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29 September 2021 / Lesezeit: 13 minuten

„Deutschland spricht“ und „Z2X“

Transkript: GoodNews enorm Podcast Folge 30

Die Formate „Deutschland spricht“ und das „Z2X-Festival“ von Zeit Online bringen Menschen mit verschiedenen politischen Positionen miteinander ins Gespräch.
(Symbolbild)

Bild: IMAGO / Shotshop

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Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 30 von „Good News enorm“. Wie können wir mit politisch andersdenkenden Menschen konstruktiv ins Gespräch kommen? Und wie können wir uns mit Gleichgesinnten zusammentun, um mehr zu bewirken? In dieser Folge sprechen wir mit Hanna Israel von „My country talks“ und Natalie Wübbolt von „Z2X-Festival“ über politische Zwiegespräche, Zukunftsvisionen von 20- bis 29-Jährigen und was ZEIT Online damit zu tun hat.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge spricht Good-News-Redakteurin Bianca Kriel mit Hanna Israel von „My country talks“ und Natalie Wübbolt von „Z2X-Festival“ über politische Zwiegespräche und Zukunftsvisionen. 

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute sprechen wir über „Deutschland spricht“ und das „Z2X-Festival“ von Zeit Online. Aber erst einmal der Gute-Nachrichten-Überblick:

Im Ahrtal wurden 50 Hektar Weinberge durch die Flut zerstört – und doch: Die Weinlese für den Jahrgang 2021 kann stattfinden. Dank der Hilfe von Winzer:innen und freiwilligen Helfer:innen, die aus ganz Deutschland angereist sind und ihre Solidarität tatkräftig zeigen.

Wissenschaftler:innen der Monash-University in Australien haben entdeckt, dass Zucker Lithium-Schwefel-Batterien langlebiger macht: Er verhindert, dass sich Schwefel-Ablagerungen auf der Elektrode bilden – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu günstigen Akkus für E-Autos.

Empathie als Superkraft: Im Computerspiel „Life Is Strange: True Colors“ kommen reale Praktiken und Strategien aus der Psychotherapie virtuell zur Anwendung. Spieler:innen sollen sich einfühlsam in Charaktere hineinversetzen, Gefühle reflektieren sowie Momente der Achtsamkeit aufsaugen.

Ein historischer Moment für die LGBTQI+-Community: Erstmalig kandidieren Trans-Personen für den Bundestag. Tessa Ganserer, Victoria Broßart, Nyke Slawik (alle Grüne) und Ria Cybill Geyer (SPD) wollen sich gemeinsam für mehr Diversität im deutschen Parlament einsetzen.

Ein Forschungsteam der Geisel School of Medicine in Dartmouth hat untersucht, wie sich das Hören von Mozart-Musik bei Epilepsiekranken auswirkt. Das Ergebnis: Symptome können gelindert und typische Erregungszustände im Gehirn reduziert werden.

Bianca: Hallo, mein Name ist Bianca. Ich bin Redakteurin bei Good News und ich freue mich, dass wir heute über Formate sprechen, die uns dabei helfen sollen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sei es mit Menschen, die politisch anders denken oder aber mit Menschen, die ähnliche Visionen teilen und die die Welt mitgestalten wollen. Ich freue mich besonders, dass wir heute zwei Gäste mit dabei haben Hanna Israel, Projektleiterin der Internationalen Plattform „My Country Talks“, vielen vielleicht bekannt unter dem deutschen Ableger „Deutschland, spricht“. Hallo Hanna!

Hanna: Hallo!

Bianca: Und ich freue mich auch auf unseren zweiten Gast Natalie Wübbolt, Projektleiterin von „Z2X” – dem Festival für neue Visionäre und ich sage jetzt auch noch Visionär:innen, von Zeit Online. Hallo Natalie!

Natalie: Hi Bianca!

Bianca: Natalie, das Festival hat gerade stattgefunden Anfang September. „Z2X“ – Was ist das?

Natalie: „Z2X“ ist eine Community neuer Visionär:innen zwischen 20 und 29 und eine Veranstaltungsreihe von Zeit Online, seit 2020 auch in Kooperation mit der Kulturstiftung des Bundes. Und wir veranstalten seit 2016 jedes Jahr ein großes kostenloses Festival mit 1000 Teilnehmenden, die von Zeit Online eingeladen werden und gemeinsam an Ideen für eine bessere Zukunft arbeiten. Und ein bisschen genauer heißt das, wir rufen jedes Jahr viele junge Menschen auf, sich mit ihren Ideen oder Projekten für eine bessere Zukunft zu bewerben und wählen daraus dann zusammen mit einer Jury bis zu 100 Programmbeiträge für das Festival aus. Man kann sich natürlich auch einfach für die Teilnahme bewerben und nebenbei gibt es über das Jahr verteilt auch noch viele weitere kleine Veranstaltungen und Angebote.

Bianca: Ich habe gelesen, ihr hattet eine Veranstaltung mit der Frage Brauchen wir neue Begegnungen, um auf neue Ideen zu kommen oder echte Begegnungen, um auf neue Ideen zu kommen? Was ist deine Antwort darauf?

Natalie: Das ist die Frage: Wie definieren wir echte Begegnungen? Ich würde sagen, bei „Z2X“, was wir jetzt am 4. und 5. September digital veranstaltet haben, hat das auch geklappt. Wir haben nämlich 1000 junge Menschen wie jedes Jahr eingeladen, um zusammen an Ideen für eine bessere Zukunft zu arbeiten.

Bianca: Bist du auf eine neue Idee gekommen in diesen Begegnungen oder was hast du jetzt daraus gelernt?

Natalie: Ich nehme immer total mit viel mit bei diesen Veranstaltungen. Also das sind wirklich viele verschiedene junge Menschen, die wir da einladen. Das sind junge Wissenschaftler:innen, Gründer:innen, Aktivist:innen, Politiker:innen, die zusammenkommen und sich gegenseitig ihre Projekte vorstellen und die weiterentwickeln. Und dieses Jahr ging es vor allem um Themen wie politische Teilhabe, um nachhaltiges Investieren. Es ging um die 30-Stunden-Woche, die Klage gegen das Klimaschutzgesetz. Es ging tatsächlich sehr viel um Umverteilung auch und radikale Zärtlichkeit und die Frage, ob Humor eigentlich noch hilft.

Bianca: Ich habe eingeleitet mit dem Satz, dass das Formate sind, die uns ins Gespräch bringen und uns in den Austausch bringen. Bei eurem Festival stelle ich mir vor, dass die Menschen ähnlich denken und ähnliche Visionen haben. Ist das so?

Natalie: Was Sie eint, ist sicher, dass sie die Welt besser machen wollen. Dazu laden wir sie ja dann auch ein. Also Sie alle haben so eine Motivation und einen Antrieb, etwas tun zu wollen, etwas bewirken zu wollen, etwas verändern zu wollen. Wie sie das machen, das kann aber ganz unterschiedlich aussehen. Also dieses Jahr war zum Beispiel die Aktivistin und Beraterin Luisa L’Audace dabei, die uns erklärt hat, wie wir anfangen können, Ableismus aktiv zu verlernen und welche Macht Sprache dabei hat. Dann gab es aber auch zum Beispiel Sagithjan Surendra, der einen Vortrag gehalten hat und der ist als Sohn Kriegsgeflüchteter nach Deutschland gekommen und hat dann mit 18 schon das Aelius Förderwerk gegründet, das heute tausende Schüler:innen dabei unterstützt, unabhängig von ihren finanziellen Verhältnissen möglichst selbstbestimmt ihren Bildungsweg zu gestalten.

Und er hat eben darüber gesprochen, wie man so was machen, wie man etwas gründen kann, ohne Geld, Netzwerk oder Erfahrung zu haben. Wieder ein ganz anderes Thema war zum Beispiel von Marlene Engelhorn. Die wird selbst mal viel Geld erben und ist Mitglied dieser Initiative Tax Me Now, die sich dafür einsetzt, dass Macht und Teilhabe in der Gesellschaft über Vermögenssteuern gerechter verteilt werden. Und sie sagt im deutschen Grundgesetz. Artikel 14 II steht: „Eigentum verpflichtet, sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“. Und darauf bezieht sie sich und sagt: Wir verbinden Vermögen mit Verantwortung und haben eigentlich längst festgelegt, dass es einen Beitrag zum guten Leben für alle leisten soll, zumindest in der Theorie. Und Marlene hat dann noch eine Session gegeben und mit den anderen Teilnehmern darüber gesprochen, wie man sich für dieses Ziel engagieren kann. Ich kann noch ein Beispiel nennen: Auch dabei dieses Jahr war Enoch Tabak. Der ist Student, studiert Urban Governance und sagt, Studierende seien eigentlich gar nicht so knapp bei Kasse, wie alle immer behaupten, sondern tatsächlich Millionäre, Millionär:innen. Und er will diese Idee des partizipatorischen Budgeting weiter an Unis verbreiten, für die er sich einsetzt und mit der Studierende selbst und demokratisch über die Verwendung eines Teils ihrer Semesterbeiträge entscheiden können. Also du siehst, es gibt Themen, die sich ähneln oder Ziele, aber es gibt verschiedene Ansätze, die die Teilnehmenden bei „Z2X“ verfolgen.

Bianca: Und die Teilnehmenden von „Z2X“ Wie homogen sind die? Weil, ich habe gelesen, ihr habt ja jetzt auch beim Festival jetzt, glaube ich, zum ersten Mal das Format gemacht „Z2X spricht“ angelehnt an die Idee von „My Country Talks“ oder „Deutschland spricht“.

Kleiner Nachtrag aus dem Schnitt: Wer sich jetzt fragt „Deutschland spricht“ – was ist das eigentlich ganz genau? Es geht darum, dass man ein paar politisch kontroverse Fragen beantwortet. Daraufhin wird man einer Person zugeteilt, die anders geantwortet hat, also politisch anders denkt. Und mit der Person kann man sich dann treffen zu einem politischen Zwiegespräch.

Bianca: Und ich habe mich gefragt, wie schwer es war, da jeweils Gesprächspartner:innen zu finden, die politisch tatsächlich anders denken. Wie war denn das?

Natalie: Ja, genau. Ich kann vielleicht erst mal ein paar Einblicke geben in „Z2X“ 21, wie unser Festival eben dieses Jahr hieß, da fragen wir auch immer ein paar Infos ab am Anfang, bei der Bewerbung dafür. Und da waren jetzt zum Beispiel 59 Prozent weibliche, 40 Prozent männliche und ein Prozent diverse Teilnehmende dabei. Und da gibt es auch so lustige Fragen wie: Wollt ihr eher sparen? Oder seid ihr eher so der Typ prassen? Und da waren 70 Prozent dabei, die sagen, sie sparen, 30 Prozent prassen lieber, 85 Prozent haben kein Tik Tok und 15 Prozent haben Tik Tok. Was ich interessant fand, wo es sich so ein bisschen gespalten hat, war die Frage Fernreise oder Fahrradtour? Da sagen 54 Prozent Fernreise und 46 Prozent Fahrradtour. Bei „Z2X spricht“, genau, das war als eine Art Pre-Event gedacht am Tag vor unserem Festival. Und da haben sich eben auch ein paar Hundert junge Menschen getroffen, die im gleichen Alter sind, aber explizit unterschiedlicher Meinung. Wir haben natürlich versucht, die Fragen so ein bisschen auf diese junge Zielgruppe auch zuzuschneiden und ein bisschen genau, in die Richtung, aber trotzdem nicht zu leicht zu stellen. Zum Beispiel haben wir gefragt: Sollten wir uns nur noch vegan ernähren? Und da sagen 30 Prozent: Ja, sollten wir! Aber der Rest sagt: Braucht es nicht! 58 Prozent sagen, wir sollten beim Gendern auf feste Regeln verzichten und 30 Prozent sind gegen die Einführung von Quoten, während 70 Prozent für die Einführung von Quoten sind. Es gibt eine Frage, bei der die Meinungen, glaube ich, am ehesten auseinander ging. Und das war die Frage, ob wir den Kapitalismus komplett abschaffen sollten oder eher nachhaltig wachsen.

Bianca: Hanna, du bist ja Projektleiterin bei „My Country Talks“. Warum brauchen wir solche Formate überhaupt, um miteinander ins Gespräch zu kommen?

Hanna: Ich glaube, weil wir als Gesellschaft verlernt haben, miteinander zu reden. Wir verstecken uns, glaube ich, zunehmend in unseren eigenen Blasen, in unseren eigenen Kontexten, wo wir Menschen um uns herum haben, die ähnlich denken, die auch ähnliche Lebenserfahrungen gemacht haben, die ähnliche Biographien teilen. Und ich glaube, das ist per se auch gar nicht schlimm. Das ist auch evolutionsbiologisch ganz gut so. Wir brauchen Netzwerke von Menschen, die uns ähnlich sind, auch um uns weiterentwickeln zu können und auch gegenseitig zu stärken. Aber es wird zum Problem, wenn wir nicht mehr dazu in der Lage sind, Kompromisse zu finden oder uns als Gesellschaft darüber zu verständigen, was für eine Politik wir uns wünschen. Ich glaube, was auch von der Wissenschaft sozusagen als zentrales Problem angesehen wird, ob jetzt in Deutschland oder in den USA oder auch in anderen westlichen Ländern, ist, dass wir einen hohen Grad an affektiver Polarisierung haben. Das heißt, ich unterscheide mich nicht mehr von meinem Gegenüber, das politisch anders denkt durch sozusagen inhaltliche Punkte oder inhaltliche Differenzen, sondern ich lehne jemanden, der politisch anders denkt, komplett ab. Ich bin also nicht mehr dazu bereit, überhaupt mit dieser Person ins Gespräch zu gehen, sondern ich nehme diese Person sozusagen als Feind wahr und da wird es schwierig und kompliziert, weil so können wir in einer Demokratie nicht miteinander leben. Und deswegen versuchen wir eben mit unseren Dialogform Daten, ob in Deutschland, ob in anderen europäischen Ländern oder auch jetzt erstmals in den USA, Menschen wieder zusammenzubringen, die sich eben sonst nie getroffen hätten, um über kontroverse politische Fragen zu diskutieren.

Bianca: Und was ist da eure Erfahrung mit diesen Gesprächen? Gab es da dann noch mehr Konflikt oder finden die Menschen eine einen gemeinsamen Boden? Was kriegt ihr da an Rückmeldungen?

Hanna: Also ich glaube erstmal haben wir nicht die Haltung und den Anspruch, dass jetzt die Menschen sozusagen ihre Haltung völlig revidieren oder verändern. Es soll nicht darum gehen, dass man sich von seinem Gegenüber völlig überzeugen lässt oder dann als sozusagen völlig neue Person aus diesen Gesprächen geht. Das wäre anmaßend und das ist auch nicht Ziel des Ganzen, sondern es geht darum, dass man eben ein Stück weit sich öffnet für eine andere Perspektive, dass man vielleicht gewisse Vorurteile revidiert und dass man auch Empathie entwickelt für eine Person, die ganz anders denkt. Und unsere Formate haben gezeigt, oder wissenschaftliche Begleitung haben gezeigt, dass das tatsächlich funktioniert, dass also so ein Eins-zu-eins-Gespräch, das über mindestens zwei Stunden geht, dazu in der Lage ist, eben diese Empathie zu schaffen und Vorurteile abzubauen. Und das ist eben dieser riesige Erfolg und das, was wir uns wünschen. Das heißt ein Stück weit sich öffnen, auf andere Haltung einzugehen und nicht mehr das Gegenüber als etwas völlig Abwegiges oder moralisch Falsches anzusehen. Und die Leute, die eben sozusagen aus diesen Gesprächen kommen, sagen häufig, dass sie festgestellt haben, dass sie, obwohl sozusagen alle Fragen unterschiedlich beantwortet wurden, dann doch auch gemeinsam gefundene Gemeinsamkeiten gefunden haben oder sich doch gar nicht so weit auseinander standen. Und das sind immer besonders schöne magische Momente. Wir hatten zum Beispiel auch mal in der Vergangenheit bei „Deutschland spricht“ ein Paar, die waren sich eigentlich spinnefeind. Also, sie in der Geflüchtetenhilfe engagiert, er, ich glaube sogar AfD-Mitglied oder AfD-Wähler, die sich in puncto Integration, Zuwanderungs-, Migrationsfragen überhaupt nicht einig waren, dann aber an irgendeinen Punkt in ihrem Gespräch erkannt haben, dass sie zum Beispiel in puncto Sterbehilfe eine ganz ähnliche Haltung haben, dass sie also auch Werte teilen, dass es etwas gibt, was sie verbindet. Und ich glaube, das ist ein schöner Moment, wenn man das erreicht, wenn man trotz all dieser inhaltlichen Differenzen auch irgendwie zueinander findet.

Bianca: Ich bin sehr gespannt. Ich habe mich auch angemeldet und habe jetzt hoffentlich nächste Woche ein Gespräch mit einer Person und bin auch ein bisschen aufgeregt. Hast du irgendwelche Tipps, wie man so ein Gespräch am besten angeht?

Hanna: Erst mal so voll cool, dass du dich angemeldet hast. Ich bin gespannt zu hören, wie es dir gefallen hat. Ich glaube, ganz zentral ist eben, dass man sich ein Stück weit zurücknimmt, dass man eben nicht sofort drauflos prescht mit eigenen Argumenten und versucht das Gegenüber irgendwie in die Ecke zu stellen, sondern dass man vielleicht auch mal offene Fragen stellt, dass man sich zurücklehnt und hört, was vielleicht auch diese Person geprägt hat, was die so erlebt hat in ihrem Leben, also auch sozusagen das Warum zu erfragen, denn ich glaube, das ist ganz zentral. Es geht darum, warum Menschen so denken, wie sie denken. Ich glaube, das ist ein Punkt, der Menschen miteinander verbinden kann, weil man dafür dann oder darüber Verständnis entwickelt, warum eine Person so denkt, wie sie denkt. Also nicht das schiere Austauschen von Argumenten, sondern okay, du findest das, was wir sozusagen für den Klimawandel tun oder gegen den Klimawandel ist ausreichend? Warum? Welche Erfahrungen, welche Biographie, welche Situation in deinem Leben hat dich dazu gebracht, so zu denken? Ich glaube, das kann ein spannender Austausch sein, der tatsächlich auch irgendwie zu einem Erkenntnisgewinn führt.

Bianca: Und hast du selber auch schon an so einem Gespräch teilgenommen?

Hanna: Ich habe tatsächlich noch nie an einem solchen Gespräch teilgenommen, würde das aber überhaupt nicht ausschließen und auch gerne machen in Zukunft.

Bianca: Wie sieht es bei dir aus? Natalie, hast du mal so ein Gespräch geführt?

Natalie: Ich habe mich natürlich beworben, hat in dem Moment leider nicht geklappt, weil bei mir was dazwischengekommen ist. Also komplett meine Schuld. Aber ich versuche es wieder, Hanna! Vielleicht kann ich da auch anschließen an das, was du gerade gesagt hast, weil ich finde das einen wichtigen Punkt. Das ist ja auch im Journalismus – wir gehören ja beide zu Zeit Online, unsere Projekte – eine wichtige Praxis: Zuhören. Und das klingt für einige vielleicht banal. Na klar, muss man sich erst mal informieren, muss man Expert:innen zuhören, bevor man irgendwas verstehen und über ein Thema schreiben kann. Aber ich habe mich oft gefragt in den letzten Jahren: Was heißt das heute, was heißt das denn wirklich – zuhören? Also wem hören wir zu? Und wie hören wir zu? Und bei „Z2X“ wollen wir jetzt speziell jungen Menschen das Wort und die Bühne überlassen, weil sie die Zukunft sind. Aber in der Gegenwart oft gar nicht so behandelt werden, nicht gehört und eben nicht ernst genommen werden. Und wir wollen nicht nur mit ihnen sprechen, um irgendwas über sie festzustellen und um sie irgendwie einordnen zu können und danach vielleicht noch zu hoffen, dass sie selbst das dann auch noch lesen wollen, sondern wir wollen sie wirklich hören, oder ich sage das manchmal, sie wahrnehmen. Das finde ich, wenn man es genau nimmt, eigentlich ein schönes Wort. Also Fragen stellen wie: Wie sind sie dahin gekommen, wo sie jetzt sind? Was motiviert sie und was macht ihnen Angst? Wie soll ihre Zukunft aussehen und was tun sie dafür? Und das ist wirklich bemerkenswert, was für weitsichtige Antworten und inspirierende Ideen man jetzt zum Beispiel von einem 24 jährigen bekommt, wenn man ihm einfach mal mit aufrichtigem Interesse begegnet und ihnen den kompletten Raum, das Mikrofon, das Spotlight überlässt.

Hanna: Und vielleicht noch ein paar Sätze auch zu unserem gemeinsamen Projekt, also „Z2X spricht“. Du hattest ja eingangs gefragt, Bianca, ob sich die Leute tatsächlich auch sozusagen uneinig waren in diesen Fragen. Und Natalie hat da ja ein bisschen ausgeholt und mal so die Ergebnisse dargestellt. Und natürlich ist es so, dass es jetzt nicht die ganz großen Trennlinien einer Gesellschaft sind, die auf diesem Festival abgebildet werden. Aber ich glaube, was ganz zentral ist, ist dass auch, wenn sich die Leute sozusagen in den Zielen einig sind, sie eben auch sich verständigen müssen über den Weg dahin. Also ich würde sagen, alle in dieser Community, das nehme ich jetzt einfach mal so an, auch wenn das vielleicht ein bisschen „patronizing“ ist, stellen sich sozusagen gegen den Klimawandel oder wollen eben, dass wir mehr tun, um unser Klima zu retten. Aber welcher Weg dahin ist richtig? Und da sehen wir irgendwie, dass sich die Leute da durchaus unterscheiden bei der Frage, ob wir alle vegan leben sollten. Genauso: Wie erreichen wir denn tatsächlich irgendwie die allerbesten Ergebnisse für unsere Gesellschaft durch Aktivismus oder durch Parteiarbeit? Soll der Kapitalismus abgeschafft werden? Sollen wir gar nicht mehr auf Wachstum setzen, sondern ein völlig neues Wirtschaftsmodell suchen? All das sind glaube ich, dann total wichtige Fragen, die zu so einer gemeinsamen Verständigung führen, um eben diese Vision tatsächlich auch in die Realität umzusetzen.

Bianca: Und diese Vision, die jetzt am Z2X-Festival herausgearbeitet worden sind oder besprochen worden sind, können wir die als nicht Teilnehmende irgendwo nachlesen? Oder wie kann man da irgendwie Teil dieser Community werden?

Natalie: Genau. Also wer zwar zwischen 20 und 29 ist, der kann jederzeit auf z2x.zeit.de vorbeischauen und sich anmelden, um Mitglied dieser Community zu werden. Auch für alle anderen haben wir auf Zeit Online die Blitz-Vorträge aus unserem Programm der Festivals zur Verfügung gestellt. Die findet man also auf zeit.de.

Bianca: Ah, sehr cool, da kann auch ich als weit über 30 Jährige das auch noch anschauen. Und man kann sich immer noch anmelden, oder, für „Deutschland spricht 2021“?

Hanna: Genau, man kann sich immer noch anmelden. Nicht mehr ganz so lange, aber es bleibt noch Zeit. Und wir würden uns natürlich freuen, wenn sich noch ganz viele Menschen dafür entscheiden und vor allem auch gerne junge Menschen, die auch mal das Gespräch mit einer Person suchen, die ganz anders denkt. Übrigens haben wir in diesem Jahr, Natalie, weil du sagtest, dass es bei dir nicht geklappt hat, auch noch eine Neuentwicklung bei „Deutschland spricht“. Dass wir dazu in der Lage waren, Menschen mehrmals und mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch zu bringen. Das heißt, in der Vergangenheit war es so, dass wir einen Tag hatten, an dem sich alle Leute getroffen haben. Man hat sich einmal angemeldet, wurde einer Person vermittelt und dann hat man gesprochen. Und seit Mai machen wir jetzt ja schon „Deutschland spricht“, das heißt, seit diesem Zeitpunkt machen wir das einmal wöchentlich und geben den Menschen die Möglichkeit, sich mehrmals zu treffen. Und wir haben tatsächlich auch schon Paare dabei, die sich 5-6 mal getroffen haben, die so einen regelrechten „Deutschland spricht“ Stammtisch eingeführt haben. Und das finden wir natürlich total spannend, weil daraus wirklich auch eine nachhaltige Gesprächskultur entsteht, die über so eine, so eine, singuläre oder einmalige Begegnung hinausgeht. Und wir begleiten das Ganze ja auch journalistisch auf Zeit Online und da wird es auf jeden Fall auch noch mal was Spannendes geben zur Bundestagswahl. Und wir freuen uns darauf, all diese Gespräche auch in Zukunft zu evaluieren und zu schauen, was man vielleicht auch noch mitgeben kann in puncto guter Gesprächsführung, um diese Gespräche wirklich auch erfolgreich zu machen.

Bianca: Ja, sehr cool. Hanna, seht ihr da eigentlich Unterschiede zwischen den Ländern, wie gesprächsbereit die Menschen sind?

Hanna: Also wir hatten ja jetzt in diesem Jahr erstmals eins in den USA, gemeinsam mit US Today. Das war natürlich total spannend, weil ich glaube so in der westlichen Hemisphäre sind die USA wahrscheinlich das gespaltenste Land. Die Konzeption der Medienpartner vor Ort war eine ganz andere. Die haben das vielleicht in unseren Augen ein Stück weit auch apolitisch konzipiert. Also, wir hatten so eine Art „Conversation Guide“, den sie mitgegeben haben. Und dann wurden die Leute zu Beginn des Gespräches erst einmal dazu aufgefordert, irgendwie so ihre gemeinsame Idee von Amerika zu teilen. Also es ging sehr über diese Patriotismus-Ebene, die wir vielleicht in Deutschland gar nicht kennen oder auch gar nicht als so wichtig erachten, und haben dann versucht erstmal so das Gespräch herzustellen, bevor es in die eigentlichen inhaltlichen Diskussion über die Fragen ging. Und das fand ich spannend. Ich glaube in Deutschland wird man das nicht so machen. Sicherlich vielleicht auch aus guten Gründen, aber ich glaube in so einem Land, wo es halt teilweise so krass ist, dass Familienmitglieder nicht mehr miteinander sprechen, weil sie entweder den Demokraten oder den Republikanern angehören, wo irgendwie ja Menschen sich gegenseitig verklagen, war wirklich gar kein Gespräch mehr möglich ist. Ich glaube, da muss man an einem anderen Level ansetzen und sagen: Bevor wir anfangen zu streiten, ist es total toll, dass wir überhaupt zusammenfinden. Und lasst uns jetzt erst mal gemeinsame Visionen unseres Landes teilen, bevor wir in die inhaltliche Diskussion einsteigen.

Bianca: Ich finde es mega, dass es dieses Format gibt und würde alle dazu aufrufen mitzumachen und auch alle, die jetzt zwischen 20 und 29 sind, sich der Z2X-Community anzuschließen. Ich danke euch für das Gespräch.

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