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2 November 2020 / Lesezeit: 4 minuten

US-Wahlen 2020

„Ich möchte nicht nur am Rand stehen“

Nicht nur in den USA, wie hier in New York, sondern auch im Ausland haben Demokrat*innen Wahlkampf gemacht.

Foto: imago images / Xinhua

Foto: imago images / Xinhua

Kenton E. Barnes ist Vize-Vorsitzender der Democrats Abroad Germany. Er lebt seit 18 Jahren in Deutschland und hat daher per Briefwahl abgestimmt – genauso wie rund 13.000 andere Mitglieder der Auslandsorganisation in Deutschland. Er weiß, wie wichtige jede Stimme ist, vor allem die von Schwarzen Menschen.

„Ich glaube, dass jede*r im Wahlalter, unabhängig davon, wo er oder sie lebt, nicht nur an dieser, sondern an jeder Wahl teilnehmen muss. Mit meiner Wahlberechtigung habe ich an jeder amerikanischen Wahl teilgenommen, obwohl ich seit 2002 in Deutschland lebe. 2017 habe ich mich dazu entschlossen, dass ich nicht nur am Rande stehen möchte. Ich musste mich engagieren und Menschen mobilisieren, um gegen Trump und seine Politik zu kämpfen: Ich wurde Mitglied von Democrats Abroad. Damit habe ich eine Organisation gefunden, deren Zweck nicht nur darin besteht, Trump zu bekämpfen, indem sie die amerikanischen Wähler*innen im Ausland über Trump informiert und darüber, wie seine Politik das Land spaltet und dem Ansehen der USA in der Welt schadet. Die Democrats Abroad unterstützten jede*n US-Amerikaner*in im Ausland dabei, an Wahlen in ihrem Heimatland teilnehmen zu können.

Democrats Abroad: US-Amerikaner*innen im Ausland mobilisieren

Zu diesem Zweck haben die Democrats Abroad in fast jeder deutschen Großstadt Stände eingerichtet, um US-Amerikaner*innen bei der Registrierung zur Wahl und bei der Rückgabe ihrer Stimmzettel zu helfen – unabhängig davon, welcher Partei sie angehören. 2016 nahmen nur 7 Prozent der Wahlberechtigten Amerikaner*innen im Ausland an der Wahl teil. Wir hoffen, dass diese Zahl auch durch unsere Bemühungen dieses Jahr auf 20 Prozent steigt.

Hier in Deutschland gaben 76 Prozent unserer Mitglieder an, einen Stimmzettel beantragt zu haben. Das sind mehr als 13.000 Menschen! Ich hoffe, dass sie alle ihre Stimmzettel zurückgeschickt haben. Die meisten im Ausland lebenden Amerikaner*innen können so kurz vor der Wahl keinen Stimmzettel mehr einreichen. Für einige, die hingegen in Ländern abstimmen, die die elektronische Einreichung eines Stimmzettel erlauben, ist dies noch bis Dienstag, dem Tag der Wahl, möglich.

Kenton E. Barnes, 60, ist US-Amerikaner und lebt seit 18 Jahren in Deutschland. Er arbeitet als Dozent für Sprachpraxis, Literatur und Kultur im Institut für Anglistik und Amerikanistik an der TU Braunschweig und ist Vize-Vorsitzender der Democrats Abroad Germany, der Auslandsorganisation der demokratischen Partei der USA. Foto: Florian Bült

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Ich hoffe, dass Joe Biden die Wahl zum US-Präsidenten gewinnen wird. Auch wenn die Prognosen signalisieren, dass er gute Chance hat, ist noch nichts entschieden. Es kommt darauf an, wie viele Wähler*innen tatsächlich ihre Stimme abgeben. Ich rechne damit, dass dieses Jahr auch sehr viele Schwarze Menschen wählen werden. Kamala Harris als Vizepräsidentschaftskandidatin wird viele Schwarze mobilisieren. Denn sie können sich mit ihr identifizieren. Sie ist eine von uns. Und sie versteht nicht nur die Probleme von Schwarzen Menschen, sondern auch von anderen Minderheiten, weil sie mütterlicherseits asiatisch ist.

Biden ist nicht der perfekte Kandidat, aber er hört zu

2016 fühlten sich viele Schwarze Wähler*innen von Hillary Clinton vernachlässigt. Aber jetzt haben sie nicht nur eine Verbindung zu Kamala Harris, sondern auch zu Joe Biden. Er hat Afroamerikaner*innen sein Leben lang beigestanden. Biden ist nicht der perfekte Kandidat. Das ist niemand, aber er hört den Menschen zu. Wenn er etwas nicht weiß, dann wird er sich von Fachleuten beraten lassen, die mehr Ahnung haben. Darüber hinaus zeigt er Empathie und Verständnis für die Probleme anderer Menschen. Das ist, meiner Meinung nach, etwas, das Donald Trump nicht zeigt.

Trump hat als Präsident vieles kaputtgemacht. Er sagt immer, dass er viel für Schwarze Menschen getan hat, aber wir Schwarze sagen: Was denn? Die Probleme, die Afroamerikaner*innen vor Trump hatten, sind immer noch da. Trump sagt gern, dass sich die Arbeitslosigkeit der Schwarzen unter seiner Amtszeit verbessert hat. Das ist wohl wahr. Die Arbeitslosigkeit der Schwarzen beziehungsweise Afroamerikaner*innen ist auf sechs Prozent gesunken, aber viele Ökonom*innen glauben, dass dieses Phänomen letztlich eine Folge von Obamas Politik ist. Viel wichtiger ist mir, dass sehr viel dafür spricht, dass sich die Spaltung zwischen den Races und zwischen wohlhabenden und ärmeren Menschen verschlechtert hat und, dass die Trump-Regierung wenig oder gar nichts getan hat, um diese Herausforderungen anzugehen. Vor Trump hatten Afroamerikaner*innen im Durchschnitt außerdem ein höheres Einkommen. Ein Schwarzer Haushalt hatte zum Zeitpunkt der Amtseinführung Trumps ein Durchschnittseinkommen von 42.000 US-Dollar. Seitdem ist das Durchschnittseinkommen um fast acht Prozent gesunken.

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Trump hat vieles versäumt

Trump sagt gern, was er für Schwarze getan hat, aber es gibt viel, was er versäumt hat: eine Reform des Strafrechts oder eine weitere Gesundheitsreform etwa. Außerdem hat er es versäumt, anzuerkennen, dass struktureller Rassismus existiert und schließlich etwas dagegen zu unternehmen. Stattdessen schaut Trump bei Polizeibrutalität weg. Trump ignoriert strukturellen Rassismus in den USA. Das ist absurd, man sieht diesen Rassismus jeden Tag: Wenn Schwarze zum Beispiel angehalten werden und verdächtigt werden, nur weil sie Schwarz sind. Er greift Sportler wie Colin Kaepernick (Schwarzer Football-Spieler, der sich seit Jahren gegen Rassismus und Polizeigewalt einsetzt, Anm. d. Red.) und Gruppen wie Black Lives Matter (BLM) an, die versuchen, auf die Ungerechtigkeiten gegenüber Afroamerikaner*innen aufmerksam zu machen.

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Ich unterstütze die Black-Lives-Matter-Proteste. Es gibt überall auf der Welt Rassismus, auch hier in Deutschland. Dank BLM werden die Probleme von Schwarzen in den USA und anderswo endlich wahrgenommen, auch von Abgeordneten im US-Kongress. Viele sehen, dass es ein Problem gibt und dass etwas geschehen muss. Es wird Zeit, Lösungen zu finden. Ich sage: Lasst uns miteinander reden, damit wir uns besser verstehen.“