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2 December 2019 / Lesezeit: 5 minuten

Konstantin Wecker über Fridays for Future

„Da ist ein neues ’68 entstanden“

Konstantin Wecker (hier auf der unteilbar-Demo am 13.10.2018 in Berlin): „Make love not war. Warum wird das heute so oft verlacht?“

Konstantin Wecker ist Zeit seines Lebens politischer Aktivist, kämpft und singt gegen Diskriminierung und gegen Rechts. Fridays for Future findet er großartig. Ein Gespräch über Liebe, Protest und den Kapitalismus.

Die Ballade über Ihren Freund Willy, der Mitte der 70er-Jahre an den Folgen einer Kneipenschlägerei mit Rechtsradikalen starb, wurde zur Hymne einer ganzen Generation. Eine Generation, die die Welt besser machen wollte. Heute geht Fridays for Future auf die Straße, damit wir in dieser Welt überhaupt noch überleben können. Was ist damals schiefgelaufen?

Konstantin Wecker: Tja, es hatte gut angefangen. 1968 war wahnsinnig spannend. Die Hippiebewegung stellte endlich alles in Frage. Make love not war. Warum wird das heute so oft verlacht? Es gibt doch nichts Schöneres als zu sagen: Macht Liebe, nicht Krieg, oder? Aber die Konterrevolution, ich nenn’ das mal wieder so, konnte siegen, weil in den 70er Jahren unter uns Linken unglaubliche ideologische Grabenkämpfe geführt wurden…

…die Marxisten-Leninisten, die Trotzkisten….

… die DKP, die KPD und wer weiß noch alles. Alle waren der Meinung, sie allein wüssten, wie die Welt zum Guten zu wenden sei. Es gab lauter -Isten und -Ismen. Der Neoliberalismus – eine besonders starker -Ismus, auch wenn er das Gegenteil behauptet – hat das ausgenutzt. Mit seinen Think Tanks hat er es geschafft, dass spätestens in den 90ern die Jugend sagte, ach, Politik ist nicht sexy. Sexy ist, zu H&M zu gehen und sich einzukleiden.

Das ändert sich jetzt gerade….

… und das finde ich großartig. Ich unterstütze diese Bewegung von Herzen, rufe auf meiner Website zum Klimastreik auf, poste Statements gegen rechte Leugner der Klimakatastrophe. Auf meinen Konzerten spiele ich wieder oft ein Lied, das ich schon vierzig Jahre vor Fridays for Future geschrieben habe, aber es ist aktuell wie nie zuvor.

Es heißt „Und das soll es gewesen sein“:

Gerodete Dschungel, zerdachte Natur,
bald bleibt den tapfersten Bäumen
nur noch übrig, zerhackt und mit Politur
vom Blühen und Werden zu träumen.

Dann müssen wir unsere verplante Welt
mit eisernen Lungen versorgen.
Wir haben die Erde so schlecht bestellt
und betrügen noch heute das Morgen.

Zu meinen Konzerten kommen auch manchmal junge Aktivisten und Aktivistinnen. Da ist ein neues 68 entstanden.

Was raten Sie dieser Bewegung, damit sie nicht genauso besiegt wird wie die 68er?

Ich habe mich 1968 offen zur Anarchie bekannt. Mit 16 hatte ich Henry Miller gelesen: „Der wahre Künstler, hat die Pflicht Anarchist zu sein.“ Ich glaube, das ist ein gutes Rezept. Anarchisch bleiben. Und vor allem: ungehorsam. Hannah Arendt hat zu Recht vor der Gefahr des bedingungslosen Gehorsams gewarnt. Natürlich ist es hilfreich, wenn wir uns Regeln geben. Auch als Anarchist habe ich meinen Kindern gesagt, dass sie nicht bei Rot auf die Straße gehen sollen. Aber niemals: sei gehorsam, schon gar nicht bedingungslos. Diese ganze Protestbewegung muss eine Bewegung gegen den Kapitalismus sein, weil der Kapitalismus einfach versagt hat.

Inwiefern?

Unser Wirtschaftssystem, der Neoliberalismus, fordert das Gegenteil von Zusammengehörigkeit und Liebe. Er fordert Leistung, er fordert Wettbewerb. Immer besser sein müssen als der andere. Daran erstickt die Menschheit gerade. In einer Wettbewerbsgesellschaft gibt es keine Gewinner, nur Verlierer.

Was muss sich ändern?

Um als Menschheit weiterzubestehen, müssen wir lernen, dass wir eins sind mit der Natur, mit dem Tier, mit den Winden und mit dem Universum. Wir sind nichts Besonderes. Ich bin doch nicht besonderer als die Rose. Dieser ekelhafte Irrglaube, wir seien die Herren des Universums, der uns jahrtausendelang vom Patriachat eingeredet wurde, ist mitverantwortlich für diese unglaubliche Zerstörung der Erde.

Überfällig ist also der Abschied vom Patriachat…?

Unbedingt. Schauen Sie sich die Weltpolitik an, so schrecklich besetzt wie zur Zeit: Donald Trump, Jair Bolsonaro, Recep Tayyip Erdogan, Viktor Orbán, Sebastian Kurz, Gauland, lauter schreckliche, unsichere Männlein. Das ganze Machogehabe, schreibe ich in meiner neuen Version des Willy-Liedes 2018, kommt mir wie das letzte, große, fast verzweifelte Aufbäumen des Patriachats vor. 5000 Jahre Patriachat hat uns nichts anderes eingebracht als Krieg und Zerstörung. Ich habe allerdings eine große Hoffnung: Die neue Frauenbewegung! Auch wenn sie nicht so sichtbar wie in den siebziger Jahren ist.

Machen es Frauen besser?

Natürlich. Ich kenne mich mit Matriachatsforschung ganz gut aus. Überall da, wo es in indigenen Strukturen matriachale Strukturen gab, existierte so eine Herrschaft nicht. Nicht umsonst hat Herrschaft mit HERR zu tun, es heißt nicht Frauschaft. Sicher, wenn Frauen versuchen, die Männer zu beherrschen, machen sie es genauso. Deshalb will ich nicht, dass Frauen plötzlich die Männerrollen übernehmen. Ich möchte, dass es die ganze Herrschaft nicht mehr gibt. Das Ende von Herrschaft muss mit einer wirklichen Gleichberechtigung losgehen.

Sie waren Zeit Ihres Lebens großer politischer Aktivist und sind es heute noch. Seit Jahrzehnten singen sie gegen Diskriminierung und gegen rechts. Was hält Sie am Ticken?

Die Liebe und die Sehnsucht. Menschen, die zu meinen Konzerten kommen, haben die gleiche Sehnsucht: nach einer liebevollen, herrschaftsfreien Welt. Ich fühle eine Verantwortung. Ich bin in einem antiautoritären Elternhaus groß geworden, mit einem antiautoritären Vater. Das ist ein kleines Wunder, er ist 1914 geboren, in der Zeit der schwarzen Pädagogik. Und ich lebe jetzt seit 70 Jahren ohne Krieg, Deshalb kann ich pazifistisches Gedankengut entwickeln. Das will ich in die Welt tragen. Vor allem, weil ich weiß, mit welchem Elend in anderen Ländern wir uns – zum Beispiel mit unseren Waffen – diesen Frieden erkaufen.

Sie haben nicht nur im Westen für den Frieden gesungen. Sie sind einer der wenigen Künstler, die in DDR auftreten durften, zuerst 1985 auf Usedom. Wie sehen Sie Ost und West heute?

Der Fall der Mauer hat mir natürlich gefallen. Aber, was dann passiert ist, war keine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Ost und West, sondern ein Aufkaufen durch den westdeutschen Kapitalismus. Als erstes kamen die Auto- und Pelzhändler, ganz schlimm. Ein Jahr nach der nach der Wende bin ich in den Osten gefahren und habe mit Intellektuellen gesprochen. Das waren ganz traurige Leute. Sie hatten am Widerstand gearbeitet, und dann hörten sie nur Helmut, Helmut-Rufe (Helmut Kohl, Anm. d. Red.). Da war alles schon am Arsch. Wir hätten was vom Osten lernen können. Wir haben nix lernen wollen. Wir sind aufgetreten wie die Platzhirsche, wie die Lehnsherren. Und dann brannten die Ausländerheime. Damals dachte ich, es handele sich um ein kurzes Aufflackern. Aber das Gedankengut hat weiter geschwelt, die Unzufriedenheit ist gewachsen.

Können wir das Ruder noch rumreißen?

Ich glaube, das passiert schon. Überall, wo Schlimmes geschieht, gibt es Solidaritätskundgebungen und Konzerte. Die Gemeinschaft der Antifaschisten zwischen Ost und West ist da und steht zusammen. Das macht mir Hoffnung.

Haben Sie Hoffnung, dass es der jungen Generation, dass es uns allen zusammen gelingen wird, die Klimakatastrophe zu verhindern?

Wer bin ich, das zu beurteilen? Ich selbst versuche die Leute mit Poesie zu erreichen. Denn die Ratio hat ein Problem: Wenn sie nicht angebunden ist ans Herz, an das Menschliche, das Mitgefühl, dann kann sie zu schrecklichen Taten führen. Pol Pot war ein hochintellektueller Mann, der an der Sorbonne studiert hat. Trotzdem hat er große Teile seines Volkes vernichtet. Wir können mit der Ratio nicht alles erfassen, was ist. Das zeigt sich in der Poesie. In ihr kann ich ahnen, dass es noch sehr viel mehr gibt als das, was uns unser Verstand erklären kann.

Verraten Sie uns, welches Ihrer poetischen Lieder passt am besten zu unserer Zeit?

„An meine Kinder“:

Was hab ich falsch, was richtig gemacht?
Ihr wart mir doch nur geliehen.
Ich rede nicht gern um den heißen Brei:
ich wollte euch nie erziehen.

Erziehen zu was? Zum Ehrgeiz, zur Gier?
Zum Chef im richtigen Lager?
Ihr wisst es, ich habe ein großes Herz
für Träumer und Versager.

Einen einzigen, großen Wunsch hätte ich noch,
da seid mit mir bitte konform:
egal was sie dir versprechen, mein Kind,
trag nie eine Uniform.

Es wird nicht leicht. Die Zeiten sind hart.
Es knarzt mächtig im Getriebe.
Ich hoffe euch trägt auch durch Not und Pein
bedingungslos meine Liebe.

Mach’s gut!

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euer ganz eigenes Leben.
Ich habe gelernt – und ich dank’ euch dafür –
ohne zu wollen zu geben

Mehr von Konstantin Wecker in der enorm-Ausgabe 6/2019, die am 13. Dezember 2019 erscheint.