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13 March 2018 / Lesezeit: 6 minuten

Neues Jahr, neuer Sinn!

Der nächste Schritt zur besseren Welt

Mehr Empathie und Selbslosigkeit kann der erste Schritt sein, wenn man die Welt verbessern will

Drei Fragen stellten wir Menschen aus dem enorm-Umfeld: nach ihrem ersten Schritt, um die Welt zu verbessern, nach ihrem nächsten Schritt – und nach einem Rat für unsere Leser. Hier einige der Antworten, in Gänze und in Auszügen

Khola Maryam Hübsch: Islamerin (muslimischer Poetryslam)

Was war Ihr erster Schritt, mit dem Sie sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

„Gestern war ich klug und wollte die Welt verändern. Heute bin ich weise und möchte mich verändern“, sagte der muslimische Mystiker Dschallaludin Rumi einmal. Ich glaube tatsächlich, dass die Welt nur verbessern kann, wer daran arbeitet, sich selbst zu verbessern. Jeder Veränderung im Außen geht die Veränderung des Innen voraus. Der erste Schritt, der die Welt wirklich nachhaltig verbessert, ist der größte Jehad, der Kampf gegen das eigene Ego. Das ist der schwerste Kampf und die Voraussetzung für eine bessere Welt. Würden die Menschen danach streben, selbst innerlich frei zu werden, statt die ganze Welt befreien zu wollen, wieviel hätten sie getan zur Rettung der Welt, wieviel hätten sie getan zur wahrhaften Befreiung der Menschheit.

Was wird Ihr nächster Schritt sein?

Ich arbeite immer noch am ersten Schritt. Sich selbst zu überwinden, um anderen selbstlos und uneigennützig dienen zu können, bleibt eine lebenslange Aufgabe. Es ergeben sich immer wieder neue Konstellationen, neue soziale Beziehungen, die zu Herausforderungen werden. Gesunde soziale Beziehungen sind die wichtigste Grundlage für eine friedliche Gesellschaft und damit das Fundament für eine bessere Welt. Wir unterschätzen die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen und überbewerten die Rolle wirtschaftlicher und beruflicher Erfolge für unser persönliches Glück.

Zu welchem Schritt raten Sie unseren Lesern?

Mein Vater, Hadayatullah Hübsch, schrieb einmal: „Wir tun so viel,/ Um groß zu werden,/ Doch klein zu sein/ vor Gott auf Erden/ Ist liebenswerter/ Und geehrter.“ Bevor man ein Ziel anstrebt, sollte man in sich gehen und sich genau überlegen, welche Absichten dahinter stecken. Geht es wirklich darum, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, oder möchte man nur als Weltverbesserer gefeiert werden? Geht es darum, etwas zum Guten zu verändern, oder geht es nur darum, sein eigenes Gewissen zu beruhigen und sich auf der Seite der Guten verorten zu können? Wenn man es geschafft hat, sich vom eigenen Ego zu lösen, sollte der nächste Schritt sein, sich von dem Bedürfnis nach Anerkennung zu befreien. Letztlich bedingt beides einander.

Ulrike Guérot: Politikwissenschaftlerin, Vordenkerin für ein neues, solidarisches Europa

Was war Ihr erster Schritt, mit dem Sie sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Komplizierte Frage, denn man weiß ja nie, welches der „bessere Ort“ für die Welt ist. Viele Menschen arbeiten aus unterschiedlichen Motiven an Veränderungen aller Art, die meisten haben gute Absichten. Aus ihrer jeweiligen Sicht gesehen, müsste man sicherlich auch einer Alice Weigel oder gar einem ISIS-Selbstmordattentäter zunächst wertfrei unterstellen, dass auch sie die Welt zu einem „besseren Ort“ machen wollen. Jener Schritt in ein „Sich-Aufmachen“ passiert also dann, wenn sich die Welt, oder die Wahrnehmung derselben, vom eigenen Koordinatensystem wegbewegt. Bei mir verschob sich im Zuge der Eurokrise, um 2010 herum, meine Sichtweise auf Europa, auf die EU; genauer: auf das, was ich gelernt hatte, was Europa sein sollte und auch, welche Rolle mein Land, Deutschland, in Europa haben sollte. Ich hatte das Gefühl, Deutschland gerät europapolitisch gleichsam auf eine schiefe Bahn, entfernt sich von seiner Tradition und Geschichte. Und es fing an, mit Blick auf Europa zu lügen, etwa in dem es sich in eine „Opferrolle“ manövrierte.

In dem Moment, wo sich mein Blick auf die Dinge geändert hat, hatte ich das Bedürfnis, tätig zu werden, an die Öffentlichkeit zu gehen, aufzuklären, richtigzustellen, neue und andere Argumente in die europapolitische Debatte zu bringen. Meine Geschichte und meine eigenen Erfahrungen zu erzählen, was Europa einmal für Deutschland bedeutet hat – und als Akademikerin mit guten Argumenten dafür zu werben, dass Deutschland an der Gestaltung eines anderen, demokratischen und sozialen Europas mitwirkt. Der entscheidende Schritt dazu war, sich geistig unabhängig davon zu machen, was erzählt wird und selbst nachzudenken. Und Mut, das Eigene zu tun.

Zu welchem Schritt raten Sie unseren Lesern?

Das wichtigste, was es gilt zu verstehen, ist, dass Mut immer nur vom eigenen Blick in den Spiegel belohnt wird. Nie von anderen. Es ist teilweise erschreckend zu sehen, wie viele Menschen sich wegducken. Das ist weniger ein Schritt, als eine Haltung. Am Anfang mag das hart sein und man ist auch einsam. Nur, wenn man den Zuspruch der anderen nicht mehr braucht, und sich letztlich von Geld und Erfolg unabhängig macht, ist man frei. Das ist nicht der nächste, sondern der erste und wichtigste Schritt. Anders formuliert: Nur wer fällt, lernt fliegen.

Maike Gosch: Gründerin story4good

Was war Ihr erster Schritt, mit dem Sie sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Ich musste erst einmal die Branche, das Umfeld und die Funktion finden, in der ich meinen Interessen folgen, meine Fähigkeiten anwenden und mit meinen Werten im Einklang handeln konnte. Dafür habe ich die Juristerei aufgegeben (weil ich dort selten das Gefühl hatte, auf der richtigen Seite zu kämpfen und es selten um „Gerechtigkeit“ ging), danach auch das Drehbuchschreiben. Als ich mich nach meinen Werten und Bedürfnissen ausgerichtet hatte, nachdem ich vorher so unzufrieden mit meinem „Einsatz“ in der Welt war, ergab sich das „Welt verbessern“ eigentlich wie von selbst. Dann arbeitete ich mit Menschen zusammen, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und die Umwelt einsetzten. Die füreinander da waren, ehrlich waren, respektvoll und liebevoll mit mir und ihren Kollegen umgingen. Klar, nicht immer. Auch bei Umweltschützern, Menschenrechtlern und anderen „Gutmenschen“ gibt es Müdigkeit, Gereiztheit, Neid und Angst. Aber in einem viel geringeren Maße als anderswo. Und hier redete man darüber und half sich und löste die Konflikte.

Zu welchem Schritt raten Sie unseren Lesern?

Wenn Sie die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, fangen Sie bei sich an. Fragen Sie sich: Was würde mir entsprechen? Was würde mir gut tun? Wonach habe ich eine tiefe Sehnsucht? Oder wie es Katherina von Siena sagte: „Be who God meant you to be and you will set the world on fire.“ (Wenn ihr seid, wozu Gott euch bestimmt hat, werdet ihr die Welt in Brand setzten.) Und damit meinte sie sicher nicht: dann werdet ihr die Welt „abfackeln“. Sondern: dann werdet ihr sie zum Leuchten bringen.

Rob Greenfield: Künstler

Was war Ihr erster Schritt, mit dem Sie sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Im Jahr 2011 merkte ich, dass ich durch meine einfachen täglichen Handlungen die Welt nicht wirklich zu einem besseren Ort machte. Ich zerstörte die Welt jeden Tag über die Nahrung, die ich aß, das Benzin, das ich in mein Auto pumpte, den Abfall, den ich produzierte, die preiswerten Produkte, die ich kaufte, und und und. Zu diesem Zeitpunkt beschloss ich, mein Leben zu ändern, indem ich meine alltäglichen Handlungen änderte. Ich habe eine lange Liste von möglichen Änderungen erstellt und sie in meiner Küche aufgehängt – mit dem Ziel, mindestens eine positive Veränderung pro Woche zu schaffen. Nach zwei Jahren hatte ich über hundert davon umgesetzt.

Was wird Ihr nächster Schritt sein?

Ich lerne ständig mehr darüber, wie mein globalisiertes Leben weltweit Ungleichheit und Ungerechtigkeit verursacht. Deshalb unternehme ich ständig Schritte, um den Schaden zu reduzieren und stattdessen durch mein Handeln die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ein Schritt ist, keine Kleidung aus Kunststoff mehr zu tragen. Kleidung aus Polyester verliert jeden Tag Mikropartikel, verschmutzt die Welt also mit jedem Tragen und jeder Wäsche ein wenig. Ich werde zu Kleidung aus fast 100 Prozent natürlichen Fasern wechseln – am liebsten mit einem Schwerpunkt auf Hanf.

Zu welchem Schritt raten Sie unseren Lesern?

Dies hängt davon ab, wo sie im Leben stehen und wie weit sie auf ihrem Weg zu einem ethischen und ökologisch nachhaltigen Leben schon gekommen sind. Es gibt so viel, womit wir nicht nur die Welt besser machen können, sondern auch uns selbst gesünder und glücklicher. Einer der besten Ratschläge hierfür ist eine mehr auf pflanzlicher Kost basierende Ernährung. Die Tierproduktion ist einer der weltweit größten Umweltverschmutzer und außerdem einer der größten Verursacher von Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Weniger Fleisch zu essen, ist für die meisten Menschen aus dem Westen einer der größten Schritte, um in besserem Einklang mit der Welt zu leben.

Raúl Krauthausen: Gründer Sozialhelden

Was war Ihr erster Schritt, mit dem Sie sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Mein erster Schritt zu einer besseren Welt endete leider an einer Barriere. Als Rollstuhlfahrer habe ich schon oft vor Treppen und Stufen gestanden und wusste nicht, wie ich meinen Tag besser planen konnte, ohne diese Hindernisse. Deswegen habe ich zusammen mit den Sozialhelden die Wheelmap.org gegründet – eine Onlinekarte zum Suchen und Finden von rollstuhlgerechten Orten. Ich hoffe, dass wir mit diesem Projekt ein bisschen mehr Bewusstsein dafür schaffen können, dass Barrieren abgebaut werden müssen, damit die Welt für alle ein besserer Ort wird.

Was wird Ihr nächster Schritt sein?

Das sollte eigentlich die Abschaffung unserer Projekte wie Wheelmap.org und Leidmedien.de sein. In einer Welt, in der Menschen mit Mobilitätseinschränkungen in alle Orte hineinkommen und das Handeln frei von Diskriminierung ist, bin ich gerne arbeitslos. Leider werden wir bis dahin noch einige Schritte gehen müssen.

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Zu welchem Schritt raten Sie unseren Lesern?

Wenn ihr an neuen Projekten arbeitet, dann findet ein möglichst vielfältiges Team. Wir machen sehr gute Erfahrungen damit, dass Menschen, die selbst betroffen von einem Problem sind, auch meistens gute Lösungen haben, aber oft auch die Perspektiven von anderen brauchen, die mit dem Problem noch nichts zu tun hatten. Der ständige gleichberechtigte Austausch macht Projekte nicht nur besser, sondern auch glaubwürdiger.