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3 November 2016 / Lesezeit: 4 minuten

Effektiver Altruismus

Kostenoptimierte Nächstenliebe

Der Effektive Altruismus sagt klar: Man sollte lieber Menschenleben in Entwicklungsländern retten als solche in Industrienationen zu verbessern

Titelbild: Alexei Scutari / Unsplash

Titelbild: Alexei Scutari / Unsplash

Viele Menschen wollen sich in irgendeiner Form engagieren. Dann heißt es zum Beispiel: spenden oder ehrenamtlich arbeiten? Und in welches Projekt investieren? Der Effektive Altruismus will Antworten auf diese Fragen geben – mit einem einfachen, aber umstrittenen Ansatz. Ein Gastbeitrag von betterplace lab

Du willst Dich ehrenamtlich engagieren? Lass es. Arbeite lieber mehr und spende das Geld dann, um Kinder vor dem Hungertod zu bewahren. Das bringt mehr – würde der Effektive Altruismus sagen. Dieses Prinzip ist schnell erklärt: „Finde heraus, wie Du am meisten Gutes tun kannst und dann tue es“, bringt es Philosophieprofessor William McAskill auf den Punkt. Doch das ist leichter gesagt als getan. Was bedeutet „am meisten“? Effektive Altruisten versuchen, diese Frage mit Kosten-Nutzen-Rechnungen zu beantworten.

Was bis vor wenigen Jahren noch theoretische Spielerei war, entwickelt sich jetzt zu einem globalen Trend. Weltweit haben sich tausende Menschen dem Effektiven Altruismus verschrieben, darunter der Elektroauto- und Raumfahrtpionier Elon Musk oder der Facebook-Mitgründer Dustin Moskovitz. Sie wollen die beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einsetzen, um das Leben möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern.

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Effektive Altruisten unterstützen nur die effektivsten Ansätze und Hilfsprojekte und ziehen zu deren Beurteilung beziehungsweise Wirkungsmessung empirische Beweise und rationale Argumente heran. Im Gegensatz zu klassischer Philanthropie bemüht sich der Effektive Altruismus, Entscheidungen evidenzbasiert zu treffen.

Bis vor wenigen Jahren gab es weder im deutsch- noch im englischsprachigen Raum ernstzunehmende Institutionen, die gemeinnützige Einrichtungen bezüglich ihrer Wirksamkeit evaluiert haben. Zwar vergibt das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen seit 1991 das sogenannte Spendensiegel und das 2001 gegründete Portal Charity Navigator bewertet Non-Profit-Organisationen in den USA. Aber in beiden Fällen werden keine belastbaren Aussagen zur eigentlichen Wirkung der untersuchten Projekte gemacht.

Zu einem ähnlichen Schluss sind im Jahr 2006 die Hedgefond Manager Elie Hassenfeld und Holden Karnofsky gekommen, die einen Teil ihres Einkommens an möglichst effektive Hilfsorganisationen spenden wollten. Ihnen wurde bewusst, wie wenig relevante Informationen öffentlich zugänglich sind und, dass es im gemeinnützigen Bereich praktisch keine Evaluationen mit einer Tiefe gibt, wie sie die beiden von ihrer Arbeit bei der Investmentfirma Bridgewater Associates gewohnt waren.

Verschiedene Ansätze im Effektiven Altruismus

Deshalb gründeten Hassenfeld und Karnofsky 2007 GiveWell und machten sich mit bis dahin nie dagewesenem Aufwand auf die Suche nach jenen Hilfsorganisationen, die am meisten Gutes für jeden eingesetzten Dollar bewirken. Die ersten Ergebnissen der Untersuchungen von Hassenfeld und Karnofsky zeigten, dass es im Durchschnitt zwischen 10.000 und 50.000 US-Dollar kostet, einem Menschen in New York dabei zu helfen, seinen Lebensunterhalt wieder selbst bestreiten zu können.

Mit der gleiche Summe könne man jedoch bis zu 50 Menschenleben in Afrika retten, bloggt GiveWell. Obwohl die Organisation diese Zahlen nach weiteren Untersuchungen relativiert hat, bleibt unterm Strich die gleiche Botschaft: Hilf mit deinem Geld so vielen Menschen wie möglich. Voraussetzung ist die Grundannahme des Effektiven Altruismus, dass jedes Menschenleben den gleichen Wert besitzt. Inzwischen konzentriert sich GiveWell fast ausschließlich auf Hilfsmaßnahmen in Entwicklungsländern, da dort mit den gleichen Mitteln deutlich mehr Gutes bewirkt werden kann als in Industrienationen.

Bei gleich bleibendem Mitteleinsatz mehr bewirken – damit beschäftigt sich auch der Direktor der Forschungsabteilung von Giving What We Can, Dr. Hauke Hillebrandt. Er vergleicht nicht Menschenleben miteinander, sondern sogenannte QALY, „quality adjusted life years“ (qualitätskorrigierte Lebensjahre), die zu einer der meistgenutzten Kennzahlen gesundheitsökonomischer Evaluationen geworden sind. Mit dieser Quantifizierungsmethode wird versucht, verschiedene Nachteile, etwa einen krankheitsbedingten vorzeitigen Tod, krankheitsbedingte Einschränkungen oder Behinderungen miteinander zu vergleichen.

Die Minderung menschlichen Leids ist eine extrem qualitative Angelegenheit, mit QALYs sollen diese Äpfel und Birnen miteinander vergleichbar gemacht werden. Es geht nicht um die Obstsorte, sondern nur um das Gewicht der einzelnen Früchte. So gibt es Studien, die Interventionen zur Bekämpfung von Malaria mit dem Einsatz von antiretroviralen Therapien zur Behandlung von HIV-Patienten vergleichen – und die zu dem Ergebnis kommen, dass man mit gleichem Mitteleinsatz bis zu 15-mal mehr QALY ermöglichen kann, wenn man in Moskitonetze und nicht in medikamentöse Aids-Bekämpfung investiert.

Das Konzept der QALYs ist umstritten, da die subjektive Selbsteinschätzung von Beeinträchtigungen durch verschiedene Leiden keine exakte Wissenschaft ist. Allerdings, so das Argument der Effektiven Altruisten, gebe es keine Alternativen, mit denen man besser messen oder entscheiden kann, welcher Hilfsorganisation man seine Ressourcen im Sinne der besten Kosten-Nutzen-Rechnung zur Verfügung stellen sollte. Gefühlsduselei helfe jedenfalls nicht weiter.

Kritik der aktuellen Entwicklungshilfe

Doch sind es nicht die Gefühle, die uns dazu bewegen, unseren Mitmenschen zu helfen? Einer der häufigsten Kritikpunkte am Effektiven Altruismus: Man ersetze Emotionen durch Rationalität und nehme dem Helfen so jeden Reiz. Wie kann es falsch sein, für die lokale Obdachlosenhilfe zu spenden? Um den Effektiven Altruismus besser zu verstehen, muss man den Spieß umdrehen und aus der Sicht des Empfängers der Hilfsleistung in einem Entwicklungsland argumentieren.

Wie kann es wichtiger sein, einem Menschen ohne Wohnung in Deutschland eine Bleibe zu besorgen, wenn man mit den gleichen Mitteln ein Kind vor dem Malariatod hätte schützen könnte? Wieso ist es wichtiger, einem sehbehinderten Menschen in einem Industrieland einen Blindenhund zur Verfügung zu stellen, wenn man von dem für die Ausbildung des Tieres notwendigen Geld 1.000 oder mehr erblindeten Menschen in einem Entwicklungsland das Augenlicht durch einfache Operationen dauerhaft wiedergeben kann?

Im Rahmen des Effektiven Altruismus kommt man um eine weitere Organisation nicht herum: Give Directly. Die von GiveWell als am effektivsten eingeschätzte Organisation lässt den ärmsten Haushalten in Entwicklungsländern auf möglichst effiziente Weise direkt Geld zukommen. Zahlreiche Studien haben die Wirksamkeit dieser Methode bestätigt und gezeigt, dass sich das Einkommen der Empfänger im Schnitt um mehr als die reine Transferzahlung erhöht. Die Zahlungen führen dazu, dass sich die Menschen aus der Armut herauswirtschaften. Das lässt sich auch als Kritik an der aktuellen Entwicklungszusammenarbeit sehen.

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Laut Schätzungen der Weltbank leben momentan noch immer mehr als 700 Millionen Menschen von weniger als 1,90 US-Dollar. Demnach würde man pro Jahr etwa 533 Milliarden US-Dollar benötigen, um die Welt von extremer Armut zu befreien. Berücksichtigt man allerdings die Tatsache, dass die relative Kaufkraft in Entwicklungsländern im Schnitt dreimal so hoch ist wie in den USA, so reduziert sich dieser Betrag auf knapp 178 Milliarden US-Dollar. Damit liegt er scheinbar in greifbarer Nähe der Summe, die jedes Jahr in die Öffentliche Entwicklungszusammenarbeit fließt.

Laut Schätzungen der OECD waren das 2015 immerhin gut 131 Milliarden US-Dollar oder durchschnittlich 0,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Mitgliedstaaten. Es wäre für die Industrieländer also gar nicht notwendig, jährlich mindestens 0,7 Prozent der eigenen Wirtschaftsleistung den Ärmsten dieser Welt zukommen zu lassen, wie 1970 vor der UN-Vollversammlung versprochen. Voraussetzung wäre allerdings, dass man sich dann auf wirklich effektive Formen der Hilfe à la GiveWell konzentriert. Doch davon ist die öffentliche Entwicklungshilfe noch weit entfernt.