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7 Januar 2021 / Lesezeit: 3 minuten

Kommentar

Warum der US-Patriotismus abgeschafft gehört

Trump-Anhänger*innen stürmten am 6.1.2021 das Kapitol in Washington D.C.

Bild: imago images / ZUMA Wire

Bild: imago images / ZUMA Wire

Die Stürmung des Kapitols hat gezeigt, dass die USA eine beschädigte Demokratie sind. Journalist*innen und Politiker*innen betonen jedoch permanent: Die USA sind eigentlich ein Leuchtfeuer der Demokratie. Warum das nicht stimmt und wie diese Rhetorik die USA vergiftet.

Als gestern Nacht Trump-Anhänger*innen das US-amerikanische Kapitol stürmten, war das – so weh es tut, das zu schreiben – keine Überraschung. Donald Trump hatte bereits vor mehreren Wochen via Twitter dazu aufgerufen, sich am 6. Januar, der Tag an dem Joe Biden offiziell vom Kongress als nächster Präsident bestätigt werden sollte, in Washington D.C. zu „treffen“. Während die Stimmen für die Wahl des Senats im US-Bundesstaat Georgia ausgezählt wurden, predigte er seinen Anhänger*innen: „Ihr werdet euer Land nie mit Schwäche zurückgewinnen. Ihr solltet zum Kapitol gehen!“

Laut der New York Times wurde die Stürmung des Kapitols auf sozialen Netzwerken öffentlich einsehbar angekündigt und organisiert. Dennoch verhinderte es niemand.

Zwar verurteilen Journalist*innen und Politiker*innen dieses bizarre, demokratiefeindliche und fanatische Schauspiel. Gleichzeitig wurden die US-Sender CNN, NBC und CBNS aber nicht müde, zu betonen, dass diese Szenen nicht „Amerika zeigen”.

Rassistische Rhetorik

Auf CNN sagten mehrere Kommentator*innen, dass man solche Bilder von „Dritte-Welt-Ländern“ oder einer „Bananenrepublik“ kenne. Niemand schien sich an dieser rassistischen Rhetorik zu stören, die Länder des Globalen Südens herabsetzt und die Vormachtstellung und Überlegenheit des Westens suggeriert. Sie sind damit nicht weit entfernt von Trump selbst, der Länder wie Haiti gerne als „Dreckslöcher” bezeichnet. Immer wieder war auf allen Sendern zu hören, dass die USA doch eigentlich „ein Leuchtfeuer der Demokratie” seien.

Der designierte Präsident Joe Biden sprach in einem Statement davon, dass dies nicht „America“ sei, sondern eine kleine Gruppe von Extremist*innen. „God bless our troops, God bless America“, waren die unvermeidlichen Abschlussworte seiner Rede, die in nicht-amerikanischen Ohren fast schon lächerlich martialisch und anachronistisch klingen. Nichts, scheint es, kann die US-amerikanische Überzeugung, etwas Besseres als der Rest der Welt zu sein, brechen.

Liebe US-Amerikaner*innen, euer Land hat lange vor Donald Trump den illegalen Irakkrieg geführt. In Vietnam Kriegsverbrechen begangen. Den faschistischen Militärputsch von Salvador Allende durch Augusto Pinochet in Chile unterstützt. Die Geschichte eures Landes beginnt nicht mit einem Freiheitskampf, sondern mit dem Genozid an der indigenen Bevölkerung Nordamerikas, dicht gefolgt von der Verschleppung und Versklavung Schwarzer Menschen, deren systematische Unterdrückung bis heute anhält. Während des Zweiten Weltkriegs internierte das US-amerikanische Militär japanische und jüdische Bürger*innen in Lagern. An eurer Grenze zu Mexiko sterben jedes Jahr Hunderte von lateinamerikanischen Migrant*innen. Und ihr habt es geschafft, vor vier Jahren den Mann zu wählen, der für die Belagerung des Kapitols verantwortlich ist. Wann, möchte man den patriotischen US-Amerikaner*innen zurufen, waren die USA jemals eine Vorzeigedemokratie?

Stürmung des Kapitols: Nur wenige Menschen wurden bis jetzt verhaftet

Über vier Stunden besetzten gestern eine Mischung aus Trump-Fanatiker*innen, QAnon-Anhänger*innen und „Proud Boys“ das Kapitol, hissten die illegale Südstaatenflagge, verletzten Polizist*innen, trugen Rohrbomben auf das Kapitol-Gelände, bedrohten Abgeordnete mit Waffen und verwüsteten ihre Büros, zerstörten journalistisches Equipment, doch nichts geschah. Erschreckend sind die Vergleiche der militärischen und polizeilichen Reaktion auf Black Lives Matter-Proteste nach dem Tod von George Floyd, bei denen Tausende Menschen verhaftet wurden und sofort hart gegen die Demonstrierenden durchgegriffen wurde.

In Washington D.C. tat die Polizei gestern lange faktisch nichts, um den Mob von den Stufen des Kapitols zu vertreiben. Trump zögerte die Entsendung der Nationalgarde so lange wie möglich heraus. Noch am frühen Morgen war von nur 13 Verhaftungen im Zusammenhang mit der Belagerung des Kapitols die Rede, mittlerweile spricht die US-amerikanische Polizei von insgesamt 52 verhafteten Menschen. Immer wieder sah man die fast ausschließlich weißen Demonstrant*innen, die zuvor ins Kapitol gestürmt waren, das Gebäude verlassen und unbehelligt und seelenruhig davon schlendern. Wären diese Menschen Schwarz gewesen, wäre die Reaktion der Sicherheitskräfte wohl deutlich härter ausgefallen.

Auch als fast alle Menschen von den Stufen des Kapitols verschwunden waren, ließen Polizist*innen ein Plakat des Mobs stehen, auf dem „Pelosi is Satan“ stand. Bis zuletzt standen einzelne Demonstrierende mit der stolz in den Boden gestemmten US-Flagge wenige Zentimeter vor den Polizist*innen und kläfften sie an. „USA, USA!“ brüllte der Mob, während sie im Inneren des Gebäudes Gemälde und Pfeiler als Andenken an ihre kriminelle Scheinwerferstunde stahlen.

Nein, keine dieser Szenen war eine Überraschung.

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Was, wenn nicht die gestrigen Ereignisse, müsste den US-Amerikaner*innen endgültig zeigen, dass ihr Überlegenheitsgefühl, das Selbstbild als „Leader of the Free World“ toxisch ist? Dass diese Rhetorik des blinden Patriotismus Menschen, die das Kapitol stürmen und dabei „USA, USA“ schreien, erst möglich macht? Dass genau diese Szenen zeigen, was die USA heute ausmacht. Nein, die USA haben nicht nur ein Problem mit ein „paar Extremisten“. Wenn dieser Staat zu einem Land werden will, das als Demokratie ernst genommen werden will, dann muss er zuallererst seine Selbstbeweihräucherung beenden – und sein Versagen eingestehen.