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2 October 2019 / Lesezeit: 3 minuten

Interview mit Jan Delay

„Fragt doch mal Bushido“

Viel mehr Künstler sollten ihre laute Stimme nutzen – meint Jan Delay, mit dem wir über sein gesellschaftliches Engagement gesprochen haben

Titelbild: Dariusz Misztal

Titelbild: Dariusz Misztal

Auf dem Next Economy Award bekam Jan Delay einen Ehrenpreis für sein gesellschaftliches Engagement. Ein Gespräch über seine Kindheit, Online-Petitionen und Bushido

iChance, Oxfam, Viva con Agua, ARD-Themenwoche Toleranz, Protest-Kohle-Brikett für die Energiewende … die Liste Ihres Engagements ist fast endlos lang. Woher kommt Ihre Bereitschaft und auch die Leidenschaft für gesellschaftliches Engagement?

Haltung habe ich schon immer bei anderen Menschen bewundert. Ich bin damit aufgewachsen und auch so erzogen worden, dass es gut ist, Haltung an den Tag zu legen. Das gilt für meine Eltern und für das Wohnprojekt, in dem ich aufgewachsen bin.

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In welchen konkreten Situationen haben Ihre Eltern Haltung gezeigt?

Sie haben auf gesundes Essen Wert gelegt, Energie gespart und ich durfte nur selten fernsehen.

Welche Rolle spielte die Musik dabei?

Neben meinen Eltern haben mich auch Bands politisch gebildet und erzogen, die ich im wichtigsten Alter von 10 bis 15 Jahren gehört haben. Alle haben Haltung an den Tag gelegt und so wurde mir das beigebracht.

Welche Bands haben Sie beeinflusst?

Rage against the machine, Public Enemy und die Goldenen Zitronen. Man muss nicht immer die ganze Zeit etwas Sinnvolles erzählen, aber was Sinnvolles zu tun, während man irgendwelchen Scheiß erzählt ist gar nicht schlecht. Die laute Stimme, die man auf einmal hat, weil einem viele Menschen auf einmal zuhören, will ich nutzen, um auf Dinge hinzuweisen und Stellung zu beziehen. Mir hören einfach mehr Menschen zu, als einem Lehrer oder bestenfalls einem Politiker.

Sollten das alle Künstler machen?

Ich bin der letzte, der verlangt, dass jeder das tun sollte. Aber ich bin sehr dankbar, dass die Bands, zu denen ich aufgeschaut habe, das getan haben. Ich habe mir das auch deshalb aneignen können. Es gibt jedoch auch Leute, die nicht verstehen, dass nicht jeder Text von mir zwangsweise kritisch oder politisch ist. Da habe ich auch keine Lust zu, dann soll man lieber Bücher schreiben. Ich mache immer noch Entertainment, will die Leute unterhalten, eine geile Show hinlegen und dass die Leute tanzen. Wenn sie dann am nächsten Morgen mit nem dicken Schädel aufwachen, können sie gerne denken.

Wenn man bekannt dafür ist, sich gesellschaftlich zu engagieren, ist die Zahl der Anfragen sicherlich hoch.

Meist sind es Benefizkonzerte für oder gegen etwas, zu denen man angerufen wird. Ich frage mich dann immer, warum fragt ihr mich?

Weil der Künstler ja auch immer zur eigenen Message passen muss.

Es werden immer all die typischen Pappenheimer angerufen, von denen die Leute eh wissen, dass sie diese oder jene Meinung haben. Warum fragt man nicht Künstler, von denen man das nicht erwartet, dann bringt das auch was. Fragt doch mal Bushido, der würde bei dem einen oder anderen Ding gegen Rassismus sofort und liebend gerne mitmachen – er wird nur nicht gefragt. Wenn jemand wie er da mitmachen würde, dann würde das auch was bewegen, da ihm Leute zuhören, die sich inhaltlich und politisch noch nicht so sicher sind. Ich fand es super, dass er vor der Wahl einen Anti-AfD-Spot rausgehauen hat.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie Ihr Engagement?

Wenn es mir wichtig ist und wenn ich merke, dass ich damit auch wirklich etwas bewirken kann – und vor allem, wenn ich Zeit und die Energie dazu habe. Bei mir und meiner Band ist es ja auch immer ein großer Aufwand, da gehen ja immer gleich 30 Leute auf die Straße, wenn wir auftreten. Wir spielen zwar kostenlos, aber ich muss mein Team ja trotzdem auch dafür bezahlen, denn ich kann ja nicht verlangen, das immer kostenlos zu machen. Ich mache es auch nicht allzuoft, da es sonst inflationär wird. Ich will auch nicht Bono sein.

Wie kann man Engagement in seinen Alltag integrieren? Viele haben ja kaum Zeit neben dem Beruf.

Ich hab viel weniger Zeit, als jemand, der in einem 9-to-5-Job arbeitet. Jeder muss für sich selber wissen, was er machen will oder nicht. Und wenn er das nicht gebacken kriegt, ob er sich dann schämt oder sich selbst Ausreden ausdenkt und vor allem auch selber glaubt. Das muss jeder mit sich selber ausmachen.

Für viele ist Engagement heutzutage auch digital. Teilen Sie auch Online-Petitionen?

Auf jeden Fall. Die letzte war die zur Verhinderung von Glyphosat, doch Herr Schmidt hat mit seinem Alleingang alles zunichte gemacht. Er hat es halt durchgezogen.

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Nutzt die Politik das Engagement und das Ehrenamt aus, um Verantwortung abzuwälzen und sich nicht darum zu kümmern?

Ich würde sagen, die Politiker haben sich noch nie gekümmert. Die Leute haben das Vakuum erkannt und sich irgendwann gedacht, selbst ist der Mann oder selbst ist die Frau und haben einfach angefangen Dinge zu tun. Die haben gesehen, was das für chaotische Zustände mit den Flüchtlingen sind und haben einfach gedacht, hier wollen wir helfen. Oder sie haben gesehen, wie wir mit alten Menschen umgehen und haben sie mit Kindern zusammengebracht – zum Wohle der Alten und der Jungen. Solche Dinge passieren auch nur aus den Menschen selbst und nich auf Anweisung der Politik.