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5 Oktober 2021 / Lesezeit: 3 minuten

Einsatz für die Demokratie

Unser erstes Mal als Wahlhelferinnen

Berliner:innen mussten am 26. September gleich vier Stimmen abgeben: für Bund, Land, Bezirk und Volksentscheid. Ob das gut ging? Unsere Autorinnen Astrid Ehrenhauser und Anja Dilk schilden ihre Erlebnisse.

BILD: IMAGO

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Das Berliner Wahlchaos hat gezeigt, was alles schieflaufen kann bei Wahlen in einer Demokratie. Anja Dilk und Astrid Ehrenhauser hatten sich freiwillig als Wahlhelferinnen gemeldet. Erfahrungen aus zwei Berliner Wahllokalen.

● Der Wecker klingelt gefühlte fünf Minuten nach dem Einschlafen. Partyschwere, meine Lust auf Demokratie ist auf einem historischen Tiefstand. Ein Auge auf, oh Gott, ich muss ihn überhört haben, 6.39 Uhr, um 7 Uhr geht es los. Wahlhelfer:innen, die nicht erscheinen, zahlen bis zu 1.000 Euro Strafe. 15 Minuten später radle ich durchs verschlafene Sonntagmorgen-Berlin nach Schöneberg.

▲ Zwei Stunden Schulung vor Ort, Unterlagen per Mail und Online-Selbstlernkurse – pflichtbewusst alles abgearbeitet. Gewappnet für das Berliner „Super-Wahljahr“ fühle ich mich trotzdem nicht. Werde ich als stellvertretende Schriftführerin alles durcheinanderbringen?

● „Hilfskraft“ stand in der Benachrichtigung, dafür gab es weder Schulung noch Infomails vorab. Der Wahlvorstand ist schweißgebadet – und genauso unerfahren wie wir, sein elfköpfiges Team. Die Unterlagen des Bezirkswahlamts leuchten niemandem von uns ein. Perso-Kontrolle am Anfang, der Abgleich mit dem Wähler:innenverzeichnis nach der Wahl? Seltsam. Was soll’s, wir versuchen es.

▲ Der erste Schriftführer ist da, Glück gehabt. Ich also raus zur Einlasskontrolle: Masken, Hände desinfizieren, Abstand. Doch drinnen stockt es, sechs Kreuze, vier Wahlen: Bund, Land, Bezirk, Volksentscheid, uff. Mein Team: Neulinge wie ich, die es gut machen wollen. Mein Wahllokal: eines von mehreren in einer Grundschule in Berlin-Kreuzberg.

● 8.01 Uhr. Unser erster Wähler ist ein Mann in Uniform, unbewegtes Gesicht. „Willkommen“. Ich schiebe ihm strahlend die Wahlzettel rüber. Er lächelt ein bisschen und verschwindet in der Wahlkabine. Dann kommen: Hundebesitzer:innen, Skateboarder:innen, Senior:innen. Eine fast feierliche Stimmung breitet sich aus. Um 9 Uhr verabschiede ich mich, mir wurde die Nachmittagsschicht zugeteilt.

Nachtschicht für Wahlhelfer:innen, Pappurnen für Wähler:innen

▲ Die Schlange vor meinem Wahllokal reicht bis weit auf den Schulhof. Wartezeit bis zur Urne: 1,5 Stunden. Ich möchte verhindern, dass allzu viele wieder umdrehen. Eine Erstwählerin meckert: „Ich finde meine Benachrichtigung nicht mehr, keine Ahnung, wo ich wählen muss.“ Ich rufe das Bezirkswahlamt an, um es herauszufinden. Ein älterer Mann beschwert sich: „Ich kann nicht so lang in der Hitze stehen.“ Also bugsiere ich ihn nach vorne. Dazwischen brülle ich immer wieder die Nummer unseres Wahllokals, „Hier nur dafür anstellen, bitte!“

● Knallblauer Himmel, Mittagszeit. Ich radel zurück, vorbei an Läufer:innen des Berlin-Marathons, Musik wummert bis zum Wahllokal. Mein Team hat die Tische umgeräumt, Perso-Kontrolle und Wahllisten-Check sind jetzt eine Station. Geht viel schneller. Viele Junge kommen, Familien, ein diverser Mix von Menschen. Wir stoppen die Wartezeit: 20 Minuten max, im Berlinvergleich top. Kleiner Wahllokalstolz hebt die Laune. Ich stehe jetzt an den Wahlurnen. Die eine ist aus Plastik, die andere eine Pappkiste, zugeklebt mit schwarzem Panzertape. Beides krakelig handbeschriftet. „Das ist doch nicht euer Ernst.“ Eine aufgebrachte Endfünfzigerin macht Fotos für eine Beschwerde.

▲ Schichtpause nach sieben Stunden. Als ich zurückkomme, ist die Schlange noch genauso lang. Wählen darf, wer bis 18 Uhr ankommt. So dauert die Wahl bei uns noch bis 19.10 Uhr. Jemand geht beim Späti Getränke holen. Neue Bekannte plaudern, Nachbar:innen treffen sich, Freund:innen leisten Gesellschaft beim Warten. Flair einer Demokratie-Party: Wir halten durch, wir wählen!

Auch auf enorm: Facelift für die Demokratie: Wie kann Wählen attraktiver werden?

● Wir vergeigen beim Auszählen. Versinken in Zettelwirtschaft, Erst- und Zweitstimmen-Wirrwarr. Bilden Häufchen, verzählen uns, studieren die seitenlange Anleitung des Wahlamts. Die Schriftführerin verzweifelt, mal fehlen drei Stimmen, mal sechs. Bis eine Frau die Sache mit generalstabsmäßiger Systematik in die Hand nimmt. Und plötzlich: So viele Stimmen abgegeben wie ausgezählt. Hurra. Wir wickeln den Zettelberg in Packpapier ein, Tape drum, Siegel drauf, schlagen ein und zerstreuen uns in die Nacht. Ganz schön selbst gebastelt, unsere Demokratie, denke ich. Vom absurden Chaos anderswo hören wir erst später.

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▲ 20 Uhr, wir zählen. Irgendwann haben wir den Dreh raus, schreiben Parteinamen auf Zettelchen aus meinem Notizblock. Die Stimmung steigt, Endspurt. Doch Wahlzettel von Friedrichshain/Kreuzberg und Charlottenburg/Wilmersdorf wurden vertauscht. Der Stapel ungültiger Stimmen wächst. Gilt die Wahl überhaupt? Erst mal weiterzählen. Um 1.45 Uhr mache ich mich auf, müde, aber zufrieden: Ich habe meinen Kiez besser kennengelernt, ein Gemeinschaftsgefühl verspürt.