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23 April 2020 / Lesezeit: 3 minuten

FFF-Aktivistin Franziska Wessel

„Die Klimakrise ist kein Sprint, sondern ein Marathon”

Franziska Wessel organisiert mit anderen Aktivist*innen von Fridays for Future den Protest im Netz.

imago images/Uwe Steinert

imago images/Uwe Steinert

Wegen der Corona-Pandemie organisiert Fridays for Future den globalen Klimastreik im Netz. Mitorganisatorin Franziska Wessel erklärt, wie die Bewegung sich dafür einsetzt, dass wir auch jetzt die Klimakrise nicht vergessen.

Wie organisiert ihr bei Fridays for Future (FFF) trotz der Corona-Pandemie den globalen Klimastreik am Freitag?

Wir übernehmen eine gewisse Verantwortung für die Gesellschaft, indem wir nicht mehr auf die Straßen gehen. Wir haben den Protest ins Netz verschoben. Am Freitag wird es verschiedene Livestreams geben, bundesweit und international. Viele coole Künstlerinnen und Musikerinnen werden spielen und sprechen. Also ein Programm, wie es das sonst in allen Städten auch gibt. Auf einer Streikenden-Karte kann man sich wie immer vor einem globalen Streik als einzelner Streik registrieren und auf unserer Website eintragen lassen. Man kann auch ein Bild von sich und einem Protestschild hochladen oder mit dem Hashtag #Netzstreikfürsklima etwa auf Twitter posten und es am Freitag raushängen und zeigen: Obwohl wir nicht mehr auf den Straßen sein dürfen, sind wir präsent. Das ist unser Netzstreik fürs Klima, den wir jeden Freitag ausrufen, aber jetzt global und in anderer Dimension.

Auch ein stiller Protest mit ausgelegten Demo-Schildern ist geplant. Was genau passiert da?

Unsere Ortsgruppen haben Plakate gesammelt und legen sie an coole historische Orte. In Berlin in ziemlich großem Stil. Wir haben hier ein paar Tausend Plakate gesammelt. Am Freitag werden wir sie dann auf der Wiese vor dem Bundestag auslegen. Die Plakate befinden sich gerade noch in Quarantäne, damit alle Viren, die vielleicht auf den Plakaten sind, abgetötet werden. Es gab ganz viele Absprachen mit dem Gesundheitsamt. Weil wir um die 20 Leute sein werden, die die Plakate auslegen, alle mit Handschuhen und Schutzmasken.

Franziska Wessel

Franziska Wessel ist Mitorganisatorin von Fridays for Future (FFF) und Schülerin der 11. Klasse am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Berlin-Zehlendorf. Seit Januar 2019 engagiert sich die 16-Jährige bei den Klimaprotesten.

In Berlin haben beim globalen Klimastreik Ende November rund 100.000 Menschen protestiert. Was erwartet ihr euch vom globalen Netzstreik?

In Berlin haben sich schon um die 5000 Leute für den Netzstreik angemeldet, in Hamburg sind es 4000. Das sind weniger, als sich sonst an dem globalen Großstreik beteiligt hätten. Auch weil es momentan nicht mehr so ein Thema ist. Und es ist eine größere Hürde das übers Netz zu machen, weil das nicht das normale Demonstrieren ist, das die Menschen kennen. Wir sollten uns nicht vormachen, dass jetzt die ganze Stadt Schilder raushängen wird. Aber viele Leute haben ein Bewusstsein für die Klimakrise entwickelt und die werden auch jetzt Schilder raushängen.

Wie schätzt du die Zukunft für Fridays for Future ein?

Wir verlieren als Fridays for Future genauso wie andere Protestbewegungen an Aufmerksamkeit. In den Medien wird nur über Corona berichtet, weil diese Krise so greifbar ist. Man bekommt mit, wie viele Leute infiziert sind und sterben. Das ist so nah an einem dran. Die Klimakrise ist weiter weg. Sie ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon. Das ist auch viel leichter zu verdrängen, denn es trifft uns nicht direkt, sondern vor allem die Menschen im Globalen Süden. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass der Klimakrise das ganze Rampenlicht geklaut wird. Deswegen müssen wir versuchen, dass Menschen von unseren Aktionen mitbekommen. Wir sind nicht weg!

Auch auf enorm: Gastbeitrag von Louisa Dellert. Der Kampf gegen den Klimawandel muss auch jetzt weitergehen

Worauf konzentriert ihr euch derzeit?

Wir haben gerade eine Webinar-Reihe auf Youtube hochgefahren. Dort wollen wir den Leuten Input geben, damit sie die Zeit auch sinnvoll nutzen können. Wir haben schon richtig coole Leute eingeladen, die viel Know-how haben, zum Beispiel Claudia Kemfert (Umweltökonomin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Anm. d. Red.). Ansonsten arbeiten wir sehr viel an internen Prozessen und unseren Strukturen. Wir versuchen, viel digitaler zu werden, weil wir das einfach müssen. Wir wollen weiter Klima-Lobbyismus betreiben, auch wenn es nur online passieren kann.

Gesamtgesellschaftlich scheint die Coronakrise gerade die Klimakrise zu verdrängen. Auch politisch ist plötzlich vieles möglich, während der Kampf gegen den Klimawandel ins Stocken gerät. Wie schätzt du die Lage ein?

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In der Coronakrise hat die Bundesregierung über 500 Milliarden als Kredite ausgegeben. Wir fordern, dass diese Kredite nur an die Unternehmen verteilt werden, die sich zum 1,5-Grad-Ziel verpflichtet haben. Das Krisenmanagement – es funktioniert gerade erstaunlich gut – auf die Klimakrise und andere humanitäre Themen zu übertragen ist super bitter. Es ist schwierig für mich, das alles zu verarbeiten, diese Ungerechtigkeit: Jetzt herrscht die Coronakrise, aber bald wird auch eine andere Krise, die Klimakrise, immer schlimmer werden. Wir hätten jetzt noch die Zeit dem aktiv vorzubeugen und Schadensbegrenzung zu betreiben, indem wir weniger CO2 ausstoßen – aber wir tun es nicht. Wenn die Klimakrise erst mal da ist und die Erde sich wirklich über 1,5 Grad erwärmt, wird sie sich nie wieder abkühlen. Es frustriert mich: Leute, wenn ihr das mit der Coronakrise checkt, dann checkt doch mal das andere Problem, das gerade abgeht. Das dürfen wir auf keinen Fall vergessen!