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17 Dezember 2021 / Lesezeit: 2 minuten

Demokratiebewegung in Tschechien

Der Staat sind wir

Der tschechische Studierendenführer Benjamin Roll spricht bei einer Großdemo am 21. April 2021 in Prag: „Wir wollen, dass sich hier genug Leute finden, die bereit sind, in ihrem Leben etwas Kleines für die Demokratie zu machen.“

Foto: IMAGO / CTK Photo

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2019 inspirierte Benjamin Roll mit seiner Initiative „Eine Million Augen- blicke für die Demokratie“ Tausende Tschech:innen zu Massendemonstrationen. Heute kämpft der Studierendenführer für die Zivilgesellschaft.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Dezember/Januar 2021/22 des enorm Magazins mit dem Titel „Im Osten viel Neues“.

Wenn in Tschechien bald eine Koalition aus fünf Parteien die Regierungsgeschäfte übernehmen wird, dann ist das auch ein bisschen das Verdienst von Benjamin Roll: Der heute 26-Jährige studiert evangelische Theologie in Prag: „Ohne öffentliches Engagement ergibt mein Glaube keinen Sinn.“

Vor fast vier Jahren hat sich Benjamin Roll als Mitbegründer der Initiative „Eine Million Augenblicke für die Demokratie“ ins Bewusstsein der tschechischen Öffentlichkeit katapultiert. Auslöser war der Wahlsieg des Oligarchen Andrej Babiš im Oktober 2017. „Der hat zu viel in seinen Händen“, meinte Roll damals, missbrauche europäische Gelder und stehe in einem permanenten Interessenkonflikt. Babiš, glaubt Roll bis heute, habe seinen politischen Erfolg vor allem darauf gebaut, dass viele Menschen in Tschechien ein grundlegendes Misstrauen gegen „die da oben“ hegen.

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Die daraus erwachsene Politikverdrossenheit habe es Politunternehmer:innen wie Andrej Babiš leicht gemacht. Aber Roll ist entschlossen: „Wir lassen uns den Staat nicht kapern.“ Mit dieser Ansage hat sich die studentische Initiative „Eine Million Augenblicke für die Demokratie“ seitdem zu einer Art außerparlamentarischen Opposition entwickelt, legitimiert durch eine breite gesellschaftliche Unterstützung. Vor zwei Jahren folgten knapp 300.000 Menschen Benjamin Rolls Aufruf und versammelten sich auf der Prager Letná-Ebene zu zwei Massendemonstrationen, den größten seit der Samtenen Revolution, die vor 30 Jahren die Diktatur im Land beendet hatte.

Massendemo in Prag mit hunderttausenden Teilnehmer:innen am 23. Juni 2019. Foto: IMAGO / CTK Photo

Benjamin Roll will ein Mahner von unten sein

Im Juni 2019 spricht er vor 283.000 Menschen. Diesen Augenblick wird er nie vergessen: „Ich habe mich darauf konzentriert, was ich sagen soll“, so Roll. „Man hat ungeheure Macht. Mit Rhetorik kann man die Massen manipulieren.“ Die Demonstrationen erregten international Aufmerksamkeit und bewegten die Oppositionsparteien zu einem Treffen mit Roll und Mitstreiter Mikulas Minář. Damals hörten sich die Parteien die Ideen der beiden Studenten an, heute verhandeln sie die Details der künftigen Regierungskoalition.

Doch Roll ist noch lange nicht fertig. Inzwischen hat er Mikulas Minář an der Spitze der Initiative ersetzt. Und Rolls hellbrauner Kinnbart ist längst etwas voller geworden, den schwarzen Mantel und seinen breitkrempigen Hut, hinter denen er sich in den Anfängen zu verschanzen schien, hat er mittlerweile abgelegt. Sein Ziel: „Wir wollen keine Revolution anzetteln, wir wollen, dass sich hier genug Leute finden, die bereit sind, in ihrem Leben etwas Kleines für die Demokratie zu machen.“ In die Politik will Roll nicht gehen. Er sieht in Tschechien keinen Bedarf an neuen politischen Parteien, sondern einen Bedarf an zivilgesellschaftlichem Engagement.

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Benjamin Roll will ein Mahner von unten sein. Im Frühjahr malte er mit seiner Initiative 25.000 kleine Kreuze auf den Altstädter Ring in Prag. Jedes stand für ein Covid- Opfer. Denn die nächsten demokratischen Entscheidungen stehen schon an, spätestens im Januar 2023 wählen die Tschech:innen ein neues Staatsoberhaupt. Schon jetzt trommelt Roll im Hintergrund verschiedene Lager zusammen. Nebenbei schreibt er an seiner Magisterarbeit. Denn eigentlich will er ja mal Pfarrer werden.