Hinblick auf den Zugang zu Tests und Behandlungen, und die unzureichenden Maßnahmen zum Schutz systemrelevanter Arbeitnehmer*innen aufgezeigt. Das sind jedoch nur einige der vielen Ungleichheiten in den USA, die es zu bekämpfen gilt.

Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ist in den Vereinigten Staaten zu einem umstrittenen Thema geworden. Konservative Christ*innen wollen „Roe v. Wade“ aufheben, das Urteil des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, das das verfassungsmäßige Recht auf Abtreibung festschreibt. Mit dem Tod von Ruth Bader Ginsburg im September 2020 wurde die Zahl der Pro-Choice-Verfechter*innen am Obersten Gerichtshof quasi ausgelöscht. Davon sind Schwarze Amerikaner*innen besonders betroffen, sie haben überproportional häufiger keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbrüchen. Konservative Kräfte wollen Schwangerschaftsabbrüche in den Vereinigten Staaten für illegal erklären lassen – und bemühen sich seit dem Aufstieg des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten unermüdlich darum.

Die Anti-Abtreibungsbewegung, die sich mit christlich-konservativen Gruppen und der Republikanischen Partei verbündet, setzt auf die Verbreitung von Schreckensszenarien, von Rassismus befeuerte Furcht sowie auf ein Arsenal nicht stichhaltiger Behauptungen, um Menschen den Zugang zu sicheren und erschwinglichen Schwangerschaftsabbrüchen in den USA zu erschweren. Diese Strategie ist nicht neu, sondern Teil eines anhaltenden Kulturkrieges, der eng mit rassistisch motivierten Kampagnen verknüpft ist. Ein Bereich, bei dem Kamala Harris als Schwarze indisch-jamaikanische Amerikanerin großes Potenzial hätte, mehr für Frauenrechte in den USA und darüber hinaus zu tun.

Das Vermächtnis, das wir brauchen

Insbesondere Schwarze Menschen sind finanziellen Belastungen ausgesetzt, die die Entscheidung erschweren. Umso mehr also ein Anlass, sich dem Thema „Racial Justice“ zu widmen und die strukturellen Probleme in den Bereichen Wohnraum und Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten anzugehen. Seit 2007 hat die Zwangsvollstreckungskrise mindestens 10 Millionen Menschen aus mehr als vier Millionen Haushalten in den Vereinigten Staaten vertrieben, von denen 70 Prozent auf Schwarze und Latinx entfielen. Demografisch gesehen, repräsentieren diese 10 Millionen Menschen die Bevölkerung des Bundesstaates Illinois. Dies sind wichtige strukturelle Probleme, die eine*n Politiker*in allein kaum lösen kann. Deshalb ist es erforderlich, gründlich darüber nachzudenken, wie eine von Bigotterie und Hass infizierte Nation geheilt werden kann.

Wie soll man eine polarisierte Nation voranbringen, die sich mit einem der umstrittensten Wahlzyklen in der jüngeren Geschichte konfrontiert sieht? Wir haben mehr Schwarze Frauen in politischen Ämtern in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus verdient. Schwarzen Frauen ist dann gedient, wenn sie nicht nur von einer Schwarzen Frau in einem politischen Amt respektiert werden, sondern wenn sich die sozialen und materiellen Bedingungen ändern, die uns Schaden zufügen. Das beinhaltet, die anhaltende Gewalt gegen Schwarze Frauen auf struktureller Ebene und nicht nur auf symbolischer Ebene anzugehen. Wir müssen all diese Ungleichheiten zwischen Race und Geschlecht direkt angehen, anstatt sie wegzuwünschen. Kamala Harris‘ Kandidatur ist vielversprechend, aber diese Last sollte nicht allein auf ihren Schultern lasten. Wir brauchen feministische und antirassistische Koalitionen, um Druck auf die konservativen Elemente auszuüben, die derzeit in der Exekutive, der Justiz und der Legislative der Vereinigten Staaten vorhanden sind.

Im August 2020 hielt Senatorin Kamala Devi Harris während einer digitalen Konferenz mit Black Girls Rock fest: „Es wird Widerstand gegen euren Ehrgeiz geben. Es wird Leute geben, die euch sagen, dass euch das alles nichts angeht, dass es eure Kompetenzen übersteigt. Aber lasst euch davon nicht beeindrucken.“ Diese Haltung brauchen wir. Sie erlaubt es Schwarzen Mädchen zu träumen, mit Ehrgeiz und ohne Einschränkungen.

Edna Bonhomme ist Autorin, Wissenschaftshistorikerin und Dozentin. Edna Bonhomme promovierte 2017 in Geschichte an der Princeton University. Sie ist Postdoktorandin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und lebt derzeit in Berlin. Twitter: @jacobinoire
Foto: RopaMurombo

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