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5 June 2019 / Lesezeit: 3 minuten

Kunst & Kultur

„Die letzten Orte, von denen man träumen kann“

Der Künstler Julian Charrière setzt sich in unterschiedlichen Medien mit der Frage auseinander, was der Eingriff des Menschen in natürliche Lebensräume bedeutet

Titelbild: Julian Charrière/VG Bild-Kunst Bonn

Titelbild: Julian Charrière/VG Bild-Kunst Bonn

Der Künstler Julian Charrière setzt sich in unterschiedlichen Medien mit der Frage auseinander, was der Eingriff des Menschen in natürliche Lebensräume bedeutet. Oft führen ihn Reisen in entlegene Gebiete, etwa für sein letztes Projekt zum ehemaligen Atomwaffen-Testgebiet auf dem Bikini-Atoll. Für sein Werk ist der Schweizer, der unter anderem bei Olafur Eliasson an der UdK Berlin studiert hat, bereits vielfach ausgezeichnet worden

Julian, welche Rolle spielt es, dass viele Deiner Arbeiten eine persönliche Extremerfahrung erfordern, sei es das Tauchen in großen Tiefen oder die Besteigung von Eisbergen?

Ich muss meine Komfortzone verlassen, um mich dem Unbekannten auszusetzen. Der Punkt, an dem Schönheit und Grausamkeit im Unbekannten verschmelzen, ist manchmal das richtige Terrain, um eine neue Forschung zu beginnen. Mich interessieren Orte, an denen sich verschiedene Bedeutungsebenen überschneiden, an denen durch unterschiedliche Kulturen und Zeiten unterschiedliche Sichtweisen entstehen.

So wie auf dem Foto aus der Serie „The Blue Fossil Entropic Stories“: Du stehst auf einem Eisberg und bearbeitest ihn mit einem Bunsenbrenner.

Die Gletscher- und Polarregionen haben mich schon immer fasziniert. Für mich sind diese abgelegenen Regionen besonders, weil sie überwiegend nur in unserer Fantasie existieren. Natürlich leidet dieses Fantasiebild gleichzeitig auch unter den vielen Informationen, die wir heute über sie haben. Ich hatte das Gefühl, dass die dringende Notwendigkeit bestand, eine neue subjektive Art der Erzählung beizusteuern. Das Bild wirkt wie eine Konfrontation des menschlichen Zeitspektrums mit der geologischen Zeitskala – und nimmt die globale Erwärmung als Ausgangspunkt.

Du hast Dich kürzlich selbst als Zukunftsarchäologen bezeichnet, was verstehst Du darunter?

Zukunftsarchäologie ist eigentlich ein Begriff, der einmal von jemandem benutzt wurde, um meine Arbeitsweise zu beschreiben. Im Hinblick auf das Bikini-Atoll, wo ich unter anderem das Projekt „As we used to float“ durchgeführt habe, funktioniert der Begriff aber sehr gut. Amerika übernahm damals die Insel und verdrängte das indigene Volk, dessen Geschichte fest mit dem Ort verankert war. Dadurch wurde die kulturelle Verbindung zum Ort selbst zerstört. Anschließend folgten die Atomtests, die eine kulturelle Rehabilitation unmöglich machten. Das Atoll ist zu einem Ort geworden, der eine spekulative Erscheinung der Zukunft zu sein scheint. Man hat es hier mit einem Ort zu tun, der für 70 Jahre lang unberührt lag, was sich unter anderem an der üppigen Landschaft erkennbar macht. Gedanken an die Geschichte des Orts und an die damit verbundene Radioaktivität, rufen ein bedrückendes Gefühl hervor. Andererseits gibt es aber auch die herrlichen unberührten Korallenriffe oder die Kokosnusswälder, die wieder wachsen. Man wird ständig von dem Gefühl eingenommen, in eine mögliche Erscheinung der Zukunft zu blicken. Es ist ein Ort, der mit der Vergangenheit und mit der Zukunft verbunden ist und in einer verkapselten Realität tatsächlich sehr gegenwärtig ist. Während man also dort ist, kann man sich durchaus als spekulativen Archäologen bezeichnen.

Wie unterscheidet sich Deine Arbeit von einem wissenschaftlichen Erkenntnisprozess, und worin ähnelt sie ihm?

Ich versuche die wissenschaftliche Methodik zu übernehmen, die Inhalte aber unterschiedlich zu übersetzen und eine abstrakte, aber intuitiv verständliche Bildsprache zu entwickeln. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen der Wissenschaft und der Kunst, wie beispielsweise das experimentelle Arbeiten. Beide glauben an nichts außer dem Zweifel. Sie suchen unermüdlich nach Antworten und erfinden die Realität ständig neu.

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Du bist gerade aus Island zurückgekehrt. Welches Projekt verfolgst Du aktuell?

In Island habe ich für meinen neuen Film „Towards No Earthly Pole“ gedreht. Ich finde interessant, dass sich die Rezeption der Polarregionen in extrem kurzer Zeit drastisch verändert hat. Am Anfang des 20. Jahrhunderts reisten Naturforscher in diese Gegenden, weil sie zu den letzten unerforschten Orten gehörten. Heute dagegen werden sie eher als empfindliche Ökosysteme wahrgenommen, die geschützt werden müssen. In gewisser Weise sind sie zu Ikonen des sogenannten Anthropozän-Zeitalters geworden. Ihre fast magische Anziehungskraft, ihre Kraft, wildeste Fantasien zu wecken, bleibt jedoch unverändert. Für mich sind die Pole die letzten Orte, von denen man träumen kann.