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15 November 2017 / Lesezeit: 6 minuten

Das gute Leben

Zu gut für diese Welt

Claudia Gersdorf und Tatjana Gerber berichten von ihren Erfahrungen mit Hilfsorganisationen

Titelbild: Jurica Koletić / Unsplash

Titelbild: Jurica Koletić / Unsplash

Was passiert, wenn der Einsatz für eine bessere Welt direkt in die Lebenskrise führt? Zwei Frauen erzählen, wie sie an ihre eigenen Grenzen gestoßen sind und was sie daraus gelernt haben

Tatjana Gerber

Ich kann gar nicht genau sagen, an welchem Punkt es nicht mehr ging. Es war ein schleichender Prozess, mir ist selbst gar nicht aufgefallen, wie ich immer mehr abmagerte. Ich war damals in einem Krankenhaus im Südsudan eingesetzt. Zusammen mit einem einheimischen Krankenpfleger waren wir das einzige medizinische Personal weit und breit. Jeden Tag kamen um die 150 Menschen zu uns, viele waren tagelang durch die Wüste gelaufen, oft mit ihren Kindern. Wir mussten sie in kleinen Zelten unterbringen, zehn Leute auf wenigen Quadratmetern. Bei vielen war uns klar, dass wir gar nicht ausreichend ausgestattet waren, um ihnen zu helfen. Kinder mit Malaria, bei denen der Verlauf oft besonders schlimm ist. Viele hatten Meningitis, oft kamen Menschen mit akuten Unfallverletzungen, die sofort behandelt werden mussten. Nachts lag ich wach und wusste nicht, ob die Kinder, die nebenan in ihrem Fieber lagen, am nächsten Tag noch erwachen würden.

Zu diesen ständigen Ohnmachtsgefühlen kam dann noch die Bürokratie; ich bekam einmal einen Riesenärger mit unserer kenianischen Partnerorganisation, weil ich mehrere schwerkranke Kinder mit einem Auto in ein Krankenhaus in die 40 Kilometer entfernte Bezirkshauptstadt Awil gefahren hatte. Als mir vorgeworfen wurde, dass ich dazu keine Genehmigung hatte, wäre ich fast durch die Decke gegangen. Irgendwann ist dann auch noch die Wasserversorgung in der Krankenstation zusammengebrochen, bei uns vegetierten die Kranken in der Hitze, die Hygienebedingungen waren katastrophal, und die Organisation brauchte trotzdem drei Wochen, um uns zu helfen. Da machte mein Körper nicht mehr mit.

Ich bin, was seelische und körperliche Belastungen angeht, sehr robust. Sonst hätte ich auch gar nicht das Auswahlverfahren geschafft, als ich mich 2011 bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit um eine Stelle als Entwicklungshelferin beworben hatte. Ich hatte damals in Hamburg als Projektmanagerin in einem Krankenhaus gearbeitet und merkte, dass ich eigentlich alles erreicht hatte, was möglich war. Ich hatte den Wunsch nach einer Arbeit, die mich mit mehr Sinn erfüllte. Als ich die Zusage bekam, war das für mich eine unglaubliche Freude. Ich kam damals erst in den Jemen, musste aber das Land aus Sicherheitsgründen nach vier Wochen wieder verlassen, als die arabische Revolution ausbrach. Ich war damals sehr enttäuscht; und als ich danach erst in Malawi eingesetzt wurde, hat mir das ehrlich gesagt gar nicht gepasst.

„Ich fühlte mich für das ganze Land verantwortlich“

Malawi ist ein relativ stabiler ostafrikanischer Staat, ich war als Beraterin für mittelständische Unternehmen tätig und betrieb HIV-Aufklärung für deren Mitarbeiter. Mir fehlte schnell die Nähe zu den Menschen. Doch dann, als sich mein Wunsch schließlich erfüllte, und ich in die Krankenstation in den Südsudan versetzt wurde, brauchte ich am Ende selbst Hilfe.

Die Entscheidung, das Krankenhaus zu verlassen, war die schwerste meines Lebens. Denn mir war bewusst, dass das nicht nur für mich Konsequenzen hatte. Die finanzielle Unterstützung der Station war an meine Person gekoppelt. Das bedeutete, dass durch meinen Weggang nicht nur die anderen Beschäftigten ihre Jobs verloren, sondern die Patienten ihre einzige Klinik. Es half aber nichts, mir fehlte vollkommen die Kraft. Ich rief damals die Hilfsorganisation an und erzählte, wie es mir ging, und die haben mich dann ohne zu zögern rausgeholt.

Ich sollte mich dann erst einmal erholen. Es ist vielleicht komisch, aber ich verspürte plötzlich überhaupt nicht den Wunsch, eine Auszeit zu nehmen. Als ich zurück in Deutschland war, wurde mir erst klar, was ich für einen Raubbau betrieben hatte. Ich wog bei einer Größe von 1,72 Meter nur noch 50 Kilo. Mir wurde plötzlich bewusst, was ich falsch gemacht hatte. Aus der Distanz wurde mir klar, dass ich bei meiner Entwicklungshilfe einen viel zu hohen Anspruch verfolgt habe. Ich fühlte mich für das ganze Land verantwortlich. Bei dem ganzen Elend, mit dem man dort konfrontiert ist, verschieben sich die Realitäten.

Ich stand also vor der Entscheidung, entweder weiterzumachen oder aufzuhören. Die Entscheidung wurde mir dann fast abgenommen, als ich hörte, dass in der Provinzhauptstadt Wau ein Krankenhaus gebaut und dringend Personal benötigt wurde. Es ist fast ein bisschen ironisch, dass die Situation in Wau, der zweitgrößten Stadt im Südsudan, noch einmal viel schwieriger ist als in dem Krankenhaus nahe Awil. Der Bürgerkrieg ist dort präsenter, vor allem nachts schlagen Granaten und Mörser ein und ständig sind Schüsse zu hören. Das ist oft sehr hart.

Trotzdem bin ich, seitdem ich in Wau bin, nicht mehr an meine Grenzen gestoßen. Ich nehme heute die Signale meines Körpers wahr und reagiere. Auszeiten sind bei mir nicht mehr mit schlechtem Gewissen verbunden, ich weiß, dass sie notwendig sind, damit ich funktionieren kann. Und mir ist klar geworden, dass ich den Südsudan mit meiner Arbeit nicht werde retten können. Aber jeder einzelne Mensch, dem ich mit meinem Einsatz helfe, zählt. Und genau dafür mache ich diesen Job.

Claudia Gersdorf

Dass man für seine Überzeugung kämpfen muss, habe ich schon früh gelernt. Ich bin in einem kleinen Ort in Sachsen groß geworden, da habe ich mich schon als Zwölfjährige gegen rechts engagiert, weil es bei uns ein paar Neonazis gab. Ich weiß noch, wie mich unser Schulleiter nach einer Demonstration auf dem Marktplatz in sein Büro bat und ganz ernst meinte: „Claudia, ich mache mir Sorgen um Deine Gesundheit und die Sicherheit unserer Schule.“ Dann fing er an zu lachen und sagte, wenn ich so weiter mache, würde ich bestimmt einmal Walfangboote mit Greenpeace jagen. Von da an war für mich klar: Ich will in die NGO-Szene.

Mich hat immer die Frage angetrieben, wie es Menschen schaffen können, so zu kommunizieren, dass Krisen und Kriege gar nicht erst entstehen, und was Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe dabei ausrichten können. Ich habe nach dem Abi zunächst Politikwissenschaften und mehrere Sprachen in Deutschland, Italien und in Paris an der Sorbonne studiert und zwei Abschlüsse gemacht. Ich habe mich nach dem Studium bei „Ärzte ohne Grenzen“ beworben. Dreimal wurde ich nicht zum Gespräch eingeladen, dann bin ich kurzerhand zu ihnen ins Berliner Büro gefahren und habe nachgefragt, warum sie jemanden, der so gut ausgebildet ist, nicht haben wollen. Sie wollten mich dann doch. Ich habe dort in der Öffentlichkeitsarbeit und als Projektmanagerin gearbeitet.

Meine erste Sinnkrise bekam ich, als ich bei Oxfam arbeitete. Es ist ein Klischee, dass eine Menschenrechts- und Entwicklungsorganisation nach innen so gut ist, wie sie nach außen strahlt. Ich wollte beruflich vorankommen und Verantwortung übernehmen, aber dort gab es so starre Hierarchien, die das immer wieder verhindert haben. Es hieß: Du hast keine Auslandserfahrung in Afrika und Asien, du hast zu wenig Berufspraxis, du bist hier als Assistentin. Nur den Projektleitern zuzuarbeiten, das war mir zu wenig.

Bei Oxfam habe ich gelernt, dass es nichts bringt, in einem konfliktbeladenen Umfeld um etwas zu kämpfen – man muss erst mal die Kommunikation untereinander und miteinander ändern. Das ist sehr vergleichbar mit den Problemen der Weltpolitik, die ja auch von Menschen betrieben wird.

Ich bin nach meinem Ausscheiden auf eigene Faust nach Westafrika gegangen. Erst nach Ghana, dann Benin, Togo und Burkina Faso. Tatsächlich hat mich die Auslandserfahrung weiter gebracht; auch weil mir immer deutlicher wurde, was mich an vielen NGOs so stört. Sie sind in ihrem Erfolgsstreben so abhängig von den Spendeneinnahmen, dass sie den Spendern in Deutschland das negative und leidvolle Bild ihres Einsatzortes liefern, das diese erwarten. Das wird dem afrikanischen Kontinent aber überhaupt nicht gerecht und macht ihn in unserer Wahrnehmung zum ewigen Bittsteller, der sich nicht selbst helfen kann. Die Welthungerhilfe hat es mal mit einer positiven Spendenkampagne versucht: Gut gekleidete, lachende, glückliche Kinder vor einem Teller Reis. Damit die Spender sehen, wo ihr Geld ankommt und was das bewirkt. Was folgte, war ein katastrophaler Spendeneinbruch nie gekannten Ausmaßes und die Lehre: Gelder akquiriert man mit Bildern trauriger Kinder vor leeren Reisschüsseln.

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„Wo ist da die Augenhöhe?“

Meine zweite Sinnkrise bekam ich in Haiti, wo ich nach dem Erdbeben als Projektleiterin für den Berliner Verein „Pen Paper Peace“ im Einsatz war. Während sich im Hinterland die großen Tragödien abspielten, konzentrierte sich die Hilfe auf die Hauptstadt Port-au-Prince, weil sich hier auch die Medien aufhielten. Da war wieder dieser Kreislauf: Die NGOs brauchen PR und Öffentlichkeit, um Spenden zu generieren. Da geht es dann wirklich darum, dass an den Schulen und an jedem Sack Reis, der verteilt wird, das Logo der Organisation zu pappen hat. Und weiße europäische oder amerikanische Experten stellen sich an die Mikrofone der westlichen Nachrichtensender, um zu erklären, was in dem jeweiligen armen Land alles zu passieren hat und wie wir die Bevölkerung ausbilden und anleiten müssten. Anstatt die lokalen Experten und Menschen vor Ort selbst zu fragen, wurde über sie gesprochen und geurteilt. Wo ist da die Augenhöhe und die viel beschworene „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Ich habe aber auch etwas über mich gelernt, als alles, an das ich geglaubt hatte, sich aufzulösen schien. Dass man als Menschenrechtler und NGO-Worker bei der ganzen Belastung und den mitunter ernüchternden Ergebnissen immer wieder erkennt und sich in Erinnerung ruft, dass das Ganze nicht zu einer Ego-Nummer verkommt; man also letztlich den Wunsch nach persönlicher Anerkennung nicht über das Projekt stellt. Ich habe Menschen in NGOs kennengelernt, die sich kaputt ackern, allein um Anerkennung zu bekommen, für das, was sie tun. Die werden sie nur nicht bekommen. Wer diesen Job nicht selbstlos und der Sache wegen macht, der landet direkt im Burnout. Heute arbeite ich bei Viva con Agua in Hamburg. Hier habe ich einen Ort gefunden, wo ich wirklich eine positive Veränderung unterstützen kann.