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31 August 2020 / Lesezeit: 6 minuten

Protestbewegungen in den USA

Ein Hauch Amerikanischer Frühling

Protestbewegungen in den USA finden schon seit den 60er Jahren weltweit Nachhall. Ein großer Unterschied zwischen dem Protest von damals und heute sind allerdings die modernen Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet.

Illustration: Dorothea Pluta

Illustration: Dorothea Pluta

Die USA sind ein Land starker Protestbewegungen. Gegen Rassismus, LGBTIQ-Feindlichkeit, Waffenbesitz. Heute haben sie so viel Einfluss wie nie zuvor. Eine Analyse.

Oktober 1969. Es ist ein Uhr morgens. Sylvia Rivera trinkt im Stonewall Inn in der Christopher Street in New York ein Bier, als die Polizei das Lokal stürmt. Vor allem junge homosexuelle und transsexuelle Prostituierte wie sie besuchen die Bar. Die meisten sind obdachlos, werden regelmäßig verhaftet, weil sie sich öffentlich küssen und Kleidung nicht so tragen, wie man das von ihrem Geschlecht erwartet. Ein Polizist greift nach der 18-jährigen transsexuellen Rivera und schlägt mit seinem Schlagstock nach ihr. Rivera wirft eine Flasche nach den Polizisten und eröffnet so den Widerstand.

Es war ein gewaltsamer Tag, der als „Stonewall-Aufstand“ in die Geschichtsbücher einging. Gleichzeitig war es der Auftakt zu einer der größten Emanzipationsbewegungen für queere Menschen, die heute jedes Jahr als „Christopher Street Day“ (CSD) auf der ganzen Welt gefeiert wird.

Viele Tote, weltweite Proteste

Februar 2018. Jamie Guttenberg steckt ihr Mathebuch in den Rucksack und schaut im Sekundentakt auf die Uhr. Endlich klingelt es. Die 14-Jährige an der Douglas Highschool in Parkland, Florida, eilt zur Tür, betritt den Flur. Plötzlich hört Guttenberg Schüsse, sie dreht sich um, erkennt den ehemaligen Schüler Nikolas Cruz, 19, der mit einer Waffe um sich schießt. Guttenberg versucht wegzurennen, doch eine Kugel tötet sie. Es sterben 17 Menschen. Als Reaktion auf den Amoklauf organisieren Guttenbergs Mitschüler*innen die weltweite Protestbewegung „March for Our Lives“ (MfOL). Sie setzt sich für härtere Waffengesetze ein.

Februar 2012. Trayvon Martin hat eingekauft, etwas Brot, Milch und eine Fertigpizza. Es ist Abend. Der 17-jährige Afroamerikaner trägt einen schwarzen Kapuzenpullover und läuft durch seine Nachbarschaft in Stanford, Florida, in der sein weißer Nachbar Georg Zimmerman als Wachmann patrouilliert. Zimmerman hält den unbewaffneten Martin für einen Kriminellen, verfolgt ihn, und erschießt ihn im Zuge einer Rangelei, zu der es bei der Verfolgung kommt. Als Zimmerman später vor Gericht freigesprochen wird – er habe aus Notwehr gehandelt –, legen die Aktivistinnen Alicia Garza, Patrisse Khan-Cullors und Opal Tometi, alle Ende zwanzig, Twitter- und Tumblr-Profile an, stellen in der realen Welt Banner auf.

Unter dem Hashtag #BlackLivesMatter machen sie auf die Ungerechtigkeit des Urteils aufmerksam. Daraus entsteht die Protestbewegung #BlackLivesMatter (BLM), die sich seitdem für die Gleichstellung von Schwarzen und weißen Menschen einsetzt. Im Mai 2020 bekam die Protestbewegung großen Zulauf, als der 46-jährige Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis bei einer brutalen Polizeifestnahme getötet wurde.

Diese drei Massenbewegungen sind charakteristisch für Protestbewegungen in den USA im 20. und 21. Jahrhundert. Was aber macht diese Proteste aus, und wie unterscheiden sich die neueren Bewegungen von ihren Vorgängern in den 1960er-Jahren? US-Bürger*innen experimentieren in der Trump-Ära vermehrt mit unterschiedlichen Formen von Protest. Donald Trumps Wahlsieg hat bei vielen die Angst vor dem Ende einer liberalen Demokratie geschürt. Nicht zufällig fanden seit Beginn der Trump-Ära die fünf größten Massenproteste in der Geschichte der USA statt, darunter die #BLM-Proteste um Floyd und die Antiwaffenbewegung MfOL. Zudem beschäftigen sich die US-Bürger*innen zunehmend intellektuell mit Protest. In Donald Trumps erstem Präsidentschaftsjahr wurde Hannah Arendts Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft 16-mal mehr verkauft als im Vorjahr.

Laut der Protestforscherin Jasmina Gherairi ist ein Hauptmerkmal von Protestbewegungen der unermüdliche Einsatz ihrer Anhänger*innen für ein gesellschaftliches Anliegen, das einer bis dahin „allgemein akzeptierten Meinung“ entgegenstehe. Die Protestierenden von Stonewall forderten für queere Menschen gleiche Rechte wie für Heterosexuelle und setzten sich gegen ihre Ausgrenzung ein. Die MfOL-Bewegung kämpft gegen das tief in der Geschichte der USA verwurzelte Grundrecht auf Verteidigung mit der Waffe. #BLM-Aktivist*innen treten gegen die immer noch weit akzeptierte Meinung an, dass Schwarze und weiße Leben eben doch nicht gleich viel wert seien.

Ausgedribbelt

Eine besondere Protestform in den USA ist der Streik von Sportler*innen, die dort so viel gesellschaftlichen Einfluss haben, wie in kaum einem anderen Land der Welt. So sagte Nordamerikas Basketball-Liga NBA Ende August 2020 zwei Tage hintereinander alle Spiele ab, um gegen die Polizeigewalt an Schwarzen Menschen in den USA zu protestieren. Dem Protest schlossen sich wenig später die Baseball-Liga MLB, der Fußballverband MLS sowie Vertreter*innen des Tennisverbandes und der nordamerikanischen Eishockeyliga an.

Ziel jedes Protestes ist es, mithilfe von Protesttechniken wie Demonstrationen oder digitalen Aktionen im öffentlichen Raum zu zeigen, dass ein Missstand nicht länger widerspruchslos hingenommen wird. Weil die Bürger*innen nicht mehr daran glauben, dass Politiker*innen einen Missstand erkennen und ändern, nutzen sie den Protest als Mittel politischer Beteiligung. Der Protest soll die öffentliche Meinung beeinflussen und den politischen Entscheidungsträger*innen vor Augen führen, dass die Mehrheit der Gesellschaft Veränderungen erwartet. Je mehr das Vertrauen in eine Regierung schwindet, desto wichtiger wird daher Protest, das gehört zu den Kennzeichen einer postdemokratischen Gesellschaft. Es könnte den enormen Anstieg an US-Protesten seit Trumps Wahl 2016 erklären.

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Diese Merkmale sind typisch für alle Protestbewegungen. Darüber hinaus gibt es zentrale Unterschiede zwischen den Bewegungen heute und denen aus den 60er-Jahren. Einer ist nach Einschätzung der Tübinger Kulturwissenschaftlerin Nicole Hirschfelder die „Intersektionalität“ der neueren Bewegungen. Intersektionalität beschreibt die Verschränkung verschiedener Diskriminierungsformen aufgrund sozialer Kategorien wie Gender, Race und Klasse mit dem Ziel, die daraus resultierenden verschiedenen Machtstrukturen sichtbar zu machen. Ein Beispiel: Eine Person, die als Schwarze lesbische Frau gelesen wird, ist aufgrund der Kategorien Gender, Race und sexuelle Orientierung dreifach diskriminiert und erlebt Situationen anders, als eine Person, die als heterosexuelle weiße Frau oder als ein homosexueller Schwarzer Mann wahrgenommen wird.

Während der Stonewall-Aufstand sich also auf eine soziale Kategorie, die des Genders, fokussierte, thematisieren die heutigen Bewegungen mehrere soziale Kategorien. So macht #BLM mit öffentlichen Protestaktionen in Restaurants darauf aufmerksam, dass zwar rechtlich heute Schwarze Menschen nichts daran hindert, in teuren Restaurants zu essen. Aber stattdessen herrsche eine „neue Rassentrennung“: Klassen- und Gruppenzugehörigkeit und der mit ihr verbundene Habitus entscheiden darüber, ob man sich in einem solchen Restaurant akzeptiert fühlt und sich dort dementsprechend aufhalten will, so Forscherin Hirschfelder.

Die neuen Protestbewegungen setzen Intersektionalität strategisch ein. So wird auf der Website von MfOL zur Unterstützung der #BLM-Bewegung aufgerufen. Die Aktivist*innen wissen, dass ihre Wirkung stärker ist, wenn sich einzelne marginalisierte Gruppen zusammenschließen, um gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen. Die Reichweite der Bewegung wird größer. Gleichzeitig sympathisieren meist mehr Menschen mit einer Bewegung, die gleich mehrere gesellschaftliche Baustellen angeht.

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Protestbewegungen in den USA: Gewaltfreie Proteste sind erfolgreicher

#BLM, MfOL und der Stonewall-Aufstand werden häufig als „führungslose Bewegungen“ bezeichnet. Zu den meisten Bewegungen der 60er gehörte eine männliche, charismatische Führungspersönlichkeit wie Martin Luther King – außer bei Stonewall. Heute kehren sich die Protestbewegungen bewusst davon ab, schon weil das Risiken birgt: Viele Anführer der 60er Proteste fielen Attentaten zum Opfer, die Ziele der Bewegungen wurden geschwächt, analysiert Protestforscherin Hirschfelder.

Dennoch sind die Gründer*innen von Bewegungen oft in den Medien zu sehen, etwa die Initiatorinnen von #BLM. Bezeichnend: Im Gegensatz zu den 1960ern stehen heute junge Frauen wie die Schülerin Emma González von MfOL vorn. Die patriarchalen Strukturen haben Risse bekommen. Künftig werden wohl zudem Menschen zu sehen sein, die aufgrund der sozialen Mehrfachunterdrückung in Randgruppen bisher unsichtbar blieben.

Der größte Unterschied zwischen dem Protest in den 60er-Jahren und heute aber sind die Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet. Online lassen sich heute im Vorfeld einer Protestaktion viele Menschen global gleichzeitig mobilisieren. Das Digitale ersetzt allmählich analoge Formate wie Flugblätter, Zeitungsannoncen und Plakate. Auch die Organisationsstrukturen verlagern sich zunehmend in den digitalen Raum. Online-Meetings oder Messenger-Gruppen sind gerade seit der Corona-Pandemie Alltag. Allerdings birgt die Digitalisierung auch Risiken: Aus Fake News durch Fehlinformationen oder verfälschte Bilder etwa kann eine massenhafte Fehlmobilisierung einer Protestbewegung entstehen. Durch eine Zensur des Internets wie während des Arabischen Frühlings können autokratisch regierende Herrscher eine Protestbewegung lenken oder bremsen.

Ob heutige Protestbewegungen erfolgreich sein werden, dürfte auch davon abhängen, ob sie ihre Anliegen primär mit Gewalt oder gewaltfrei durchbringen. Die US-Forscherinnen Erica Chenoweth und Maria J. Stephan haben in einer Studie alle Aufstände und Revolutionen zwischen 1900 und 2006 untersucht. Ergebnis: Gewaltfreie Proteste sind beinahe doppelt so erfolgreich wie gewaltbereite. Welche Rolle digitale Gewalt, etwa Hate Speech, für den Erfolg einer Bewegung hat, gilt es noch zu untersuchen.

Trotz der voranschreitenden Digitalisierung bleibt die analoge Demonstration ein mächtiges Protestinstrument. Denn öffentlich wird die mediale Berichterstattung oft erst durch eine Demonstration losgetreten. Demonstrationen sind daher organisatorischer Höhepunkt einer Protestbewegung. Dennoch: „Die Bewegung zeigt sich nicht immer bombastisch oder fotogen“, sagt Benjamin Hedin, Professor an der Duke University. Die Hauptarbeit einer Protestbewegung bestehe immer aus einem gefestigten, unterstützenden Netzwerk, das sich langsam über eine Vielzahl an Gesprächen, Diskussionen und (digitalen) Treffen formiert. Es ist die Basis für den Erfolg.

So hatten lokale Kräfte bereits vor der Verhaftung von Rosa Parks 1955 gut ein Jahr lang Pläne für Proteste gegen die Rassentrennung gemacht. Nach der Festnahme von Parks konnten sie daher schnell einen Boykott der öffentlichen Busse organisieren. Bei #BLM gelang der internationale Durchbruch erst durch ein einschneidendes Ereignis in der Offline-Welt sieben Jahre nach der Einführung des Hashtags: den Tod von George Floyd 2020. Dem Stonewall-Aufstand waren jahrelange Polizeischikanen vorausgegangen. Und lange bevor sich MfOL gründete, hatten Amokläufe die Debatte über härtere Waffengesetze angeheizt.

Hashtag-Bewegungen wie #BlackLivesMatter und #MarchForOurLives machen Hoffnung. Mit ihrer differenzierten Sicht auf soziale Kategorien und Diskriminierungsformen könnten sie dazu beitragen, dass Ungleichheiten besser bekämpft werden. Wenn es gelingt, die Kraft der Digitalisierung zu nutzen und ihre Risiken abzufedern, könnten die Bewegungen schneller denn je wichtige Themen auf die politische Agenda bringen und die Politik global viel stärker beeinflussen, als es rein analogen Protestbewegungen in den USA je gelungen ist.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunktes „Vereinigt die Vielfalt“ der neuen Ausgabe des enorm Magazins, die am 04. September 2020 erscheinen wird.

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