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11 Februar 2020 / Lesezeit: 6 minuten

Nicht wirklich bunt

Wie elitär sind die Klimaproteste?

Klimaproteste in Freiburg am Breisgau, September 2019. Die Demonstranten sind meist weiß, jung und privilegiert. Woran liegt das?

BILD: IMAGO-IMAGES/ IMAGEBROKER

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Die Frage, ob die deutschen Klimaproteste zu weiß, zu akademisch und zu privilegiert sind, ist nicht neu. Eine Bewegung, die alle Schichten der Bevölkerung erreichen will, muss sie jedoch immer wieder stellen. Wie inklusiv ist Fridays for Future? Eine Spurensuche.

Ganze Schulklassen drängeln sich an der Absperrung, recken ihre Plakate in den Novemberhimmel: „Sei ein Ehrenmann, rette die Erde, man!“. Neben ihnen ragt ein Dreijähriger aus der Menge, er sitzt mit neongelben Schallschutzkopfhörern auf den Schultern seines Vaters. Großeltern mit ihren Enkeln spazieren durch die Szenerie, ein Paar in den Vierzigern tanzt Tango auf der Straße, auf der Bühne tritt eine bekannte Band auf. So oder so ähnlich sahen die Bilder des Klimastreiks am 29. November 2019 aus, egal ob in Hamburg oder Berlin, Stuttgart oder Dortmund, Bad Segeberg oder Aschaffenburg. In mehr als 500 deutschen Städten waren über eine halbe Million Menschen auf der Straße – eine bunte Mischung, ein breites gesellschaftliches Bündnis für die Rettung der Erde. Oder?

Was sind das für Menschen, die der schwedischen Schülerin Greta Thunberg und ihrer Bewegung Fridays for Future auf die Straße folgen? Schiebt sich mit ihnen ein Querschnitt der Bevölkerung durch deutsche Innenstädte? Seit Greta, heute 17, sich im August 2018 vors Stockholmer Parlament setzte, hat sie nicht nur Altersgenossen mobilisiert. Inzwischen gibt es Solidaritäts-Bewegungen wie die Parents for Future, gefolgt von den Scientists, Psychologists und Entrepreneurs. Doch: Schafft das schon eine breite gesellschaftliche Basis? Dass die For-Future-Bewegung größtenteils aus einer grün-gymnasialen Blase komme, bildungsbürgerlich sei, ja: elitär, wird immer wieder moniert.

Es gibt kaum Hauptschüler oder Auszubildende auf diesen Demos.
Simon Teune, Soziologe

Am 15. März 2019, dem ersten globalen Klimastreik des Jahres, befragten Forscherteams Demo-Teilnehmer in neun europäischen Ländern. In Deutschland konzentrierten sie sich auf Bremen und Berlin, sprachen mit 343 Menschen ab 14 Jahren und werteten Onlinefragebögen von weiteren 339 Klimaaktivisten aus. Das Ergebnis: Die größte Gruppe waren die 14- bis 19-Jährigen, also Schülerinnen und Schüler, gefolgt von den 20- bis 25-Jährigen, also Studierenden. Mehr als die Hälfte der Befragten wollten das Abitur oder die Fachhochschulreife machen, 30 Prozent hatten einen Uni-Abschluss oder studierten noch, nur knapp 5 Prozent der Aktivisten gaben einen Mittleren Schulabschluss an. 43 Prozent der Befragten fühlten sich der oberen Mittelschicht zugehörig, ein knappes Drittel der unteren, lediglich 4,5 Prozent zählten sich selbst zur Arbeiterschicht.

„Es gibt kaum Hauptschüler oder Auszubildende auf diesen Demos“, sagt Simon Teune, Soziologe am Institut für Protest- und Bewegungsforschung. Das überrascht ihn nicht. „Große politische Neuerungen wurden meist von einzelnen gesellschaftlichen Milieus erkämpft. Früher waren es die Arbeiter, die für soziale Rechte trommelten. Der Klimaprotest kommt aus einer privilegierten Schicht.“ Zum Problem wird das, wenn der Bewegung daraus ein politischer Strick gedreht wird, wie Teune es bei der rechts-extremen Partei AfD beobachtet: „Sie unterstellt, Fridays for Future vertrete nicht die Interessen der gesamten Gesellschaft – das ist angesichts dieser existenziellen Krise absurd!“

Wie elitär sind die Klimaproteste: Nur 17 Prozent der Fridays-Aktiven geben einen Migrationshintergrund an

Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt er sich mit politischer Mobilisierung. Seine Erfahrung: Wer Unterstützer sucht, schaut meistens in den eigenen Reihen. „Viele Fridays-Aktive haben keinen Kontakt zu Jugendlichen aus anderen Schultypen. Zudem ist es eine Herausforderung, ihnen gegenüber den richtigen Ton zu treffen.“ Luisa Neubauer, 23, Geografie-Studentin und das präsenteste deutsche Gesicht von Fridays for Future, betont immer wieder, dass es wichtig sei, möglichst plural zusammengesetzt zu sein. Sie kennt die Kritik, die zum Beispiel ihre Altersgenossin Yasmine M’Barek, Bloggerin, im April 2019 in der taz äußerte: „17 Prozent der Fridays-Teilnehmer geben einen ‚Migrationshintergrund‘ an. Öffentlich und medial wird dieser aber unterrepräsentiert. Manchmal könnte es so wirken, als sei die Sorge ums Klima ein weißes Anliegen.“

Erst kürzlich platzierten beim Weltwirtschaftsforum in Davos junge, schwarze Klimaaktivistinnen die Forderung, Protestler anderer Hautfarbe endlich mehr zur Kenntnis zu nehmen. Nur wenig später veröffentlichte die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) ein Gruppenfoto der Klimaaktivistinnen Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Loukina Tille und Isabelle Axelsson. Wie sich rausstellte, fehlte darauf die ugandische Mitstreiterin Vanessa Nakate. Sie wurde einfach rausgeschnitten. Für Nakate nach eigener Aussage das Schlimmste, was sie je in ihrem Leben erlebt hat. Natürlich haben solche Geschichten negative Folgen für den Gewinn von Unterstützern aus anderen Milieus: Wer sich nicht repräsentiert fühlt, bleibt zu Hause.

Vanessa Nakate ist eine ugandische Klimaschutz-aktivistin. Im Januar 2020 nahm sie am Weltwirtschafts-forum in Davos teil. Ein Foto in einem Artikel der Presseagentur Associated Press (AP) über die in Davos anwesenden Klima-aktivistinnen wurde so beschnitten, dass Nakate nicht mehr abgebildet war. Stattdessen wurden nur die weißen Aktivistinnen gezeigt. BILD: Imago Images / Hans Lucas

Es braucht immer Türöffner, die sich des Themas annehmen – bei Jugendlichen zum Beispiel Youtuber, Sportler, Menschen mit Vorbildfunktion aus dem eigenen Milieu. „Man hört auf Quellen, von denen man sich nicht belehrt fühlt, die als eine Art Übersetzer fungieren“, sagt Soziologe Teune.

Cordula Weimann duzt die Menschen, die sie gewinnen will. Auch, wenn sie in der Mehrzahl über 60 Jahre alt sind. Die Homepage von „Omas for Future“ trifft einen emotionalen Nerv, sie informiert appellativ und in verdaulichen Portionen über das große, angstbesetzte Thema „Klimawandel“. Vor allem aber ist die Website niedrigschwellig. Das Erste, was die Besucherin zu sehen bekommt, ist ein fröhliches kleines Mädchen mit einer Blume im Haar, daneben in großer Schrift drei schlichte Sätze „Diese Erde ist so unglaublich schön. Hilf mit, sie zu erhalten! Auf dieser Seite findest du alle Informationen.“

Im Sommer 2019 hat die 60-jährige Wahlleipzigerin Weimann gemeinsam mit drei männlichen Mitstreitern die Bewegung „Omas for Future“ gegründet. Drei Töchter und zwei Enkel hat Weimann, seit Jahrzenten arbeitet sie selbstständig als Sanierungs-Expertin. „Auch wenn mir die Natur schon immer am Herzen lag, mein Leben war lange ein ‚höher, schneller, weiter‘“, sagt sie, „bis ich gemerkt habe, dass ich mit meiner Lebensweise die Zukunft meiner Enkel zerstöre. Diese Erkenntnis ging mir durch alle Zellen.“ Weimann beschloss, die Omas und Opas mit ins Klimarettungs-Boot zu holen, denn: „Viele von uns Älteren machen diese Kreuzfahrten, haben die großen Autos, wohnen in zu großen Wohnungen.“ Und wer, wenn nicht die Enkel, könnten ihrer Oma sagen: Bitte, tu’s für mich, wechsel’ den Stromanbieter und dreh’ die Heizung runter! Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts hat die Generation 50 plus in Deutschland einen Bevölkerungsanteil von 45 Prozent.

Wie elitär sind die Klimaproteste: „Ziviles Engagement ist ein Privileg, das man sich leisten können muss“

Aus welchen gesellschaftlichen Milieus ihre Omas kommen, weiß Cordula Weimann nicht genau. Manche seien schon bei der Friedensbewegung in den 80er-Jahren dabei gewesen und erprobt in lebendiger Demokratie. „Ich habe nicht nur Akademikerinnen um mich herum. Viele der Frauen haben wegen ihrer Kinder jahrelang Teilzeit gearbeitet, als Verkäuferinnen oder im Büro.“

Selbstverwirklichung? Kein Thema. Gerade deswegen spürt Weimann bei diesen Frauen oft den großen Wunsch, sich zu engagieren. „Omas for Future ist für sie eine Chance, ihre Potenziale endlich mal voll zu nutzen. Sich als wirksam zu erfahren.“ Das ist der Punkt. Wer in unserer Gesellschaft glaubt eigentlich daran, etwas verändern zu können? Wer hat das Gefühl, eine Stimme zu haben? „Sehr viele Menschen erfahren, dass sie nicht gehört werden“, sagt Kübra Gümüşay. Sie kommt mit Halskratzen in das kleine Café in Hamburg-Altona. Und fragt erst einmal nach einem Spezial-Cocktail: frischer Ingwer, Chili, Zitrone, Honig. Gümüşay, geboren 1988, aufgewachsen in Billstedt, jenem „Hamburger Hinterhof“ genannten Stadtteil, ist Muslimin, politische Aktivistin, Autorin. Gerade ist im Hanser Verlag ihr Buch Sprache und Sein erschienen, in dem Gümüşay untersucht, wie Sprache unser Denken prägt und unsere Politik bestimmt.

Wie elitär sind die Klimaproteste: Muslime fürs Klima

Der Klimawandel ist für die Politikwissenschaftlerin kein reines Umweltthema, sondern ein politisches. Umso wichtiger findet sie es, alle ins Boot zu holen, alle Perspektiven zu berücksichtigen. Auf die Menschen in ihren Umfeldern zuzugehen. So, wie es zum Beispiel der muslimische Verein Hima aus Essen macht, der – „inspiriert von islamischen Handlungsprinzipien“ –, den Umweltdiskurs in Moscheen verankern will. Nicht alle anzusprechen, in der eigenen Blase zu bleiben, ist für Kübra Gümüşay ein Vorwurf, „den man nicht einfach nur Fridays for Future machen darf – sondern der Politik: Die hat eigentlich die Verantwortung, möglichst viele Bürger*innen zu hören und zu beteiligen — tut das aber nur unzulänglich“. In unserer Gesellschaft sei ziviles politisches Engagement ein Privileg, das man sich leisten können müsse. „Viele haben erst einmal ganz andere Probleme: Armut, Care-Arbeit oder auch Rassismus und andere Formen von Diskriminierung.“

Für jede Bewegung sei es wichtig, sich zu fragen: Wer ist bei uns nicht dabei? Und warum nicht? „Man muss sich proaktiv bemühen, inklusiver zu werden.“ Also überlegen, wie divers die öffentlichen Gesichter der eigenen Bewegung sind. In welchen Stadtteilen man sich trifft. Ob es selbstverständlich ist, das Geld für ein Zugticket zur nächsten Demo zu haben. Macht es, einmal isoliert betrachtet, die Erfolgsaussichten kleiner, wenn eine Bewegung hauptsächlich aus einem bestimmten Milieu kommt? Philipp Gassert, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim, hat sich auf der Langstrecke mit dem Thema befasst. 2018 erschien sein Buch über Deutsche Protestgeschichte seit 1945. Gassert sieht die Kritik an der gymnasialgetriebenen Klimabewegung gelassen. „Auch heute noch ist es wichtig, dass Menschen vor Kulissen wie dem Brandenburger Tor auf die Straße gehen. Dann kommen die Medien. Zu demonstrieren macht auf ein Problem aufmerksam, platziert es. Das hat Fridays for Future erreicht.“ Nun wird freitags weiter gestreikt, aber die Teilnehmerzahlen sinken. Wie geht es weiter?

Philipp Gassert, 54 Jahre alt und Vater von vier Kindern, sagt: „Fridays for Future steht vor der Entscheidung, eine offene Bewegung zu bleiben – oder sich zu einer Lobby zu entwickeln. Aus der Umweltbewegung der 70er-Jahre sind Organisationen wie Greenpeace oder der Bund Naturschutz, BUND, hervorgegangen. Und die Partei der Grünen. Das hat für sie aber auch bedeutet, Kompromisse zu schließen.“ Gasserts Prognose ist: Die Klima-Proteste in ihrer jetzigen Form werden sich irgendwann totlaufen. Das heißt für ihn nicht, dass sie nicht gewirkt haben.

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Eine verlässliche Klimapolitik brauche gesetzliche Regelungen, sagt er, sie müsse von der etablierten Politik getragen werden, bedürfe der Mitwirkung von Millionen von Menschen. Das dauert. Wenn er Fridays for Future einen Rat geben sollte, würde er ihnen zurufen: „Lasst nicht nach, haltet das Thema präsent. Aber versteht, dass die Umsetzung ein komplizierter Prozess ist, an dem viele Player beteiligt sind. In einer demokratischen Gesellschaft geht es nicht anders.“