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1 July 2017 / Lesezeit: 4 minuten

Bürgerschaftliches Engagement

Macht Helfen glücklich?

Anderen Menschen zu helfen macht glücklich, sagen Sozialforscher

Titelbild: Thiago Cerqueira / Unsplash

Titelbild: Thiago Cerqueira / Unsplash

Sozialwissenschaftler Dr. Rainer Sprengel befasst sicht seit 1998 als Wissenschaftler, Journalist und Praktiker mit dem Thema bürgerschaftliches Engagement. Er kann uns sagen, was passiert, wenn plötzlich alle aussteigen, und ob Helfen glücklich macht

Herr Sprengel, der große Zustrom an Geflüchteten hat viele Menschen aktiv gemacht: Freiwillige Helfer und Helferinnen verteilten vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales Tee und Essen, trugen Sachspenden zusammen, begleiten bis heute Geflüchtete bei Behördengängen oder bringen ihnen Deutsch bei. Hat Sie die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung überrascht?

Überrascht hat sie mich nicht. Auch bei den Flutkatastrophen im vergangenen Jahrzehnt haben sich zum Beispiel Tausende und Zehntausende aufgemacht, um vor Ort zu helfen. Das ist ein typisches Phänomen. Wir wissen, dass es eine Grundlage von gut 20 Millionen Ehrenamtlichen in unserer Gesellschaft gibt und noch mal ein Potenzial von gleich vielen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Wenn so eine Situation auftritt, die den Staat überfordert, wäre es sehr erstaunlich, wenn diese vielen Menschen alle zu Hause blieben. Der große Umfang, die Intensität und Anstrengung, haben mich aber schon – ich will nicht sagen überrascht – erfreut.

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Ist es also selbstverständlich, dass es so viele hilfsbereite Menschen gibt? Dürfen die, die noch nicht aktiv sind, sich einfach zurücklehnen weil sie wissen, dass es ohnehin schon viele Engagierte gibt?

Nein, denn es ist immer Handeln aus Freiheit. Nur die eigene freie Entscheidung für freiwilliges Engagement stellt dieses Handeln her. Aber das Umfeld erleichtert oder erschwert diese Entscheidung, gute Vorbilder sind ebenso wichtig. Wichtig ist eine positive Atmosphäre für bürgerschaftliches Engagement in der Gesellschaft. Insofern kommt es durchaus auch darauf an, wie sich die Menschen zurücklehnen, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht ehrenamtlich aktiv sind. Sie entscheiden mit über die Engagement- und Anerkennungskultur in einem Land, in einer Region, einem Stadtteil, einem Dorf. Schon in Deutschland gibt es da erhebliche Unterschiede, erst recht in Europa und jenseits von Europa. Zudem gibt es in manchen Bereichen, etwa bei der Besetzung von Vereinsvorständen, auch ganz praktische Nachwuchsprobleme.

Was für Leute sind es, die sich freiwillig engagieren?

Fast jeder Mensch in Deutschland betätigt sich irgendwann in seinem Leben ehrenamtlich. Das kann in einem ganz kleinen Rahmen sein, zum Beispiel als Eltern in der Schule am Kuchenstand. Ein Teil der Menschen bleibt dabei und macht das teilweise ein Leben lang mit hoher Intensität, ein anderer Teil hört auf. Diejenigen, die dabeibleiben, haben mit großer Wahrscheinlichkeit Vorbilder im Elternhaus oder auch in der Schule. Wenn man zu bestimmten Schichten der Gesellschaft gehört, die relativ gut im Arbeitsleben verankert sind und einen gewissen Bildungsstand haben, dann steigert das die Wahrscheinlichkeit außerdem enorm.

Aus welchen Gründen werden Menschen aktiv?

Manchmal ganz einfach, weil sie von Freunden oder Bekannten, die in einer Organisation sind, gefragt werden, und es ein schönes Gefühl ist, dass andere einen dabeihaben wollen. Mehr als zwei Drittel der befragten Engagierten sagen außerdem, ihr Engagement sei ein Beitrag dazu, die Gesellschaft ein wenig besser zu machen. Das ist ein ganz starkes Motiv. Als drittes steht in allen Befragungen ganz oben: etwas mit anderen netten Menschen zusammen zu machen. Die Leute wollen sich nicht opfern. Wenn man seine knappe Lebenszeit schon anderen Menschen schenkt, dann soll das in einem Umfeld passieren, das einem Freude bereitet. GlücksforscherInnen behaupten, gute Taten wirkten sich auch auf die Wohltätigen selbst positiv aus.

Macht Helfen tatsächlich glücklich? Warum ist das so?

Es sind drei Faktoren verantwortlich für dieses Glücksgefühl: Ich schenke Zeit und durch dieses Geschenk an andere, an die Gesellschaft, erlebe ich Zeit als besonders sinnhaft und mich selber als aktiven Menschen in dieser Welt. Jeder Ehrenamtliche erlebt dieses Gefühl, im kleinen Rahmen bedeutend für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu sein. Zweitens: Man arbeitet in der Regel mit anderen sympathischen Menschen zusammen. Drittens: Man macht etwas und erlebt die Reaktionen derjenigen, die davon profitieren. Man erlebt die entsprechenden glücklichen Gesichter und nimmt sie mit, wenn man weiß, dass man sie mit ermöglicht hat.

Gibt es auch ein Zuviel an Engagement? Wann wird Helfen zur Belastung?

Viele Engagierte haben auch das Gefühl, eine Pflicht zu erledigen, eine Aufgabe, die gemacht werden muss. Einige Ehrenamtliche bleiben deshalb dabei, auch wenn sie keine Freude mehr daran empfinden. Auch wenn man das Gefühl hat, der ganze Rahmen stimmt nicht mehr, kann das zu großer Belastung führen. Andere verpassen es, nach Nachfolgern zu suchen. Das kann zu einem Teufelskreis werden und von dem, was ein Glücksgefühl hervorruft, bleibt nichts mehr. Zudem sind auch Ehrenamtliche vor einem Helfersyndrom nicht gefeit und laufen Gefahr, sich zu stark zu identifizieren. Viele sind ja im Hospizbereich, bei missbrauchten Menschen oder im Flüchtlingsbereich tätig. Wenn es da nicht gelingt, sich freizumachen, kann das schnell zu einer starken seelischen Belastung werden. Die Wissenschaft diskutiert seit längerem über einen Strukturwandel des Ehrenamts.

Was zeichnet das „neue Ehrenamt“ aus?

Das klassische Ehrenamt ist stark milieugebunden: Ein Arbeiter, der sich der Arbeiterbewegung verpflichtet fühlt, geht zum Arbeiter-Samariterbund, Katholiken gehen zur Caritas, Protestanten zur Diakonie. Seit den 1980er Jahren funktioniert diese starke Bindung nicht mehr. Man will vielleicht nur ein halbes Jahr oder Jahr oder nur ein konkretes Projekt mitmachen. Das Pflichtmotiv lässt gleichzeitig nach, der Wunsch, etwas Nützliches zu tun und etwas, das einem Spaß macht, wird stärker. Dabei entsteht ein Problem: Wie finden Ehrenamtsinteressierte, wenn nicht über Milieus, zu den richtigen Aktionsfeldern oder Organisationen, die zu ihnen passen? In dem Rahmen sind die ersten Freiwilligenagenturen entstanden, als Ansprechpartner zwischen dieser neuen Gruppe an Ehrenamtlichen und den Organisationen.

Inwiefern ist bürgerschaftliches Engagement für das Funktionieren unseres Gemeinwesens überhaupt notwendig? Was würde passieren, wenn plötzlich alle Ehrenamtlichen ihr Engagement aufgeben würden?

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Wenn das bürgerschaftliche Engagement wegfiele, würden wir innerhalb kürzester Zeit materiell verarmen, weil vieles dann entweder gar nicht mehr getan werden könnte, da es nicht finanzierbar ist, oder hohe Kosten verursachen würde. Das Katastrophenschutzsystem in Deutschland etwa beruht zu 90 Prozent auf Ehrenamtlichen. Die zweite Ebene sieht man vielleicht nicht so schnell: Engagement bildet Sozialkapital, es stiftet Vertrauen zwischen Menschen. Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, tun Dinge für Menschen, mit denen sie familiär nicht verbunden sind. Dadurch vernetzt sich die Gesellschaft ganz intensiv und zwischen allen Beteiligten entsteht das Vertrauen, dass da Menschen sind, auf die man setzen kann. Für das wirtschaftliche und staatliche Zusammenleben hat das zwei Bedeutungen: Es behindert in erheblicher Weise Korruption und es stellt ein ziviles Miteinander her.

 

Dieser Text erschien zuerst im Noveaux-Magazin.